Dies ist mein Abschlussbericht, den ich für meine Freiwilligendienstorganisation verfasst habe.
Am Dienstagabend in weniger als vier Wochen fliege ich aus Ghana zurück nach Deutschland, womit mein Freiwilligendienst endet. Freiwilligendienst ist ein interessantes Wort. Was genau ist eigentlich der Dienst, den ich freiwillig geleistet habe?
Vordergründig ist das natürlich erst einmal die freiwillige Arbeit, die ich in meinem Projekt Echoing Hills Village Ghana geleistet habe. In meinem Halbjahresbericht habe ich die Arbeit in diesem Heim für Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderung und für Waisen ausführlich beschrieben. An meinem normalen Arbeitsablauf hat sich in der zweiten Hälfte nichts Wesentliches geändert. Für die letzten Monate waren meine einzigen Mitfreiwilligen Sam und Flo und es ist ein weiterer ghanaischer Pfleger ins Projekt gekommen, Christian.
Um die Halbzeit hatte ich einen starken Durchhänger in Sachen Motivation. Obwohl ich die Kinder nach wie vor sehr gerne mochte, war ich unzufrieden mit dem was ich tat. Ich hatte das Gefühl, dass ich faul sei und nichts erreichen würde. Dieses Gefühl hielt noch eine ganze Weile während der zweiten Hälfte an, legte sich dann aber nach und nach.
Jetzt habe ich das Gefühl, dass dieses Motivationstief ein Mentalitätskonflikt war, der in mir herrschte. Ich versuchte meine Arbeit in Echoing Hills mit irgendwelchen greifbaren Symbolen zu beschreiben, um auszudrücken, was ich tat.
Jedoch war das nur schwer möglich, da meine Arbeit wesentlich darauf beruhte, die Bewohner kennenzulernen, mit ihnen zu leben und eine freundschaftliche Beziehung zu ihnen aufzubauen. Das alles sind Bestandteile, die sich schwer mit „Meilensteinen“ beschreiben lassen. Erst als ich diesen Wunsch nach greifbaren Symbolen ablegte und die Dinge spontaner auf mich zukommen ließ, füllte sich das Motivationsloch.
Ein weiteres Problem, dass ich zu der Zeit hatte, war, dass mir die Arbeit wenig abwechslungsreich vorkam.
Auch wenn der Tagesablauf für den Rest des Jahres grundsätzlich der selbe blieb, fand ich doch einige Aktivitäten, die mir Abwechslung verschafften. Ich fand einige englische Kinderbücher, wie z.B. Dr. Seuss-Bände, die einfach an das selber lesen heranführten und animierte die Kinder dazu, selber zu lesen. Selbst die Kinder, die in die Schule gehen, haben häufig Probleme, Wörter zu lesen, die sie zwar schon verbal verwenden, aber noch nie gelesen haben. Ich habe das Gefühl, dass ihre Schule mehr Wert darauflegt, den Kindern buchstabieren beizubringen, als darauf, unbekannte Wörter zu lesen.
Ab und zu machten wir nachmittags Spaziergänge durch die Nachbarschaft mit den Bewohnern. Dabei amüsierte mich immer, dass ganz viele Leute aus der Umgebung Okoe, einen der Bewohner kannten. Wenn wir durch die Straßen liefen, schauten die Mechaniker, Handwerker, Bäcker oder Verkäufer von ihrer Arbeit auf und riefen: „Okoe, how are you?“
Okoe ist mit 48 Jahren einer der ältesten Bewohner von Echoing Hills. Als er jünger war, war die Umgebung noch weniger ausgebaut und es gab weniger Verkehr, sodass Okoe häufig alleine Spaziergänge in der Nachbarschaft machte. Anscheinend haben ihn immer noch viele Leute in Erinnerung behalten.
Am Wochenende machten wir manchmal Ausflüge mit einigen der Bewohner. Wir gingen an den Strand oder ins Kino. Mich freute es immer sehr zu sehen, wie gut das den Kindern gefiel und wie dankbar sie für solche Ausflüge waren. Natürlich mussten wir immer sehr vorsichtig sein, da die meisten Bewohner wie allgemein viele Menschen in Ghana nicht schwimmen konnten.
