Wenn du glaubst, Kritik an Religionen sei ein Ausdruck von Rassismus,
wenn du glaubst, 'Islam' sei der Name eines Volkes,
wenn du glaubst, man könne über alles lachen, nur nicht über das, was dir heilig ist,
wenn du glaubst, die Verurteilung von Gotteslästerern öffne dir die Pforten des Paradieses,
wenn du glaubst, Humor und Islam seien unvereinbar,
wenn du glaubst, eine Zeichnung sei gefährlicher als eine amerikanische Drohne,
wenn du glaubst, Muslime verstehen keine Ironie,
wenn du glaubst, linke Atheisten würden den Faschisten und Fremdenhassern in die Hände spielen,
wenn du glaubst, wer von muslimischen Eltern abstamme, könne nur Muslim sein,
wenn du glaubst, die genaue Anzahl der Muslime in Frankreich zu kennen,
wenn du glaubst, es sei unerlässlich, die Bürger nach ihrer Religionszugehörigkeit einzuteilen,
wenn du glaubst, das beste Mittel zur Verteidigung des Islam sei es, die Islamophobie populär zu machen,
wenn du glaubst, die Verteidigung des Islam sei das beste Mittel zum Schutz der Muslime,
wenn du glaubst, der Koran verbiete es, den Propheten Mohammed zu zeichnen,
wenn du glaubst, die Karikatur eines Dschihadisten, die zum Lachen reizt, sei eine Beleidigung des Islam,
wenn du glaubst, Faschisten greifen vor allem den Islam an, wenn sie es auf einen Araber abgesehen haben,
wenn du glaubst, jedes Gemeinwesen müsse einen Verein haben, der sich gegen Rassismus engagiert,
wenn du glaubst, Islamophobie sei das Pendant zum Antisemitismus,
wenn du glaubst, die Zionisten, die den Lauf der Welt bestimmen, haben für dieses Buch einen Ghostwriter bezahlt,
dann viel Spaß beim Lesen, denn für dich wurde dieser Brief geschrieben.
“Brief an die Heuchler und wie sie den Rassisten in die Hände spielen” von Stéphane Charbonnier (”Charb”)
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An Lessing wird zu Recht seine Kenntnis fremder Kulturen und sein Eintreten für Toleranz gerühmt. Er war einer der ersten deutschen Autoren, die den Ausdruck 'Kosmopolit' und dessen deutsche Entsprechung 'Weltbürger' verwandten. Seltener in den Blick gerät, daß diese Weltoffenheit mit einem konsequent kritischen Bezug auf die eigene Gesellschaft einherging. 'Ich habe', so schrieb er am 16. Dezember 1758 in einem Brief, 'überhaupt von der Liebe des Vaterlandes (es thut mir leid, daß ich Ihnen meine Schande gestehen muß) keinen Begriff, und sie scheinet mir aufs höchste eine heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre'. Nun bedeutet Patriotismus Mitte des 18. Jahrhunderts noch etwas völlig anderes als seit dem späten 19. Jahrhundert. Das Vaterland, das geliebt werden sollte, war keine Nation, sondern ein einzelner Staat innerhalb eines Sprachraums, der durch den Buchdruck, die Bibelübersetzungen, die zunehmende Alphabetisierung und die deutsche Literatur erst allmählich zu einem gemeinsamen Bewußtsein fand. Für Lessing hätte Patriotismus vor allem eine Entscheidung zwischen Sachsen und Preußen bedeutet, die gegeneinander Krieg führten, zwischen Berlin und Leipzig, wo er gleichermaßen zu Hause war, so wie heute sich jemand wie selbstverständlich sowohl Deutschland als auch der Türkei zugehörig fühlen mag. Lessing stand also, um es mit einem gängigen Wort heutiger Migrationsdebatten zu sagen, in einem schweren Identitätskonflikt. Er selbst freilich sah das ganz anders; sah nicht den Konflikt, sondern den Reichtum der doppelten, als Weltbürger sogar: vielfachen Zugehörigkeit. Er sei 'einer der unparteiischsten Menschen von der Welt', entgegnete er einmal fröhlich dem Vorwurf mangelnder Loyalität. Und weil ich wie alle Kinder von Einwanderern, die sich kritisch zu deutschen Verhältnissen äußern, den Einwand gewohnt bin, ich solle doch erst einmal vor meiner eigenen Tür kehren, möchte ich wenigstens im Zusammenhang mit dem Thema der heutigen Rede einmal darauf hinweisen, daß Deutschland, auch Deutschland, mein eigenes Land, meine eigene Kultur ist.
