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Wann kommt der Inhalt?
Souverän ist anders. Ich gebe zu, ich habe mich auch ein wenig mitreißen lassen von der Euphorie. Die Grünen stellen einen eigenen Kanzlerkandidaten. Und es ist sogar eine Kanzlerkandidatin! Na jetzt sollten sich die angestaubten Herren der SPD und der CDU aber mal warm anziehen. Als dann direkt die "irgendwie nicht korrekt angegebenen Nebeneinkünfte" ausgebuddelt wurden und die ersten unfeinen Talkshow-Rezensionen durch die Zeitungen gingen, dachte ich noch, okay, man will der für die große Politik tatsächlich sehr jungen Newcomerin erst mal zeigen, dass der Wind an der Spitze schärfer weht als im Schutz der Menge. Aber dann ging das direkt so weiter. Gefühlt jeden zweiten Tag wurden neue Schmutzgranaten in Richtung grüner Kandidatin geschleudert. Zuletzt empörte sich die Nation darüber, dass sie irgendwelche Allgemeinplätze in irgendeinem Buch nicht ordentlich zitiert hat. Ich denke, niemand von denen, die nun mit Schaum vor dem Mund die mutmaßliche Betrügerin beschimpfen, hätte vor dem "Skandal" freiwillig dieses Buch gelesen, aber sei es drum. Was mich viel mehr als diese künstlich aufgebauten Skandälchen ärgert, ist die Art und Weise, wie Kandidatin und Partei damit umgehen. Schwer beleidigt wird auf die üblen Nachredner reagiert und mit Anwaltspost gewedelt und so das Theater immer lauter. Über Maskenmillionen und Aserbaidschan-Connections (CDU) redet inzwischen niemand mehr - über CumEx-Milliarden (SPD) auch nicht (okay, der Skandal war auch so riesig, dass ihn schon vor den Baerbock-Files kaum jemand verstanden hat). Herr Laschet und Herr Scholz gucken sich aktuell wahrscheinlich ständig verwundert an, weil sie es sich so leicht gegen diese Grünen niemals vorgestellt hatten.Ich hoffe inständig, dass wir langsam im Bundestagswahlkampf dazu kommen, über Inhalt zu reden. Der Klimawandel ist real - Temperaturen von 50 Grad in Kanada haben nichts mehr mit Wetter zu tun, das verstehen inzwischen auch immer mehr konservativ denkende Menschen. Die Pandemie ist längst noch nicht vorbei. Die Europäische Union taumelt wie ein angeschlagener Boxer und lässt sich von einzelnen Mitgliedern verhöhnen. Städte und Gemeinden schieben Frust, weil es immer weniger Selbstbestimmung und immer mehr Förderabhängigkeit gibt. Und im Umgang miteinander sind schrille Beschimpfungen und hämisches Verlachen von Fakten an der Tagesordnung. Es gibt eine Menge anzupacken für die kommende Bundesregierung. Ich bin inzwischen wieder deutlich weniger überzeugt, dass sich ab September etwas zum Guten ändern wird. Ja, Souveränität sieht irgendwie anders aus….
Der 17. Juni ist ein besonderer Tag. Nicht nur, weil heute der Sommer so richtig zeigen wird, was er kann. Vor 97 Jahren ist meine Oma geboren worden. Sie hat in zwei Diktaturen gelebt, hat im Februar 1943 als Straßenbahnkassiererin in Dresden gearbeitet und war nur zufällig in der Bombennacht nicht in der Stadt. Sie war 29 als in Berlin, am 17. Juni 1953, russische Panzer mit aller Härte den Volksaufstand niederschlugen und sie hat mir Steppke mit einfachen Worten klar gemacht, warum es oft besser ist, still zu sein, auf keinen Fall die Regierung zu beleidigen, weil auch bei ihr im Dorf gab es Leute, die plötzlich eine Zeit lang verschwunden waren, nachdem sie in der Kneipe bierseelig Walter Ulbricht Witzchen gemacht hatten. Einer war mal drei Jahre weg und kam mit schlohweißen Haaren wieder und sagte niemandem, wo er gewesen war. Oma ist nun schon einige Jahre nicht mehr am Leben, aber heute muss ich wieder an sie denken. Mit dem heutigen Tag wird die "Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen" abgewickelt. Die Akten werden Teil des Bundesarchivs. Das wird einen guten Job machen und die über 100 Aktenmeter sicher aufbewahren - aber mehr eben auch nicht. Die wichtige Aufklärungs- und Bildungsarbeit der BSTU wird es nicht mehr geben. Dabei braucht es diese Arbeit in der heutigen Zeit, in der vieles vergessen und unter staubige Teppiche gekehrt wurde, mehr denn je. Es ist zu befürchten, dass wenn alle, die unmittelbar unter den Zwängen der SED-Diktatur gelitten haben, wie meine Oma nicht mehr da sind, nur noch staubige Aktenberge bleiben, die niemand mehr ansieht.
So ein Theater.
