Auch wenn ich hier nur ĂŒber meine persönlichen Erfahrungen spreche, will ich unsere Eltern nicht fĂŒr mich vereinnahmen und werde sie durchgehend als unsere Eltern bezeichnen, weil das schlicht biologisch korrekt ist. Unsere Mutter nannten wir meist "Muddy" und unseren Vater "Holger", das erste kleine Tabu war also ihn Vater, Papa usw. zu nennen.Â
In unserer Familie gab es erstaunlich wenig Tabus im klassischen Sinn. Wir sprachen ĂŒber Tod. Tiere wurden geschlachtet und gegessen, ohne romantische VerklĂ€rung. Holger ging mit nur einem Arm selbstverstĂ€ndlich ins Schwimmbad, stellte keinen Mythos um seine Behinderung auf, machte sich eher lustig ĂŒber neugierige Fragen. Psychische ZusammenbrĂŒche wurden nicht geleugnet, Alkoholprobleme nicht unsichtbar gemacht. Wir waren keine Familie, die nach auĂen eine heile Welt vorspielte.
Und doch war unsere Familie von Tabus durchzogen.
Das erste Tabu war Hilfe.
Ich habe als Kind auf den Knien um Hilfe gebettelt. Unsere Familie war laut, theatralisch und ich selbst darin schon als ĂŒbertrieben verschrien, also nahm ich was ich hatte um gehört zu werden. Ich war zwölf oder dreizehn, ich wusste, dass etwas mit mir nicht stimmte. Nicht nur die anderen waren gemein. Ich spĂŒrte, dass in mir etwas war, das ich alleine nicht regulieren konnte. âMuddy, ich brauche Hilfe. Ich bin nicht normal.â Ich wollte zu einem Arzt. Gemeint war meine Psyche. Die Antwort war kein GesprĂ€ch ĂŒber GefĂŒhle. Die Antwort war Schweigen und Abwehr. Hilfe holen hĂ€tte fĂŒr sie bedeutet, als Mutter versagt zu haben. Hilfe holen hĂ€tte bedeutet, dass die Leute reden.
Das zweite Tabu war Trennung.
Ich bin wieder auf die Knie gefallen und habe die Muddy angefleht, Holger zu verlassen. Unsere Mutter antwortete auf meinen Kniefall mit einem Satz, der tiefer saĂ als alles andere was danach noch kam: âWas wĂŒrden die Leute sagen, wenn ich einen einarmigen Mann verlasse?â Nicht sein Charakter, nicht unser Wohlergehen, sondern das Urteil der AuĂenwelt war MaĂstab. Das Leiden war erlaubt. Die VerĂ€nderung nicht.
Holger war kein Heiliger. Er war cholerisch, tyrannisch, lieĂ uns frieren, kontrollierte Wasser-, Holz- und Stromverbrauch und zwang uns zu Disziplin, die mit FĂŒrsorge wenig zu tun hatte. Es hĂ€tte sein können und war mir damals schon bewusst, dass er bei einer Trennung ausrastet und gewalttĂ€tig versucht diese zu verhindern.Â
Gleichzeitig war er gebildet, leidenschaftlicher Musiker, ein Freigeist, ein Querulant, ein Mann mit Humor und Selbstironie. Er stellte sich selbst nicht als guten Menschen dar.Â
Trotzdem war ihn nicht verlassen können mehr vom Tratsch abhÀngig als von seinem Wesen oder Angst.
Das dritte Tabu war BedĂŒrftigkeit von Kindern.
Wir waren viele Kinder. ZustÀndigkeiten ergaben sich aus Arbeit und Anzahl. Unsere Eltern waren faszinierende Menschen, kulturell hungrig, musikalisch, voller Geschichten. Sie zogen andere in ihren Bann. Fremde Kinder sammelte meine Mutter wie verlorene SchÀtze. Wir selbst waren oft Kulisse. Wir funktionierten. Wir halfen. Wir froren, wir hielten Lampen und durften trotz KÀlte nicht wackeln. Wir standen in Arbeitsklamotten bereit. Unsere Mutter war die Fragile, nicht wir Kinder. Schutz kam seitlich, von Geschwistern, nicht von oben.
Das vierte Tabu war Scheitern.
Ich war âder Klugeâ. Mein Spitzname war "Zweistein". Ich erklĂ€rte, ich fragte, ich wollte verstehen, wie die Welt funktioniert. Unser Vater fragte mich zu Astronomie, zu Mathematik, zur englischen Sprache, sogar noch, als er schon geistig abzubauen begann. Ich hatte schlicht diese Rolle. Und Rollen sind in groĂen Familien (vielleicht in allen) kein Spiel, sondern systemische Struktur.
Als ich ein Ingenieurstudium begann, trotz Dyskalkulie, tat ich das nicht aus Leichtsinn, sondern weil ein âLaberfachâ in unserer Familie nicht wirklich gezĂ€hlt hĂ€tte. Ich wollte etwas "Gescheites" lernen. Ich scheiterte. Ich fiel durch Klausuren. Ich war verzweifelt. Und die Reaktion war kein âVielleicht ist das nicht dein Wegâ, sondern âDu schaffst das schon.â Als wĂ€re Nicht-Schaffen keine Option. Ich durfte nicht versagen. Nicht, weil jemand böse war, sondern mehr weil mein Scheitern die Rolle zerstört hĂ€tte, denke ich.
Intelligenz war das was man mir anerkannte. Aber sie war auch Verpflichtung.
Holger sagte zu mir oft, wenn er betrunken und melancholisch war: âWerd nicht so wie ich.â Er meinte es als Warnung, aus Reue. Ich habe diesen Satz ernst genommen. Nicht als Anklage, sondern als Auftrag. Ich habe mir vorgenommen, es besser zu machen. Mit denselben Genen, derselben Wut, derselben Neigung zur Ăberheblichkeit. Ich bin ihm Ă€hnlich. Aber ich nehme Hilfe an. Ich nehme Kant, Aristoteles, die Bergpredigt, DBT Therapie, buddhistische Texte, die Sozialgesetze... Ich nehme mir, was fĂŒr mich funktioniert. Auch das, was er vielleicht belĂ€chelt hĂ€tte.
Die gröĂten Tabus unserer Familie waren, Hilfe zu brauchen und zu scheitern. Ich habe schon als Kind um Hilfe gebeten. SpĂ€ter habe ich sie mir genommen. Ich bin gescheitert. Ich habe das Studium abgebrochen (nach dem Suizidversuch, bei dem der "alte Anne" starb Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben. Kapitel 5. Funktionieren bis zum Zerbrechen.). Ich habe Therapie gemacht. Ich habe ausgesprochen, was man nicht aussprechen sollte: "Ich schaff das nicht allein."
Ich habe jedes unserer Tabus gebrochen.
Nicht aus Rebellion. Sondern aus dem Ziel heraus, ein guter Mensch zu sein, denn das ist meine ehrliche Antwort auf seinen Auftrag: âWerd nicht so wie ichâ.