"Vergesst Deutschland! Eine patriotische Rede" von Navid Kermani
...„Nicht für alle Probleme gibt es Lösungen.“ Aktionen, Projekte und Kampagnen von Umwelt- und Tierschützern und ähnlichen Bewegungen hält sie für nett gemeint, aber angesichts der Realität irrelevant. Was nützt es, wenn der bewusste Bürger auf Fleisch verzichtet und den Müll trennt, wenn in großem Stil immer mehr Fleisch nach Afrika exportiert wird und in Ländern wie China die Müllberge weiter wachsen? Wie soll der Kauf eines schadstoffarmen Hybridautos die Katastrophe verhindern, wenn zur Herstellung dieses Autos seltene Metalle und Erden verwendet werden und Ressourcen an anderer Stelle vernichtet werden? Warum sollen wir aus Umweltgründen mit dem Fahrrad fahren, wenn unzählige Fabriken tonnenweise CO2 in die Luft schleudern als gäbe es kein morgen?..... http://www.sein.de/gesellschaft/nachhaltigkeit/2014/warum-die-sache-schiefgeht.html
Das Pamphlet Hessels empört sich auf wenigen Seiten über die beherrschte Presse, das Wirtschafts- und Finanzsystem, Menschenrechtsverletzungen & Gewalt, klagt die Gleichgültigkeit vieler an und erklärt sie. Er fordert uns - die Generationen des 21. Jahrhunderts - zum Widerstand und Engagement auf und dazu, sich wieder in den Strom der Geschichte einzubringen. Betrachtet man Hessels Lebensweg, der sich fast über das ganze letzte Jahrhundert erstreckt, nimmt man seine Aufforderung wohl noch ernster.
Passend dazu empfehle ich den 1917 veröffentlichten Artikel "Gli Indifferenti" von Antonio Gramsci (deutsch: Die Gleichgültigen).
"Es ist höchste Zeit, dass Ethik, Gerechtigkeit, nachhaltiges Gleichgewicht unsere Anliegen werden."
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Die Genealogie der Moral ist eine Streitschrift. und philosophisches Werk.
Sicher einer seiner Einflussreichsten Werke, dass zudem nicht die aphoristische Form besitzt, sondern in längeren Passagen sich in einem wissenschaftlichen Stil um eine ernsthafte Untersuchung handelt.
Im Gegensatz zu den gängigen Versuchen innerhalb der Philosophie die auf theoretischen Weg versuchen eine Moral zu begründen, oder der Fragen nachgehen, ob wir überhaupt eine Moral bedürfen (vgl. Platon Politeia). Die Frage ob eine Moral Sinnvoll ist,ob man moralisch Handeln soll, ob es ein gebot ist sind im Abendland immer wiederkehrende Frage und Antwortspielchen die auf folgendes Schema hinauslaufen:
Die Frage ob man eine Moral braucht wird von all denen sie Gründe für eine Moral anführen auch bejahrt, sie brauchen die Moral. Von denjenigen die sich amoralisch verhalten, oder sich zu einem Moralismus bekennen, wird die Gegenteilige Behauptung aufgestellt und die Frage nach der Moral verneint, sonst würde er nicht seine Position vertreten. Neben dieser entweder-oder Frage, gibt es noch die letze Kategorie von Menschen die sich einer Antwort entziehen und weder ja noch nein zu der Frage sagen, sondern die Beantwortung der Frage ob es eine Moral braucht jedem einzelnen überlassen will. Solche auch als Dezisionisten bezeichnete Menschen nehmen also bewusst keine Position ein, verkennen aber wie die Befürworter und Gegner das die Frage zwar gestellt werden kann, dass es Moral aber in ihren Wirkungen gibt, ob ich sie bejahte oder verneine oder versuche mich einer Antwort zu enthalten wird man sich den moralischen imperativen nicht entziehen.
