Ein bisschen verfrüht habe ich vor einigen Wochen eine E-Mail vom ICJA mit der Bitte um einen Halbjahresbericht bekommen, den ich dann am letzten Freitag fertiggestellt habe. Ich dachte, dass der vielleicht in meinem Blog ganz interessant sein könnte. Da ich aber auch ein paar negative Anmerkungen mache, obwohl mein Projekt im Großen und Ganzen großartig finde und ich vermeiden möchte, dass diese eventuell übertrieben aufgefasst werden, habe ich einige Namen durch zufällige Buchstaben ersetzt. Der Bericht ist deutlich länger als vom ICJA angefordert und fühlt sich trotzdem längst nicht vollständig an, aber er ist ein schöner Einblick.
Viertel nach sechs. Mein neuer Mitbewohner Flo, dem mein anderer Mitbewohner Sam den Spitznamen Gentle Giant verliehen hat, weckt mich auf und fragt mich, ob ich ihm Kleingeld für die Trotrofahrt zu der Schule, in der er arbeitet, leihen kann, da man sich, wenn man die etwa 70 Pesewas Fahrtpreis mit einem Zwanzig-Cedi-Schein bezahlt, schon wie ein reicher weißer Tourist vorkommt und ziemlich schräg angeschaut wird. Also schlüpfe ich unter meinem Moskitonetz hervor und gebe ihm einen gelben Zwei-Cedi-Schein.
Ich lege mich wieder hin und will mich noch für ein paar Minuten entspannen. Wenig später kommt Samiala ins Zimmer und fragt mich, ob ich ihm bei seinen Hausaufgaben helfen könnte, die er für den heutigen Schultag braucht. Wieso hat er die nicht gestern gemacht?
Naja, dann stehe ich also endgültig auf und helfe ihm. Etwas, das mir schon vor einiger Zeit aufgefallen ist, sticht mir wieder ins Auge: Viele ghanaische Kinder können zwar hervorragend buchstabieren, aber wenn sie ein vom Hören bekanntes Wort zum ersten Mal geschrieben sehen, haben sie sehr große Schwierigkeiten, das Wort abzulesen. Ich frage mich, ob ich daran etwas ändern kann, bisher haben meine Versuche nicht gefruchtet. Dennoch bin ich sehr froh, dass Samiala jetzt mit vierzehn Jahren endlich erstmals in die Schule geht. Bei manchen Waisen verzögert sich der Schulbeginn aus verschiedenen denkbaren Gründen eben.
Als wir fertig sind, ziehe ich mich an und gehe in das Gebäude für die Frauen, um mit dem Frühstück zu helfen, aber vielleicht sollte ich davor erst einmal erklären, wo ich bin und was ich hier mache.
Seit Anfang September mache ich mit dem ICJA Freiwilligenaustausch weltweit e.V. einen ein Jahr dauernden Freiwilligendienst in Ghana. Ich arbeite hier für die Organisation Handi Vangelism Ministries in einem Projekt namens Echoing Hills Village. Dieses Heim für Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen liegt am Stadtrand der ghanaischen Hauptstadt Accra nahe dem Madina Market. Es ist ein recht großes, weitläufiges Gelände mit zwei Schlafgebäuden für die männlichen und weiblichen Bewohner, einer Küche, in der für die Bewohner gekocht wird, einem offenen Pavillon (die Summer Hut), in dem manche Aktivitäten stattfinden und einer Halle, die als Kirche verwendet wird, neben der einige der Freiwilligen sowie von Zeit zu Zeit auch Besucher wohnen. Ich wohne direkt im Projekt, was ich sehr schätze, weil ich dadurch eine sehr persönliche Beziehung zu den Bewohnern von Echoing Hills aufbauen kann.
Ich arbeite vor allen Dingen mit den geistig behinderten Bewohnern sowie einigen Kindern, die hier leben. Außerdem wohnen hier aber noch einige Taubstumme und Blinde.