Die Kunst- und Kulturbranche leidet ganz besonders unter den Einschränkungen, die die Pandemiebekämpfung seit einer gefühlten Ewigkeit mit sich bringt. Gestern reichte es dann den Schauspielerinnen und Schauspielern, den Bühnentechnikern und Ticketverkäufern, den Regisseurinnen und Dramaturginnen der kleinen Theater und Kleinkunstbühnen von Hiddensee bis Zittau die seit mehr als einem Jahr keine Bühne mehr betreten durften und durch Hilferaster fallen und Ersparnisse dreimal aufgebraucht haben und sie machten ihrem Unmut in einem Video Luft. In einem satirischen Video. Nur wollte dieses Video niemand sehen und kein Spiegel hat darüber berichtet und kein Ken Jebsen hat es bejubelt und keine AfD hat "wirhamsjaschonimmergesagt" getwittert. Geschichte beendet.Satire verstanden? Nein? Eben.Satire ist halt auch nicht so einfach. Bittere Sätze in eine Kamera schauspielern oder in eine Facebookseite tippen, führt nicht zwangsläufig zu Applaus. Zumindest nicht unbedingt immer aus der Richtung, die man gerne haben möchte. Das lernen gerade "mehr als 50" angesehene Schauspielerinnen und Schauspieler - guck mal selbst der Börne ist dabei oder wie der heißt. Sie wollen ihre Popularität nutzen, um Kritik zu üben und kommen heute, da so viele versuchen, ihren Teil dazu beizutragen, möglichst schnell und ohne noch mehr Opfer diese Pandemie in den Griff zu kriegen, wie ein paar verzogene Rich-Kids rüber. Denn Filme werden ja noch gedreht, Werbespots produziert, Hörbücher eingelesen - alles Möglichkeiten, die Popularität eben so mit sich bringt. Die Kleinen haben das alles nicht. Ich muss gestehen, ich war heute Morgen richtig enttäuscht und genervt. Enttäuscht von diesen Menschen, von denen ich einige durchaus mag (obwohl, Moment, vielleicht mag ich ja auch eher die Rollen, die sie für mich normalerweise verkörpern?) und zum anderen genervt von der großen Welle, die dieses Filmchen gerade wieder macht. Wieder ein Bereich unserer Gesellschaft in dem ein schmerzender Riss mitten hindurch geht. Ich hoffe, wir können das "nachher" irgendwie wieder kitten. Zwischen all dem Jan Josef erklärt und Tukur denkt und Makatsch fühlt sich missverstanden las ich heute beim Frühstück auch einen etwas verzweifelten Post der Leiterin des künstlerischen Betriebsbüros unseres Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau, die schrieb: "Das sich an einem Spielplan mal was ändert ist völlig normal, aber die letzten Monate ....". Ich glaube, ich beschäftige mich lieber wieder mehr mit den Theatermenschen hier an unserem herrlichen Stadttheater - da sind eine Menge echte Freundinnen und Freunde dabei. Und hier rede ich nicht nur von Rollen, die ich aus Stücken kenne. Kann man eigentlich schon wieder Jahresabos kaufen?
Ostern auf Malle
Was dem einen seine Maskenaffäre ist dem andern sein Korruptionsskandal. Ab nächster Woche impfen auch Hausärzte, aber nur maximal 20 Dosen die Woche. Alle sollen Tests bekommen, aber niemand weiß wo her. Aber die Luca App! Die Luca App ist jetzt aber wirklich gut. Und Reisen - da müssen wir jetzt einfach mal in den sauren Apfel beißen - Reisen geht Ostern gar nicht, jedenfalls nicht in den Schwarzwald. Aber nach Mallorca schon. Das geht natürlich. Ich merke langsam, dass sich der Geduldsbogen überspannt, dass auch bei den ruhig vernünftig agierenden Menschen um mich herum das dicke Fell dünner wird. Mir geht es ganz genau so, denn es scheint kein Land in Sicht und auf der Kommandobrücke ist man offenbar entweder nicht mehr Herr/Frau der Lage, oder hat so viel Angst irgendetwas falsch zu machen und dafür dann öffentlich angezählt oder parteiintern geschasst zu werden, dass man lieber nur die Schritte nach vorn geht, die man bei Bedarf auch ganz schnell wieder zurück kann. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass das Schwenken schwarz-weiß-roter Fahnen an Bundesstraßen und Autokorsos von Verquerdenkern nichts aber auch gar nichts besser machen können, aber die aktuell vermittelte offenbare Kopflosigkeit der EntscheiderInnen, spielt den Populisten und YouTube-Akademikern ungebremst in die Karten. Ich würde es super finden, wenn schmerzvolle Einschränkungen auch für alle gelten würden, wenn Hilfsprogramme mit denen vorbesprochen würden, denen geholfen werden soll (damit die Hilfe nicht zum bürokratischen Bummerang wird) und wenn PolitikerInnen ihre Twitteraccounts hin und wieder abschalten und sich nicht von Pro- oder Kontra-Diskussionen nach der sonntäglichen Anne Will Sendung treiben lassen sondern ohne Rücksicht auf Umfragewerte die Dinge angehen würden, die notwendig sind. Impfstoff her so viel wie möglich. Alle impfen, die den Arm hin halten und erst dann mit denen diskutieren, die der Meinung sind, man müsse erstmal diskutieren. Warum geht das nicht?

