"Vielmehr bĂŒĂt RationalitĂ€t zunehmend die Kraft zur Mnemosyne ein, die einmal ihre eigene war: seit letztem auch, mit pathischer Vehemenz, in Deutschland. Das Schreckbild einer Menschheit ohne Erinnerung aber ist kein bloĂes Verfallsprodukt, keine subjektive Reaktionsweise derer, die, wie man so sagt, mit Reizen ĂŒberflutet wĂ€ren und sie nicht mehr bewĂ€ltigen. Sondern AhistorizitĂ€t des BewuĂtseins ist als Bote eines statischen Zustands der RealitĂ€t mit ratio notwendig verknĂŒpft, mit der Fortschrittlichkeit des bĂŒrgerlichen Prinzips und seiner eigenen Dynamik. Es ist das des universalen Tauschs, des Gleich und Gleich von Rechnungen, die aufgehen, bei denen eigentlich nichts zurĂŒckbleibt; alles Historische aber wĂ€re ein Rest. Tausch ist, als Revokation eines Aktes durch einen anderen, dem Sinn seines Vollzugs nach selber zeitlos, mag er auch in der Zeit stattfinden: so wie ratio in den Operationen der Mathematik ihrer reinen Form nach Zeit aus sich ausscheidet. Aus der industriellen Produktion verschwindet denn auch die konkrete Zeit. Mehr stets verlĂ€uft sie in identischen und stoĂweisen, potentiell gleichzeitigen Zyklen. Mit dem Gegensatz von feudalem Traditionalismus zu radikaler bĂŒrgerlicher RationalitĂ€t wird am Ende Erinnerung, Zeit, GedĂ€chtnis von der fortschreitenden bĂŒrgerlichen Gesellschaft als irrationale Hypothek liquidiert im Gefolge der fortschreitenden Rationalisierung der industriellen Produktionsverfahren, die mit anderen Rudimenten des Handwerklichen auch Kategorien wie die der Lehrzeit reduzieren, das Muster qualitativer, aufgespeicherter Erfahrung, deren es kaum mehr bedarf. EntĂ€uĂert in der gegenwĂ€rtigen Phase die Menschheit sich der Erinnerung, um kurzatmig in der Anpassung ans je GegenwĂ€rtige sich zu erschöpfen, so spiegelt darin sich ein objektiver Entwicklungszug. Wie Statik gesellschaftliche Bedingung des Dynamischen ist, so terminiert die Dynamik fortschreitender rationaler Naturbeherrschung teleologisch in Statik. Die totalitĂ€re Kirchhofsruhe, Widerpart des Friedens, enthĂŒllt als unmĂ€Ăige Ăbermacht des UnterdrĂŒckenden ĂŒber das UnterdrĂŒckte, daĂ RationalitĂ€t partikular bloĂ sich entfaltete. Blinde Herrschaft ĂŒber Natur, welche diese feindselig in sich hineinschlingt, bleibt antagonistisch in sich, nach dem Urbild des Antagonismus von Herrschenden und Beherrschten. Die der gesellschaftlichen Dynamik immanente Statik ist Index ihres Falschen, beharrender IrrationalitĂ€t. Ratio selbst, naturbeherrschende Vernunft, ist zugleich ein StĂŒck jener Ideologie, welche die Vernunft kritisiert. Sie wird dazu als unabdingbar vergegenstĂ€ndlichende, verfĂ€lschende. Ihr gegenĂŒber ist Spekulation nicht, wie Comte und alle Denunzianten von Metaphysik es wollten, einzig reaktionĂ€r sondern auch Bedingung einer Freiheit, welche die Positivisten im Munde fĂŒhren und zugleich sabotieren."
Adorno, Theodor W. (1979/1961): Ăber Statik und Dynamik als soziologische Kategorien, in: Ders.: Soziologische Schriften I, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M., S. 230f.