Es gibt hier momentan recht viele andere Freiwillige, allerdings die meisten nur für eine kürzere Zeitspanne. Ich teile mir mein Zimmer mit Sam aus den USA und Flo aus Österreich. Mit Sam bin ich hier seit September und auch Flo kenne ich schon genauso lange, allerdings hat Flo erst vor kurzem in dieses Projekt gewechselt und arbeitet auch nicht die ganze Zeit hier. Dann gibt es noch Christian aus Dänemark, Johan aus Schweden, Barbara aus Österreich sowie Prince aus Ghana, der allerdings nicht hier wohnt und auch nicht über den ICYE an die Stelle gekommen ist.
Direkt zusammen arbeite ich hier noch mit Naomi und Joseph, die hier angestellt sind und sich viel um die Tagespflege kümmern. Meine „Chefs“ sind A., deren Position man vielleicht am ehesten mit Aufseherin beschreiben kann und B., der der Direktor von Echoing Hills ist.
Nicht immer ist morgens schon so viel los, allerdings kommt es doch ab und zu vor, dass Kinder morgens hereinkommen und mich nach ihren Medikamenten fragen, wenn sie krank waren, mich um Hilfe bei den Hausaufgaben bitten oder mir vorschlagen, ich solle Telefonguthaben für sie kaufen.
Auf jeden Fall stehe ich aber dann kurz vor sieben auf und gehe in das Gebäude, wo die Mädchen und Frauen wohnen, in dem der Raum ist, wo alle Bewohner essen. Dort helfe ich dann mit, den Bewohnern das Frühstück zu bringen. Zum Frühstück gibt es meistens Weißbrot mit Tee oder einem ghanaischen Porridge. Manchmal füttere ich Joanita, die nicht alleine essen kann. Sie sitzt im Rollstuhl und kann nicht sprechen, weshalb ich anfangs falsch schloss, sie sei nicht so intelligent, was aber falsch ist: Sie kann mit einem Stift im Mund Addition und Subtraktion aufschreiben und versteht vier Sprachen: Englisch, Ga, Twi und die ghanaische Gebärdensprache. Wenn man mit ihr redet muss man eben jede Frage in eine Ja-Nein-Frage umwandeln, damit sie sie mit Kopfnicken oder Kopfschütteln beantworten kann.
Am Anfang des Freiwilligendienstes habe ich noch nicht beim Frühstück mitgeholfen; ich habe allerdings dann angefangen, als ich herausfand, dass das von Barbara erwartet wird. Das liegt daran, dass Joanita als Einzige nicht fähig ist, sich morgens zu waschen, weshalb Barbara schon früh aufstehen muss. Da sie dann schon wach ist, hilft sie dann mit dem Frühstück.
Auch wenn ich das Gefühl habe, dass die Gleichberechtigung von Frauen und Männern auf einem guten Weg ist, nehme ich doch wahr, dass es einige Geschlechterrollen gibt, die relativ festgefahren sind. Während ich das Tablett mit den Tellern für die Bewohner auf meinen Kopf hebe, sagt die Köchin in Echoing Hills manchmal, dass das eigentlich die Mädchen machen sollten. Oder die Berufe, die ich auf der Straße sehe: Das meiste Essen auf der Straße wird von Frauen verkauft, wohingegen Taxis und Trotros vor allem von Männern gefahren werden.
Nach dem Frühstück gehe ich dann selbst in die Küche und hole mir etwas zum Essen; manchmal habe ich sogar noch eine paar Minuten Zeit etwas zu lesen, bevor es um acht Uhr mit der Devotion weitergeht: Das ist eine kleine Morgenandacht, die vor allem aus Singen besteht. Einige der Lieder kann ich inzwischen mitsingen, auch wenn ich nicht alle Texte verstehe, da viele auf Twi sind.
