Von Ghulen, Verschwörungen und Schlachthäusern.
České Budejovice, Tschechien, Januar 2026
Was mit einem morgendlichen Telefonat mit der freundlichen Mitarbeiterin der Budweiser Brauerei beginnt, endet bei deftigem Gulasch in den ehrwürdigen Budweiser Fleischbänken, der vielleicht einzigen Budweiser-Wirtschaft in Budweis.
Es ist irgendwie ein schöner Tag. Kalt, nass und verschneit, aber auch muckelig und gut gelaunt. Auf dem Weg durch die Budweiser Innenstadt war auffällig, wie wenig Kneipen und Wirtshäuser Budweiser Bier anbieten. Sus!
Sicher und pünktlich bringt uns der Trolleybus vom Bahnhof vor die Budweiser Brauereianstalt, die auf den ersten Blick aussieht, als müssten wir uns gleich mit einer Laser-Knarre durch die Ghulhorden des Ödlandes aus Fallout metzeln.
Wir kommen jedoch in friedlicher Absicht (und unbewaffnet) und finden uns im Besucherzentrum der Brauerei ein, welches üppig mit Budweiser-Merch aller Art ausgestattet ist und so manches Bierliebhaber-Herz das alkoholbelastete Blut noch schneller als hypertonisch bedingt ohnehin durch die verkalkten Arterien pumpen lässt.
"Why do the birds go on singing? Why do the stars glow above? Don't they know it's the end of the world..?"
Irgendwie sollten wir uns mit den drei anderen deutschen Teilnehmern der Brauereiführung anfreunden, denken wir uns. Zumindest zu einem unausgesprochen Burgfrieden können wir uns -vielleicht auch alkoholbedingt- nach der Verköstigung des ersten Brauguts durchringen. Den dummen Spruch über die Reichshauptstadt als Herkunftsort zweier Teilnehmer ignorieren wir; genervt und unter Aufbringung aller Güte, die nötig ist, um nicht doch noch ein fallout'sches Ghulmassaker vom Zaun zu brechen.
Freudig und wissbegierig, durch die obligatorischen Sicherheitswesten auch stolz und wichtig, stapfen wir über das Brauereigelände und saugen Informationen und Brauereiduft gleichermaßen auf wie ausgetrocknete Schwämme das Wasser. Schnell stellt sich heraus, dass das alte Männchen, welches unsere Führung guidet, sein Geld vor der Rente nicht in der Brauerei verdient haben wird. Entsprechend überschaubar ist er über seinen aufzusagenden Text hinaus aussagekräftig zu unseren Fragen zu den diffizilen Spezifika der böhmischen Brauereikunst. Die drängendste Frage: Warum schmeckt tschechisches Bier so verfickt geil?
Konkret interessiert uns insbesondere, warum das gezapfte tschechische Bier in Tschechien in Puncto Schaum und Kohlensäure so unbestechlich besser ist, als Gezapftes in Deutschland (ungeachtet der Herkunft! Auch tschechisches Bier in D ist betroffen). Unsere Vermutung: Durch die Pasteurisierung verändern sich Geschmack und Schaumkonsistenz. Auch die Zugabe von Kohlensäure könnte eine Rolle spielen. Wir sind hier, um dieser Hypothese auf den Grund zu gehen.
Wir finden bald heraus, dass Budweiser Budvar zu über 70% ins Ausland exportiert wird, was die geringe Budweiser-Prävalenz in Tschechien insgesamt erklären dürfte. Zudem ist die Brauerei ein zu 100% staatliches Unternehmen, hier wird SOZIALISMUS noch groß geschrieben!
Im Sudhaus, welches eins der wenigen älteren Gebäuden der Brauerei ist, begeistern uns die großen kupfernen Kessel und die tropischen Pflanzen an der großen Fensterfront.
Das Sudhaus. Auf den Wägen blickt der Hopfen seinem baldigen Ende im Sudkessel entgegen.
Nach dem Sudhaus geht es in den Keller. Dort reift das Bier drei Monate in Kesseln. Deutlich länger, als viele andere Biere, wird uns erläutert. Ein ohrenbetäubendes Tröten bringt die Gruppe kurz in Aufregung. Wir werden beruhigt. Es ist nur das Telefon. Nach kurzer Zeit kommt ein junger Brauer emsig in den langen Gang geflitzt und nimmt gewissenhaft die Information aus der Leitstelle entgegen, bereit, seinen Beitrag zum Gelingen des getreidigen Elixiers zu leisten.
Macht ordentlich Rabatz, wenn die Führungsriege durchklingelt.
Nun gehts an die Verkostung. Ein erfahrener, bärtiger Brauer füllt uns den hellen Trank in kleine Humpen. Erst bekommen wir das klassische Budvar, im Anschluss das deutlich hopfigere 33er Budvar, was mich ein wenig an ein IPA erinnert. Die solide Schaumkrone wird durch einen spiralförmigen Schlauch beim Zapfen gewährleistet, wie uns erklärt wird. Ein herrlicher Genuss, das Bier ist kalt und geht mega gut rein. Fürs Wegziehen der Pilsetten gibts Anerkennung von den anderen Almans. Uns egal, das war doch gar kein Wettbewerb..
Der Chef zieht uns ne stattliche Pilsette.