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Klitten
Vor 32 Jahren war ich das letzte Mal hier. Es ist kühl und hört sich an, als wären wir im Dschungel - so laut beschweren sich die hier anwohnenden Vögel über unseren Besuch. Wo damals in meinen Augen einfach Wald und Sand und Tümpel waren, ist heute das Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaften und mitten drin ein älteres Haus mit einer Scheune und ein paar Flachbauten neueren Datums. In der Mitte des Platzes eine alte zweiarmige DDR-Straßenlaterne, die einst den darunter liegenden Platz und die beiden heute völlig vom Moos besetzten Beton-Tischtennisplatten beleuchtete. In den späten 80er Jahren habe ich hier zwei Sommer verbracht, die mich bis heute schwer beeindruckt, ich möchte sagen, geprägt haben.
Als Herr Ebermann, mein Biologielehrer an der 7.POS, mich fragte, ob ich für zwei Wochen in das Biologie "Spezialistenlager" mitfahren möchte, war ich alles andere als begeistert - Schule in den Ferien? Da hatte ich ja mal so gar keine Lust drauf, aber mein bester Kumpel Mike Weidner kam mit, also okay, warum nicht. Was dann folgte, waren nicht nur zwei herrlich abenteuerliche Wochen mit gleichaltrigen Kids sondern der wahrscheinlich nachhaltigste Unterricht in Heimatkunde, Biologie und Naturbewusstsein, den ich in meinem bisherigen Leben erfahren durfte. Wir sammelten und präparierten Schmetterlinge (die es in unglaublichen Mengen gab), stellten Herbarien her, erkundeten auf Nachtwanderungen die Geräusche der Vogelarten, ich lernte, wie diese großen dürren Vögel mit dem Knick im Hals heißen und ich hörte zum ersten Mal, dass das alles verschwinden würde, wenn die Bagger des Tagebaues kämen. Für die Energieversorgung unserer Heimat, die doch eigentlich nicht nur die Städte und Dörfer sein sollte.
Heute nun stand ich wieder unter der Laterne. Offenbar hatte man versucht, zu sanieren. Es sah aus, wie so viele ehemalige Ferienanlagen. Nach der Wende ein paar neue Fenster hier und ein kleiner Abriss da - bis das Geld zu Ende war. Seitdem steht es einfach da und die Natur holt sich den Flecken Erde zurück. Etwas Wehmut war da heute. Ach Quark, da war richtig viel Wehmut. Ich hoffe sehr, dass noch viele Kinder ihr zu Hause so zu erleben lernen, wie ich es hier durfte. Und ich hoffe, dass wir alle das Thema Umweltschutz endlich ernst nehmen. Denn wenn ich heute auf die von Herrn Blümel (dem anderen betreuenden Lehrer an den ich mich erinnere) für uns alle gebauten Schmetterlingskästen im Wohnzimmer schaue, kann ich sehen, dass die meisten der Arten, die wir damals in so großer Zahl auf diesen Wiesen gefunden haben, längst nicht mehr da sind.
Smalltown Blues
Lockdown Tag X. Die immer wilderen Frisuren am anderen Ende der Videokonferenzen tragen zur Erheiterung bei. Wenn ich in meinen Spiegel gucke, höre ich Jana meine Friseurmeisterin sagen "na das kriegen wir schon wieder hin" und ich denke, hoffentlich kann sie mit ihrer kleinen Mannschaft so lange aushalten wie es jetzt noch dauert. Vorhin auf dem Weg vom Rathaus nach Hause - meine Liebste hat mich abgeholt damit das üppig sprießende Haupthaar nicht pitschenass wird - sagt sie: "Das Vinyl hat heute auf, komm, Du wolltest doch da mal wieder was holen, im Bales waren wir am letzten Wochenende auch." Ja klar, unbedingt. Wir waren dann auch bei Julian und haben einen Liter Fass-Zaubertrank in eine To-Go-Milchflasche abfüllen lassen. Und es war gut und die Wehmut war nicht gerade klein - in dieser herrlichen Kneipe, die gerade, weil halt nichts anderes geht, wie ein Hipsterspäti im Prenzelberg hergerichtet ist. Und dann sind wir durch den Regen heim und ich musste an die vielen guten Menschen denken, die jetzt gerade in den nächsten Monat wanken und nicht arbeiten können und auch nicht wissen, wie lange das noch durchzuhalten ist. Und ich gehe jeden Tag ins Rathaus und plane dies und das für "nachher" weil es ja "nachher" auch weiter gehen muss und kümmere mich um wichtige Themen, die trotz Corona einfach weiter passieren, die immer größer werdende Bedrohung durch die Grube in Turów zum Beispiel. Und es fühlt sich alles so surreal an. Warum gehen die Zahlen nicht weiter runter? Warum ist in unserem hochmodernen Land die Organisation von Impfstoff genau so schwierig wie der Bau eines Flughafens? Ich hoffe wirklich sehr, dass wir alle weiter unseren Teil beitragen. Dass wir nicht die Nerven verlieren. Dass wir uns weiter nicht von Verschwörungsunfug irre machen lassen. Ich weiß, dass ich in der aktuellen Situation das große Glück habe, in einer Verwaltung zu arbeiten, wo die Arbeit weiter geht, wo das Geld weiter gezahlt wird. Ich bin dankbar dafür, dieses Glück zu haben. Und fühle mich gleichzeitig auch sehr machtlos, weil ich mehr als Mitgefühl zu zeigen und im Lieferservice mehr Trinkgeld zu geben als sonst, halt auch nicht machen kann. Bleibt gesund ihr Menschen und bleibt tapfer.