Ich erinnere mich noch gut an Amis ersten Ausflug an den Strand. Auf der Fahrt dahin erzählte sie, dass sie ganz sicher keine Angst vor dem Wasser haben werde. Als wir dann über eine Hügelkuppe gingen und auf einmal den Ozean waren, blieb aber ihr Mund offen stehen und sie machte erstmal einen Schritt zurück. Schon nach wenigen Minuten überwand sie aber ihre Angst und ging ins Wasser, was ihr sichtlich viel Spaß machte.
Häufig lieh ich nachmittags Joanita meinen Computer und half ihr, auf Facebook zu gehen. Joanita sitzt im Rollstuhl und kann weder selbst essen noch ihrer Körperpflege nachgehen und kann auch nicht sprechen. Sie ist jedoch geistig gar nicht oder nur sehr wenig eingeschränkt und sie kann mittels Kopfschütteln und Kopfnicken Fragen beantworten. Die Freiwilligen, die vor mir in Echoing Hills waren, haben ihr einen Facebook-Account eingerichtet, womit Joanita mit ehemaligen Freiwilligen, Freunden und Familie in Kontakt bleibt. Es ist ihr sogar wichtig, Menschen zu schreiben, die sie schon seit Jahren nicht gesehen hat. Manchmal schrieb sie selbst, indem sie mit einem Stift im Mund die Tastatur bediente, manchmal versuchte ich durch Fragen herauszufinden, was sie schreiben möchte und tippte für sie.
Neben der Arbeit, die man verrichtet, leistet man während dem Freiwilligendienst jedoch noch einen anderen Dienst, nämlich den interkulturellen Austausch. Während meine eigentliche Arbeit voraussichtlich kaum nachhaltige Effekte haben wird, erwarte ich, dass die Effekte des interkulturellen Austauschs noch lange anhalten werden.
Insbesondere am Anfang dieses Freiwilligendienstes war ich erstaunt darüber, wie stark negative Aspekte des Lebens in Afrika in Deutschland überspitzt werden.
Während Malaria in Deutschland von vielen Menschen als äußerst gefährliche Krankheit angesehen wird, nehmen die meisten Ghanaer Malaria zwar ernst, aber sind auch gewiss, dass sie sich mit rechtzeitiger Behandlung innerhalb von einem Tag nach dem Fieberbeginn schon deutlich besser fühlen werden und nach zwei oder drei Tagen schon wieder arbeiten können. Vermutlich hatte ich auch einmal Malaria, ich bin jedoch nicht einmal ins Krankenhaus gegangen. Als ich an einem Abend vierzig Grad Fieber hatte, redete ich einfach mit der Frau des Pastors in Echoing Hills, die Krankenschwester ist. Sie meinte, nachdem ich ihr meine Symptome beschrieb, dass es Malaria sein könnte und ich einfach ein Malariamedikament nehmen sollte, das sie mir gab. Damit konnte ich schon drei Tage später wieder arbeiten.
Mit den anderen Lebensumständen hatte ich schon anfangs nie Probleme. Es hat mich nie gestört, dass ab und zu der Strom ausfällt und ich dann in der Trockenzeit schwer einschlafen kann, weil der Ventilator nicht läuft oder ich gerade nicht ins Internet kann, weil der Laptopakku leer ist.
Auch dass in meinem Projekt manchmal das Geld knapp ist, um alle Wassertanks auf einmal aufzufüllen und wir dann nur noch zwei oder drei Mal am Tag die Toilette spülen, weil man dafür Wassereimer von draußen hereinbringen muss, hat mich eigentlich auch nie besonders gekümmert.
Die stets kalten Duschen mit kleinen Eimern statt mit einer Brause fand ich eigentlich immer eher erfrischend als zu kalt.
Auf den meisten Trotro-Statíonen liegt viel Müll auf dem Boden. Klar, das ist irgendwie unschön, aber es hat mich noch nie davon abgehalten Trotro zu fahren.
Im Trotro ist es manchmal eng und wenn es Stau gibt, dann gibt es kaum noch Fahrtwind, wodurch es auch heiß werden kann, aber da ich gern herumreiste, nahm ich das immer ohne Weiteres in Kauf. Nur bei Fahrten über fünfeinhalb Stunden Fahrtzeit entschied ich mich meist für einen der größeren Busse mit Klimaanlage.
