Fortschritte bei der Demilliardärisierung
Ich berichte im Techniktagebuch-Chat davon, dass ich gerade ausprobiere, ob ich auch ohne Google Maps zurechtkommen kann, seit der Umbenennung des Golf von Mexiko.
Angela H. sagt: "Müssen wir bald wieder alles selber löten, weil Millionäre alles ruinieren? Wir haben zu oft 'wir hatten ja nix' gesagt, bald haben wir wieder nix!"
Ich sage, dass ich im Vergleich zu meiner "I drive my Google to the Google to buy some Google for my Google"-Zeit schon sehr entmilliardärisiert bin und bisher keine Komforteinbußen spüre, eher das Gegenteil. Das fällt mir aber gerade zum ersten Mal auf. Deshalb hier eine Übersicht:
In meiner Erinnerung war es ungefähr in der zweiten Hälfte der Nullerjahre, dass ich mich von Microsoft-Produkten verabschiedet habe. Das lag noch gar nicht an Milliardärsüberlegungen, ich wollte nur (aus vergessenen Gründen) keine unbezahlten Versionen von eigentlich kostenpflichtiger Software mehr verwenden. Seitdem habe ich kein Microsoft Office mehr, sondern LibreOffice (brauche es aber nur ca. 1x jährlich). Ebenfalls ungefähr seit dieser Zeit benutze ich für Grafik nicht mehr Photoshop und ... Coreldraw, oder was wir damals für Vektorgrafiken verwendeten, sondern Gimp und Inkscape. Ob ich dadurch schlechter dran bin als mit den kommerziellen Alternativen, weiß ich nicht, weil der Umstieg schon zu lange zurückliegt.
Die jährliche Techniktagebuch-Buchversion stelle ich mit LaTeX her. Das ist nicht mal eine Alternative zu einer kommerziellen Lösung, meines Wissens gibt es gar nichts anderes, mit dem man ein 16.000 Seiten langes PDF mit Inhalts- und Stichwortverzeichnis aus den Blogbeiträgen erzeugen könnte.
2015 habe ich das Facebook-Tab im Browser geschlossen und 2017 die Facebook-App von meinem Handy gelöscht. Im Sommer 2024 habe ich noch mal beschlossen, pragmatisch zu sein und wieder öfter bei Facebook reinzuschauen wegen der Verwandten und Freund*innen, die halt nur dort sind. Aber das war (wegen der US-Politik) ein sehr ungünstiger Zeitpunkt für diesen Plan und ich habe ihn kurze Zeit später wieder verworfen.
Fazit: Das mit den Verwandten ist zwar schade, aber immer, wenn ich mal reinschaue, muss ich durch 98% Unsinn waten, der gar nicht von Leuten stammt, die ich kenne. Ich bin immer froh, wenn ich Facebook wieder schließen kann, es ist wirklich keine schöne Nutzungserfahrung.
Seit März 2020 kaufe ich Gegenstände, die keine Bücher sind, nicht mehr routinemäßig bei Amazon, sondern entweder gebraucht bei Ebay oder direkt in den Onlineshops der jeweiligen Firmen. Die Ebay-App ist gut, Kaufen geht darin genauso schnell wie mit 1-Click bei Amazon.
Fazit: Fehlt mir nicht, außer etwa 1-2x im Jahr, wenn es ein Produkt nur bei Amazon gibt, oder wenn es wirklich schnell gehen muss.
Im Februar 2022 bin ich von Chrome wieder auf Firefox umgestiegen.
Fazit: Alles ist mindestens so gut wie vorher.
Ende 2022 bin ich von meinem Macbook (mit einer kurzen Chromebook-Übergangszeit) auf einen Framework-Laptop mit Linux umgestiegen.
Fazit: Ich bin zufrieden, mir fehlt nichts.
Seit Ende 2022 bin ich bei Mastodon und seit Anfang 2023 nicht mehr bei Twitter.
Fazit: Ich trauere um das Twitter von früher. Das Twitter von 2022 fehlt mir überhaupt nicht. Die anderen sind zwar jetzt fast alle bei Bluesky, und deshalb schmerzt es mich manchmal, dass ich da nicht bin, aber ich will nicht.
Seit Ende 2022 kaufe ich kaum noch E-Books bei Amazon, weil ich meinen Bedarf über die Bibliotheks-App Libby/Overdrive decke. Was es nicht auszuleihen gibt, kaufe ich (wenn ich es wirklich dringend lesen will) weiterhin, und zwar waren das zuletzt etwa fünf E-Books im Jahr bei irgendeiner deutschen Buchhandlung, deren Namen ich immer erst aus meinen Mails raussuchen muss, und etwa zehn englischsprachige im Jahr weiterhin bei Amazon, ohne besonderen Grund. Ich könnte wahrscheinlich leicht auch für diese zehn eine andere Quelle finden und habe es bisher nur aus Trägheit nicht versucht. (Update: Seit März 2025 ist diese andere Quelle Kobo.)