Manchmal ist es doch blöd, dass alles immer digitaler wird. Meine Mama gibt mir gern verbunden mit den Worten "Das musste unbedingt mal lesen." Zeitungsausschnitte in die Hand, die ich dann unbedingt mal lesen sollte, denn es ist möglich, dass später abgefragt wird.
Anders als bei rasch weitergeleiteten Links verschwinden Mamas Zeitungsausschnitte dann nicht einfach in irgendwelchen Chatverläufen sondern liegen als stille Mahnung auf Küchentischen rum - bis die Liebste so böse guckt, dass man lieber doch schnell seine Hausaufgaben erledigt, um die Ausschnitte mit ruhigem Gewissen zurück geben zu können. Gestern bekam ich wieder einen solchen "Unbedingt mal lesen"- Schnipselstrauß. Diesmal wollte ich böse Blicke direkt vermeiden, also ran an die Lektüre. Ein Interview mit Katja Ebstein - ja, der Schlagersängerin - eine "beschwingt, vergnügte" Kolumne und ein "weißtenoch damals"-Text über Westpakete und den Vor-Klimawandel-Winter Ende der 1970er. Ich sortierte mit geübter Hand um: Ebstein ganz nach unten, beschwingte Kolumne in die Mitte und die Geschichts-Geschichte rauf. Langer Rede kurzer Sinn: von drei Texten, die ich wahrscheinlich als weitergeleitete Links niemals angesehen hätte, war der unterste der beste. Katja "Wunder gibt es immer wieder" Ebstein, 75 Jahre jung, im Sächsische.de-Interview zu ihrer Zweitkarriere als kluge, freiheitsliebende Bürgerin. Ich zitiere meine liebste Stelle: Frage: "Was ging Ihnen bei den Bildern von den Demonstranten auf der Reichstagstreppe durch den Kopf?" Ebstein: "Wir werden an der Dummheit und Uninformiertheit der Vielen kaputtgehen. Als junger Mensch habe ich gedacht: die dumme Masse gibt es nicht, in allen Bereichen wächst Intelligenz nach, egal wie millieugeschädigt man ist. Mit den Jahren habe ich begriffen, dass es einen diffusen großen Teil der Bevölkerung gibt, der mit seiner Basisbeschaffung so ausgelastet ist, dass er für gesellschaftliche Mitverantwortung keine Geisteskraft mehr aufbringen kann. Das geht nur noch bis zum eigenen Tellerrand, und das ist erschreckend."
Kraftvolle Worte, die das Darübernachdenken lohnen. Danke für ein inspirierendes Interview Frau Ebstein und danke Mama für's weitergeben.
Rüdiger Knoche ist tot
Als wir uns vor unserem Urlaub das letzte Mal sahen, erzählte er uns ganz erstaunt davon, dass neulich ein junger Mensch vor ihm am Gemüse stand und auf ein Schälchen Beeren zeigte und fragte, was das denn sei. "Der hatte noch nie Stachelbeeren gesehen. Da studieren die Leute alles mögliche und kennen keine Stachelbeeren. Irre, oder?" Unfassbar, dass es solche Geschichten vom Zittauer Markt jetzt nicht mehr geben soll. Nun habe ich die Nachricht aus verschiedenen Richtungen bekommen, also wird sie wohl leider stimmen: Rüdiger Knoche ist gestorben.
Am Mittwoch stand er noch - wie jeden Mittwoch - hinter seinen Gemüse- und Obstkisten und am Donnerstag war er schon nicht mehr da. Ganz plötzlich. Unsere Stadt hat nicht nur einen Gemüsehändler verloren, sondern ein Zittauer Original. Bei Rüdiger Knoche einkaufen, hieß immer: Du bekommst erstklassige regionale Ware - und wenn sie mal in der Auslage nicht ganz so erstklassig war, gab es garantiert ein "nee, nehmse die hier, die schmecken besser" und darauf konnte man sich dann auch verlassen - ja und bei ihm kaufen hieß auch immer, es wird irgendwie ein Schätzpreis werden, was man am Ende bezahlt, denn irgendwie wusste man nie so richtig was was kostet und der Meister hatte zwischendurch immer so viel zu erzählen, dass er trotz Taschenrechner und Zettel ständig vergaß, wie viel er denn nun inzwischen ausgerechnet hatte. Am Ende kam ein Preis raus und irgendwie habe ich über die Jahre sicher manchmal mehr, oft aber auch weniger bezahlt als ich eigentlich an Gemüse im Korb hatte. Aber das war egal. (Und offenbar war das ein allgemein bekanntes Knoche-Phänomen. Einmal erzählte er mir beim Tomaten abwiegen, dass regelmäßig eine ältere Dame zu ihm an den Marktstand kommt, die dann für ein paar Stunden für ihn das im Kopf zusammenrechnen übernimmt….) Rüdiger Knoche war für mich die Seele des Zittauer Marktes. Die Ruhe selbst, auch wenn ihn mal wieder jemand wegen einer Kiste Stiefmütterchen im Lockdown angezeigt hat. Und immer mitfühlend und herzensgut gegenüber seiner Kundschaft. Meine Lieblingsgeschichte und gleichzeitig die Geschichte, die so unglaublich viel über die Güte dieses Menschen aussagt, hat er mir erst vor ein paar Monaten erzählt. Ich versuche mal, ihn direkt wiederzugeben: "Neulich bin ich nach dem Markt am Mittwoch noch bei Netto ran gefahren, da spricht mich eine ältere Dame an "Herr Knoche Herr Knoche, ham Sie noch ein paar Kartoffeln für mich, die hab ich vorhin vergessen mitzunehmen". Also packe ich das halbe Auto aus, denn die Apern waren natürlich irgendwo ganz unten. Als ich wieder hoch gucke, hat sich schon eine kleine Schlange gebildet. Die dachten, ich verkaufe jetzt auch da!" Er musste direkt beim Erzählen wieder lachen. "Naja, ich hab dann schnell wieder eingepackt, das geht ja ni, die sollen Sonnabend wieder kommen."