Nach einer guten halben Stunde fangen wir dann mit Unterricht an. Natürlich ist das kein echter Schulunterricht. Mit den anderen Freiwilligen und Pflegern wechseln wir ab, wer wen unterrichtet. Je nachdem, wen ich unterrichte, besteht der Unterricht mal aus Bilder ausmalen und Perlen auffädeln, Steinchen zählen und Buchstaben abmalen oder Addition und Subtraktion von großen Zahlen sowie einfachen englischen Wörtern. Die meisten Bewohner von Echoing Hills lernen recht langsam und manche überhaupt nicht, sodass der Unterricht manchmal viel Geduld erfordert. Mit den wenigen Kindern, die hier wohnen und in eine öffentliche Schule gehen, gehe ich auch ab und zu die Hausaufgaben durch. Der Schulunterricht wechselt nämlich alle zwei Wochen zwischen Vormittags- und Nachmittagsunterricht, da die Schule die große Anzahl Schüler nicht zur selben Zeit unterrichten kann, sodass manchmal die Schulkinder nach dem Frühstück noch zuhause sind.
Um zwölf Uhr gibt es dann Mittagessen. Wir helfen zusammen die Teller aus der Küche in den Speisesaal zu bringen und verteilen die Portionen dann an die Bewohner. Dann holt jemand Wasser aus dem Kühlschrank und bringt es den Bewohnern, während jemand anderes Joanita füttert. Trinkwasser gibt es in Ghana vor allem als Pure Water, das sind verschweißte 500ml-Plastikbeutel, die mit gereinigtem Trinkwasser gefüllt sind und je nach Qualität unterschiedlich gut schmecken.
Nach dem Mittagessen legen sich einige der Bewohner hin und wir haben eine gute Stunde Mittagspause. Ich esse an vielen Tagen das gleiche Essen wir die Bewohner von Echoing Hills, an einigen Tagen macht die Küche aber etwas anderes für uns. Mit der Schärfe des Essens habe ich inzwischen keine Probleme mehr, im Gegenteil: Ich finde das Essen sehr gut.
Nachmittags spielen wir dann häufig Spiele in der Summer Hut oder auf dem weitläufigen Gelände von Echoing Hills. Meistens spielen wir allerdings Spiele, die die Bewohner schon kennen. Es fällt mir relativ schwer, neue Spiele einzubringen, da die Komplexität der Spiele relativ gering sein muss. Vor Weihnachten hatten wir mit den Bewohnern nachmittags oft für ein Krippenspiel geübt, im neuen Jahr haben wir bis jetzt aber noch kein Theater gespielt.
Abends um fünf Uhr gibt es dann schon Abendessen, was im Wesentlichen genauso abläuft wie das Mittagessen. Danach habe ich für den Rest des Abends frei.
Ich konnte mich nach meiner Ankunft recht schnell in das Projekt eingewöhnen. Der geordnete Tagesablauf war dabei sicherlich eine Hilfe und hat mir relativ zügig das Gefühl eines Alltags gegeben. Die größte Herausforderung für mich war wahrscheinlich das Arbeiten mit behinderten Menschen, was ich vorher noch nie gemacht hatte. Ich hatte vor der Einreise erwartet, dass es sich um ein Waisenheim mit einigen behinderten Kindern handelt, was sich dann als falsch herausstellte: Die Organisation, die Echoing Hills betreibt (Handi Vangelism) hat auch noch ein Waisenheim, aber das ist nicht das selbe Projekt. Schnell fand ich aber Spaß an der Arbeit und gewann die Bewohner lieb, deren Herzlichkeit mir schon anfangs ein Gefühl des Willkommenseins gab. Anfangs war ich mir nicht ganz sicher, ob mich A. und B. mögen, da beide relativ wenig Emotionen zeigen, das hat sich aber inzwischen gelegt und meist halte ich die Zusammenarbeit für gut.
