Re: Birdman, Bewunderung, Briefwechsel
Lieber J.,
Deiner gewohnten gedanklichen Präzision habe ich nichts hinzuzufügen. Zurück aber zu Deinem ersten Brief: “Was kümmert mich der Tratsch der Medien?" fragst Du provokanterweise in ein Medium hinein. Ja, wie gehen wir eigentlich mit der Welt um, die sich außerhalb unseres kuscheligen Kiez-Kokons befindet? Ich scheitere täglich daran, einen gesunden Mittelweg zwischen aufgekratztem News-Junkie und scheuklappenmäßigem Biedermeier-Eskapisten zu finden.
Meine Morgenroutine: Smartphone-Wecker ausstellen, noch mit der gleichen Bewegung die Deutschlandfunk-App einschalten. Die Hand erschlafft, das Handy fällt irgendwo in die Daunen und die Augen wieder zu. Da ruht man, warm, bequem, allen Grund heiter zu sein, liegt der ganze Tag doch jungfräulich ausgebreitet vor einem. Aber die Stimme aus dem Lautsprecher gibt keinen Anlass zur Freude: Isis, Ukraine, Schäuble, Netanjahu, Flugzeugabsturz, Pegida, irgendwas Technokratisches zum Rentensystem - dann als seltsames Anhängsel immer der Sport, der mich so gut wie nie interessiert.
Diese “Nachrichten” drücken mich allmorgendlich noch tiefer in die Matratze. Irgendwann, wie aus Trotz, seufzt man, stellt das Handy ab, steht auf und schlurft Richtung Bad. Warum tut man sich das eigentlich an? Kaum eine dieser Informationen wird doch mit meinen persönlichen 24 Stunden bis zum nächsten Weckerklingeln irgendetwas zu tun haben! Trotzdem höre ich hin, teils aus Lust am Neuen, teils aus Pflichtgefühl. Wobei dieses Pflichtgefühl doch recht heuchlerischen Ursprungs ist, reichen doch schon kleinste Impulse zur Ablenkung. "Ah ja, krass, was da in Donezk abgeht. Aber wo kriege ich heute Raz-el-hanout her.. Ellerstraße, denke ich mal. Ach der Netanjahu... schon ein Idiot - andererseits will man anderen Ländern ja nicht reinreden. Soll ich eigentlich trotz der Knieschmerzen joggen gehen?"
Statt dem DLF höre ich jetzt manchmal morgens klassische Musik. Und da habe ich das Gefühl, dass mich das frisch stimmt, mir positive Energie und Kraft für den Tag gibt, während der oben geschilderte, triste News-Einstieg mich noch vor dem Aufstehen lähmt. Klare Sache: "Think global, act local" funktioniert bei mir nicht so gut wie "Think beautiful, act nice." Ich kann mir vorstellen, dass ich für meine Umwelt ein besserer Mensch bin, wenn ich meinem Geist Wertvolles, Schönes zuführe statt News-Getöse. Aber reicht das als ethische Begründung, die Scheuklappen aufzusetzen?
Ich bin mit dem Thema noch nicht durch.
Grüße
A.