"Warum müssen eigentlich immer die Menschen so früh gehen, die Sonne in die Herzen ihrer Mitmenschen bringen, und die bösen und hinterhältigen Egoisten werden hundert?", hat meine Liebste gestern gefragt und sie hat deftigere Worte als "böse, hinterhältige Egoisten" gesagt. Keine Ahnung, ich weiß nur, dass man die Egoisten schneller vergisst. Und ich werde sicher für den Rest meines Lebens bei einem zarten ersten Kohlrabi der Saison an Rüdiger Knoche denken. Ich bin wirklich sehr traurig.
Lieber mit Profis arbeiten
Als mein Klempner vor ein paar Jahren zu mir sagte: "Tut mir leid, aber da ist wohl ein Haarriss in der Wasserleitung hinter der Badewanne." hat mich das ganz schön angepiept, aber er ist der Fachmann, also raus die Fliesen... Ich bin ein echter Verfechter der Idee, dass in einer funktionierenden Gesellschaft alle ihren Platz haben. Man spezialisiert sich, geht in die Schule und in die Lehre und vielleicht an eine Hochschule und bekommt alles beigebracht, was es an Wissen schon gibt und macht dann aus eigenem Denken und eigener Erfahrung etwas draus, was die ganze Gesellschaft weiter bringt. Und es geht auch gar nicht anders, da leider die wenigsten von uns Menschen Universalgenies sind, die alles Wissen der Welt in sich aufnehmen und in allen Themengebieten Experten werden. Selbst Einstein war nicht allwissend, auch Platon wusste, dass er eigentlich doch keine Ahnung hat. Wir brauchen die anderen Menschen, da bin ich sicher. Gemeinsam geht es vorwärts, aber nur, wenn ich Vertrauen in das Wissen meiner Mitmenschen habe - und sie in das meine. Wenn heute die angesehensten WissenschaftlerInnen des Landes sagen, dass wir alle mithelfen müssen, die Ausbreitung eines Virus zu verhindern, das uns nicht alle auf einmal umbringen, aber doch unser Gesundheitssystem überfordern und dadurch indirekt Menschen umbringen kann, dann glaube ich ihnen das wie ich damals meinem Klempner geglaubt habe - weil sie die Experten sind. Und ich bin froh, Experten an meiner Seite zu haben. Wenn die Regierung dieses Landes in Kauf nimmt, dass unsere Wirtschaft durch die nun verordneten Maßnahmen unvorstellbaren und vielleicht lange währenden Schaden nimmt, dann denke ich nicht, dass sie das tut, weil sie die Menschen knechten und ihnen noch mehr Geld aus der Tasche ziehen will und was man sonst noch so alles hört in diesen Tagen. Sondern dann weiß ich, dass es so ernst ist, dass es nicht anders geht. Klar, man könnte meinen, alle wären gerade verrückt geworden und nur ein paar Mahnende wüssten Bescheid - aber alle gleichzeitig? Die ganze Welt wird gerade gleichzeitig verrückt? Und stürzt alle gleichzeitig grundlos in eine schlimme Rezession? Wir sollten akzeptieren, dass es ernst ist und uns an die Vorgaben halten damit sich niemand an die unsäglichen Beschränkungen gewöhnen kann, damit sie schnell wieder hinter uns liegen. Ich lerne gerade wieder kennen, wie es sich anfühlt, das Land nicht verlassen zu können. Ich lerne kennen, wie es ist, mir täglich überlegen zu müssen, ob der Ausflug ins Grüne gerade erlaubt ist, oder ob es teuer werden kann. Und ich bekomme mit, wie Menschen um mich herum Angst um ihre Existenz haben, weil ihre Existenz darauf baut, in einer freien Welt mit freien Menschen zu arbeiten. Ich will, dass dieser Spuk hier ganz schnell wieder vorbei ist. Und ich vertraue darauf, dass auch unsere Regierung keine Minute länger als nötig Beschränkungen dieser Art aufrecht erhalten will. Wer jetzt nach "Ausstiegs-Szenarien" ruft, unterschätzt, dass wir ne ganze Reihe kluge Leute in den Landesregierungen und in der Bundesregierung haben. Wir leben in einer Gesellschaft in der der freie Markt regiert - niemand will auch nur eine Minute länger als unbedingt nötig auf diesen freien Markt mit unbeschwert einkaufenden Menschen verzichten. Also lasst uns aufhören zu lamentieren. Und lasst uns den ExpertInnen vertrauen. Denn wenn der Meister sagt, da ist ein Haarriss hinter der Wanne, ist meistens ein Haarriss hinter der Wanne und die Fliesen müssen runter - da hilft dann auch keine zweite Meinung aus nem anonymen Blog.