In anstrengenden Momenten der Arbeit hilft mir Humor meist weiter; ja, oft kommt mir Echoing Hills fast vor wie ein Live-Sitcom. Andererseits haben diese schnelle Eingewöhnung und die eingeschränkten Fähigkeiten der Menschen mit denen ich arbeite dazu beigetragen, dass ich Schwierigkeiten habe, neue Ideen einzubringen. Manchmal mache ich mir selbst deswegen Vorwürfe und frage mich, ob ich zu passiv bin oder ob das in der Natur des Projekts liegt. Während ich anfangs natürlich viel dazugelernt habe, stagniert das jetzt. Zwar arbeite ich nach wie vor durchgehend und ich halte mich für einen auf meine Weise bedeutenden Mitarbeiter im Projekt, aber dennoch habe ich stets dieses unangenehme Gefühl, dass ich zwar mehr tun könnte, aber nicht weiß wie.
Während meiner Vorbereitungen in Deutschland hatte ich stets vor, mir möglichst wenige Vorstellungen von Ghana zu machen, was natürlich ein praktisch unmögliches Vorhaben ist.
Besonders der Darstellung der Malaria als eine große, häufig lebensgefährliche Bedrohung kann man nur sehr schwer entgehen. Als ich hierher kam, war ich anfangs noch sehr davon beeinflusst: Ich spannte selbst im nur eine Woche dauernden Orientation Camp mein Mückennetz auf (was mir den freundlichen Spitznamen „Princess“ einbrachte) , nahm prophylaktische Malariamedikamente , zog mir abends stets imprägnierte lange Kleidung an und schmierte die freien Körperpartien mit Mückenschutz ein.
Das Moskitonetz über dem Bett halte ich nach wie vor für sinnvoll, aber es ist nicht so schlimm wenn ich es auf Reisen mal an einem Tag nicht habe. Mückenschutz für die Haut verwende ich nur an den Abenden, an denen ich merke, dass mich viele Mücken angreifen. Lange Kleidung verwende ich noch seltener und ich frage mich wirklich, wer es geschafft hat, mir einzureden, dass ich meine Kleidung auch noch imprägnieren sollte. Nach etwa zwei Monaten in Ghana entschied ich mich auch, dass ich die Malariamedikamente absetze, da ich plötzlich doch Verdauungsprobleme davon hatte. Außerdem sah ich in Echoing Hills, wie die Malaria verläuft, was mit rechtzeitiger Behandlung ein sanfteren Krankheitsverlauf hat als eine schwere Grippe. Daraufhin hatte ich keine Motivation mehr, meinen Körper einem einjährigen chemischen Bombardement auszusetzen. Während der Weihnachtsferien hatte ich noch einmal Prophylaxe genommen, da ich dann gerade keine Malaria bekommen wollte, aber ansonsten nehme ich keine Medikamente mehr.
Häufig hört man in Deutschland auch Warnungen vor Verdauungsproblemen und damit einhergeht geht der Spruch: „Cook it, peel it or forget it.“ Tatsächlich habe ich vom Essen in Echoing Hills genau einmal Probleme gehabt, und zwar als Corned Beef aus der Dose in der Soße war. Auch das Essen auf der Straße, unabhängig davon, ob Frittiertes oder frisch aufgeschnittenes Obst kann ich problemlos essen. Ich wähle natürlich immer Stände, die gut aussehen, aber lasse keine besondere Vorsicht walten. Das andere Mal als ich eher starke Verdauungsprobleme hatte, war, als ich in einem eher teuren Pizza-Restaurant zu viel Pizza aß.
Eine weitere negative Vorstellung von afrikanischen Ländern, die in Deutschland verbreitet ist, ist eine hohe Kriminalitätsrate. Zwar hatte ich nicht wirklich ein Vorurteil darüber, als ich in den Flieger nach Ghana stieg, dennoch war ich aber recht erstaunt zu sehen, wie wenig Kriminalität es in Ghana gibt. Ich bin bis jetzt weder ein Opfer von Taschendiebstahl geschweige denn Raubüberfall gewesen, obwohl ich mich sowohl an dichtgedrängten wie Märkten oder Busstationen aufhalte, als auch abends in Nebenstraßen spazieren gehe. Natürlich sollte man nicht mit seinem offen gezeigten Geld spazieren gehen und vielleicht nicht nachts in sehr zwielichtig aussehende Straßen gehen, aber das versteht sich irgendwie von selbst. Wenn ich am Wochenende spät abends unter Sternen nach Hause gehe, überkommt mich manchmal ein Gefühl der Dankbarkeit für diese Friedlichkeit, die es mir ermöglicht, am Wochenende auch mal mit Freunden abends auszugehen, ohne mich zu sorgen, wann ich nach Hause muss. Allerdings ist es etwas lästig, dass abends stets das Tor von Echoing Hills abgesperrt wird und wir stets darum bitten müssen, dass das Tor offen bleibt, wenn wir abends ausgehen.
