Schüler_innenvertretung. Ein politischer Spielplatz.
Mein Name ist Stefan Libiseller alias „Mister President“ oder auch „ej Schulsprecher“. Ich gehe in den fünften Jahrgang der HTL im Bezirk Donaustadt. Wie meinem genannten Spitznamen zu entnehmen ist, bin ich der derzeitige Schulsprecher und habe dieses Amt auch schon zwei Schuljahre davor von den Schüler_innen der htl donaustadt zugesprochen bekommen.
Am Anfang wollte ich nur Artikel schreiben
Als mein Vorgänger Partick Gyasi in meinem zweiten Jahr an der htl donaustadt eine Schulzeitung gründete, entschloss ich mich mit einem Klassenkollegen bei dieser mitzuarbeiten. Er schickte uns auf eine Schulung der aks Wien (Achse kritischer Schüler_innen Wien) bei der wir Techniken für eine gute Recherche und Artikelzusammenstellung lernten. Durch Zufall traf ich dort meinen besten Freund aus dem Gymnasium wieder, den ich eineinhalb Jahre nicht gesehen hatte und der inzwischen bei der aks Aktivist geworden war.
Um den Kontakt wieder herzustellen und aufgrund des guten Schulzeitungs-Workshops, entschied ich mich zu den wöchentlichen Treffen der aks zu gehen, bei denen jede Woche zwei Jugendliche im Alter von ca. 14 bis 18 Jahren ein anderes politisches Thema vorstellten, das anschließend in einer kleinen Runde von ca. 15 Jugendlichen diskutiert wurde. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass die aks einmal mein ganzes weiteres Leben beeinflussen sollte, denn es waren jene Leute, die mir zum ersten Mal die Augen geöffnet hatten. Es war eine komplett neue Welt, die sich mir eröffnete und sie war so spannend wie keine zuvor. Sie nannte sich Politik.
Linke Gutjugendliche
Eine Gruppe von Jugendlichen, die selbstständig ein Budget verwalten und dabei einen eigenen Raum im ersten Bezirk haben, den man jederzeit im Sinne der aks benutzen konnte, ohne dass je ein Erwachsener gesagt hätte, was sie alles nicht tun dürfen? Dass so etwas existiert, hatte ich nicht für möglich gehalten!
Ich wurde sehr schnell aufgenommen und fühlte mich sehr wohl. Bei den Seminaren und wöchentlichen Treffen lernte ich viel über alternative Bildungssysteme, Anti-Rassismus, Feminismus, Anti-Homophobie und linke Ideologien. Was uns alle verband, war eine Idee. Die Idee, die Schule und das Bildungssystem zu verändern, zu verbessern - und das, obwohl wir alle noch Schüler_innen waren.
Wir wollten die Landesschüler_innenvertretung stellen.
Landesschulsprecher Stefan Libiseller
Die Landesschüler_innenvertretung wird Ende jeden Schuljahres von den aktuellen Schulsprecher_innen gewählt. Im Klartext heißt das, dass es zwei Organisationen gibt, die ein Jahr lang versuchen, die Leute von ihren Inhalten zu überzeugen. Ich war zufällig bei einer der beiden Organisationen gelandet.
Als mein drittes Jahr in der htl donaustadt anbrach war klar, dass ich dieses Jahr als Schulsprecher kandidieren wollte. Schließlich hatte ich den Drang mein Wissen aus der aks umzusetzen. Ich wollte nicht nur meine Schule verbessern, sondern gleich ganz Wien. Denn als ich wirklich Schulsprecher wurde, begannen auch die Vorbereitungen für mich am Ende des Jahres als Spitzenkandidat für die aks bei der Landesschüler_innenvertretungswahl ins Rennen zu gehen. Ein Jahr voller anstrengender Rhetorikkurse, Wahlkampfveranstaltungen und Diskussionstrainings begann. Es war mit Abstand die intensivste und zugleich schönste Zeit, die ich je erlebt hatte. Alles spitzte sich auf den Wahltag zu. Und dann: Nichts.
Wir wurden vernichtend geschlagen. Alle 24 Mandate gingen an die mitte-rechte Macho-Organisation, die nicht mal gute Argumente für ihre Positionen hatte. An diesem Tag wurde mein gesamtes Weltbild von engagierten Jugendlichen, die in der Schüler_innenvertretung hart an einer Verbesserung des Bildungssystems arbeiteten, zerstört. Zum zweiten Mal wurden mir die Augen geöffnet.
Eigentlich hatte ich gewonnen
So leicht gab ich nicht auf. Ich nutzte meine ganzen gelernten Fähigkeiten und schwor mir noch einmal Schulsprecher zu werden und die neue Landesvertretung bei den regelmäßigen, wienweiten Schüler_innenparlamenten - bei denen alle Schulsprecher_innen aus Wien Rede und Stimmrecht haben - in Grund und Boden zu argumentieren und alles daran zu setzen, die Situation im Nachhinein zu verbessern. Ich wollte so trotzdem meine Ideen und Meinungen einfließen zu lassen.