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Wahlsonntag in Görlitz. Um die Anspannung zu überwinden habe ich gerade ein paar Kisten aufgeräumt und dabei auch alte Briefe aus dem Nachlass meiner Großmutter gefunden. Als dieser Brief aus Bremen im Oktober 1949 in Bahro, einem kleinen Dorf bei Frankfurt/Oder in der brandenburgischen Provinz ankam, war aus der sowjetischen Besatzungszone gerade die DDR geworden. Krieg und Elend, Zensur und Verfolgung, nationalistischer Größenwahn und Führerkult lagen gerade hinter - Mauertote, Staatssicherheit, Gelbes Elend, Mangelwirtschaft und neuerliche Zensur und Meinungsunterdrückung noch vor den Menschen. Wer heute sachlich auf die Zustände im Land blickt, muss erkennen, dass es viel zu verbessern gibt und dass wir neue Wege in die Zukunft finden müssen. Rückschritt, neue Ausgrenzungen, Theaterzensur und Hass gegen Minderheiten bedeuten allerdings keinen neuen sondern einen sehr alten und in leidvoller Erfahrung als untauglich bewiesenen Weg. Wenn heute Linke, Grüne, Sozialdemokraten, Freie Demokraten, Freie Wählergruppierungen, Kirchen, Verbände und völlig "politisch Unverdächtige" die Görlitzer Wählerinnen und Wähler dazu aufrufen, dem CDU-Kandidaten ihre Stimme zu geben, dann darf sich das für die AnhängerInnen sonst so unterschiedlicher Lager nicht merkwürdig anfühlen. Heute wird nicht über die Farbe des Fähnchens abgestimmt sondern über Zukunft oder Rückschritt, selbstbewussten Mut oder kleinbürgerliche Angst. Das kompromissbereite Streiten für ein freiheitlich-demokratisches Land ist bei aller Meinungsverschiedenheit im Detail so notwendig wie lange nicht. Und wir werden das sehr brauchen, egal wessen Jubelfoto heute Nacht durch die Medien geht. Grüße aus Zittau. Ich zähle auf Euch Freundinnen und Freunde. Und ich bin hier nicht der Einzige.
Abseits
Ich habe mir vor dem Wahlsonntag so viele Gedanken und die lieben Menschen um mich mit jedem Tag mehr irre gemacht, aber diesen Ausgang des Abends hatte ich nicht auf dem Zettel. Der ganze Landkreis hellblau, altgediente PolitikerInnen weggewischt vom Wählerwillen, ratlose Gesichter überall ob der vielen zumeist politisch völlig unerfahrenen Menschen die da in den Stadträten und dem Kreistag sitzen werden. Und während in den großen Medien schon eifrig analysiert wird und die Twitter-Influencer anfangen mit langen Fingern auf unsere Ecke zu zeigen, fragen wir uns alle, was da eigentlich passiert ist. Zur Wahl stand gestern auch die Entscheidung, ob sich Zittau für die gemeinsame Dreiländerregion Oberlausitz als Europäische Kulturhauptstadt 2025 bewerben soll. Und die selben Menschen, die gerade noch eine Partei, die Bundespolitik damit betreibt, dass sie Grenzen schließen und uns gegen alles fremde abschotten will, zu ihren Vertretern gewählt haben, stimmten mit JA. Und zwar nicht so irgendwie, sie stimmten mit überwältigender Mehrheit so - 3000 Stimmen über dem notwendigen Quorum. Die Menschen wollen das wirklich. Was sagt uns das jetzt? Ich denke, auch wenn letzte Nacht eine gewisse Anzahl an finsteren Geistern für sich eine Götterdämmerung der Herrenrasse feierte, leben hier nicht plötzlich nur noch Nazis. Wir haben mit dem Kulturhauptstadt-Team und dem unermüdlichen Freundeskreis etwas geschafft, was die alteingesessenen Parteien heute oft nicht mehr schaffen: wir haben den Menschen erklärt worum es geht, haben ihnen zugehört, haben ihre Ideen aufgegriffen und sie einbezogen. Kulturhauptstadt heißt WIR. In unserer sich immer schneller entwickelnden Zeit ist das berühmte Wort vom "mitnehmen" der Menschen so wichtig, wie noch nie. Die Menschen sind nicht dumm, sie sind nicht rückschrittlich-rückwärtsgewandt, sie wollen dabei sein, wollen mitgehen, mitbestimmen, verstehen - dann vertrauen sie auch. Ich bin überzeugt davon, dass eine weltoffene Europäische Kulturhauptstadt Zittau 2025 mit unseren Freundinnen und Freunden in Polen, Tschechien und Deutschland möglich ist. Wenn wir offen miteinander sind und uns gemeinsam auf den Weg machen. Ich will das unbedingt. Kommst Du mit?
