Redemanuskript meiner Abschlussrede, htl donaustadt 2013
Gratulation an die Maturanten und Maturantinnen des Jahres 2012/2013.
Dreizehn Jahre Schule. Eine wirklich lange Zeit, wenn man bedenkt, dass ich erst 18 Jahre alt bin. Drei davon war ich nebenbei als Schulsprecher tätig und darf deshalb den Eindruck dieses gesamten Lebensabschnittes zusammenfassen und für mich mit dieser Rede auch abschließen.
Ich weiß, dass Matura-Reden meist einfach nur darauf abzielen Erlebtes zusammenzufassen und zu unterstreichen was für eine schöne Zeit man nicht hatte und wie sehr man sie nicht vermissen wird. Aber das ist nicht das was ich heue Abend tun möchte. Ich möchte nicht etwas erzählen, das ich nicht wirklich glaube und auch nicht so erlebt habe. Denn die Wahrheit ist, dass Schule den größten Teil der Zeit eigentlich keinen Spaß macht. Natürlich gibt es viele Momente an die man sich gerne erinnert, aber genau bei diesen Erinnerungen vergisst man dabei sehr schnell das Alltägliche, das eindeutig die meiste Zeit dominiert. Es ist dieser Trott in den man hineingesogen wird, ohne dass man sich wehren könnte.
Nehmen wir einen ganz normalen Schultag her. Es beginnt schon in der Früh: Um Punkt sieben Uhr, oder bei manchen sogar noch früher, ertönt dieser unerträgliche Ton des Weckers, der einem mit aller Brutalität sagt, dass man jetzt aufstehen muss, ob man will oder nicht. Auch die Erfindung der Snooze-Taste verschiebt das Problem nicht wirklich, da man am Vortag sowieso einkalkuliert hat, wie oft man sie drücken möchte und somit beginnt die Tortur des Aufstehens eigentlich nur noch früher. Und wir alle wissen, dass Betten die Eigenschaft haben, beim Ertönen des Weckers, am angenehmsten zu sein. Aber sei es wie es ist: Man schält sich also langsam aus dem kuschligen Bett und darf sich dann schlaftrunken diese ganzen zehn Meter durch die halbe Wohnung, bis hin zur Kaffeemaschine kämpfen. Nur um sich dann eine Viertelstunde später im Badezimmer wieder zu finden, um die Verfärbungen, die der Kaffee anrichtet, mit der Zahnbürste zu bekämpfen. Nebenbei wirft man vielleicht noch einen Blick auf die Uhr und bemerkt, dass man eigentlich viel zu spät dran ist, weil man die Snooze-Taste doch ein, zwei Mal zu oft gedrückt hat.
Ich überspringe jetzt ein bisschen, weil es eine wirklich lange Zeremonie ist, aber auf jeden Fall verlässt man das Haus halbwegs pünktlich (oder auch nicht) um dann zu den nächsten öffentlichen Verkehrsmitteln zu gehen. (weil alt genug zum Autofahren ist man den größten Teil als Schüler oder Schülerin noch nicht). Aber auf jeden Fall steht man dann mit zig anderen übermüdeten Menschen an der Busstation und man kann sich sicher sein, dass der Bus den man erwischen wollte schon gefahren ist, oder er fünf Minuten Verspätung hat, wenn man eh schon spät dran ist. Manchmal kommen sie auch gar nicht. Aber wie auch immer. Man kämpft sich also durch den morgendlichen Frühverkehr zur Schule, geht in seine Klasse, begrüßt mit der üblichen Floskel die anwesenden Leute und fragt sich einmal welcher Tag überhaupt ist, beziehungsweise mit welcher Stunde er beginnt. Von Zeit zu zeit beantwortet sich diese Frage auch von selbst, da die Lehrperson schon anwesend ist. In diesem Fall ist es üblich als Dank gleich mal eine Frage bei der Stundenwiederholung zu bekommen, deren Antwort man natürlich vor einer Woche nicht niedergeschrieben hat, weil damals eh alles logisch klang.
„Das brauch ich mir nicht aufschreiben, das merk ich mir auch so.“
Man hat also keine Ahnung was man jetzt darauf antworten soll und kassiert deshalb als Zuckerguss über diesen wunderbaren Morgen ein dickes Minus. Spätestens jetzt ist die Motivation für den restlichen Tag vorüber.
Ich denke, das ist eine Situation die wir alle all zu gut kennen. Vielleicht haben wir sie selbst oder auch einfach nur miterlebt. Aber auf jeden fall passt sie in das Bild, dass wir von Schule haben.
Ich weiß, dass diese kleine Geschichte nicht besonders inspirierend ist und auf den ersten Blick für eine Abschlussrede sehr ungeeignet wirkt. Aber bei näherer Betrachtung beinhaltet auch sie die wesentlichen Punkte unseres Schulsystems. Soweit ich es beurteilen kann, reduziert sich das gesamte Schulsystem auf der wesentliche Punkte:
Das Lernen. Das Vergessen. Das Versagen.
Ich bin der Überzeugung, dass jeder dieser drei Punkte sehr wichtig ist und seinen ganz eigenen Charm hat.
