Der Schriftsteller und Kulturwissenschaftler Mark Fisher hat leider die Sternstunden der Meme-Kultur nicht mehr miterlebt.
Da er aber wie in so vielen Dingen sonst seiner Zeit weit voraus war, hat er das emanzipatorische Potential der schlichteren Verform erkannt und bestimmt ab und zu auch seinen SpaĂ daran gehabt.
Dies erklĂ€rt die GrĂŒndung 2015 der Facebook-Gruppe: Boring Dystopia.
Dort wurden BeitrĂ€ge geteilt, die sich mit sich anhĂ€ufenden BanalitĂ€ten des SpĂ€tlapitalismuses in GroĂbritannien beschĂ€ftigten.
Zu Hochzeiten hatte die Gruppe bis zu 3000 Mitgliedern und schnell war klar, wer GrĂŒnder dieser Gruppe war.
Dann ereignete sich etwas Sonderbares. Plötzlich wurde die Gruppe jeden Tag um ein Mitglied Ă€rmer. Als die Mitgliederzahl 0 erreichte, verschwand die Gruppe endgĂŒltig.
Es wurde gerÀtselt, wer oder was sich hinter diesen Löschungen verbarg.
Doch schon kurz nach dem Verschwinden der Gruppe gab ein Bekennerschreiben.
Es war Mark Fisher selbst, der die Gruppe löschte.Â
Einen nach dem anderen zu löschen, war der einzige Weg diese Gruppe wieder verschwinden zu lassen.
Darauf antwortete er in seinem Blog:
âFor me the Point the group started to go downhill was when it became like every other Facebook group. It was just recirculating âcontentâ and sending links, keeping people inside what I would call capitalist cyberspace instead of looking outside at their own environment. It felt like I was reinforcing the condition it was intended to displace.â
Nach Bedingungen der groĂen Player zu spielen heiĂt sie stĂ€rker zu machen. Das ist die Crux im sogenannten Datenkapitalismus. Internet Konzerne werden gröĂer und erfolgreicher, wenn sie mit mehr content und Informationen gefĂŒttert werden.
Die online Linke ist so in einem Fiasko gefangen. Online lassen sich besonders schnell linke Sichtweisen und Positionen teilen. Besonders barrierearm wenn diese Inhalte dazu in lustige wiederkehrende Formate verpackt werden können. Memes.Â
Das Schwierige daran ist, dass, wie Fisher bereits sagte, sich solche Inhalte hĂ€ufig in Echokammern bestimmter Gruppierungen befinden und nicht nach AuĂen dringen, da es es dem Algorithmus nicht daran liegt Inhalte zu verbreiten, sondern neue Wege zu finden content zu vermarkten.Â
Dazu speist man durch Erstellung neues Contents jedweder Form die Konzerne mit ihrer liebsten WĂ€hrung: Daten und mehr Reichweite, diese zu filtern und fĂŒr sich zu nutzen.
Dies fĂŒhrt zu dem Dilemma, dass die Inhalte immer profaner runter gebrochen werden, um nicht vom Algorithmus raus gekickt zu werden. Positionen werden verwĂ€ssert und am schlimmsten: verkĂ€uflich.
Beunruhigend zu betrachten ist, was fĂŒr eine Reichweite Missinformationen zum Thema psychischer Gesundheit erzielen und auf welche abstruse Art dort neue GeschĂ€ftsmodelle entstehen. Begriffe wie âTraumaâ verlieren an Bedeutung durch ihre InflationĂ€re Nutzung, Diagnosen werden ein Lifestyle und Teenager diagnostizieren sich selbst psychische Krankheiten anstatt zu einer ausgebildeten Ărztin zu gehen. Leider sollte uns das nicht ĂŒberraschen, da das Angebot an kostenpflichtigen Therapien, Pseudotherapien und Mittelchen, das von ausgebildeten kassenĂ€rztlichen TherapeutInnen weit ĂŒbersteigt.
Es wird an Eigenverantwortung appelliert, nun also auch verstĂ€rkt im Gesundheitsbereich. Psychisch gesund sein ist ein Luxusgut, dass man sich leisten können muss oder man lĂ€sst sich eben von Influencern CBD Ăle und Anti-Anxiety Decken verkaufen.Â
Staat sowieso die Internetgiganten wird dies freuen und das System sowieso, denn nur so kann es wachsen.Â
Der Kapitalismus zerstört systematisch die LebensqualitĂ€t der Menschen und verkauft ihnen dann Selbsthilfe, um sich wieder besser zu fĂŒhlen.Â
Eine Antwort darauf scheint fĂŒr viele shitposting zu sein, welches sich ĂŒber viele Metaebenen an Problemen abarbeitet und sich hĂ€ufig an jene richtet, welche sowieso schon die Hoffnung aufgegeben haben, dass es eines Tages besser wird. Die Spirale ist nach unten offen und knĂŒpft an die âNo Futureâ Bewegung aus Punk Kreisen an.Â
Gesund ist dieser Umgang nicht, dennoch wirkt er wie ein Mittelfinger an Vermarktungsmechanismen. Traurigerweise fĂŒttert jedoch auch dieser Umgang, im Gegensatz zum ursprĂŒnglichen Punk, die Datenkraken und verschlieĂt sich fĂŒr AuĂenstehende.
Sollen wir in letzter Konsequenz so wie Fisher erst die Gruppe, unsere Seiten löschen und dann uns selbst irl?
Was bleibt uns ĂŒbrig? Haben wir schon lĂ€ngst verloren oder sollen wir alles den kommenden Generationen lassen, dies zu klĂ€ren, wĂ€hrend wir stundenlang durch unsere Feeds scrollen, nachdem wir unser Handy mit einem Fingerabdruck entsperrt haben?Â
Darauf lÀsst sich schwer eine Antwort finden. Ich zumindest habe keine darauf.