Das diese Perspektive auf ein Problem für die Poststrukturalisten relevant wurde, wird noch deutlicher werden, wenn ich die Sprachtheoretischen und Sprachphilosophischen Positionen erläutere und noch den Blick auf die französische Wissenschaftsgeschichte lege. Was aber an dieser Stelle schon klar wird ist, dass derjenige der nach den historischen Entstehungsprozessen fragt, sich nicht mehr um die Argumentation schert, ob man eine Moral braucht oder nicht. Und auch die mögliche Antworten die durch logische Deduktionen die Wahrheit in der Frage postulieren verkennen das Problem. Wenn die Moral nichts von Gott gegebenes ist, nichts was der Mensch von Anbeginn in sich eingepflanzt bekommen hat, dann ist die Moral von Menschen gemacht und sie kann verändert werden. Und es stellen sich Fragen von psychologischer Natur, wenn man bedenkt, dass die Moral eine solche Macht über Menschen ausüben kann, dass sie lieber in den Freitod gehen, also der Schande eines moralischen Verbots ausgesetzt zu sein, dass sie begangen haben. Die Moral wirkt auf die Seelen. Doch wie kann sie das, wenn sie nur eine von Menschen geschaffene Wertigkeit ist, dessen Werte überhaupt zuerst einmal verhandelt werden müssten, bevor man die Werte blindlings übernimmt und für die eignen ausgibt. Gerade das es die eigenen Werte sind, bricht die Frage auf, wie es der Moral gelingen kann, dass sie Menschen dazu bekommt, sich mit der Moral zu identifizieren und das was sie peinigt und unfrei lässt auch noch zu verteidigen.
In der Vorrede der Genealogie der Moral stellt Nietzsche seine Absicht wie er vorzugehen hat, sehr klar vor:
Sprechen wir sie aus, diese neue Forderung: wir haben eine Kritik der moralischen Werte nötig, der Wert dieser Werte ist selbst erst einmal in Frage zu stellen – und dazu tut eine Kenntnis der Bedingungen und Umstände not, aus denen sie gewachsen, unter denen sie sich entwickelt und verschoben haben (Moral als Folge, als Symptom, als Maske, als Tartüfferie, als Krankheit, als Mißverständnis; aber auch Moral als Ursache, als Heilmittel, als Stimulans, als Hemmung, als Gift), wie eine solche Kenntnis weder bis jetzt da war, noch auch nur begehrt worden ist. Man nahm den Wertdieser »Werte« als gegeben, als tatsächlich, als jenseits aller In-Frage-Stellung; man hat bisher auch nicht im entferntesten daran gezweifelt und geschwankt, »den Guten« für höherwertig als »den Bösen« anzusetzen, höherwertig im Sinne der Förderung, Nützlichkeit, Gedeihlichkeit in Hinsicht auf den Menschen überhaupt (die Zukunft des Menschen eingerechnet). Wie? wenn das Umgekehrte die Wahrheit wäre? Wie? wenn im »Guten« auch ein Rückgangssymptom läge, insgleichen eine Gefahr, eine Verführung, ein Gift, ein Narkotikum, durch das etwa die Gegenwartauf Kosten der Zukunft lebte? Vielleicht behaglicher, ungefährlicher, aber auch in kleinerem Stile, niedriger?... So daß gerade die Moral daran schuld wäre, wenn eine an sich mögliche höchste Mächtigkeit und Pracht des Typus Mensch niemals erreicht würde? So daß gerade die Moral die Gefahr der Gefahren wäre?... (Vorrede Abschnitt 6)
Da mich nicht in aller Tiefe die Nietzscheargumentatiion interessiert, sondern die Begriffe und Konzepte sowie die Kritik herausarbeite die das Poststrukturalistische Denken 60 Jahre später von diesen Überlegungen Nietzsches machen sollten. Wichtige Punkte die hier schon zusammengefasst werden können sind:
Das Selbstverständliche und natürliche wird als solches in Frage gestellt und in einen historischen Zusammenhang der Entstehung und Werdens aufgezeigt.
