Juni und Juli 2026
Wie heißt der Hautarzt neben dem Apothekenparkplatz?
Meine Mutter war immer vergesslich und ist im letzten Jahr noch etwas vergesslicher geworden. Das ist auch für mich ein Problem, weil ich ungeduldig bin und nicht gern Gespräche über "der Ding, weißt doch, der neben dem Ding wohnt" führe und auch nicht gern immer wieder sage "hast du die App schon mal zu- und wieder aufgemacht?"
Die übrige Verwandtschaft ist ebenfalls vergesslich. Beim Familientreffen letzten Sommer habe ich mir notiert, dass wir dieses Jahr ein Quiz produzieren müssen, mit dessen Hilfe man endlich mal Grundwissen zur Verwandtschaft einüben kann. Am Tag vor dem Familientreffen 2026 finde ich diese Notiz in dem Dokument, in dem ich wegen meiner Vergesslichkeit alles aufgeschrieben habe, was man mir im Vorjahr erzählt hat, und kaufe auf dem Weg zum Treffen noch schnell 200 Karteikärtchen.
Das gemeinsam gebastelte Quiz (auf der Vorderseite eine Frage, auf der Rückseite die Antwort) bewährt sich gut und schon bald können alle Großnichten des Veranstalteronkels die Frage "Was war Richards unbeliebtestes Schulfach?" im Chor mit "Altgriechisch!" beantworten. Auch die Erwachsenen sind etwas besser orientiert, und man erfährt überraschende Dinge über alle.
Deshalb bastle ich bald nach dem Familientreffen auch Sachen-Merk-Kärtchen für meine Mutter. Weil sie die aber allein durchblättern müsste, macht es ihr keinen Spaß und sie erklärt sofort, dass sie so einen Blödsinn nicht benutzen wird.
Ich beschwere mich bei einem Freund. Der Freund fragt: Ist sie vielleicht sowieso schon bei WhatsApp oder so? Erst jetzt fällt mir wieder ein, dass die Mutter Telegram sehr viel nutzt und ich 2021 schon einen Telegram-Bot für sie geschrieben habe. Damals noch selbst. Jetzt lege ich den Code Claude vor, lasse ihn mir neu und besser schreiben und zusätzlich eine Quizfragenfunktion mit spaced repetition einbauen. Denn spaced repetition hilft auch bei alten Menschen.
Danach kann der Bot immer noch Fragen zur Bedeutung von Scrabble-Wörtern beantworten. Aber jetzt stellt er außerdem mehrmals täglich eine Multiple-Choice-Frage.
Nach anfänglichem Widerwillen beginnt die Mutter, dem Bot wenigstens ungefähr jede zweite Frage zu beantworten. Knapp drei Wochen später hat sie dadurch (nach Jahren!) endlich die Antwort auf diese Frage gelernt:
Ich hoffe besonders auf weiteren Lernerfolg durch diese Frage:
Egal, wie es weitergeht: Jedenfalls weiß ich durch das Anlegen der Fragen jetzt selbst viele Dinge über die Nachbarschaft, die ich mir vorher jahrzehntelang nicht merken konnte.
Update: Einige Tage später merke ich, dass ich selbst auch so einen Bot brauche, und ich lasse ihn mir so ausbauen, dass mehrere Personen ihn mit unterschiedlichen Fragerepertoires benutzen und befüllen können. Endlich werde ich mir merken, wie groß ein Hektar ist und wie groß ein acre!
(Kathrin Passig)