Ironischerweise fiel bei einer sechsstündigen Fahrt mit einem der großen Busse einmal die Klimaanlage aus, wodurch es trotz der geräumigen Sitze sehr unbequem wurde, weil sich im Gegensatz zum Trotro in diesem modernen Bus keine Fenster öffnen ließen und es deshalb stickig und heiß wurde.
Ich möchte mit diesen Beispielen ausdrücken, dass ich der Meinung bin, dass man, wenn man zum ersten Mal nach Ghana reist und zuvor noch nie in Westafrika war, durchaus vorbereitet sein sollte, dass die Lebensbedingungen ungewohnt sein können. Dies sollten einen aber meines Erachtens auf keinen Fall davon abhalten, nach Ghana zu kommen.
Angst vor dem Land Ghana ist meiner Meinung nach unbegründet, da die Bedrohungen, von denen man in Deutschland hört, bewältigbar sind: Ich habe mit gesundem Menschenverstand aber ohne übertriebene Vorsicht Kriminalität vollständig umgangen und bin trotzdem manchmal die ganze Nacht in der Stadt geblieben. Malaria lässt sich meist vermeiden und wenn man sich doch ansteckt, kann der Störfaktor auf ein Minimum reduziert werden, wenn innerhalb eines Tages Medikamente einnimmt, die es in den allermeisten Apotheken gibt. Und davor, dass man sich in der ungewohnten Umgebung nicht zurechtfindet oder das Transportsystem nicht versteht, muss man sich auch nicht fürchten, da die meisten Ghanaer in dieser Hinsicht hilfsbereit sind. Allerdings empfiehlt es sich, mehrere Ghanaer nach der Richtung zu fragen, wenn man sich nicht auskennt, da manche einem eine zufällige Richtung sagen, wenn sie es selber nicht wissen oder einen nicht genau verstehen. Ich denke nicht, dass sie das aus Bösartigkeit tun, sondern eher, weil sie einem trotzdem helfen möchten und es ihnen vielleicht peinlich ist, dass sie einem nicht die Richtung sagen können.
Neben den unterschiedlichen Vorurteilen über Gefahren in Afrika ist mir in diesem Jahr noch ein weiteres Vorurteil richtig vor Augen geführt worden, dass meines Erachtens großen Schaden in Ghana und vermutlich auch vielen anderen afrikanischen Ländern anrichtet, obwohl es im ersten Moment fast harmlos klingt: Viele Deutsche sind der Meinung, dass Afrika so sehr an Armut leidet, dass man dem Kontinent mit materieller Hilfe zur Seite stehen muss. Deshalb werden Güter und Geld an viele Länder auf dem afrikanischen Kontinent gespendet, wodurch eine große Abhängigkeit hergestellt wird.
Bei Geldspenden müsste meines Erachtens sehr genau kontrolliert werden, wohin das Geld geht und wie viel Geld fließt. Ich finde, dass diese großen, anonymen Geldströme deutlich mehr Korruption verursachen können als marktwirtschaftliche Geschäfte, da auf dem Weg zum geplanten Empfänger häufig zu viele Instanzen sind, die sich mit irgendeinem Vorwand einen Teil abzweigen können, während in einem gewinnorientierten Wirtschaftsthema es meist eine genaue Kontrolle des Geldverbleibs gibt. Durch diese Aufteilung der SPenden wird zum Einen der geplante Empfänger um einen Teil der Spende beraubt. Wenn es sich hierbei um Kinder handelt, werden die häufig nur unzureichend informiert, wie genau und woher Spenden an sie gelangen, weshalb die Kinder die Korruption meist gar nicht bemerken. Zum Anderen werden die Zwischeninstanzen teilweise zur Faulheit erzogen, da sie sich ohne eine strikte Kontrolle auf die Spenden verlassen können, statt selbst arbeiten zu müssen.
Auch Sachspenden und gebrauchte Güter können wirtschaftlichen Schaden anrichten. Es fällt mir auf, dass viele gebrauchte Gegenstände aus Deutschland in Ghana weiterverwendet werden. Trotros tragen häufig die Namen und Adressen deutscher Handwerker, da sie ehemalige Lieferwagen sind. Auf dem Markt findet man gebrauchte Kühlschränke und und andere Elektrogeräte, die dort verkauft werden. Schrott, der dann nicht mehr zu verwenden ist, landet in Werkstätten, die Geräte ausschlachten, oder am Ende in den Slums.
