Von kleinauf ist jeder von uns mit Verlusten konfrontiert.Â
Der erste Zahn, die Runde Mau Mau, ein Wettrennen. Die Unschuld. Vielleicht ein Verwandter, die GroĂeltern. Irgendwann die Eltern.Â
Jeder Verlust schmerzt auf seine Weise, kein hinterlassenes Loch Àhnelt dem anderen. Manche Verluste können wir vorhersehen, andere treffen uns aus heiterem Himmel.
Was wohl die wenigsten vorhersehen können und wollen, ist der Verlust des eigenen Kindes.Â
Wer einen positiven Schwangerschaftstest in HĂ€nden hĂ€lt, denkt nicht daran, in naher Zukunft an einer Beerdigung teilzunehmen. Abschied zu nehmen, bevor begrĂŒĂt werden konnte.
Meine Zwillinge waren absolute Wunschkinder. Als ich erfuhr, dass es zwei Babys waren, die meine andauernde Ăbelkeit verursachten, tauchten viele kleine Fragen in meinem Kopf auf.
Wie komme ich in unserem Haus ohne Fahrstuhl die Treppen runter mit zwei Babyschalen?
Wo parke ich den Kinderwagen am besten?
Wie bauen wir ein schönes Beistellbettchen fĂŒr zwei Babys?
Lassen sich zwei Kinder gleichzeitig stillen?
Was ich mich nicht gefragt habe, war, ob ich das Fachchinesisch eines Autopsieberichts verstehen wĂŒrde. Oder ob Bays Angst haben, wenn sie im Mutterleib langsam ersticken.Â
Als in der 13. Woche nach einigen Tagen Fieber meine Fruchtblase platzte, war ich nicht vorbereitet. Denn nichts bereitet dich auf so etwas vor.Â
Im Film heiĂt ein positiver Schwangerschaftstest, dass in neun Monaten ein Baby das Licht der Welt erblickt, wenn man keinen Abbruch vornimmt. Oder in einen schrecklichen Unfall verwickelt ist.
Irgendwie haben wir alle schon mal gehört, dass die ersten zwölf Wochen einer Schwangerschaft wohl etwas heikel sein sollen und man in dieser Phase besser noch nicht zu euphorisch wird. Nach Abwarten dieser zwölf Wochen habe ich also, obwohl ich da bereits Fieber hatte, der Verwandtschaft die aufregende Kunde ĂŒberbracht, hatte das Personal im Krankenhaus mich doch mit âAlles kein Grund zur Sorgeâ beruhigt.
Warum es oberste Maxime zu sein scheint, werdende MĂŒtter ja zu beruhigen, ist mir ein RĂ€tsel. Beschwichtigen, schön und gut, aber irgendwie habe ich doch das GefĂŒhl, hĂ€tte man etwas genauer hingeschaut, meine Sorgen etwas ernster genommen - vielleicht hĂ€tte nichts von all dem passieren mĂŒssen.Â
Exakt eine Woche, nachdem ich mit einem âKein Grund zur Beunruhigungâ vom Krankenhaus heimgeschickt worden war, verlor ich in eben diesem Krankenhaus das erste meiner beiden Kinder. Mein Junge war so klein, dass er beim morgendlichen Toilettengang im Bad meines Krankenzimmers ohne Vorwarnung aus mir herausfiel.
Der Schock saĂ tief, aber Zeit fĂŒr ZusammenbrĂŒche hatte ich nicht. Ein unschuldiges, zweites kleines Leben wollte geliebt und beschĂŒtzt werden. Heranwachsen.
Wenn du nach einem solchen Erlebnis aus dem Krankenhaus entlassen wirst und dir mitgegeben wird, dass es deinem Baby gut geht und alles okay ist, willst du das glauben. Was du nicht willst, ist Folgendes:
Eine Woche spÀter erfahren, dass dein Kind kein Fruchtwasser mehr hat. Hören, dass dein Kind sterben wird.
