KĂ€rnten: Urlaub im Land der HEILIGEN BERGE und âKRAFTORTEâ
Griffen â âDieser Ort ist ein Kraftort, egal ob man katholisch ist, einer anderen Religion angehört oder an gar nichts glaubtâ, raunt meine Sitznachbarin wĂ€hrend eines Chor-Konzertes in der ehrwĂŒrdigen romanischen Stiftskirche in Griffen, wĂ€hrend die SĂ€ngerinnen und SĂ€nger aus KĂ€rnten untermalt von den GitarrenklĂ€ngen eines slowenischen Ensembles inbrĂŒnstig das AVE MARIA anstimmen. Peter Handkes Schauplatz zahlreicher ErzĂ€hlungen ist mehr als gut gefĂŒllt. Im Hauptgang zwischen den KirchenbĂ€nken sind zusĂ€tzliche Stuhlreihen aufgestellt. Wer kein Sitzplatz ergattern konnte, steht in den GĂ€ngen und Nischen neben den SeitenaltĂ€ren. In den knapp 750 Jahre alten Mauern findet an einem verregneten Maisonntag mehr als ein Kultur-Event statt. Hier wird etwas gelebt, was in Deutschland schon lĂ€ngst einem linksideologischen Staatskirchen-Katholizismus gewichen ist, den man vielerorts nur noch als âLeerstands-Immobilienverwalterâ bezeichnen kann: Die noch intakte Einheit von Naturverbundenheit, Volksglauben, Kultur, Tradition und gefĂŒhlter wie gelebter SpiritualitĂ€t. UnwillkĂŒrlich stellt man sich die Frage: Ist nicht ganz KĂ€rnten ein Kraftort?
Kraftorte wie Griffen gibt es in KĂ€rnten zuhauf. Die meisten liegen auf markanten Bergen, die in der Regel von einer Kirche gekrönt werden. Zum Beispiel auf dem geheimnisvollen Hemmaberg, im Vorfeld der Karawanken, christliche Keimzelle KĂ€rntens. Wie alle HEILIGEN BERGE des Ăsterreichischen Bundeslandes hat er eine lange vorchristliche Tradition als KultstĂ€tte keltischer Götter, allen voran Noreia und Iovenat. Der Letzt genannte ist eine Art keltischer Jupiter, nach dem auch die Gegend zwischen Klagenfurt und Völkermarkt/Griffen/Bleiburg â das sogenannte âJaunfeldâ - benannt ist. Treffend beschreibt die Klagenfurter Geografin und Historikerin Martina Gansl, dass die keltisch-römische Götterwelt nahtlos in der christlichen Epoche aufgegangen ist. Hemma von Gurk, die Schutzheilige KĂ€rntens hat dabei ebenso wie Maria die Rolle der Noreia angenommen. Die Grundmauern spĂ€trömischer frĂŒhchristlicher GotteshĂ€user â darunter sogar eine Kirche arianischer GlĂ€ubiger auf dem Gipfel des Hemmaberges - erinnern an eine vom Wald umgebene versunkene geheimnisvolle Ruinenstadt. WĂ€hrend der Völkerwanderungszeit bot das befestigte Plateau der umliegenden Bevölkerung Schutz.
Auf der schroffen, zerklĂŒfteten Nordseite des Berges erwartet den Besucher ein weiterer spiritueller Ort: Die gewaltige Rosaliengrotte. Eine natĂŒrliche Kathedrale im Kalkfelsen. Durch ein tiefes Loch in der Höhlendecke fĂ€llt das Tageslicht direkt auf eine kleine hölzerne Kapelle in deren Mitte sich eine mit unzĂ€hligen mitgebrachten Ikonen und Kerzen ausgeschmĂŒckte liegende Skulptur der heiligen Rosalie befindet. Darunter tritt heilbringendes Wasser aus dem Gestein. Berg, Grotte, Quelle, Glaube, Natur. Auf dem Hemmaberg spĂŒrt man den eigenen Herzschlag. Hier entfaltet sich eine Aura, die der bekannte Deutsche Religionswissenschaftler Rudolf Otto als âDas Heiligeâ bezeichnet hat. Niemand kĂ€me hier auf die Idee eine gestiftete Ikone zu entwenden oder gar zu zerstören.   Â
Weitere Kraftorte und HEILIGE BERGE sind der Veitsberg, der Ulrichsberg, der Lorenzberg und der Magdalensberg. Noch heute machen sich am sogenannten Dreinagelfreitag tausende Pilger auf den Weg, um alle vier Berge abzulaufen. Auf der Wallfahrt nördlich von Klagenfurt legen sie 52 Kilometer zurĂŒck und ĂŒberwinden dabei insgesamt 2500 Höhenmeter. Beim zeitgleichen âJauntaler Dreibergelaufâ werden der Lisnaberg, die Wallfahrtskirche Heiligenstadt auf dem Petschnikogel sowie die Heiliggrab Kirche auf einem markanten kleinen Berg bei Bleiburg abgewandert. Immerhin 27 Kilometer.Â
Glaube versetzt im wahrsten Sinne des Wortes Berge, mobilisiert die letzten KrĂ€fte und bringt den Pilger zu Kraftorten, deren Kultur, Religions- und Siedlungsgeschichte stellenweise bis in prĂ€historische Zeiten reicht. Am Magdalensberg wurde unterhalb der Wallfahrtskirche eine keltisch-römische Handelsstadt ausgegraben. Ein weiteres versunkenes Oppidum wird unterhalb des geheimnisvollen Gracarca-Berges am Klopeiner See vermutet. Auch die Berge inmitten der kleinen Seenplatte sind von Kirchen gekrönt. Allen voran die Georgikirche auf dem Georgibergl mit ihrer geheimnisvollen Wunschglocke. Benachbart die Bergkirche St. Daniel.   Â
Eine weitere Ansammlung von Kraftorten mit prĂ€historischer christlicher Tradition findet man im Gebiet zwischen Griffen und LavamĂŒnd. Hier hat sich von den Ufern der Drau ausgehend zwischen den Alpenmassiven Koralpe, Saualpe und Karawanken ein kleines Mittelgebirge hineingezwĂ€ngt, das mit seinen markanten Einzelbergen ein wenig an das Siebengebirge bei Bonn erinnert. Geistliches Zentrum des Gebietes ist St. Paul mit seiner imposanten romanischen Klosterkirche. Von hier aus fĂŒhrt eine kleine StraĂe zu den beiden Bergkirchen St. Johannes und St. Josef. Auch der Josefsberg könnte bereits in vorchristlicher Zeit ein alter KultstĂ€tten-Platz gewesen sein, ebenso wie der benachbarte Felsenkegel der Ruine Rabenstein in deren Umfeld bronze- und eisenzeitliche Besiedelungsspuren nachgewiesen wurden. Von beiden Bergen hat man einen atemberaubenden Blick auf die Koralpe, Saualpe und die Karawanken. Vom Josefsberg schweift der Blick hinab zur Drau, die sich verstĂ€rkt durch die wasserreiche Lavant Canyon artig durch die AuslĂ€ufer der Karawanken und Koralpe nach Slowenien grĂ€bt. Die Berge links und rechts des Flusses bilden gleichsam ein Tor zum Balkan.
