Ernst Ludwig Kirchner: «Tanz im Varieté« ( 1911)
Sensationsfund kommt fĂŒr sieben Millionen nach Basel
Ernst Ludwig Kirchners «Tanz im Varieté» war 100 Jahre verschollen. Jetzt hat es die Basler Im-Obersteg-Stiftung gekauft. Sie wird es im Kunstmuseum Basel zeigen.
Christoph Heim, 20.06.2024
Der deutsche Expressionist Ernst Ludwig Kirchner (1880â1938) hat nicht nur die steilen Davoser Berge und WĂ€lder gemalt, die in den Schweizer Museen so beliebt sind. Er hielt auch unzĂ€hlige Grossstadtmotive fest, die in Dresden und Berlin entstanden. Eines seiner schönsten Tanzbilder malte er 1911. Es zeigt einen sogenannten Cakewalk zwischen einem schwarzen TĂ€nzer und einer weissen TĂ€nzerin, eingefasst von einer Gruppe weiterer TĂ€nzerinnen und TĂ€nzer.
Das GemĂ€lde, das kĂŒrzlich von der Basler Stiftung Im Obersteg fĂŒr fast sieben Millionen Euro gekauft wurde, ist eine Sensation. Es galt 100 Jahre als verschollen und war nur von frĂŒhen, in den 10er und 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts entstandenen Fotografien bekannt. Am 7. Juni kam es bei Ketterer Kunst in MĂŒnchen unter den Hammer. Bei der Auktion anwesend war die Kunsthistorikerin GĂ©raldine Meyer, die seit zweieinhalb Jahren als Kuratorin bei der Stiftung Im Obersteg angestellt ist.
Versteigerung von «Tanz im Varieté» beim Auktionshaus Ketterer Kunst in MĂŒnchen.
Eigentlich wollte Meyer schon am 3. Juni in MĂŒnchen einen Augenschein nehmen. Das empfahl sich deshalb, weil das Bild 1945 von französischen Soldaten, die es auf einem Bauernhof entdeckt hatten, beschĂ€digt worden war. Die Soldaten hatten, wie man in den Unterlagen des Auktionshauses nachlesen kann, die Kiste mit dem Bild gewaltsam geöffnet.
Der Schmuckrahmen des Werkes wurde zerstört. Ein Gewehrschuss traf den Kopf der TĂ€nzerin ganz links im Bild. Und der Rumpf des schwarzen TĂ€nzers wurde von einem Bajonett durchstochen. Offenbar wurden die Franzosen wĂŒtend, als sie das avantgardistische GemĂ€lde sahen.
Die Auktion als Zitterpartie
Aber am 3. Juni meldeten MĂŒnchen und Umgebung Land unter. Viele Zugstrecken waren wegen des Dauerregens lahmgelegt. Meyer entschloss sich darum, am Donnerstag, dem 6. Juni, mit dem Auto anzureisen und das Bild am Tag vor der Auktion zu inspizieren. Die Freude war gross, als sie das grosse, mit Schwarz, Rosa und Rot gemalte GemĂ€lde, das 121 mal 148 Zentimeter misst, vor sich sah.
Die Schussverletzung war, wie im Auktionskatalog versprochen, kaum noch auszumachen. Am ehesten noch auf der RĂŒckseite des Bildes. Und die QualitĂ€t der Malerei war hervorragend. Allerdings bedarf das Bild, bevor es im Museum aufgehĂ€ngt wird, noch einer restauratorischen Ăberarbeitung.
Beinahe wÀre der Ankauf im Auktionshaus aber gescheitert. Mit Meyer bot am Schluss nur noch eine Person am Telefon mit. Als Meyer bei 5,8 Millionen Euro schliesslich den Zuschlag bekam und sich am Ziel wÀhnte, legte die unbekannte Person am Telefon mit einem Gebot auf 5,9 Millionen Euro nach.
Das wollte der Auktionator nicht akzeptieren, weil die Auktion in 200â000er-Schritten erfolgt war. Der oder die Mitbietende am Telefon wollte aber nicht auf 6 Millionen erhöhen, sodass schliesslich die Basler den Zuschlag fĂŒr das Bild erhielten. Mit Aufpreis, das ist jene Summe, die das Auktionshaus fĂŒr die erfolgreiche Vermittlung einstreicht, sind es genau 6â958â000 Euro, welche die Stiftung Im Obersteg zu bezahlen hat.