Die kommenden sechs Wochen haben wir, alleine, gekĂ€mpft, so gut wir konnten. Wir haben das Bett gehĂŒtet. Gebetet. Alle Tipps und RatschlĂ€ge befolgt, die Selbsthilfegruppen fĂŒr MĂŒtter mit frĂŒhen BlasensprĂŒngen liefernt konnten, befolgt. Es ist traurig, wenn Selbsthilfegruppen im Internet dir mehr medizinisches Wissen vermitteln, mehr Tipps geben, mehr mit dir kĂ€mpfen als alle deine Ărzte, die im Endeffekt nur die Schultern zucken.
Unser Junge war tapfer. Es lag nicht, nie, an ihm.
Verloren haben wir ihn an Neujahr an einen Nabelschnurvorfall.
Wissen, dass das neue Jahr mit dem Tod deines Kindes beginnen wird.Â
Wissen, dass deine erste Entbindung bevorsteht und du im Anschluss kein Baby weinen hören wirst.
In dieser Schwangerschaft habe ich viele Dinge gelernt, die ich nie lernen wollte.
Dass Babys erst ab der 24. Woche als âlebensfĂ€higâ angesehen werden und vorher in Krisensituationen wenig bis nichts unternommen wird, weil es keinen âSinnâ macht.
Dass man ohne Fruchtwasser auf dem Ultraschall quasi nichts erkennen kann.
Wieviele Konsistenzen und Farbabstufungen Blut hat und welche davon besonders angsteinflöĂend sind.
WofĂŒr die AbkĂŒrzung PPROM steht.
Wie weich sich eine Nabelschnur anfĂŒhlt.
Mein Sohn wog in der 19. Woche nur 90 Gramm. Die Plazenta war nach dem ReiĂen der Fruchtblase so entzĂŒndet, dass sie ihn nicht ausreichend mit NĂ€hrstoffen versorgen konnte.Â
Das Schlimmste nach der Entbindung war nicht der hohe Blutverlust oder der Fakt, dass ich dadurch nicht einmal aufstehen konnte, sondern die Einsamkeit.
Nach einer Entbindung regnet es Hormone. Du möchtest dein Baby wiegen. Ihm ein Schlaflied singen. FĂŒttern.Â
Stattdessen lag mein Kind winzig und tot in einem Krankenhauszimmer, eingepackt in ein kleines Deckchen. Mir fehlte die Kraft, mich dem Anblick zu stellen. Ihn in den Arm zu nehmen und so zu wiegen und halten, wie jedes Baby gehalten werden sollte. Ihm einen ersten, letzten Kuss zu geben. Ich wĂŒnschte, ich hĂ€tte die Kraft aufbringen können.
Wenn dein Kind tot zur Welt kommt, ist vieles plötzlich ĂŒberflĂŒssig.
Das Sparbuch, das du fĂŒr deine Kinder eröffnet hast.
Die kuschelige Decke, die du ihnen zu hÀkeln begonnen hast.
Das Fotoalbum, in das du all die kleinen Ultraschallbilder ihres Heranwachsen kleben wolltest.Â
Das Stillkissen. Die Still-BHs.
Wenn deine Kinder sterben, bringen Bekannte und Verwandte dir viel MitgefĂŒhl entgegen. Viele spĂŒren instinktiv, dass es keinen Trost gibt und sagen wenig. Einige finden bewegende, wenige genau die richtigen Worte.
Andere, vor allem Ărzte, möchten gut meinende Worte sprechen und sagen dabei die ungeheuerlichsten Dinge. Die schlimmsten SĂ€tze, die ich mir bisher anhören musste, waren mit Abstand die folgenden:
1.) Sie sind ja noch jung. Sie können es nochmal probieren.
2.) NĂ€chstes Mal wird alles besser.
3.) Immerhin wissen Sie, dass Sie schwanger werden können. Viele Frauen können das nicht.