Hinsichtlich der Kultur hätte ich erwartet, dass ich relativ zügig eine der ghanaischen Sprachen lerne. Tatsächlich beherrsche ich bis jetzt aber nur sehr wenige einfache Phrasen in Twi. Ich bedaure das einerseits und weiß andererseits nicht genau, wie ich das ändern kann. Ist lediglich meine eigene Faulheit die der Grund ist oder ist es vielmehr, dass es nicht nötig ist, da ich mich mit den allermeisten Menschen hier auf Englisch verständigen kann?
Außerdem hätte ich erwartet, dass ich viele Freundschaften mit Ghanaern mache, aber auch das passiert so gut wie überhaupt nicht. Ich habe zwar viele gute Bekannte, aber fast alle davon habe ich im Rahmen meines Projektes gemacht. Keine dieser Bekanntschaften ist allerdings so eng, dass ich sie als echte Freundschaft bezeichnen kann. Es fällt mir sehr schwer, einzuschätzen, woran das liegt. Ist es eine zu großer kultureller Unterschied? Falls das der Grund wäre, fände ich das sehr deprimierend. Oder ist es eine gewisse Beziehungsscheue meinerseits, weil mich viele Ghanaer nach einer kurzen Unterhaltung stets nach Geld fragen?
Das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, ich sei richtig in Ghana angekommen, war, als ich das öffentliche Verkehrssystem verstanden hatte. Es besteht vor allem aus sogenannten Trotros, Minibussen, die einen für aus meiner Sicht sehr gute Preise zur praktisch jedem Ort bringen, wenn man denn den jeweiligen Trotro findet. Anfangs sah es für mich verwirrend und kompliziert aus, wie überall in der Stadt Trotros an mir vorbeifuhren und scheinbar überall hinfuhren, aber nach einer Weile verstand ich endlich das System dahinter: Man geht zu einer der großen öffentlichen Trotrostationen und fragt nach der Position des Trotros zu dem Ort zu dem man möchte. Dann betritt man diesen Trotro, der erst abfährt, wenn jeder Platz belegt ist. Bedeutend ist, dass es neben dem Fahrer noch den Mate gibt, der sowohl für das Einsammeln des Beförderungspreises zuständig ist als auch Passanten mitteilt, wohin der Trotro fährt. An dem System gefällt mir besonders gut, dass die Kommunikation mit den Mitmenschen ein wesentliche Rolle spielt und dass es ohne eine übergreifende Ordnungsinstanz erstaunlich gut funktioniert.
Auch wenn es nicht wirklich überraschend kam, hätte ich bei meinen Vorbereitungen in Deutschland nicht erwartet, dass ich im Alltagsleben so stark auffalle. Auf der Straße ruft man mir stets Obruni hinterher und häufig hupen die Taxifahrer mich an. Auch einfache Höflichkeiten wie wenn ich auf der Straße mit „Welcome to Ghana!“ begrüßt werde, gehen mir inzwischen manchmal auf die Nerven. Ich kann in der Öffentlichkeit nicht untertauchen. Ich hatte während der Rassismus-Einheit des Vorbereitungsseminars nicht erwartet, dass diese mich darauf vorbereitet, obwohl ich sie sehr interessant fand. In der Einheit ging es mehr um das Verhalten gegenüber Ausländern in Deutschland. Gerade das hat mir aber dann in Ghana doch etwas geholfen, da es im Prinzip doch das Gleiche wie im Seminar ist, wenn auch mit vertauschten Rollen.