Es folgt die Abfüllanlage, hier werden die Flaschen sortiert, das Bier abgefüllt und vor allem auch pasteurisiert. An dieser Stelle haben wir natürlich Fragen: Wie beeinflusst die Pasteurisierung den Geschmack des Bieres? Wird nur das Bier für den Export pasteurisiert? Wie werden die Fässer pasteurisiert? Die Flaschen werden nämlich nach der Abfüllung in der Anlage kurz auf 62 Grad Celsius erhitzt, um so eine Haltbarkeit von mindestens einem Jahr sicherzustellen.
Eine eigene Werksbahn mit Budvar-Logo und der Ort wo the magic happens: Die Pasteurisierungsanlage.
Ja, es würden alle Biere pasteurisiert, Nein, die Pasteurisierung beeinflusse den Geschmack in keiner Weise. Wir sind skeptisch und bleiben dran. Noch eine Frage zur Pasteurisierung und unser Führer lässt uns von der Werkssicherheit rausbegleiten. Wir geben uns vorerst geschlagen, in der Gewissheit hier definitiv einer Verschwörung auf der Spur zu sein. Scheinbar wollen die Tschechen ihr feinschaumiges Bier für sich behalten. Allein durch die Zapftechnik können wir uns die Geschmacks- und Qualitätsdifferenz tschechischen Bieres hinsichtlich Schaum- und Kohlensäurestruktur in tschechischen und deutschen Kneipen nicht erklären.
Die Führung findet langsam ihr Ende und einer der Ghule (er sieht einem kampfsporterfahrenen halleschen Intellektuellen verblüffend ähnlich) schießt ein Abschiedsfoto von uns drei Gaunern vor der größten Busweiserflasche der Welt.
Mit dem einen oder anderen Souvenir, glück- und bierselig, verlassen wir die Brauerei, dem Hinweis unseres alten Führers folgend, in Richtung Masné krámy.
Uns wird versichert: Die weltweit einzige Plasteflasche vom Budweiser!
Hierbei handelt es sich um eine ehemalige Schlachterei und nun um ein ehrwürdiges Gasthaus, in dem es neben den klassischen essbaren tschechischen Leckereien vor allem Budvar aus dem Tank gibt. Das Gasthaus umfasst ein großes Mittelschiff und mehrere kleinere Nebenhallen, wo früher das Fleisch verkauft wurde.
Das Tankbier entspringt, wie der Name es vermuten lässt, einem Tank (wird also nicht in eine Flasche oder ein Fass abgefüllt) und kommt ohne Pasteurisierung und ohne zusätzliche Kohlensäure aus, die dem Bier normalerweise nachträglich zugeführt wird, um einen konstanten Kohlensäuregehalt sicherzustellen bzw. natürliche Schwankungen im Brauprozess auszugleichen. Entsprechend frisch muss das Bier geliefert werden. Hinter dem Tresen des Restaurants befindet sich ein Schild auf dem Uhrzeit und Datum des zuletzt gebrauten Bieres steht, welches ausgeschenkt wird.
Grundsolide Verpflegung, aber nichts was uns umhaut: Budvar-Tankbier und Tartar.
Da uns vor Hunger schon die Bäuche blubbern, gehts an die Bestellung. Das Tankbier kommt erwartungsgemäß recht kohlensäurearm daher, aber mit vernünftiger Krone und süffig-frischem Geschmack. Das Beef Tartar zur Vorspeise war sicher gut, dass der Geschmack aber in meiner Erinnerung verblasst, im Gegensatz zu diesem arschgeilen von herrlichen, alten Ossie-Atzen servierten, tomatigen Tartar im Restaurace U Zeleného stromu, spricht eine eindeutige Sprache zu Ungunsten des hier vorliegenden Rohfleischhappens. Das spricht in keinster Weise gegen dieses Tartar, nur für das andere. Die rohe Zwiebel wünsche ich mir im Tartar (da war sie auch), außerhalb empfinde ich sie als unnötig.
Im Anschluss kommt der Gulasch, ich glaube, wir hatten alle einen und der war wirklich nicht von schlechten Eltern: Eine kräftige, dunkle Sauce, saftige Fleischkonsistenz und neben den geliebten böhmischen Knödeln besticht dieses Gulasch zudem mit einem Semmelknödel und frischem Meerrettich. Was die rohen Zwiebeln zwischen Gulasch und Meerrettich schon wieder sollen, kann ich nicht nachvollziehen.. Ich weiß doch, Enzo und Aal sehen das anders.
Zu unserem Unbehagen und wirklich ziemlich zufällig trollen sich schon wieder die drei alemannischen Untoten aus der Brauerei in das Wirtshaus und lassen sich an unserem Nebentisch nieder. Ihrer Verwunderung, uns nun schon wieder zu begegnen, entgegnen wir trocken mit der Tatsache, dass es hier ja unser feines Budvar zu verköstigen gäbe. Die Orks geben sich mit der Begründung zufrieden. Wir suchen schnell das Weite.
Frischer Meerrettich verfeinert den Gulasch. Was die rohen Zwiebeln betrifft, gehen die Meinungen auseinander. Ich brauch sie nicht.
Auch wenn wir die Pateurisierungshypothese nach wie vor nicht bestätigen können und unangenehme Deutsche unseren Weg ein paar Mal zu oft kreuzten, diesen erfahrungsreichen Tag voll vorzüglichem kulinarischen Genuss kann uns keiner nehmen!