Digitaler Kindergarten
Ich erinnere mich noch gut, wie wir als kleine Jungens immer Schneebälle geformt und über die Wand zum Nachbarn geworfen haben, wo die nicht so coolen (damals gab es das Wort cool noch nicht, eher sowas wie "urst schau" oder so, aber ihr wisst was ich meine), also wo jedenfalls die nicht so coolen Kinder spielten. Die Schneegeschosse wurden blind geworfen, denn über die Mauer konnte keiner von uns Steppkes gucken. Wenn dann tatsächlich der doofe Daniel oder seine kleine Schwester Lisa hinterrücks getroffen aufheulten und ob des Gezeters im Garten die Eltern aus den Fenstern guckten, waren Jan und ich uns natürlich keiner Schuld bewusst und stritten alles ab. Schließlich würden Lisa und der doofe Daniel bei nächster Gelegenheit eine gemeine Gegenaktion starten...
Irgendwann so ab Eintritt in das bewusste Teenager-Leben (was damals noch irgendwie anders hieß, ich weiß nur nicht mehr wie), wurde mit solchen Kindereien wieder aufgehört und man startete in den Pubertierenden-Wahnsinn. Heute nun wird von vielen Mitmenschen wieder begeistert mit harten Brocken geworfen und sich dann abgeduckt, auf den Einschlag wartend. Jetzt hat man dafür einen Rechner oder ein Telefon mit Internetverbindung und statt Eisbällen werden harte persönliche Worte in den Nachbargarten geschleudert. Man freut sich diebisch, wenn ein Einschlag erfolgt, jemand hart getroffen ist - und wenn dann jemand den Überblick hat und den Bösewicht bloß stellt, dann wird eifrig abgestritten (oder einfach ein neues Fake Profil angelegt.)
Ich hoffe sehr, dass die Menschheit langsam mal wenigstens in die digitale Pubertät weiterrückt..
So long.
Nach 42 Jahren schließt man nicht einfach die Ladentür zu und geht nach Hause. Die Zeitung brachte einen schönen Artikel, viele viele langjährige Kundinnen und Kunden kamen noch einmal vorbei, tranken ein Gläschen, hielten ein Schwätzchen und atmeten noch einmal den typischen Textilreinigungsgeruch ein. Die Bügelpresse zischte laut und die Wasserleitung zur Waschmaschine tropfte - war nun auch egal, Schüssel drunter, bis zum Abend geht's schon. Überhaupt merkt man inzwischen Mensch und Material die Jahre an. Die anstrengende Arbeitswoche war schon seit geraumer Zeit auf vier Tage, die Tagesöffnungszeit auf 7 Stunden heruntergedampft worden, denn die körperliche Arbeit bei großer Lautstärke und ungesund schwankenden Temperaturen wurde mit zunehmendem Alter immer mehr zur Belastung. Und auch die Technik streikte so nach und nach häufiger, das schon seit meiner Kindheit mit einem Augenrollen und tiefem Stöhnen verbundene "Der Kessel is kaputt, der Papa baut schon seit heute früh mit Herrn Jakowitz" war immer häufiger zu hören. Es ist einfach Zeit für den Ruhestand.
Was bleibt sind nicht zuletzt unzählige Geschichten und Begebenheiten. Die Rettung matschverschmierter Brautkleider, Silvesterparties unter Kleiderbügeln, Kieselgur und Perchlorethylen, kunstblutverschmierte Theaterkostüme und verwunderliche bis widerliche Einblicke in die Körperhygiene der lieben Kundschaft. Reinlichkeit ist keine Frage der gesellschaftlichen Stellung, meine Eltern können davon diverse Lieder singen.
Jetzt kommt die Weihnachtszeit und dann beginnt das große Aufräumen und meine Eltern kümmern sich um ihre eigenen Klamotten. Der Blick für gute Kleidung und feine Stoffe wird bleiben und das wissende Lächeln meiner Mama beim Blick auf den neuen Mantel des Nachbarn wird das selbe bleiben. "Brauchste gar nicht kaufen, das fusselt wie irre." hab ich mindestens so oft gehört wie "In dem Knitterzeug siehste nach dem ersten Waschen aus wie n Gehangener." Gelernt ist halt gelernt, auch im Ruhestand.
In Douglas Adams' Per Anhalter durch die Galaxis ist 42 die Antwort auf alle Fragen - so weit würde ich nicht gehen, aber die nun zu Ende gehenden 42 Jahre sind ein wichtiger Teil auch meines und des Lebens meiner Schwestern gewesen.
Danke Mama, danke Papa.