Eine Anekdote über Alltagsrassismus möchte ich hier kurz erzählen: Ich wartete mit Sam und Flo schon eine ganze Weile auf einen Trotro und als dieser endlich kam, waren wir drei die Letzten, die in den Trotro einstiegen, sodass Flo sich auf den Sitz setzen musste, der normalerweise für den Mate reserviert war. Das ist aber durchaus nicht unüblich, und häufig kommt es vor, dass der Mate für einen Teil der Fahrt steht oder sich den Sitz mit einem der Passagiere teilt. Der Mate forderte Flo aber vorwurfsvoll auf, er solle statt dem regulären Fahrtpreis von 80 Pesewas das Doppelte zahlen. Noch recht gutmütig gab Flo ihm einfach alle Münzen, die er mit sich hatte, was 90 Pesewas ergab. Als Sam dann allerdings mit einem Zwei-Cedi-Schein für sich selbst und mich zahlte, gab der Mate Sam während der fast einstündigen Fahrt nicht das Wechselgeld zurück. Während den letzten fünf Minuten saßen wir nur noch zu dritt mit dem Mate und dem Fahrer im Trotro und ich sprach ihn nochmal auf das Wechselgeld an. Er sagte, dass er möchte, dass Sam für Flo besonderen Sitzplatz bezahlt. Die Diskussion ging einer Weile hin und her, bis er sich schließlich wegdrehte und aus dem Fenster schaute. Ich tippte in energisch an der Schulter an und fragte nochmals nach dem Wechselgeld, woraufhin er sich umdrehte und mich anschrie, wieso ich ihn denn schlagen würde. Im Endeffekt haben wir das Wechselgeld zwar bekommen, aber dennoch bleibt mir dieses Gefühl hilfloser Wut besonders im Gedächtnis. Es geht ja nicht wirklich um das Wechselgeld, sondern vielmehr um den Wunsch, gleichberechtigt zu werden.
Meist ist die Kommunikation im Projekt kein Problem, auch wenn ich nicht eine bestimmte Ansprechperson habe, sondern je nach Frage entweder zu A., B. oder dem Sozialarbeiter C. gehe. Vor etwa einem Monat gab es aber einen Vorfall bei dem die Kommunikation eher schlecht war. Sam, Barbara und ich (damals waren wir noch nur zu dritt) besuchten Lotta, die im Waisenheim von Handi Vangelism arbeitet. Einige kleine Stressfaktoren kamen zusammen und plötzlich war B. wütend auf Sam, Lotta und mich, sprach sich darüber jedoch nur gegenüber Lotta aus. Zusammen entschieden wir Freiwilligen uns für die sinnvollste Lösung, nämlich höflich abwarten. Nach einigen Tagen besserte sich die Stimmung. In der selben Woche kam A. während einer Mittagspause um etwa halb drei aufgebracht ins Zimmer von Sam und mir und fragte, wieso wir nicht arbeiten. Ich erklärte ihr darauf aufrichtig, dass ich bisher immer dachte, dass die Mittagspause um drei Uhr endet, woraufhin A. entgegnete, dass sie schon um zwei Uhr endet. Natürlich haben Sam und ich uns jetzt daran angepasst, aber da ich in den ersten vier Monaten stets um drei Uhr wieder anfing zu arbeiten, frage ich mich ernsthaft, wieso mir das nicht schon sehr viel früher kommuniziert wurde.
Ein weiteres Problem, dass immer mal wieder aufkommt, auch wenn es eher lästig als wirklich schlimm ist, ist die Tatsache, dass wir die Projektleiter vorher informieren müssen, falls wir Besuch haben. Gerade heute wurden wir sogar gebeten, keine Mädchen mehr bei uns übernachten zu lassen. Das ist nicht zu dramatisch, aber mal sehen, ob das in Zukunft einen schwerwiegenderen Effekt hat.
