Buch: Das Märchenschiff
Volksmärchen aus der weiten Welt
Hermann Heinz Wille
Bebildert von Erich Clauss
Die Belohnung
Vor vielen Jahren, als die Bauern in Rußland noch leibeigen und dem Zaren untertan waren, fand ein Bäuerlein auf seinem Feld einen Klumpen Gold. Vergnügt lief er damit zu seiner Frau, legte den Klumpen auf den Tisch und rief: „Freu dich, Matka, nun sind wir reiche Leute, und alle Not hat ein Ende!“
Aber die Bauersfrau freute sich nicht. „Ach Mann, du bist einfältig!“ sprach sie. „Bedenke: alles, was auf unserem Acker blüht, wächst und gedeiht, gehört dem Zaren!“
„Auch das, was in der Erde liegt, wie das Gold, das Eisen, die Kohle und das Salz?“ fragte der Bauer. „Alle!“ antwortete die Frau.
Da wurde der Bauer traurig, stützte den Kopf in seine Hände und dachte nach. Dann sprach er: „Das beste ist, ich bringe das Gold dem Zaren.“ Vielleicht gibt er mir für meine Ehrlichkeit eine Belohnung. Die kann mir keiner streitig machen.“
Mit diesem Vorschlag war die Frau einverstanden. Der Bauer knüpfte den Goldklumpen in ein Sacktüchlein, zog seinen Sonntagskittel an und ging in die Stadt.
Vor dem Zarenschloß marschierten die Soldaten auf und ab, und ein General stand vor dem Tor. Der sah den Bauern kommen und rief mit lauter Stimme. „Heda, Bauer! Was suchst du vor dem Zarenschloß?“
Dem Bauern verschlug es die Sprache. Er wagte nicht zu antworten. DA geriet der General erst recht in Zorn. „Du willst wohl um ein Almosen betteln, du Faulpelz?! Wenn ich dir raten soll, so schere dich fort, sonst hetze ich dir die Hunde auf den Hals!“
Der Bauer war tief beleidigt, und der Stolz regte sich in seiner Brust. „Ich bin kein Bettler und bitte nicht um Almosen. Auf meinem Feld fand ich einen Klumpen Gold, den will ich dem Zaren schenken!“
„Gold?“ fragte der General, und in seinen Augen leuchtete es begehrlich. „Das ist natürlich etwas anderes. Doch es ist nicht so leicht, vor den Zaren zu kommen. Wenn du es dich etwas kosten lassen willst, so will ich dich führen!“
Der kluge Bauer war mit diesem Vorschlag einverstanden: „Abgemacht, Herr, wir wollen redlich teilen, was der Zar mir zur Belohnung gibt!“
Der General schmunzelte, daß es ihm so leicht gefallen war, den dummen Bauern zu übertölpeln. Er führte ihn über viele Treppen und durch lange Gänge, die mit kostbaren Teppichen belegt waren, bis vor das Zimmer des Zaren. Der Zar hieß ihn eintreten, und das Bäuerlein verneigte sich in Ehrfurcht bis zur Erde. „Was führt dich zu mir, Bauer?“ fragte er. Da erzählte der Bauer dem Zaren seine Geschichte, so wie er sie seiner Frau und dem General erzählt hatte. Das Gold stimmte den Zaren freundlich, und er fragte: „Sicher willst du eine Belohnung für deine Ehrlichkeit?“ „Freilich, eine Belohnung möchte ich schon, Väterchen Zar!“ antwortete der Bauer, und er fügte hinzu: „Gebt mir hundert Stockhiebe!“
Der Zar machte ein verdutztes Gesicht: „Das mußt du mir erklären, Bauer! Du bringst mir Gold zum Geschenk und forderst Hiebe als Belohnung?“
„Das geht schon in Ordnung“, sprach der listige Bauer, „ich bin an Hiebe gewöhnt!“
Der Zar ließ die Stöcke bringen. Als sich die Stockknechte anschickten, den Bauern auf die Prügelbank zu schnallen, rief dieser: „Es ist noch ein Platz frei an meiner Seite!“
Den Sinn dieser Worte vermochte sich der Zar noch viel weniger zu erklären als den Wunsch nach den Prügeln.
Da erzählte das Bäuerlein von dem General, der die Hälfte von dem gefordert hatte, was der Zar dem Bauern zur Belohnung geben würde. „Nun wißt Ihr, Väterchen Zar, weshalb ich mir die Stockhiebe ausgebeten habe, und wenn ich bitten darf, so gebt zuerst dem General seinen Teil; die meinen will ich dann um so lieber empfangen.“
Der General wurde gerufen. Als er die Stockknechte erblickte, zitterten ihm die Knie. „Verzeiht, Väterchen Zar…“ begann der sonst so stolze General zu bitten.
Das Bäuerlein lachte sich ins Fäustchen. „Wir wollen redlich teilen, so wie wir es ausgemacht haben!“ sagte es vergnügt. Und so geschah es auch. Der General wurde auf die Bank geschnallt, und die Knechte ließen ihre Stöcke tanzen, daß es einem schon vom Zusehen ordentlich weh tat. Als die fünfzig Hiebe aufgezählt waren, sagte der Bauer: „Lohn, wem Lohn gebührt, Väterchen Zar! Ich armer Bauer bin Eurer Belohnung nicht würdig, der General aber ist Euer treuer Diener. Schenkt ihm auch meine Hälfte!“
Dem Zaren blieb nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen. Das Gold in seiner Rechten zerstreute alle seine Bedenken.
Der General aber schwur, dem Bauern die Hiebe mit Zins und Zinseszins zurückzuzahlen.
Der aber hatte sich inzwischen auf und davon gemacht. Er wußte, was er von der Freundlichkeit der Herren zu erwarten hatte. Keiner kannte seinen Namen. Keiner erfuhr, woher er gekommen war.