Zuletzt vor 100 Jahren ausgestellt
Das GemÀlde «Tanz im Varieté» war nahezu 100 Jahre in der Versenkung verschwunden. Kirchner selbst hatte es noch mehrfach fotografiert. Es wurde in mehreren Galerien ausgestellt und hing auch eine Zeit lang in Kirchners Haus in Davos. In den 1920er-Jahren verlieren sich die Spuren, bis es zwischen 1928 und 1931 von Max Glaeser, einem Emailfabrikanten in Kaiserslautern, erworben wurde.
Das Bild suchte schon damals einen Weg nach Basel: Kurz nach Max Glaesers Tod 1931 bot sein Nachlassverwalter das Bild dem Kunstmuseum Basel zum Kauf an. Entsprechende Briefe finden sich im Archiv des Museums. 1932 findet sich dort ein weiteres Verkaufsangebot. Der Konservator, der grundsÀtzlich Interesse signalisierte, musste aber passen, weil das Geld fehlte. Der VerkÀufer verlangte stolze 5500 Reichsmark.
So blieb das Bild im Eigentum der Witwe Anna Glaeser. Nach ihrem Tod 1944 wurde es an einen badischen Schmuckdesigner verkauft. Kirchner galt bei den Nazis als entartete Kunst, weshalb besagter Designer seinen «Tanz im Varieté» auf einem Bauernhof versteckte, wo es wie erwĂ€hnt von französischen Soldaten beschĂ€digt wurde. Erst nach der Restauration des Werkes in der Kunsthalle Karlsruhe ĂŒbernahm der Schmuckdesigner es in seine Kunstsammlung.
In seinem beziehungsweise im Besitz seiner Nachkommen blieb das Bild die letzten 80 Jahre, bis die Erben es nun beim Auktionshaus Ketterer zur Versteigerung freigaben, das wie in der Branche ĂŒblich, weder KĂ€ufer noch VerkĂ€ufer namentlich nennt, ausser wenn diese es wie im Fall der Stiftung Im Obersteg ausdrĂŒcklich wĂŒnschen.
Der Tanz der schwarzen Sklaven
Mit Cakewalk ist ein Tanz gemeint, dessen Wurzeln sich bis in die Zeit der amerikanischen Sklaverei zurĂŒckverfolgen lassen. UrsprĂŒnglich waren es Afroamerikaner, die in Tanzwettbewerben die TĂ€nze der weissen Herrschaft lĂ€cherlich machten. Das Siegerpaar soll jeweils einen Kuchen als Preis bekommen haben. Deshalb der Name Cakewalk.
Der Tanz breitete sich von den US-amerikanischen SĂŒdstaaten ausgehend aus und erreichte schliesslich auch Europa, wo afroamerikanische TĂ€nzerinnen und TĂ€nzer mit Ragtime-Rhythmen in stĂ€dtischen Tanzlokalen auftraten und die Welt der bĂŒrgerlichen GesellschaftstĂ€nze aufmischten. Auch Postkarten und satirische Werbegrafiken nahmen sich des PhĂ€nomens an, nicht selten mit rassistischen Untertönen.
Kirchner bediente sich bei seiner Motivwahl sowohl solcher Postkarten wie auch eigener Anschauung. Zahlreiche Skizzen sind ĂŒberliefert, in denen er Details und ganze Kompositionen seines grossen Tanzbildes festhĂ€lt. Offenbar war der KĂŒnstler fasziniert von diesen verrĂŒckten TĂ€nzen, welche die TanzbĂŒhnen in den GrossstĂ€dten der Jahrhundertwende eroberten.
Oder wie es die Kunsthistorikerin Marietta Piekenbrock in ihrem Essay im Auktionskatalog formuliert: «âčTanz im VarietĂ©âș ist eine Hommage an das Goldene Zeitalter der UnterhaltungskĂŒnstler, die vor dem Ersten Weltkrieg mit ihren ShowtĂ€nzen das Publikum in Ekstase versetzten.»
