Die Deadline wär jetzt dann langsam rum
Meine Chefin und Professorin wurde irgendwann vor einem Jahr gefragt, ob sie für ein Buch ein Kapitel schreiben wolle - und sagte zu. Natürlich. Anfang Dezember meldete sich dann die verantwortliche verlegende Person bei ihr mit den Worten "Also die Deadline wäre jetzt dann langsam rum" und hätte damit andere Menschen wahrscheinlich in Verlegenheit gebracht. Nicht so meine Chefin. Es war über die letzten Monate anderes akut und wichtig und zu erledigen (und zu erleben). Natürlich; man hat genug um die Ohren und verlegt to-dos auf morgen, bis es zu spät ist.
Warum ich das erzähle? Für alle, die Aufgaben auf den letzten Drücker erledigen (und sich deswegen Selbstvorwürfe machen), für die Adrenalin-Junkies, die nur so arbeiten können, für alle perfektionistischen Master-Prokrastinatoren, für alle, die wirklich gerne tun, was sie tun (müssen), aber eben auch gerne schlafen und spazieren und sozial interagieren.
Wenn du nicht gerade GesundheitsministerIn während Pandemiezeiten oder Bundesregierung im Klimawandel bist, wenn nicht Leben und Tod und Gesundheit von Millionen davon abhängen, dass du ablieferst? ist es vollkommen okay, auch mal eine Abgabefrist zu versäumen, deinen Essay oder deine Präsentation oder dein Lehrbuchkapitel statt 5 vor 12 erst um halb 1 einzureichen. Wenn du nicht mutwillig über die Zeit und Energie von anderen verfügst und entscheidest, sondern es deine Energieressourcen sind, die es geballt kurz vor knapp zu mobilisieren gilt, wenn es deine Nerven sind, die die Hochspannung der letzten Sekunde brauchen, um deinen eigenen inneren Widerstand zu überwinden? wenn das nun einmal ist, wie du arbeitest (und niemand darunter zu leiden hat), oder es gerade einfach nicht anders ging? es ist okay.
Ich habe gestern Abend nach dem Radeln durch matschigen Schneeregen nach dem Gespräch mit meinem Therapeuten (durchnässt, nach dem Radeln durch matschigen Schneeregen) nun einmal lieber mit dem Hund gekuschelt als meine Präsentation zu erstellen. Und das ist okay.
Ich kann aus keiner Hand lesen und nur mit einer schreiben, mit zweien tippen, aber: Meine Lebenslinie durchkreuzt andauernd alle meine Deadlines.