Fazit: Ich bin sogar besser dran, denn durch das Leihen-statt-Kaufen spare ich viel Geld (einen hohen dreistelligen bis niedrigen vierstelligen Betrag im Jahr).
Seit März 2023 bin ich auch zum Verkaufen eigener Bücher nicht mehr bei Amazon, sondern bei Lulu. Die älteren selbstgemachten Bücher gibt es noch bei Amazon, weil ich sie nicht umziehen wollte. Ich glaube, dazu müsste man die Bücher selbst umbauen, es ist nicht damit getan, eine Datei anderswo hochzuladen, und dafür reicht meine Motivation bei den alten Büchern nicht.
Fazit: Ich hatte dazu vorher keine Gefühle und ich habe jetzt auch keine.
Seit Anfang 2024 habe ich ein Fairphone. Allerdings benutze ich immer noch das ganz normale Google-Android mit seinen nicht deinstallierbaren Google-Diensten. Ich hätte auch mehrere alternative Betriebssysteme zur Wahl gehabt, im Nachhinein weiß ich eigentlich nicht, warum ich die nicht ausprobiert habe. Vielleicht wollte ich nicht so viel Veränderung auf einmal. Oder die Demilliardärisierung hat mich noch nicht so interessiert.
Fazit: Es ist besser als mein voriges Handy (aber halt auch viel teurer).
Im März 2024 habe ich die Google-Suche durch kagi.com ersetzt.
Fazit: Alles ist viel besser als vorher (kostet dafür aber auch $10 im Monat).
Bei Instagram habe ich mich Anfang 2025 abgemeldet, das war aber einfach, weil ich mich damit sowieso nie angefreundet hatte. Bisher kein Ersatz, ich suche auch keinen.
Fazit: War egal, ist egal.
Von 2009 bis 2022 lagen meine Backups bei Backblaze, dann kurz bei Google, und seit Ende 2024 bewahre ich meine Backups wieder bei Backblaze auf.
Fazit: Die Google-Interimslösung hat mir nie gefallen und ich bin froh, sie los zu sein.
Und jetzt eben kein Google Maps mehr. Meine Liebe zu Openstreetmap ist groß, aber mein Hass auf die störrische Benutzbarkeit der Android-App OSMand oft auch. Deshalb teste ich gerade eine andere App auf der Basis von Openstreetmap, "Organic Maps". Bisher finde ich sie ganz gut. Für den öffentlichen Nahverkehr in Berlin habe ich gerade heute wieder die "BVG Fahrinfo"-App installiert. Im Moment stelle ich mir noch vor, dass mir die Stauanzeige von Google Maps fehlen wird, tatsächlich fahre ich aber sehr sehr selten Auto, und auch in diesen Situationen hat sie mir bisher eigentlich nichts genützt, ich fand es nur schön, dass sie existiert. Und für die Google-Maps-Funktion, den eigenen Standort dauerhaft mit anderen zu teilen, brauche ich auch Ersatz.
Geplant, aber noch nicht umgesetzt:
Goodreads gehört auch zu Amazon, deshalb bin ich als "Librarian" dort im Mai 2022 ausgestiegen und habe angefangen, mich stattdessen in der Open Library zu engagieren. Ende 2023 / Anfang 2024 habe ich die Daten über meine gelesenen Bücher bei Goodreads exportiert und bei StoryGraph importiert. StoryGraph überzeugt mich bisher nicht so. Es ist unübersichtlich und ich kann es nur zum Tracken meiner gelesenen Bücher verwenden, aber nicht, um dort Buchempfehlungen zu finden. Manches ist aber auch besser, weil StoryGraph im Unterschied zu Goodreads gewartet und weiterentwickelt wird. Ich trage jetzt alles doppelt bei beiden ein und werde also eines Tages schnell und schmerzlos ganz bei Goodreads aussteigen können.
Seit Herbst 2024 versuche ich von Gmail wieder auf Thunderbird umzusteigen. Das ist theoretisch gar kein Problem, ich habe sowieso die ganze Zeit meine eigene Mailadresse nur durch Gmail durchgeleitet und bräuchte diese Umleitung jetzt nur wieder abzustellen. Praktisch möchte ich aber gern meine gesamten Mailarchive in Thunderbird haben, wozu ich sie erst mal aus Gmail exportieren lassen und dann runterladen muss, und das ist bisher an Vergesslichkeit und Prokrastination gescheitert. (Update: Teilweise erledigt, siehe weiter unten.)