Das GemÀlde wird voraussichtlich ab Herbst im Kunstmuseum Basel ausgestellt werden.
Das Kunstmuseum Basel erhÀlt Kirchners «Tanz im Varieté» | Basler Zeitung
«Tanz im Varieté» von Ernst Ludwig Kirchner wird derzeit im Kunstmuseum Basel restauriert.
Sensation in der Kunstwelt-Verschollenes Kirchner-Bild mit Durchschuss neu in Basler HĂ€nden
FĂŒr sieben Millionen Euro hat eine Basler Stiftung ein Bild von Ernst Ludwig Kirchner ersteigert und lĂ€sst es nun restaurieren.
Tobias Bossard, 20.11.2024
Speziell ist nicht nur, dass ein verschollen geglaubtes Bild nach rund 100 Jahren wieder auftaucht. Sondern auch, dass auf dieses geschossen wurde.
Dass das Bild nach einer dramatischen Versteigerung bei der Basler Stiftung Im Obersteg landet, macht die Geschichte umso spezieller. Doch von Anfang an.
1911 malt Ernst Ludwig Kirchner das Bild «Tanz im Varieté» in Dresden. Es zeigt einen sogenannten Cakewalk. Der Tanz entstand um 1850 in den USA.
«Sklavinnen und Sklaven machten sich ĂŒber die weisse Herrschaft lustig, indem sie die steifen Bewegungen und die ungelenke Art der Weissen nachĂ€fften», erklĂ€rt GĂ©raldine Meyer, Kuratorin der Stiftung Im Obersteg. «Mit der Zeit gab es auch Wettbewerbe, bei denen der beste TĂ€nzer ein StĂŒck Kuchen, einen Cake, gewann â daher der Name», so Meyer.
Der Cakewalk entwickelt sich zum Modetanz und kommt nach Europa. In einem VarietĂ© in Dresden sieht Kirchner den Tanz und nimmt ihn als Vorlage fĂŒr das Bild.
Als der deutsche Maler 1917 nach Davos zieht, nimmt er das Bild mit und hĂ€ngt es in seinem Haus auf, wie verschiedene Fotos beweisen. 1923 wird das Bild letztmals in der Ăffentlichkeit gesehen: an einer Ausstellung in Berlin. Danach verlieren sich die Spuren â bis in diesem Jahr das Bild an einer Auktion in MĂŒnchen auftaucht.
Im Weltkrieg auf einem Bauernhof versteckt
Das Auktionshaus Ketterer hat die Geschichte des Bildes rekonstruiert. Um 1930 kauft es ein deutscher Emailfabrikant. Nach dessen Tod geht das Bild 1944 an einen badischen Schmuckdesigner. Dieser versteckt es in einer Kiste auf einem Bauernhof, da Kirchners Werke unter den Nationalsozialisten als entartete Kunst gelten.
Auf der RĂŒckseite des Bildes sind der Einschuss und der Stich mit dem Bajonett gut sichtbar.
Von vorne sieht man jedoch kaum etwas, da das Schussloch und der Stich geflickt wurden. Nur wenn man ganz nahe herangeht, kann man das Schussloch entdecken, das ein französischer Soldat 1945 verursacht hat.
Noch schwieriger erkennbar ist der 13 Zentimeter lange Bajonett-Stich auf dem Bein des TĂ€nzers.
Als Ernst Ludwig Kirchner 1917 nach Davos ging, nahm er das Bild mit und hÀngte es in seinem Haus auf.
Damals war das Bild noch unbeschĂ€digt. Allerdings rollte es Kirchner beim Umzug nach Davos auf die falsche Seite. Deshalb â und weil die Malschicht mittlerweile auch sonst fragil ist â wird es nun restauriert.
1945 entdecken französische Soldaten bei der Einnahme des Dorfes die Kiste mit dem Bild. «Wahrscheinlich aus Stress oder Ăbermut schiesst ein Soldat auf das Bild und schlitzt es mit dem Bajonett auf», sagt Hans Furer, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Stiftung Im Obersteg. Er schmunzelt: «Das Bild hat jetzt einen Schuss und einen Stich.»