❤️

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Gendern in der Provinz
Es hat mir immer imponiert, dass meine Eltern aus manchen Dingen, die in der Öffentlichkeit lang und breit ausgetreten wurden, nie eine große Sache machten. Bei uns zu Hause gab es immer fleischlose Gerichte, die von Erwachsenen und Kindern geliebt wurden - lange bevor man von "vegetarischer Ernährung" sprach. Bei uns zu Hause wurde schon immer geholfen, wenn Hilfe angebracht war - daher war das Wort Gutmensch für mich noch nie ein Schimpfwort. Und es war in meiner Familie noch nie ein Vorteil männlich oder ein Nachteil weiblich zu sein - lange bevor Worte wie "gendern" in den Sprachgebrauch kamen. Es war bei uns aber immer klar, dass die Welt da draußen anders funktioniert. Daß Schnitzel aus dem Toaster und Neid gegenüber Hilfesuchenden und Altherrenwitzchen über das "etwas zu ambitionierte Mädel mit den Hängetittchen aus der Buchhaltung" Alltag sind. Und der Umgang den meine Eltern mit dieser Welt pflegten, war nie ein anklagender, selten ein mahnender, sondern meist ein diplomatischer. Mein Vater heißt Klaus, meine Mutter Christine. An der Ladentür steht seit eh und je: "Inhaber: C.Grebasch" Viele Kunden, Stammkunden sogar, wissen bis heute nicht, dass das "C" für Christine steht, denn Mama ist die "Textilreinigungsingenieurin" und Inhaberin. Sie hat entschieden, dass da oben über der Tür nur "C." und nicht etwa ihr voller Vorname stehen solle - denn auch im alten Zittau spielten Geschlechtervorurteile ihre Rollen und meine Eltern wollten ja niemanden ängstigen... Für meine Eltern und in meiner ganzen Familie waren Vorurteile nie ein Qualitätsmerkmal. Wissen ist ein Qualitätsmerkmal. Und Können. Und da es bei einer Textilreinigung darauf ankommt, dass man einen schwarzgrauen Fleck auf einem Leinensakko sieht und sofort sagen kann, dass das rotweindurchsetzte Bratensoße ist, die man mit einer Standardwäsche unrettbar macht, mit professioneller Behandlung aber easy entfernen kann, und nicht darauf, ob Männlein oder Weiblein diese Diagnose trifft, durfte diese Kompetenz nicht durch lächerliche Geschlechterbilder verwässert werden.
Mama das Handwerk, Papa die Buchhaltung, aber keiner der Kunden weiß so richtig, wer hier eigentlich was genau macht und alle bauen sich ihre komfortabelste Antwort selbst zusammen - das war immer das Erfolgsrezept. 42 Jahre lang.
Es gibt übrigens in meiner Familie noch immer keinen Ort, keinen Zettel, kein Schild, nichts worauf der Name "C.Grebasch" steht. Außer an der Sonnenreinigung. Am 20.12. ist Schluss. Wer noch einmal gucken kommen möchte, mache das bitte gern.
Wie ich fast Thüringer geworden wäre
Bevor meine Eltern in Zittau ein Textilreinigungsunternehmen starteten, studierte Mama fleißig in Forst in der Niederlausitz und Papa spielte nicht ganz unerfolgreich in der höchsten Fußball-Liga des Landes. Für mich klang das als Teenager immer nach dicker Fußballerbrieftasche und educated Spielerfrau, aber in der DDR war einiges anders. Profifußball gab es hier nicht. Also, eigentlich. Papa war höchstoffiziell Diplomsportlehrer, sah die Cottbusser Kids allerdings eher selten aus der Nähe, denn trainiert wurde damals schon unter Profibedingungen bei Energie Cottbus. Nur eben ohne die Finanzwelt der Beckenbauers und Overaths auf der anderen Seite der Mauer. Also stand auch für Erstligaspieler immer die Frage: wie was machste, wenn die morschen Knochen mal nicht mehr so wollen. Die Lösung bot sich im Tal der Ahnungslosen, am Ende der Welt, kurz vor Polen, in Zittau. Robur hatte sich gerade aufgemacht, die zweite Liga zu erobern, da brauchte es Verstärkung im Sturm. Keule Grebasch war nicht uninteressiert, hatte jedoch noch Eisen im Feuer, denn der Erstligarivale Carl Zeiss Jena hatte auch Interesse. Schließlich führte ein Telefonat dazu, dass die Familie in die Oberlausitz kam, wo der mütterliche Teil der Sippe her stammte:
"Was müssen wir denn machen, dass Du bei uns spielst?" "Wenn meine Frau in Zittau ihre Sofortreinigung aufmachen kann - selbständig versteht sich - dann komme ich." "Mal sehen, was wir tun können."
Nun, wir sind noch immer in Zittau. Das Abenteuer zweite Liga war ein kurzes Auf und Ab und Auf und Ab. Ich bin kein Jenenser geworden. Und die Reinigung hat meine Eltern - aus der DDR-Spielerfrau-Studentin wurde eine Textilreinigungsingenieurin mit den berühmten goldenen Händen - bis zum Rentenalter geführt und nun ist Sense. Am 20.Dezember schließt der Betrieb nach nicht weniger als 42 Jahren.