Als stellvertretender Landesvorsitzender der aks und wiedergewählter Schulsprecher startete ich in mein viertes Jahr in der HTL. Ich beschloss die Arbeit direkt an meiner Schule zu forcieren und führte die Schulparlamente ein, die jeder Schülerin und jedem Schüler ermöglichen sollten Verbesserungsvorschläge besser an mich weitergeben und sich auch mit anderen Klassensprecher_innen und Schüler_innen austauschen zu können. Ein weiteres Mal scheiterte ich.
In zwei Jahren habe ich keinen einzigen vernünftigen Vorschlag von 1000 Schüler_innen bekommen.
Für mich stellte sich die Frage nach dem Warum
Ich war komplett ratlos. Wie konnte es sein, dass es einfach allen Schüler_innen egal ist, was an ihrer Schule passiert? Warum nutzen sie nicht die Möglichkeit, die Schule in ihrem Sinne zu verbessern?
Es liegt vermutlich an der allgemeinen Situation. Die grundsätzliche Einstellung der Leute, dass es sie eh nichts angehe. Die Schüler_innen haben keinen Bezug zur Schule. Wie denn auch, wenn Schule von allen nur als lästig und „halt notwendig, um später einen Job zu bekommen“ angesehen wird? Solange Schüler_innen eine gute Ausbildung nicht wertschätzen und ihnen niemand zeigt, was sie von dieser eigentlich haben, wird sich an der Situation nichts ändern! Wer eine gute Schüler_innenvertretung möchte, braucht ein Bildungssystem, das einen Bezug zu jedem Schüler und jeder Schülerin herstellen kann. Denn es darf ihnen nicht egal sein, was und wie sie lernen. Es darf ihnen der Drang auf eine bessere Zukunft nicht fehlen. Und sie müssen bereit sein Arbeit zu investieren und endlich mal anzufangen das zu verändern, was ihnen nicht passt.
Ein Land mit jenem fiktiven Bildungssystem, das die Motivation auf Wissen und Bildung jedes und jeder Einzelnen wecken kann, wird gute Schulsprecher_innen haben. Dieses Land wird eine Zukunft haben, denn in geraumer Zeit könnte es die besten Politiker_innen hervorbringen, die gute Lösungen für Probleme und das so sehr gewünschte Rückgrat hätten.
Dieses Land wäre am besten kein Land, es wäre die Welt.
Zurück zur Realität
Ich bin noch immer nicht mehr als ein einfacher Schulsprecher, der von ein paar Leuten gewählt wurde. Vermutlich auf Grund der schönen Präsentation mit visuellen Effekten und meiner Rethorik, sowie meinen Plakaten, die immer eine Woche vor der Wahl in der ganzen Schule hängen. (Ein kleines Experiment zu Propaganda meinerseits.)
Meinen Nachfolger_innen würde ich empfehlen sich nicht zu leicht unterkriegen zu lassen. Vor allem als ich neu war, traute ich mich noch nicht etwas gegen das Wort der damaligen Direktorin zu sagen. In Wirklichkeit war ihre etwas aggressive Art gegen mich vermutlich ihr Weg um ihre Autorität zu sichern.
Außerdem sollten sich Schulsprecher_innen mit dem Schulunterrichtsgesetz zumindest so gut wie die Schulleitung auskennen. Gegenüber Schüler_innen gilt es stets freundlich zu sein, aber sich nicht zu leicht ausnutzen zu lassen. Schließlich ist man die Vertretung und nicht das Arbeitstier.
Auf unqualifizierte Meldungen von Schüler_innen, die nicht mitbekommen, was man für sie eigentlich alles macht, sollte man stets gefasst sein und sie trotzdem nur im politischen Sinne vertreten.
Ein Spielplatz, der kaum benutzt wird
Ich glaube eine der schönsten Erkenntnisse, die ich als Schulsprecher hatte, war, dass man eigentlich nichts falsch machen kann. Auch wenn man einmal aussetzt, keine Zeit oder Lust hat, geht der Schulalltag für alle weiter. Eine Schulsprecherin oder ein Schulsprecher bekommt nur die Möglichkeit etwas zu verbessern, Ideen und Vorschläge einzubringen und das alles in einem geschützten Umfeld, denn im Prinzip darf man nichts. Die Schüler_innenvertretung ist ein großer Spielplatz auf dem man in einem gewissen Rahmen alles ausprobieren darf, was man möchte. Eine Welt voller Möglichkeiten und neuer Erfahrungen, Erfolgen und Misserfolgen. Am meisten bringt jedoch für all jene, die Jahre auf diesem Spielplatz verbracht haben und schon wissen, dass es weh tut, wenn man von der Rutsche springt. Allen anderen wird dieses Wissen fehlen, wenn sie in ihrem späteren Leben einmal etwas Politisches machen möchten, denn Politik ist hoch komplex und sicherlich kein triviales Thema. Genau deswegen sollte man die Chance als Schüler oder Schülerin nutzen, die Schule als Schulsprecher_in zu verbessern und so etwas Nützliches für die Allgemeinheit, aber auch für das spätere Leben zu machen, denn mich hat die Schule am wenigsten im Unterricht gebildet.