Bei diesen Fernblicken, die anders als in den engen Zentralalpen, selbst von einem kleinen Berg aus, eine mehr als 100 Kilometer groĂe Rundumsicht ermöglichen, gerĂ€t der Betrachter ins TrĂ€umen. Wie sieht es hinter dem Horizontgebirgen aus?  Italien und Slowenien liegen in unmittelbarer Nachbarschaft. Kroatien und Ungarn sind gerade mal 150 Kilometer entfernt.  KĂ€rnten ist Grenzland und eigener Mittelpunkt. BodenstĂ€ndigkeit, Gastfreundlichkeit, Offenheit und Heimatverbundenheit prĂ€gen das Land. Die Grenzlage und kultureller Vielfalt haben in der Vergangenheit nicht nur zur Bereicherung, sondern auch zu blutigen Konflikten gefĂŒhrt, die unter der OberflĂ€che bis heute schwelen. Eine einseitige Sichtweise ist unangemessen. In SĂŒdostkĂ€rnten sind viele Ortschilder unter BerĂŒcksichtigung des slowenisch-stĂ€mmigen Bevölkerungsanteils zweisprachig. In Slowenien dagegen sind im Grenzgebiet â etwa in Dravograd â nicht einmal touristische Hinweise am Drau-Radweg zweisprachig. Nicht einmal Englisch. Ob niederlĂ€ndische Radler slowenische Texte lesen können? Â
Eine Landschaft zum WegtrÀumen
KĂ€rntens groĂer Preisgekrönter literarischer Chronist Peter Handke, beschreibt auf seinen StreifzĂŒgen durch das Jaunfeld immer wieder das PhĂ€nomen des sich WegtrĂ€umens auf unnachahmliche Art. Sicherlich haben die einmaligen vielfĂ€ltigen EindrĂŒcke seiner Heimat ihn nicht nur zum literarischen GrenzgĂ€nger und Bewohner der âZwischenrĂ€umeâ, sondern auch zum Landschaftspoeten werden lassen, der Ă€hnlich wie die Romantiker das Genre der Landschaftsbeschreibung mit Seele und Fantasie fĂŒllt. Hand aufs Herz: Könnten die ĂŒber dem blauen Tal-Dunst schwebenden Karawanken, deren Schneebedeckten Gipfel sonnendurchflutet unerreichbar hoch in der Luft hĂ€ngen, nicht auch der Himalaya sein? Die Drau mit ihren von Kirchen, Kapellen und Wegkreuzen gekrönten Höhen ein heiliger Fluss? Die unwegsamen AuwĂ€lder mit ihrem lauten Frosch-Gequake entlang des Drau-Radweges ein Regenwald in SĂŒdamerika? Bieten nicht die auf einem Felsen thronende Burg Hochosterwitz und die Auenlandberge des Jaunfeldes samt Waldumrandeter Seen eine Filmkulisse a la Herr der Ringe?      Â
In kaum einer Region Europas sind so unterschiedliche Landschaften auf kleinsten Raum vereint und wirken dennoch groĂ und weitrĂ€umig. Möge diese Landschaft, die Schriftsteller wie Peter Handke, Ingeborg Bachmann und Christine Lavant, den Maler Werner Berg, und den Musiker Gustav Mahler inspirierten, noch lange erhalten bleiben. Die Gefahr einer Zersiedlung ist jedoch nicht von der Hand zu weisen und drĂ€ngt sich an manchen Orten geradezu auf. Auch die als Umweltmusterprojekt gepriesene Koralpe-Bahn hat deutliche Spuren in der Umgebung hinterlassen, ebenso wie die sehr groĂflĂ€chig in die grĂŒne Wiese gesetzten Einkaufszentren, Gewerbe und Neubaugebiete. In Sachen Landschaftsschutz ist auf jeden Fall noch Luft nach oben. GewöhnungsbedĂŒrftig ist auch das halb in der Luft hĂ€ngende in einen HĂŒgel hineingerammte moderne Museum Liaunig, dass an eine Baustelle, oder halbfertigen StraĂentunnel erinnert. Dass Kunst provozieren soll ist klar; - das machen auf ihre Weise auch die Bilder von Werner Berg - aber soll sie auch die einmalige Landschaftskulisse der Karawanken-Vorberge stören?            Â