4.) In ein paar Monaten bist du wieder schwanger, und dann ist wieder alles gut.
Ich verstehe die gute Absicht. Die AbsurditÀt solcher SÀtze wird hingegen deutlich, wenn man sich vorstellt, diese SÀtze einer Mutter zu sagen, deren dreijÀhriges Kind gerade gestorben ist.
Meine Babys sind tot. Keine neue Schwangerschaft macht das wieder âgutâ. Meine Söhne sind gestorben, bevor sie das Licht der Welt erblicken durften. Bevor sie mich das erste mal treten konnten. Das heiĂt nicht, dass ihr Leben weniger wert war und sie nur eine Randnotiz sind. Ihre Herzen haben geschlagen. Sie haben um sich geboxt, getreten. Die kleinen HĂ€ndchen ĂŒber ihre Gesichter und ihre niedlichen Nasen tasten lassen.
Sie wollten leben, aber durften es nicht. Und warum? Wegen einer beschissenen Infektion in meiner GebĂ€rmutter, die ihnen ihre Fruchtblasen kaputt gemacht hat.Â
Nichts davon wird wieder âgutâ und ich finde es geschmacklos, dass eine derartige Erfahrung rein rechtlich als Marginalie angesehen wird. HĂ€tte ich nicht zwei Liter Blut verloren, hĂ€tte ich direkt nach Entlassung aus dem Krankenhaus wieder zur Arbeit gehen sollen, denn erst ab 500g Geburtsgewicht greift der gesetzliche Mutterschutz.
Das Gesetz berĂŒcksichtigt nicht, dass ich genauso in den Wehen lag wie jede andere werdende Mutter. Dass ich vier Wochen lang Wochenfluss hatte. Dass ich Tabletten nehmen musste, damit mir der Milcheinschuss kein dauerhaftes psychisches Trauma verpasst. Dass ich viele Wochen lang nicht den kleinsten Grund finden konnte, morgens aufzustehen. Abends Angst davor hatte, das Licht zu löschen und mit all den Erinnerungen und geplatzten TrĂ€umen allein zu sein. Dass ich den Blick abwenden muss, wenn ich schwangere Frauen sehe und mir das Herz bricht, wann immer ein Kinderwagen vorbeirollt.
Dass ich Mutter geworden bin, aber kein Kind habe.
ZĂ€hlt mein Baby weniger, weil es nicht lebend zur Welt kommen durfte? ZĂ€hlt meine Entbindung weniger, weil mein Kind zu klein war, um mir einen Dammriss zuzufĂŒgen?
In mir brodelt viel Wut.
DarĂŒber, was passiert ist.
Ărzte. Gesetze.
Meinen eigenen Körper, der mich, und meine Kinder, so verraten hat.
Mich selbst, weil ich meinem Baby keinen Abschiedskuss gegeben habe.
Leute, die ungewollt schwanger werden oder Babys bekommen, die sie gar nicht wollen, wĂ€hrend es fĂŒr uns so schwer ist.
Leute, die mir in einem Satz ihr Beileid bekunden und zwei SÀtze spÀter erzÀhlen, dass sie im 8. Monat sind und neulich ja auch so besorgt waren, als sie einen Schnupfen hatten.
WĂŒtend auf mich, weil ich etwas Ă€hnlich Unsensibles gesagt habe, als meine Freundin mir von ihrem Schwangerschaftsverlust erzĂ€hlt hat. Bitte entschuldige, es tut mir sehr leid.
Wut flammt auf, wieder und wieder, doch verraucht sie auch schnell wieder. Schlimmer ist etwas anderes. Scham. Mehr als irgendetwas sonst fĂŒhle ich mich klein.
Ich konnte meine Babys nicht beschĂŒtzen. So wenig fĂŒr sie tun.
Wir Frauen sind rein biologisch dafĂŒr gemacht Kinder auf diese Welt zu bringen. Wenn ich nicht einmal das kann, wozu tauge ich dann eigentlich?
