"Sehen wir uns nicht mehr auf dieser Welt, // So sehen wir uns doch in Bitterfeld!"
Restaurant ATHEN, Bitterfeld-Wolfen, OT Greppin, Juli 2024
+++Veranstaltungshinweis+++ Passend zu den Inhalten dieses Beitrags möchten wir auf eine Veranstaltung am kommenden Samstag, den 20.06.2026 hinweisen. Die sehr gute Veranstaltungsreihe "Kino deCentral" bringt dem Ort seine Filmgeschichte zurück und zeigt im ehemaligen Bistro Kino Wolfen den Film "Ich verstehe Ihren Unmut".
Klare Empfehlung von Tavernencheck24, hier am Samstag vorbei zu schauen! See ya!
ab 17:30 Uhr Essen, Getränke und Austausch 19:00 Uhr Filmbeginn Freiherr-vom-Stein-Str. 1, 06766 Bitterfeld-Wolfen Sitzgelegenheit mitbringen! Mehr Infos: kinodecentral.de
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Sommer im Land der künstlichen Seen. Ob es nun die kleinen Steinbrüche und Tongruben Halles, oder gleich die großen Braunkohlerestlöcher sind: Ohne durch Maschinen geschaffene und nun der Natur überlassene Gewässer geht hier nichts, wenn man nicht in der Saale schwimmen will (will man nicht).
Zum Glück hat die industrielle Beraubung der Bodenschätze uns in der Gegend so einige Löcher überlassen, man kann sich nicht beklagen. An diesem Julitag wollten wir ein paar neue davon erkunden und auf Tauglichkeit zum Beachen prüfen, bevor es dann abends klassisch zum Griechen gehen sollte.
Den vorigen Abend wurde bereits herrlich sommerlich Präsenz am Corner gezeigt und für den Verfasser endete die Nacht in einem Hot Tub auf einer Festivität am Hufi - wild!
Die Eckung wurde direkt von Google festgehalten - Unser Corner, egal wie viele leere Drohungen ihr Lappen an die Wände schreibt!
Also leicht verkatert in die Karre geschmissen, fix noch eine Runde McChicken geklärt und direkt zu den ersten Steinbrüchen bei Landsberg gedüst. Ganz nett, aber nicht so gut für einen Badetag. Es herrschte eine ordentliche Demse und die ersten Spaßgetränke verließen die Kühltasche.
Etwas weiter die kurvenlose B100 entlang und schon waren wir im Altbergbauparadies Bitterfeld angekommen. Die Badewelt der Goitzsche ist ja bekannt, aber waren Sie schon mal am Seelhausener See? Also den Pegelturm mit vollem Strand rechts liegen gelassen, einmal um die Grube herum, einige Meter über die Landesgrenze hinweg in Sachsen einmarschiert und auf dem wüstenartigen Parkplatz abgestellt. Zu einer Wüste gehört immer auch eine fantastische Oase und die fanden wir nach einigen Metern in Form einer wunderbaren kleinen Bucht am glasklaren und weiten See. Dieser wurde auch gleich mit einem Flachköpper beehrt, bevor man dann überhaupt ersteinmal wirklich realisierte, in was für einem Paradies wir drei hier gerade gelandet waren! Ein absoluter Sommertraum der mir sogar dem Ostseestrand nahezu gleichwertig schien.
Dokumentation für die Biergruppe auf höchstem Niveau!
So ließ sich der Tag im Chemiedreieck bestens rumkriegen! In der Sonne brutzelnd lesen, dösen und von Zeit zu Zeit eine Runde schwimmen. Viel Zeit wurde auch damit verbracht, bei immer tiefer wandernder Sonne ein schattiges Plätzchen zu kreieren. Das mitgebrachte Tarp hatte weder Leinen noch Stangen, also mussten wir der Natur einige Dinge abluchsen und im MacGyver-Style rumbasteln.
10/10, gerne wieder. Danke auch an das Braunkohlenkombinat Bitterfeld, dass ihr nicht nur die Wohnungen unser Eltern warm gehalten, sondern uns nun auch dieses Erlebnis ermöglicht habt!
Früher war hier dickere Luft: Günter Ackermann, Ohne Titel (Bitterfeld), Serie Tag unter schwarzem Himmel, 1964/65, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt.