Die Soldaten lassen das GemĂ€lde zurĂŒck, sodass es in der Privatsammlung bleibt. Bis diesen Juni, als das Bild in MĂŒnchen versteigert wird. Und die Auktion hat es in sich: «Das Bild wurde auf zwei bis drei Millionen Euro geschĂ€tzt. Aber wir waren ĂŒberzeugt, es geht fĂŒr viel mehr weg», erzĂ€hlt Hans Furer. «Also legten wir einen Höchstwert von sieben Millionen fest â und genau fĂŒr so viel erhielten wir das Bild.»
GlĂŒck fĂŒr Basler: Auktionator bleibt hart
Die Basler Stiftung hat aber GlĂŒck. Denn der verbleibende Mitstreiter bietet 100'000 Euro mehr. Da jedoch nur 200'000er-Schritte erlaubt sind, fordert der Auktionator ein höheres Gebot. «Zuerst dachte ich: Oje, jetzt haben wir das Bild verloren», erzĂ€hlt Kuratorin GĂ©raldine Meyer, die vor Ort war.
«Weil der Auktionator keine Ausnahme zuliess, war der Gegenbieter wohl ein bisschen eingeschnappt und hat nicht weiter geboten. Das war ein richtiger Krimi.»
So passt der Erwerb des Bildes zur turbulenten Geschichte des Werkes, das ab Juni 2025 im Kunstmuseum Basel ausgestellt wird. Wer dann genau hinschaut, kann nicht nur den Cakewalk sehen, sondern auch Schuss und Stich entdecken.
Durchschuss und Stich werden nicht restauriert
Millimetergenaue Arbeit Die SchÀden an der Malschicht werden unter dem Mikroskop behandelt. Die Restaurierung dauert insgesamt sechs Monate.
Das Bild «Tanz im Varieté» hat in all den Jahren gelitten. Deshalb wird es nun im Auftrag der Stiftung Im Obersteg rund sechs Monate lang vom Kunstmuseum Basel restauriert.
«Kirchner hat das Bild bei seinem Umzug in die Schweiz abgespannt und in die falsche Richtung gerollt. Dabei sind SchÀden an der Malschicht entstanden, die wir noch heute sehen», sagt Restauratorin Esther Rapoport.
«Zudem ist das Werk generell sehr fragil, so dass in vielen Bereichen die Malschicht abzufallen droht. Darum mĂŒssen wir diese befestigen.»
Der Schuss und der Stich im Bild werden aber nicht angerĂŒhrt. «Diese SchĂ€den wurden frĂŒher einmal restauriert. Wir hingegen belassen diese so, da sie Teil der Werkgeschichte und des historischen Wertes des Bildes sind.»
Basler kaufen Bild von Kirchner mit Durchschuss und Dolchstoss - News - SRF
Schnitt und Schuss: GemÀlde «Tanz im Varieté» hat viel durchgemacht
Im Juni ersteigerte die Basler Stiftung Im Obersteg das GemÀlde «Tanz im Varieté».
Seit Oktober wird dieses nun im Kunstmuseum Basel restauriert.
Die Stiftung stellt ihre Sammlung dem Kunstmuseum Basel als Leihgabe zur VerfĂŒgung.
Magdalena Ritler richtet die Taschenlampe auf eine feine, kaum wahrnehmbare Linie. Ein Schnitt. Dann schwenkt sie das Licht auf einen kleinen, hellen Fleck. Ein Schuss. Es sind Spuren der bewegten Geschichte eines besonderen Kunstwerks.
Ritler ist Restauratorin am Kunstmuseum Basel. Vor ihr liegt auf einem grossen Arbeitstisch das Bild «Tanz im Varieté» des deutschen Malers Ernst Ludwig Kirchner. Das GemĂ€lde stammt aus dem Jahr 1911 und hat im Sommer europaweit fĂŒr Aufsehen gesorgt.