Manchmal habe ich das Gefühl, das jemand auf uns wütend ist, aber nicht artikuliert, warum. Meist ist das aber nicht der Fall und Konflikte werden zügig durch ein Gespräch beendet.
Ich bin auch dankbar dafür, dass ich zwar in unserem sehr christlichen Projekt in die Kirche gehen kann, aber nicht muss, wenn ich nicht möchte oder am Sonntagmorgen andere Pläne habe.
Während ich vor etwas zwei Monaten ein sehr zufriedenes Hochgefühl hatte, hat sich jetzt ein Gefühl ein gestellt, das ich für mich selbst als Phase der zweiten Ernüchterung bezeichnet habe. Das Gefühl der Entwicklung im Projekt stagniert und obwohl ich den ganzen Tag etwas tue, zweifle manchmal an mir selbst und frage mich, ob ich nicht faul oder passiv bin, weil ich keine neuen Ideen einbringe. Einige Dinge im Projekt fallen mir auf, die ich merkwürdig finde und ich stelle mir Fragen wie die folgenden: Darf eines der wenigen muslimischen Kinder hier, Samiala, nicht in die Moschee gehen oder möchte er nicht? Was ist die Einstellung des Projekts zum Thema Zahnhygiene der Bewohner? Kann man den Kindern vielleicht doch noch irgendwie Lesen und nicht nur Buchstabieren beibringen? Weshalb schlafen manche der Bewohner auf Matten auf dem Boden und andere in Betten, obwohl es genügend Matratzen gibt? Kann man etwas daran ändern, dass die meisten Ghanaer ihren Müll einfach auf den Boden oder in den Abwasserkanal werfen oder auf der Straße verbrennen?
Auch gibt es ein paar Sachen, die ich gerne lernen würde, aber ich weiß nicht wie, wo oder wann: Twi, wie bereits gesagt. Trommeln. Ghanaisch kochen. Surfen, was trotz guter Wellen in Accra mangels Surfshop unmöglich ist. Mehr ghanaische Lieder. Traditionelle ghanaische Tänze.
Zum Abschluss muss ich aber jetzt noch einige Sachen klarstellen: Trotz aller Wünsche und Unsicherheiten halte ich es nach wie vor für eine großartige Entscheidung nach Ghana gekommen zu sein. Gerade bei so einfachen Erfahrungen wie dem ersten Biss in eine Mango oder dem Sonnenuntergang oder Trommelklängen aus der Ferne bin ich sehr dankbar hier zu sein und genieße es. Viele Einstellungen der Ghanaer färben auf mich ab und ich bin – denke ich – geduldiger, dankbarer, gelassener und großzügiger geworden. Obwohl ich nie vollständig in der Masse untertauchen kann, da die Hautfarbe der Menschen als Einziges nicht auf mich abfärbt, bewege ich mich jetzt doch unauffälliger und natürlicher durch die Straßen, zumindest wenn ich das möchte.
Ich glaube, dass die Tatsache, dass ich so viel über das Leben der Menschen hier lerne, ein viel nachhaltigerer Effekt des Freiwilligendienstes ist als die Arbeit selbst. Mein Bild über Afrika im Allgemeinen und Ghana im Speziellen ist kritischer und vielschichtiger geworden und viele europäische Medienberichte kommen mir zu simpel oder einseitig vor. Auch mein Bild über Alltagsrassismus hat sich gewandelt: Während ich rückblickend bei manchen Dingen wie zum Beispiel sprachlichen Feinheiten früher zu akribisch auf politische Korrektheit bedacht war, kommt mir das Ansprechen von auffallend fremden Leuten auf deren Herkunft jetzt eher als belästigend und leicht rassistisch vor.
Sicherlich ist nicht alles toll in Ghana, aber das ist es in Deutschland auch nicht. Ich bin begeistert hinsichtlich der Herausforderung, meine Meinungen, Einstellungen und Gewohnheiten einmal neu orientieren zu müssen und genieße es, dass so vieles neu ist. Ich bin gespannt, was die zweite Halbzeit bringt.