Lernen Ich bin der tiefsten Überzeugung, dass Menschen Spaß beim Lernen haben, wenn man es richtig gestaltet. Schon von Kindheit an beginnt unsere Bildung. Wir erleben, wir entdecken. Am Anfang hat noch jedes Objekt diesen wunderbaren Schleier des Unbekannten und wir sind neugierig, untersuchen alles was uns in die Finger kommt. Schule sollte diese Neugierde unterstützen und uns Tag für Tag neue, faszinierende Sachen zeigen und Zusammenhänge erkennen lassen. Schule sollte andere Sichtweisen und Denkmuster fördern. Kreativität, Motivation, all das, damit wir neue Lösungsstrategien für Probleme entwickeln können.
Die Realität sieht aber leider so aus, dass wir andere Denkmuster eher bestrafen. Jetzt ist es so, dass man bei einer Schularbeit ganz genau die Unterpunkte abarbeiten muss, ohne eigentlich in irgendeiner Weise nachdenken zu müssen, weil schon alles vorgegeben ist. Es gibt ein Schema wie Tests, Schularbeiten und auch die Matura; Das komplette Schulsystem mit ausgezeichnetem Erfolg schaffbar sind. Irgendjemand hat es einmal sehr treffend mit nur einem Wort formuliert: Bulimie-Lernen. Stupides Auswendiglernen und Einprägen von Sachen ins Kurzzeitgedächtnis. Mehr braucht es nicht. Es gibt im Moment keine Denkweisen, die vermittelt werden oder irgendwelche Fähigkeiten wie kritisches Denken. Ich behaupte, dass jeder Computer unser Schulsystem mit Bravur meistern könnte. Und wir sollten uns alle mal vor Augen halten was das heißt.
Es heißt, dass wir bei der Ausbildung junger Menschen noch viel verändern mussen, denn jetzt im Moment funktioniert es - zugegebenermaßen. Aber mit welchen Opfern? Es bringt niemanden irgendetwas wenn ich Zahlen oder Gebirge, auswendig lerne, um sie gleich bei Schreiben des Testes wieder zu vergessen. So sieht heute Lernen in einer Schule aus. Möglichst viel in kurzer Zeit für den Test merken und dann alles wieder vergessen.
Womit wir bei dem zweiten Punkt wären.
Vergessen Information vergisst man, was aber bleibt ist die Art wie man sie sich aneignet. Das Denkmuster, das mir in der Schule beigebracht wurde. Wie ich Dinge sehe und auffasse. Das ist was man sich wirklich mit in die Zukunft nimmt.
Nochetwas: Das was wir wirklich erreichen wollen, vergessen wir manchmal im Alltäglichen.
Ich zum Beispiel habe in der Zeit vor der Matura mein Amt als Schulsprecher nicht mehr wirklich ausüben können. Ja, natürlich habe ich es weiter gegeben und meine Stellvertreter noch unterstützt. Aber für mich hat es geheißen ein Hobby an den Nagel zu hängen, das ich seit drei Jahren mit großer Begeisterung gemacht habe. Und es war der alltägliche Schulstress in dem in weiterer Folge leider vieles, was ich umsetzten wollte, verloren ging.
Es braucht eine irre Kraft und auch einen starken Willen, dass man neben dem Alltäglichen das wirklich Wichtige nicht vergisst. Man muss sich selbst Tag täglich daran erinnern, sonst wird man eines Tages bei seiner Abschlussrede stehen und sagen müssen: Ja, ich habe vieles umgesetzt, aber nicht das was ich alles hätte umsetzten können. Und in gewisser Weise hat man dann zumindest ein Stückweit versagt.
Versagen Im Deutschen ist das leider so ein unschönes Wort. Es muss ja nicht immer ein Totalausfall sein, vielleicht nur etwas das man sich vorgenommen hat.
Aber sogar bei manchem Versagen, hat seinen Charm: Ohne etwas nicht so gut zu können, wissen wir nicht wo unsere Stärken liegen. Und wir sollten uns deshalb auch niemals für einen Fehler schämen. Versagen ist das was uns von Computern unterscheidet. Individuell und nicht alle gleich zu sein.
Es verliert aber dann seinen Charm, wenn ein Schüler oder eine Schülerin eine Klasse wiederholen muss. Denn ich finde auch das Bildungssystem, so demotivierend es leider manchmal sein kann, hat dabei versagt. Das zu ändern wäre sicherlich einer der wichtigsten Aufgaben, denn in einer Gesellschaft zählt jede Person. Wenn wir wollen, dass sich in der Welt etwas ändert, müssen wir zuerst beginnen die Schule zu ändern.
Wir Schüler und Schülerinnen bilden die Gesellschaft von morgen! Wir müssen all die Probleme lösen, die im Moment niemand lösen kann. Und alle die noch dazu kommen. Wenn wir jetzt nichts ändern und so weiter machen wie bisher wird es irgendwann schief gehen. Vielleicht nicht in näherer Zukunft. Aber so weit entfernt wie wir alle denken, sicherlich auch nicht.
Dieses Versagen wäre fatal!
Schule muss die Grundlage für alle Menschen sein, auf der Verständnis für gesellschaftliche Probleme entwickelt werden kann und auf der es in weiterer Folge auch zu gesellschaftlichem Fortschritt kommt. Man sollte auf keinen Fall die prägende Eigenschaft der Institution Schule unterschätzen. Schule braucht Veränderung, weil das die Chance auf Veränderung für die Zukunft bedeutet.
Nochmals: Es braucht Kraft und Willen das neben dem Alltäglichen nicht zu vergessen.
Und die Zeit für Veränderung beginnt genau… Jetzt.
Dankeschön.