Der Techniktagebuch-Chat ist gerade (nach drei Abstimmungen in fünf Jahren) endlich vom Facebook Messenger zu Discord umgezogen. Das ist schon lange der Hauptgrund, warum ich noch im Facebook Messenger war. Jetzt muss ich mich nur noch mit wenigen Leuten auf andere Kanäle einigen, dann kann ich da eventuell ganz weg (nur 1 Freundin hängt an Facebook wie eine Napfschnecke am Felsen, also mal sehen).
Bisher nicht mal geplant:
Ich habe bisher nur äußerst flüchtig darüber nachgedacht, ob ich mich von Google Drive / Docs / Spreadsheets trennen sollte oder kann. Ich weiß, dass es theoretisch geht, und vielleicht würde mir auch da gar nichts fehlen, oder mein Leben würde sogar besser werden. Aber ich habe mich damit bisher nicht befasst. Außerdem läuft in einem meiner Jobs alles über Google (woran ich eventuell selbst schuld bin; ein noch zu schreibender Beitrag), da käme ich also sowieso nicht raus. (Update: Es gibt Fortschritte, siehe weiter unten.)
Auch beim Google-Kalender habe ich noch nicht über Umzug nachgedacht, obwohl das wahrscheinlich kein Problem wäre. Die Querverbindungen zwischen dem Kalender und anderen Googleprodukten nutze ich sowieso nicht, und wenn mal Termine aus meiner Mail automatisch im Kalender auftauchen, nervt mich das eher.
Bei Google Keep (der Notizzettel-App von Google) auch nicht, obwohl auch das leicht gehen müsste. (Update: Gelöst, siehe weiter unten.)
Und bei Google Photos auch nicht. Da würde mir die Bildersuche wirklich fehlen, sie findet zwar manchmal Frösche, wenn man Katzen sucht, hilft mir aber trotzdem oft weiter. Allerdings habe ich noch nie versucht, rauszufinden, ob es nicht doch irgendwas anderes gibt, wo mein Handy neue Fotos automatisch hochladen und nach Stichworten durchsuchbar machen könnte. (Spätere Beratung in der Techniktagebuch-Redaktion ergibt: Eher nicht.)
Google Pay, keine Ahnung, ob es da überhaupt Ersatz gibt. (Update: Gelöst, siehe weiter unten.)
Google Slides, damit habe ich seit 2016 alle Präsentationen bei Vorträgen gemacht. Ich stelle es mir aber leicht ersetzbar vor. (Update: Gelöst, siehe weiter unten.)
Updates: Durch das Schreiben dieses Beitrags wird das Thema für mich sichtbarer, und ich beginne, konkreter darüber nachzudenken, was ich noch alles entmilliardärisieren kann.
Zwischen Anfang Februar und Mitte März 2025 ersetze ich Google Keep zuerst durch Joplin (zu kompliziert), dann durch Notesnook (verliert Notizen) und schließlich durch Obsidian (perfekt).
Ebenfalls Anfang Februar lasse ich mir (nach Beratung in der Techniktagebuch-Redaktion) eine kostenlose Nextcloud-Version zum Testen einrichten. Mit diesem Testen bin ich noch nicht weit gekommen, aber bisher wirkt es so, als ließen sich dadurch schmerzlos große Teile der Googlelandschaft ersetzen. (Update: doch nicht)
Mitte Februar gelingt es mir, die Standort-Teil-Funktion von Google Maps durch eine Kombination aus OwnTracks und Nextcloud zu ersetzen. Das ist aus der ganzen bisherigen Liste in diesem Beitrag das Einzige, was sich noch nicht schmerzlos ersetzen lässt, ich muss viel fluchen dabei (Update: und gebe es bald wieder auf, weil es doch nicht funktioniert).
Am 24. Februar steige ich nach 17 Jahren von Gmail wieder auf Thunderbird um, weil ich merke, dass ich ja einfach damit anfangen und die Archive später rüberholen kann. Ich plane aber den Umzug möglichst aller Mailarchive, damit ich zum Suchen in alten Mails nicht mehr Gmail öffnen muss. Der Umzug ist einfach, Thunderbird funktioniert problemlos, manches ist sogar besser als bei Gmail.
Am 27. Februar beginne ich damit, neue Textdokumente nicht mehr im Google Drive anzulegen, sondern in meiner eigenen Nextcloud. Das wirkt auf den ersten Blick unproblematisch und bequem. Ob und wie es mir gelingen wird, mein Textarchiv aus 19 Jahren mit umzuziehen, weiß ich aber noch nicht. (Update: Kurze Zeit später kündige ich die Nextcloud wieder und nutze seitdem CryptPad. Das Textarchiv bleibt erst mal, wo es ist.)
Google Pay nutze ich seit Mitte Februar nicht mehr. Mein Leben ist dadurch ein bisschen umständlicher geworden, aber nicht viel.
Im Juni 2025 finde ich einen sehr bequemen und praktischen Ersatz für Google Slides.