Langsam leerte sich die Kühltasche und bald machte sich auch das bekannte Magenknurren bemerkbar. Wie gut, dass wir dahingehend noch was vor hatten! Rein in die heiße Karre, Fenster runter, Mucke an und zur Ortskontrollfahrt losgerollt.
Große Welt in Bitterfeld - Heute scherzhaft gesprochen, doch zu DDR-Zeiten tatsächlich ein wichtiger Knotenpunkt des volkseigenen Reichsbahnnetzes mit entsprechendem Umsteigebetrieb. Im Bahnhofsgebäude hatte die Mitropa damals sogar ein Kino eingerichtet, wie mir meine Eltern jedes mal erzählen, wenn irgendwo das Wort Bitterfeld fällt. Abseits der netten russischen Trickfilme ist dann in Bezug auf den Bahnhof jedoch von der "untersten Schublade" die Rede. Selbst diese Schublade vermisst man nun jedoch schmerzlich, wenn man hier des Nachts mal eine längere Umsteigezeit hat.
Leider nur eine ostalgische Fantasie der dummen KI. Heute gibt es dort natürlich weit und breit kein Kino mehr.
Unsere frühen Erinnerungen an die Gegend beschränken sich allerdings auf durchzechte Nächte im AKW (Haarverlust) und einige Demoerlebnisse. Wirkt trotzdem fast ähnlich fern wie die elterlichen Erzählungen...
Das tagesaktuelle Abendziel lag im Ortsteil Greppin, genau zwischen Bitterfeld und Wolfen. Früher ist der Ort für den Greppiner Klinker bekannt gewesen, ein mMn. ziemlich hässlicher, jedoch hochqualitativer gelber Ziegel. (Mir fällt es schwer ihn unter der Masse mitteldeutscher gelbgeziegelter Gebäude zu erkennen. Wenn man sich einmal anfängt mit ihm zu beschäftigen, sieht man plötzlich überall Greppiner Klinkergespenster.)
Bekannter als der Ziegel selbst ist heute wohl die Abbaugrube seines Tons: Der Silbersee. Bereits in vorsozialistischen Zeiten wurden hier die Chemieabfälle der Wolfener Filmfabrik verklappt (Kino und Filmfabrik? Hollywood des Ostens!). Die Giftbrühe brodelte jahrzehntelang vor sich hin und wurde mit ihren übelriechenden Dämpfen schließlich zu einem Symbol für das Umweltversagen im deutschen Sozialismus. Aktuell steht sie kurz vor der Verfüllung. Unter Tage brodelt es jedoch weiter, sodass eine riesige unterirdische Barriere mit komplexen Pumpensystemen die Plörre vom Wassersystem der Mulde abhalten muss. Für die Ewigkeit - Wahnsinn!
Andreas Kämper, Donnerstag, 22. März, 1990, Wolfen, Silbersee.
Diese Barriere passierten wir irgendwann auf unserem Weg vom Seelhausener See zu einer der überraschend zahlreich vertretenen griechischen Tavernen der Gegend. ATHEN prangte in großen Lettern auf dem Giebel des einfachen Wohnhauses mit großem Wintergarten. Hurra, das ganze Dorf war da! Wir bahnten uns unseren Weg durch die zahlreichen und vielfach bereits sehr heiteren Liebhaber von Ouzo und Schweinefleisch. Mutmaßlich nicht wenige davon rechtsradikal, aber was solls.
Die Speisekarte unterschied sich nicht von den meisten Stanni-Griechen, nur die gebratenen Sardinen stachen heraus und boten sich an diesem Sommertag ganz besonders als Vorspeise an. Natürlich war uns bewusst, dass man in Bitterfeld-Wolfen keine frischen Sardinen bekommt. Doch an so einem Tag muss man auch gar nicht in den fischigen Aromahimmel abheben, wie man es vom Mittelmeer her kennt (Außerdem ist selbst mittelmäßiger TK-Fisch immer noch lecker. Super schön angerichtet waren sie auch). Einfach das Gefühl in der mitteldeutschen Einöde, in welcher man nun mal existiert, nach einem Tag am Wasser braungebrannt mit einem griechischen Weißwein in der Hand an kleinen gebratenen Fischis zu knabbern, herrlich genug!