Am Stärksten fällt mir aber die Problematik der Sachspenden beim Thema Kleidung auf: Auf dem Markt kann man Kleiderspenden kaufen, die eindeutig unter anderem aus Deutschland stammen. Menschen tragen nicht nur Original-Marken-T-Shirts, die neu gekauft weit über ihrem Budget lägen, sondern auch T-Shirts von Festivals und sogar alte Abiturshirts.
Durch solche Sachspenden und günstige Gebrauchtwaren werden die ghanaischen Unternehmen, die in den jeweiligen Sektoren arbeiten, stark in die Ecke gedrängt, da beim Kauf gespendeter Güter der Preis natürlich beliebig tief gesenkt werden kann. Sicherlich gibt es auf jedem Markt Schneider, die zu wirklich akzeptablen Preisen maßgeschneiderte ghanaische Kleidung verkaufen, aber deren Preise liegen dennoch deutlich über den „Kleiderspenden“-Preisen.
Mein Ansichten zum Thema Spenden mögen auf manche übertrieben und vorlaut wirken und sicherlich habe ich in den vorhergehenden Absätzen teilweise verallgemeinert und manche Gedankengänge nicht von Anfang bis Ende vollständig durchdacht. Mein wesentliches Interesse ist jedoch nicht, eine vollständige Beschreibung der Situation zu erstellen, sondern lediglich aufzuzeigen, dass Spenden für die Empfängerseite keinesfalls nur positiv sind und eine zu optimistische Einstellung zum Thema Spenden großen wirtschaftlichen Schaden anrichten kann.
Während ich in diesem Austauschjahr viel über Deutschland und Ghana gelernt habe und dies mich und meine Ansichten sicherlich verändert hat, habe ich das Gefühl, dass mein nachhaltiger Effekt in Ghana nur sehr klein war. Ich habe jedoch auch nichts anderes erwartet, weil es bei meiner Veränderung nur um die Veränderung einer Person durch ein ganzes Land ging, während es in Ghanas Fall um die Veränderung eines ganzen Landes durch nur eine Person ging, was ja praktisch unmöglich ist.
Eine Sache, die mir stets negativ auffiel, war Schlagen als Bestrafung oder Disziplinarmaßnahme. Die hier üblichen dünnen, elastischen Stöcke werden sowohl in Schulen und sozialen Einrichtungen als auch manchmal von der Polizei eingesetzt. Mehr als die Tatsache, dass geschlagen wird, irritierte mich aber die Einstellung der Menschen zu dem Thema. Lehrer scheinen häufig eher willkürlich und impulsiv zu schlagen, statt als Strafe, die aus einem klar definierten Regelbruch resultiert.
In unserem Projekt ist mir aufgefallen, dass die anderen Bewohner meist eher amüsiert sind, wenn jemand geschlagen oder anderweitig bestraft – z.B. für einige Zeit eingesperrt – wird. In meinem Gymnasium in Deutschland war es dagegen meist so, dass die Klasse fast immer zusammenhielt, wenn ein Mitschüler irgendwie bestraft wurde.
Außerdem kommt mir der Effekt der Bestrafung durch Schlagen klein vor, da viele sich langfristig an den Schmerz gewöhnen und die Strafe wissentlich in Kauf nehmen, oder aber schon kurz nach der Bestrafung durch ihre Wut auf die Autoritätsperson stur werden und die Regeln daraufhin nochmal brechen, um sich zu „rächen“.
Trotz der negativen Erfahrungen, die sie mit Schlagen in ihrer Kindheit gemacht haben, sehen viele Jugendliche und Erwachsene diese Art der Bestrafung positiv an, da sie ihrer Meinung nach zwar kurzfristig Schmerz hervorruft, aber die Person langfristig erzieht.
