Kapitel 1 - Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.
Das hier wird keine Erfolgsgeschichte und kein Text darĂŒber, wie man âes geschafft hatâ. Es ist die Geschichte meines Lebens bis zu dem Punkt, an dem eine Funktionsweise endgĂŒltig zerbricht: Kindheit in Verantwortung, Schule ohne Anschluss, Leistung ohne Platz, Sport als Ausschluss, Alkohol als Werkzeug, Studium als letzter Beweisversuch.
Danach mein Therapie- und Selbstarbeitsweg und meinen Resilienzen um aus Selbsthass und -abwertung, Suizidgedanken und sozialer Inkompetenz ĂŒber sehr viele Jahre hinweg zu einem zufriedeneren Leben zu kommen.
Allerdings radikal ehrlich erzÀhlt, ohne Selbstmitleid, ohne nachtrÀgliche Sinnstiftung, sondern eine prÀzise ErzÀhlung dessen, was war, warum es nicht mehr weiterging und warum ich trotzdem noch lebe.
Es wird jeden Tag ein Kapitel erscheinen
Kapitel 1 â Bevor es mich gabÂ
Meine Eltern haben sich noch als Kinder auf einem Bauernhof kennengelernt, weil sie beide arbeiten mussten. Die Nachkriegszeit kannte da keine Gnade.Â
Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt bereits geprĂ€gt von einer Kindheit, die ich mir nur schwer vorstellen kann, obwohl ich sie oft erzĂ€hlt bekommen habe. Sie wurde 1940 geboren, mitten in den Krieg hinein, und ihre frĂŒhen Erinnerungen handeln von Dunkelheit im Keller, von Angst, von nicht den Radiosender einstellen dĂŒrfen und von Erwachsenen, die selbst Angst hatten. Ihre Eltern waren ĂŒberzeugte, ich denke das kann ich so sagen, Nationalsozialisten, und blieben es auch bis zu ihrem Tod, die Erziehung war hart, autoritĂ€r, durchdrungen von der schwarzen PĂ€dagogik jener Zeit. Hunger, körperliche Arbeit schon als Kind, auch schon frĂŒh fast und dann komplett den ganzen Haushalt fĂŒhren, und auch Misshandlungen, all das gehörte zu ihrem Alltag.Â
Sie liebte aber auch BĂŒcher, Kino, Musik (besonders Rock ânâ Roll) und das Tanzen. Und das war fĂŒr sie wie auch fĂŒr uns spĂ€ter sicher ein Baustein unserer Widerstandskraft.Â
Mein Vater wurde 1935 geboren, war zu jung, um noch in den Krieg eingezogen zu werden, aber alt genug, um dessen Folgen unmittelbar zu tragen. Seine Mutter starb frĂŒh an Krebs, sein Vater kurz nach dem Krieg, vermutlich an einer Methanolvergiftung (Selbstgebrannter mit dem âfalschenâ Alkohol) und er und seine Geschwister wurden auf verschiedene Pflegefamilien verteilt, von denen nicht alle Orte waren, an denen Kinder gut aufgehoben sind. Er lief schlieĂlich davon, setzte sich auf ein Fahrrad und fuhr etwa 200 km zu einer seiner Schwestern, weil Weggehen in diesem Fall die einzige Möglichkeit war, irgendwo anzukommen.Â
Landwirt zu werden war fĂŒr ihn keine Notlösung, sondern genau das was er tun wollte. Er wollte Landwirt sein, er blieb es auch, spĂ€ter im Nebenerwerb, und zwar nach einer Logik, die wenig mit moderner Agrarindustrie zu tun hatte, sondern eher mit einer sehr alten, beinahe vormodernen Vorstellung von Landwirtschaft: KĂŒhe fressen Gras, KĂ€lber trinken Milch, und am Ende isst man die Kuh. Ohne Ideologie, ohne Romantisierung, ohne spirituellen Ăberbau.Â
Meine Eltern mochten sich anfangs nicht besonders. RockânâRoll und Tanzen brachten sie einander nĂ€her.Â
Sie heirateten 1960, trotz WiderstĂ€nden, insbesondere von meiner GroĂmutter mĂŒtterlicherseits, die einem Bauer ohne Land, ohne Glauben und ohne klare gesellschaftliche Verortung wenig abgewinnen konnte. Mein Vater lieĂ sich taufen, nicht aus innerer Ăberzeugung, sondern um meine Mutter heiraten zu können. Denn ihr war eine kirchliche Heirat wichtig.
