Schillers letzte Tage bis zu seinem Tod am 9. Mai 1805
aus Berichten von Charlotte von Schiller und ihrer Schwester Karoline von Wolzogen.
Karoline:
Am 1. Mai kündigte sich die letzte Krankheit Schillers als ein Katarrhfieber an, wie wir solche bei ihm gewohnt waren. Er selbst schien sich auch nicht bedenklicher krank zu fühlen, als bei ähnlichen Anfällen. (…) da das Sprechen seinen Husten vermehrte, suchten wir ihn ruhig zu halten: auch sah er es am liebsten, wenn meine Schwester und ich allein um ihn waren. (…)
Am 6. abends fing er an oft abgebrochen zu sprechen, doch nie besinnungslos. (…) Als ich am Abend des 7. zu ihm kam, wollte er, wie gewöhnlich, ein Gespräch anknüpfen, über Stoffe zu Tragödien, über die Art wie man die höheren Kräfte im Menschen erregen müsse. Ich antwortete nicht mit meiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit, weil ich ihn ruhig halten wollte. Er fühlte es, und sagte: »Nun, wenn mich niemand mehr versteht, und ich mich selbst nicht mehr verstehe, so will ich lieber schweigen.« Er schlummerte bald darauf ein, sprach aber viel im Schlaf. »Ist das eure Hölle, ist das euer Himmel?« rief er vor dem Erwachen; dann sah er sanft lächelnd in die Höhe, als begrüßte ihn einen tröstende Erscheinung. Er aß etwas Suppe, und als ich Abschied nahm, sagte er zu mir: »Ich denke diese Nacht gut zu schlafen, wenn es Gottes Wille ist.«
Den Morgen des 8. hatte er leidlich zugebracht, still und oft schlummernd. Als ich gegen Abend kam, vor sein Bett trat und fragte, wie es ihm gehe? drückte er mir die Hand und sagte: »Immer besser, immer heiterer.« Ich fühlte, dass er dies ganz in Bezug auf seinen inneren Zustand sagte. Es waren die letzten an mich gerichteten Worte, die ich von den teuren Lippen vernahm. Er verlangte, man solle den Vorhang öffnen, er wolle die Sonne sehen. Mit heiterem Blick schaute er in den schönen Abendstrahl und die Natur empfing seinen Scheidegruß.
Charlotte:
Weil ich ihn schon öfter so krank gesehen hatte, hoffte ich auch jetzt, freute mich seit der Zeit über jeden Beweis seiner Kräfte - ach Gott! - und umsonst! Husten, Katarrh, Fieberanfälle hatte er seit der letzten Krankheit beinahe immer, drei mal diesen Winter kam der Fieberanfall, und der letzte dauerte 9 Tage.
Er war viel ruhiger als sonst, nahm teil solange er konnte, an unseren Gesprächen, verlangte nach den Kindern. Von Dienstag bis Donnerstag fantasierte er beinahe immer, wollte nichts essen und wenig trinken. In den ersten Tagen brach er alles von sich. Wir machten ihm begreiflich, dass er sich baden müsse, er tat es und das erste Bad bekam ihm so gut, dass er sagte, er habe nun völliges Vertrauen zu sich und wüsste nun, wie er sich behandeln müsse in der Zukunft. (…)
Von Montag Nacht schlief er wenig, Dienstag und Mittwoch fantasierte er viel. Aber Ernst und Emilie ließ er kommen, freute sich über die Kleinen, kurz wenn er sich seiner bewusst war, war er liebevoll, freundlich. (…)
Den einen Abend ging ich nahe zu ihm: da nahm er meine Hand und sagte: »Liebe Gute!« (…) Sein letztes Zeichen von Bewusstsein war, dass er mich anlächelte mit einem Blick, den ich malen möchte, aber nicht ausdrücken kann, so heiter himmlisch! Ich hob seinen Kopf auf die bessere Seite, und er sah mich so an und küsste mich - ach Gott! Dies war das letzte Zeichen seines Gefühls für mich! Dieser Blick gießt Frieden in mein Herz, wenn die Welt ihm zu enge wird. Dafür, dass ich Hoffnung hatte bis zuletzt, danke ich Gott, denn ich hätte sonst den Mut verloren, hätte ihm nicht beistehen können.
Karoline:
(Am Donnerstag, den 9.) gegen 3 Uhr trat vollkommene Schwäche ein, der Atem fing an zu stocken. Meine Schwester kniete an seinem Bett, sie sagte, er habe ihr noch die Hand gedrückt. Ich stand mit dem Arzt am Fuße des Lagers und legte gewärmte Kissen auf die erkaltenden Füße. Es fuhr wie ein elektrischer Schlag über seine Züge, dann sank sein Haupt zurück, und die vollkommenste Ruhe verklärte sein Antlitz. Seine Züge waren die eines sanft Schlafenden.