Als Flo, Sam und ich Augustus, den Besitzer einer Bar, in die wir häufig gingen, auf das Thema ansprachen, meinte er, dass er in dem Internat, auf das er ging, häufig geschlagen wurde, aber dass er jetzt dafür dankbar ist, da er jetzt diszipliniert und fleißig ist und selbst am Wochenende stets früh aufsteht um produktiv zu sein, egal wie lange er in der Nacht zuvor in seiner Bar gearbeitet hat.
Sprich: Bevor das Schlagen als Bestrafung aus dem ghanaischen Alltag verschwindet, muss zuerst ein allgemeiner Mentalitätswandel stattfinden. Ich finde aber, dass man den nicht von außen erzwingen kann, sondern dass das von innen heraus geschehen muss, damit der Wandel nachhaltig ist. Das Einzige was ich machen konnte, war, mich so zu verhalten, wie ich es für richtig erachte und zu hoffen, dass einige Menschen ihre Einstellung zu dieser Art der Strafe überdenken.
Als ich den Halbjahresbericht schrieb, fiel mir auch auf, wie viel Müll in Ghana auf den Boden und in die Abwasserkanäle geworfen wird und wie viele Abfälle einfach zwischen den Häusern verbrannt werden. Inzwischen ist mir jedoch klar geworden, dass das eher nicht an der Mentalität liegt. Ich denke, dass viele Ghanaer sich durchaus bewusst sind, dass sie damit zur Verschmutzung von Stadt und Umwelt beitragen. Sie müssen es jedoch trotzdem machen, da es in den größten Teilen der Stadt überhaupt keine Mülleimer gibt und die Müllabfuhr auch nur kleine Teile der Stadt befährt.
Obwohl man überall auf dem Markt Leute sieht, die Müll auf den Boden werfen, wurden meine Mitfreiwilligen und ich manchmal getadelt, wenn wir es solchen Leuten mangels Mülleimern nachtaten. Wenn man die Menschen dann aber fragte, was man denn stattdessen machen sollte, wussten die meist auch keine Antwort. Das Bewusstsein, dass durch Müll die Umgebung verschmutzt und die Lebensqualität verschlechtert wird, scheint es zu geben, aber es fehlt vielerorts eine Alternative zur Müllverbrennung und der Entsorgung auf der Straße.
Was mich als weißen Menschen wahrscheinlich am Meisten betraf, war das Verhalten der Ghanaer gegenüber Weißen. Selbstverständlich weiß ich von vielen Menschen nicht, was sie über Weiße denken, aber das war mir aufgefallen ist, möchte ich doch wiedergeben.
Wenn ich draußen herumlaufe, höre ich stets einige Leute, die „Obruni“ („Weiße/r“) rufen. Manchmal wir das dann gefolgt von einem „Give me one Cedi.“ oder „Take me to America.“ Daran sieht man ein Klischee, dass einige Menschen hier verinnerlicht haben: Weiße haben Geld und in den Ländern aus denen sie kommen, kann man mit Leichtigkeit Geld verdienen. Sicherlich ist das Durchschnittseinkommen von Weißen höher als das von Ghanaern, aber einige Menschen scheinen sich nicht bewusst zu sein, dass auch das Geld von Weißen beschränkt ist und in den Ländern, in denen Weiße wohnen, nicht nur die Löhne, sondern auch die Preise höher sind, sodass das größere Einkommen viele Weiße nur in Ghana reich aussehen lässt.
Einige Ghanaer nehmen auch an, dass Weiße empfindlicher als Schwarze sind und weniger fähig sind, körperliche Arbeit zu verrichten. Ich vermute, dass das eine Verallgemeinerung der Tatsache ist, dass weiße Haut sonnenempfindlicher ist als schwarze.
Einmal ging ich mit Christian, einem Pfleger in Echoing Hills in die Kirche. Da viele ghanaische Gottesdienste ziemlich laut sind, nahm ich Ohrenstöpsel mit, weil meine Ohren recht empfindlich gegen Lärm sind.
Als ich das Christian erzählte, meinte er: „You white people always protect yourself.“
Ich habe in diesem Jahr noch einige weitere Vorurteile über Weiße gehört, einige davon merkwürdig und unverständlich, aber die, die ich gerade genannt habe, sind die größten.