Die Moral selbst kann als das nicht moralische das amoralische sein. Es wäre dann ein Fehler der Moral zu folgen, weil sie einen Schwach hält, nicht frei ließe. Deshalb ist eine Kritik im Sinne Kants nötig, nämlich mal nach den Bedingungen schauen die für das entstehen der Moral nötig gewesen sind. Erst wenn die Bedingungen geklärt sind, kann auch ein Urteil über den Wert der Moral gemacht werden, da man sonst nur ein Vorurteil besitzt.
Erste Abhandlung: "Gut und Böse", "Gut und Schlecht"
Nachdem Nietzsche gängige Einwände und Argumentation durchgespielt hat, kommt er bei der Untersuchung der Sprache drauf, dass aus etymologischer Sicht bei allen sprachen ein gleiches Prinzip funktioniert.
Den Fingerzeig zum rechten Wege gab mir die Frage, was eigentlich die von den verschiedenen Sprachen ausgeprägten Bezeichnungen des »Guten« in etymologischer Hinsicht zu bedeuten haben: da fand ich, daß sie allesamt auf die gleiche Begriffs-Verwandlung zurückleiten – daß überall »vornehm«, »edel« im ständischen Sinne der Grundbegriff ist, aus dem sich »gut« im Sinne von »seelisch-vornehm«, »edel«, von »seelisch-hochgeartet«, »seelisch-privilegiert« mit Notwendigkeit herausentwickelt: eine Entwicklung, die immer parallel mit jener anderen läuft, welche »gemein«, »pöbelhaft«, »niedrig« schließlich in den [775] Begriff »schlecht« übergehn macht. Das beredteste Beispiel für das letztere ist das deutsche Wort »schlecht« selber: als welches mit »schlicht« identisch ist – vergleiche »schlechtweg«, »schlechterdings« – und ursprünglich den schlichten, den gemeinen Mann, noch ohne einen verdächtigenden Seitenblick, einfach im Gegensatz zum Vornehmen bezeichnete. 1. Abhandlung: "Gut und Böse", "Gut und Schlecht" 1 Absatz 4 http://goo.gl/KYHj5
Im weiteren Unterscheidet Nietzsche zwischen denjenigen die sich selbst als Gut definieren und daraus ableiten, dass die anderen schlecht sind. Diese Form will er in der römischen Gesellschaft erkannt haben. Dann gibt es noch die, die auf das niedere schauen und sagen das ist böse und sich selbst als das Gegensteil durch diese Differenz definieren. Diese Perspektive macht Nietzsche für das Juden und Christum fest.
So oder so bleibt es dabei, dass sich in der einen Kultur derjenige gut ist der Macht, distinguiert, edel ist, sich abgrenzt von den vielen da und in der anderen Kultur erst die vielen niedergemacht werden um sich selbst zu erhöhen. Beides mal kommt jedenfalls etwas niederes und etwas höheres heraus, dass allein durch die Unterscheidung von denjenigen herrührt die besser sein wollen und sich über die anderen erheben ihre Art zu sein abklassifizieren und sich selbst höher stellen.
Auf Zeno.org gibt es Zur Genealogie der Moral online