Und trotz all dem bin ich auch dankbar. FĂŒr jeden, der mir in diesen Wochen beigestanden hat. Mit uns gefiebert und geweint hat.
Meine Cousine, die meine Hand gehalten hat, als die Wehen in den ersten Schwall Blut mĂŒndeten.
Meine Mama, die mit mir ĂŒber dem ersten, einzigen Foto unseres zweiten Zwillings geweint hat.
Mein Vater und seine Frau, die die schönste Abschiedskarte geschrieben haben, die kleine Enkelkinder hÀtten bekommen können.
Meine Freundin, die mich gefragt hat, was ein Nabelschnurvorfall ist und mir damit Gelegenheit gegeben hat, das Geschehene durch ErzĂ€hlen selbst besser zu begreifen.Â
Meinen Freund, der mich nie allein gelassen hat.Â
Ich bin dankbar fĂŒr jeden, der mir Phrasen erspart, jeden, der nicht so tut als hĂ€tte es meine Söhne nie gegeben, jeden, der mit mir an sie denkt und mir Gelegenheit gibt ĂŒber sie und was geschehen ist zu reden, denn mehr als diese GesprĂ€che ĂŒber die Schwangerschaft und das Ende werde ich an gemeinsamen Erinnerungen mit meinen Babys nicht bekommen.
Einer erneuten Schwangerschaft blicke ich nicht sehr positiv entgegen. Das wohl Schlimmste, was ich bisher gehört habe, war folgender Satz: âDu musst da positiv rangehen.â
Wer auch nur eine halbe Stunde in das Thema Fehlgeburt und Totgeburt hineinliest, und situationsbedingt musste ich das lange und ausgiebig tun, weiĂ, dass ein gesundes Kind keine SelbstverstĂ€ndlichkeit ist und dass circa eine Milliarde Dinge auf dem Weg dorthin massiv daneben gehen können.
Wer all das schon aus erster Hand erfahren musste, dem fehlt die Unschuld des âDas passiert nur anderen.â Wem die Unschuld des Optimismus fehlt, dem bleibt nur tapferes Hoffen und wie wenig das auszurichten vermag, habe ich ebenfalls erlebt.
Sicherlich kann âNĂ€chstes Mal alles besserâ werden. Dennoch können sich Leute, die das predigen, einige Dinge anscheinend nicht vorstellen.
Wie schwer es wird, auf die Frage âOh, ist das Ihr erstes Kind?â von Fremden zu antworten. (âNein.â - âSĂŒĂ, wie alt sind denn die Geschwister?â usw.)
Der Aussage âAlles sieht prima aus!â vom Arzt zu glauben.
Vertrauen zu haben, dass der eigene Körper schon weiĂ, was er da macht.
Die Schwangerschaft bekannt zu geben, wenn man beim letzten Mal keine paar Tage spĂ€ter Todesnachrichten ĂŒberbringen mussten.
Der Tod eines Ungeborenen ist unwiderruflich und nicht wieder gut zu machen. Er macht einsam, denn fĂŒr viele AuĂenstehende zĂ€hlt er irgendwie nicht richtig und man bekommt das GefĂŒhl, unnötiges Drama zu veranstalten, es sei ja nicht so schlimm. An all diesen Themen zu knabbern ist viel Arbeit, daher bin ich jedem dankbar, der keinen Optimismus von mir verlangt. Jeden, der anerkennen kann, dass das Leben meiner Söhne echt war und kein âZwischenfallâ, den man unter den Teppich kehren kann.
Mein besonderer Dank gilt im letzten Zuge der Organisation Little Heartbeats aus England, die mir Informationen und vor Allem Hoffnung gegeben haben, als alle deutschen Quellen ratlos und nutzlos waren und die mir und anderen PPROM-MĂŒttern, auch und besonders jetzt, âdanachâ, Kraft und UnterstĂŒtzung geben.