Das Werk gilt wĂ€hrend 100 Jahren als verschollen. Zuletzt ist es 1923 an einer Ausstellung bei Paul Cassirer in Berlin öffentlich zu sehen, danach verschwindet es von der BildflĂ€che â bis es 2024 an einer Auktion von Ketterer Kunst in MĂŒnchen wieder auftaucht. Die Basler Stiftung Im Obersteg ersteigert es im Juni fĂŒr fast sieben Millionen Euro, wie OnlineReports zuerst berichtete.
Seit Oktober wird «Tanz im Varieté» im Auftrag der Stiftung Im Obersteg von den beiden GemÀlde-Restauratorinnen Esther Rapoport und Magdalena Ritler unter der Leitung von Caroline Wyss Illgen im Kunstmuseum Basel restauriert.
«FĂŒr mich ist das eine interessante Herausforderung und vor allem auch eine Riesenchance», sagt Ritler. Die 28-JĂ€hrige hat erst im vergangenen Jahr ihren Masterabschluss gemacht.
Die Stiftung Im Obersteg stellt ihre Privatsammlung, zu der nun auch «Tanz im Varieté» gehört, dem Kunstmuseum Basel als Leihgabe zur VerfĂŒgung und prĂ€sentiert sie zu einem grossen Teil auch dort.
Das restaurierte Bild soll am 2. Juni 2025 in der Ausstellung «Paarlauf» gezeigt werden. Danach kommt es in die Dauerausstellung des Museums. Dass das GemĂ€lde auch in anderen Museen gezeigt wird, ist eher unwahrscheinlich. Es sei fĂŒr Reisen zu fragil, sagt GĂ©raldine Meyer.
Die Kuratorin der Stiftung Im Obersteg hat im FrĂŒhling das GemĂ€lde bei Ketterer Kunst entdeckt und bei der Auktion in MĂŒnchen schliesslich den Zuschlag erhalten.
«Tanz im Varieté» hat seit seiner Entstehung einiges durchgemacht. Als Kirchner 1917 von Deutschland nach Davos ĂŒbersiedelt, reist auch das Werk mit. Seine Partnerin spannt es fĂŒr den Transport vom Rahmen ab und rollt es in die falsche Richtung. Dadurch wird die dĂŒnne Malschicht beschĂ€digt.
Nach mehreren Handwechseln gelangt das Werk 1944 in eine Privatsammlung in Baden-WĂŒrttemberg. Dort bleibt es wĂ€hrend 80 Jahren verborgen. Um es vor dem Naziregime zu schĂŒtzen â Kirchners Kunst gilt zu dieser Zeit als «entartet» â versteckt es der Besitzer auf einem Bauernhof in einer Kiste.
Als 1945 französische Truppen einmarschieren und das Bild finden, schiesst ein Soldat darauf und schlitzt es mit einem Bajonett auf.
Die beschĂ€digte Leinwand wird spĂ€ter restauriert. Ritler zeigt Fotos von der RĂŒckseite des GemĂ€ldes. Darauf sieht man die geflickten Stellen. Diese belasse man so, sagt die Restauratorin. Sie seien Teil der Werkgeschichte und hĂ€tten einen historischen Wert.
Ritler hat das Bild mit SchnĂŒren in verschiedene Segmente unterteilt. Diese Unterteilung ist auch auf der sogenannten Kartierung ersichtlich.
Das ist eine Zeichnung des GemÀldes, auf dem die SchÀden und Arbeitsschritte dokumentiert sind. Das dient der Restauratorin zur Orientierung. «Damit ich mich nicht verliere und zweimal dieselbe Stelle bearbeite.»
Bevor sie mit der eigentlichen Restaurierungsarbeit beginnen konnte, haben die Restauratorinnen das GemÀlde gemeinsam mit anderen Mitarbeitenden des Kunstmuseums, wie etwa aus der wissenschaftlichen Fotografie, analysiert.
Mit Infrarot- und Röntgenaufnahmen haben die Spezialistinnen und Spezialisten die Schichten des Werks untersucht.
Man weiss etwa, dass Kirchner seine fertigen Werke zum Teil ĂŒberarbeitete â manchmal erst viele Jahre nach ihrer Entstehung.
Es sei wichtig, Retuschen des Malers zu erkennen, sagt Ritler. Im Gegensatz zu fremden Nachbesserungen, die man beseitige, lasse man diese bestehen.