Generell, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, wird es für mich niemals in den Urlaub gehen, solange die Sonne hier für einen Sonnenbrand ausreicht und mein geliebtes Tonloch auf Badewannentemperatur hält. Frühjahr und Herbst gehören dann klar dem Mittelmeer, während es im Winter am besten an die Ostsee geht.
Bestes Leben
Zurück zum Essen. Das Vorspeisengedeck wurde noch durch dicke Bohnen in Tomatensauce mit Feta und natürlich den obligatorischen gegrillten Peperoni in Knoblauchbegleitung ergänzt. Beides wirklich super lecker, aber das ist ja auch selten anders. Bereits zu den Vorspeisen wurde ein Korb mit frischen Baguettescheiben gebracht.
Auch der Ouzo fand schnell den Weg zu uns und zwar reichlich. Der Autoschlüssel auf dem Tisch brachte den Nachschub des heute besonders gut schmeckenden kalten Wässerchens nicht wirklich zum Erliegen. Fast wäre der bisherige Rekord geknackt worden, die 5. Ladung randhoch gefüllter Anisgeschosse war schon auf dem Weg in unsere Richtung, blieb dann jedoch stecken (Der Rekord wurde vermutlich bei Mati in der hallischen Südstadt gebrochen, war allerdings schlecht messbar, da ganze Karaffen auf den Tisch kamen).
Der Alkohol floss jedoch nicht nur bei uns (der Fahrer hat sich natürlich etwas zurückgehalten): Merklich stieg der Lärmpegel in dem Wintergarten an, etliche Liter Ouzo hatten in den vergangenen Minuten die Kehlen befeuchtet und dafür gesorgt, dass sich so einige Zungen lockerten. Die Musik wurde auch lauter und zunehmend kam Partystimmung auf. Offensichtlich stand der Ouzo nicht nur den Gästen zur Verfügung und so durfte man Leuten zusehen, die auf jeden Fall Spaß bei der Arbeit hatten. Der Chef selbst erwies sich dabei als größter Ulkerich und zog mit einer kleinen Flachserei von Tisch zu Tisch: Mittels einer auf dem Tablett befestigten Bierglasrequisite täuschte er ein versehentliches Verschütten des Getränkes über den Gästen vor. Nachdem man diesen Spaß schon an 20 Tischen beobachten konnte, hielt sich der Schrecken dann zwar in Grenzen, arschwitzig war die ganze Nummer natürlich trotzdem!
Frittierte Calamari-Ringe (Sommer!), Bifteki und Gyros kamen als Hauptgerichte auf den Tisch. Calamari erwartbar normal, Gyros schön und das Bifteki auch sehr geil gegrillt. Direkt dazu neben den gekräuterten Zwiebeln auch etwas Grillgemüse und mutmaßlich hausgemachtes leckeres Zaziki. Absolut schnörkellos auch die frittierten Kartoffelscheiben mit ordentlichem Knoblauchaufsatz!
Insgesamt also eine wirklich solide Nummer, da sollte man gar nicht zu viele Worte zu verlieren!
Die Orange als Beilage für alle Gerichte muss man nicht checken, ansonsten sprechen die Bilder für sich selbst.
Äußerst zufrieden, ja geradezu beseelt, hievten wir uns aus den Stühlen und torkelten noch ein paar Schritte in den Sonnenuntergang, bevor es wieder Richtung Saal-Athen zurück ging. Kurzer halt an der Tanke, ein kaltes Desperados für Bobeš und ein letzter Blick auf die verstrahlten Gestalten, die jeden Bitterfeld-Besuch umrahmen und die Rolle der Chemie im Ort noch hoch halten. Jetzt nur noch darauf achten, auf der elendig kurvenlosen Bundesstraße in Hohenthurm nicht einfach geradeaus weiter zu fahren. Bald hatte uns die Stadt wieder, mit ihren stinkenden Mülltonnen auf den wärmegeladenen nächtlichen Straßen.
Es bleibt die Erinnerung an einen absolut herrlichen Sommertag. Irgendwie zwischen den Welten und in einer ohnehin besseren Zeit.
Aal.
