Ich habe stets versucht, den Menschen in Ghana zu zeigen, dass der Unterschied zwischen Weißen und Schwarzen lediglich in der Hautfarbe besteht und das alles andere nur kulturell bedingt ist. Ich habe meine Wäsche mit meinen eigenen Händen gewaschen (obwohl die davon am Anfang immer wund wurden, weil ich noch keine Hornhaut an den Knöcheln hatte), habe alles ghanaische Essen, das ich gerne mochte, häufig gegessen, habe kurze Strecken meist zu Fuß zurückgelegt und habe mir normalerweise nichts abnehmen lassen, wenn ich etwas Schweres trug. Hinsichtlich des Geldes habe ich häufig versucht, zu zeigen, dass auch Weiße keine unbegrenzten Mengen an Geld haben, indem ich, wenn mir etwas zu teuer war, dass auch artikulierte. Ich nahm, wenn möglich, eher den Trotro als ein Taxi und wenn ich doch einmal Taxi fuhr, versuchte ich stets, den Preis so weit herunterzuhandeln, wie es ein Ghanaer tun würde.
Wenn mich Leute fragten, ob ich sie mit nach Deutschland nehmen könnte, fragte ich sie häufig nach dem Grund. Meist kam nach einer kurzen Unterhaltung dann die Antwort, dass Ghana schlecht sei. Daraufhin versuchte ich stets zu erklären, dass auch in Deutschland wie überall auf der Welt auch nicht alles perfekt sei und ich der Meinung bin, dass Ghana durchaus auf dem richtigen Weg ist. Ich sagte das nicht, weil ich so konservativ bin, dass ich keine Ghanaer in Deutschland sehen möchte, sondern weil ich glaube, dass es der Entwicklung Ghanas nicht zuträglich ist, wenn viele Bewohner eine derart negative Grundeinstellung haben. Ich habe trotz allen negativen Aspekten das Gefühl, dass Ghana sich in die richtige Richtung entwickelt.
Einige Ghanaer scheinen zum Beispiel der Auffassung zu sein, dass ghanaische Produkte weniger Qualität haben, als ausländische. Ich war stets enttäuscht, wenn der einzige tropische Fruchtsaft in einer Bar der Don Simon-Saft aus Spanien war. In weniger Bars fand man den Frutelli-Saft, der in Accra hergestellt wird, oder den noch besseren frisch gepressten Blue Skies aus Nsawam bei Accra. Bei vielen anderen Produkten bemerkte ich, dass sich die ausländischen Produkte meist besser verkaufen.
Aber bei den meisten negativen Dingen, die ich in Ghana gesehen habe, ist eben ein Mentalitätswandel nötig, um diese zu verbessern. Einen solchen Wandel kann und darf ich als Ausländer nicht erzwingen, der muss aus dem Land selbst kommen. Ich kann lediglich hoffen, dass meine Anwesenheit und mein Auftreten bei manchen Menschen einen Eindruck gemacht haben und Andere – metaphorisch gesprochen – diese Senfkörner vielleicht keimen lassen.
Ghana hat mich mehr verändert, als ich es verändert habe, aber ich bin dankbar für alle Erfahrungen, die ich hier gemacht habe.
Ich bin in diesem Jahr geduldiger geworden, weil es bei Kommunikationsproblemen mit den Menschen hier und bei den Staus auf den Straßen notwendig ist. Ich bin selbstbewusster geworden, weil ich mich ungewohnten und neuen Situationen stellen musste und dabei doch ich selbst bleiben wollte. Ich habe gelernt, die Meinungen anderer über mich mit großer Apathie zu behandeln, solange ich meine Handlungen mit meinem eigenen Gewissen vereinbaren kann. Ich habe das Gefühl, dass Ghanaer sich gegenseitig weniger nach dem Aussehen bewerten als Deutsche, was mir half, das zu lernen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass politische Korrektheit in Worten weitaus weniger wichtig ist, als gerecht und tolerant zu handeln, weil Handlungen schwerer wiegen.
Obwohl es in diesem Jahr einige Durststrecken gab, kann ich doch insgesamt auf ein großartiges und lehrreiches Jahr zurückblicken. Ich würde keinen Tag früher zurückfliegen, allein schon weil die Zahl 365 so schön ist und aus vielen anderen wichtigeren Gründen, die ich bereits genannt habe oder nicht artikulieren kann.