Die Ehe, die daraus entstand, war keine heile. Sie war geprĂ€gt von MachtkĂ€mpfen, von AbhĂ€ngigkeiten, und gleichzeitig von einer Form von Pragmatismus, die vieles möglich machte, was damals unĂŒblich war. Mein Vater gab meiner Mutter frĂŒh eine Bankvollmacht, drĂ€ngte sie, den FĂŒhrerschein zu machen, bestand darauf, dass sie landwirtschaftliche GerĂ€te bediente, Traktor fuhr, Verantwortung ĂŒbernahm, nicht aus einem emanzipatorischen Ideal heraus, sondern weil es den Alltag erleichterte. Er vertraute ihrem Geschmack, auch bei BĂŒchern, und las, was sie aus der Bibliothek mitbrachte. Sie hielten einander aus, trugen ein gemeinsames Leben, ohne dabei wirklich heil zu werden.Â
Sie bekamen 11 Kinder, aus unterschiedlichen Motiven heraus. Meine Mutter wollte immer viele Kinder, mein Vater viele helfende HĂ€nde fĂŒr die Landwirtschaft. Vier dieser Kinder starben, Verluste, die fĂŒr alle Eltern kaum zu schaffen sind, auch fĂŒr meine eigentlich viel zu viel um es auszuhalten.Â
1974 verlor mein Vater bei einem Autounfall seinen linken Arm, ein Unfall, an dem er nicht vollstĂ€ndig unverschuldet war. Er ging damit trotzdem auf eine Weise um, die mich tief beeindruckte. Er trug kaum eine Prothese, zeigte die Behinderung offen, ging so ins Schwimmbad, an den FKK-Strand, beantragte selbstverstĂ€ndlich seinen Behindertenausweis und machte kein Geheimnis daraus. Vielleicht, weil ihm das Konzept von Scham nie besonders zugĂ€nglich war, vielleicht auch, weil er sich selbst immer als jemand sah, der ohnehin nicht ganz in die Ordnung der Dinge passte. Er arbeitete weiter, machte spĂ€ter noch seinen Meister, und als ich geboren wurde, bezeichnete er mich scherzhaft als sein eigentliches MeisterstĂŒck.Â
Meine Eltern arbeiteten viel, sparten, bauten ein Haus, betrieben Landwirtschaft im Nebenerwerb, lebten sparsam, naja meist eher geizig, mit einem hohen MaĂ an Eigenleistung und wenig Schonraum fĂŒreinander oder uns. Es gab keine romantische Vorstellung von Familie, aber es gab Verbindlichkeit. Niemand wurde verleugnet, niemand wurde ausgegrenzt, niemand wurde verschwiegen.Â
Als ich geboren wurde, war meine Mutter 41 Jahre alt. Niemand hatte mehr mit einem weiteren Kind gerechnet. Ein Arzt hatte ihr Angst gemacht, von möglichen Behinderungen gesprochen, von Nicht-LebensfĂ€higkeit, von Risiken, die man ihr eindringlich vor Augen fĂŒhrte. Sie entschied sich trotzdem, dieses Kind zu bekommen, nicht aus Trotz und nicht aus NaivitĂ€t, sondern aus ihrer eigenen ethischen Haltung heraus, die sie ihr Leben lang begleitet hat.Â
Die Geburt war schwer. Und dann war ich da. Alle Werte lagen bei zehn. Meine Mutter lieĂ den Arzt, der ihr so Angst gemacht hatte, wecken... noch einmal messen, noch einmal prĂŒfen. Alles war gut.Â
In diese Konstellation bin ich hineingeboren worden. Zwei Menschen mit beschĂ€digten Biografien, mit groĂer HĂ€rte und groĂer Pragmatik, mit Ăberlebensstrategien, die funktionierten, aber ihren Preis hatten.Eine Familie, die mit damals schon 7 Kindern, lange vor mir gelernt hatte, wie man zerbricht und trotzdem weiter geht, manchmal mit Pathos, aber ohne Pause.Â
Bevor ich da war, war all das schon da.