Leuchtende Farben und matte Malerei
Ritler arbeitet vor allem unter dem Mikroskop. Mit einer Art Mini-Staubsauger befreit sie das GemĂ€lde von Schmutz und entfernt kleine, dunkle Flecken. So kĂ€men die fĂŒr Kirchners Kunst charakteristischen leuchtenden Farben und die matte Malerei besser zum Ausdruck.
Dabei achtet die Restauratorin aber darauf, nicht zu viel abzutragen, denn wie das Einschussloch und der Schnitt gehöre auch die ĂŒber die Jahre hinweg gebildete Patina zum Bild. Bis es wieder auftauchte, kannte man «Tanz im Varieté» nur als Abbildung auf Schwarz-Weiss-Fotografien.
Kirchner gestaltete fĂŒr fast alle GemĂ€lde, die er verkaufte, einen Rahmen; fĂŒr ihn gehörte dieser untrennbar zum Bild. Der Rahmen von «Tanz im Varieté» ist aber nicht mehr vorhanden. GemĂ€ss Nachforschungen von Ketterer Kunst wurde er wahrscheinlich im Zweiten Weltkrieg zerstört.
Die Stiftung Im Obersteg hatte bislang kein Kirchner-GemĂ€lde â obwohl Karl Im Obersteg und der deutsche Maler sich kannten und Briefkontakt pflegten.
Die rund 20 Schriftwechsel befinden sich im Archiv der Stiftung. Mit «Tanz im Varieté» habe man nun diese LĂŒcke schliessen können, sagt GĂ©raldine Meyer.
Kunstkenner kritisieren, die Stiftung habe fĂŒr das GemĂ€lde «zu viel Geld» ausgegeben. Die Kuratorin wehrt sich gegen diesen Vorwurf. Mit zwei bis drei Millionen Euro sei der SchĂ€tzwert viel zu tief angesetzt gewesen. Das habe auch das Auktionshaus Ketterer gewusst.
Im Gegensatz zur Stiftung besitzt das Basler Kunstmuseum bereits eine Skulptur und drei GemĂ€lde von Kirchner: «Davos im Winter», «Stafelalp. RĂŒckkehr der Tiere» und «Amselfluh». Sie stammen alle aus der Davoser Zeit des KĂŒnstlers und legen den Fokus auf die Berge und WĂ€lder des BĂŒndner Ferienorts.
Vor seinem Umzug in die Schweiz hat Kirchner in Dresden und Berlin viele Stadtmotive gemalt. «Tanz im Varieté» ist eines davon und mit 120 auf 145 Zentimetern laut Ketterer «eines der aussergewöhnlich grossformatigen Bilder im Werk Kirchners». Der Expressionist habe damit seine Faszination fĂŒr den Tanz zum Ausdruck gebracht.
Das Bild zeigt einen sogenannten Cakewalk zwischen einem schwarzen Mann und einer weissen Frau. Der Gesellschaftstanz entstand um 1850 in den USA.
Wie jetzt bekannt geworden ist, wurde das GemĂ€lde dem Basler Kunstmuseum in den frĂŒhen 30er-Jahren zweimal zum Kauf angeboten; einmal von den Nachlassverwaltern des damaligen Besitzers, eines Emailwaren-Fabrikanten und Kunstsammlers, und einmal von der Mannheimer Galerie Buck, die das Werk in Kommission hatte.
Der damalige Museumsdirektor Otto Fischer hÀtte es gerne erworben, doch sei die Kunstkommission dagegen gewesen, vor dem Krieg so viel Geld auszugeben, erzÀhlt Meyer. Nun schliesst sich der Kreis wieder.
Ob damit auch das letzte Kapitel der Geschichte dieses Werks geschrieben ist? Selbst wenn der Wert des Bildes durch die Restaurierung und die Ausstellung steige, habe die Stiftung nicht vor, es wieder zu verkaufen, sagt Meyer.
Die turbulente Vergangenheit zeigt aber: Bei «Tanz im Varieté» ist alles möglich.
Schnitt und Schuss: GemÀlde «Tanz im Varieté» hat viel durchgemacht | Nau Basel