Aufwachsen als asexuelle Person
Asexuell zu sein klingt vermutlich nach der SexualitĂ€t mit den wenigsten Problemen ;) Das ist leider nicht.Â
Ich bin jetzt 20 Jahre alt und traue mich jetzt erst mich tatsÀchlich als asexuell zu bezeichnen und das zu akzeptieren. Ob ich auch aromantisch bin kann ich aktuell noch nicht sagen.
Ich war in der Entwicklung (sowohl körperlich als auch geistig) immer etwas frĂŒher als andere in meinem Alter, in der PubertĂ€t schien sich das zu Ă€ndern ... Ich habe mich plötzlich einerseits wie ein kleines Kind gefĂŒhlt, weil sich alle verknallt haben und nur noch ĂŒber Jungs geredet wurde, was mich absolut nicht interessiert hat. Andererseits habe ich mich erwachsen gefĂŒhlt, weil ich kein Interesse an Sexwitzen hatte und nicht bei allem in hysterisches Gekicher ausgebrochen bin.Â
Wenn ich gefragt wurde welchen Schauspieler ich besonders heiĂ finde, welchen ich heiraten will etc., war alles was ich dachte:Â âNach welchen Kriterien soll ich jetzt entscheiden, was heiĂ ist. Ich habe keine Ahnung, was das ganze werden soll.â und âIhr denkt wirklich darĂŒber nach einen wildfremden Typen zu heiraten nur weil er gut aussieht?â.
In solchen Situationen war ich vollkommen ĂŒberfordert. Meine erste und vorerst einzige Schlussfolgerung war: Ich stehe nicht auf Jungs ... Ich muss wohl lesbisch sein...
Es hat nicht lange gedauert bis ich lesbisch sein ausgeschlossen habe.Â
Bleibt also nichts anderes als weiter Panik zu schieben, wenn ich nach Jungs oder sogar einem Freund gefragt werde und zu hoffen, dass das ganze irgendwann noch kommt.Â
UngefĂ€hr zwei Jahre spĂ€ter habe ich das erste mal was ĂŒber AsexualitĂ€t gehört. Ich habe festgestellt, dass sich das ziemlich genau nach mir anhört. Aber ich bin ja erst ein Teenager, das Interesse an Jungs (oder MĂ€dchen) kommt bestimmt noch. AuĂerdem hört sich das an als wĂ€re ich den Rest meines Lebens alleine...
SpĂ€ter habe ich Leute in meinem Alter (zu dem Zeitpunkt ungefĂ€hr 16 Jahre) gefunden, die auch noch nie in einer Beziehung waren und sich deswegen auch keine Sorgen gemacht haben. Das hat mich deutlich beruhigt, es blieb aber der groĂe Unterschied, dass fĂŒr alle Anderen eine Beziehung, und alles was dazu gehört, selbstverstĂ€ndlich ist. Ich war weiterhin so ziemlich die einzige, die Niemanden anhand des Aussehens als möglichen Partner ausgesucht hat.Â
Irgendwann bin ich erneut auf das Thema AsexualitĂ€t gestoĂen und habe mich nĂ€her damit beschĂ€ftigt. Inzwischen bin ich mir ziemlich sicher, dass ich asexuell bin und habe mich auch getraut mit Freunden darĂŒber zu reden. Ich glaube, dass meine Freundschaften deutlich stabiler sind, als die meisten Beziehungen (zumindest in unserem Alter) ĂŒberhaut sein können, wodurch ich keine Angst habe, dass meine AsexualitĂ€t bedeutet, fĂŒr immer alleine zu sein.
Was mich stört ist, dass viele Freunde mir gesagt haben, ich wĂŒrde noch den richtigen finden. Ich weiĂ, dass das nett gemeint ist. Es fĂŒhrt aber dazu, dass ich meine AsexualitĂ€t weiterhin in Frage stelle. Es ist eine Form von: âdu bist zu jung, um zu wissen, dass du *beliebige Abweichung von cis und Heterosexuell einsetzen* bistâ.Â
Falls sich jemand den ihr kennt als asexuell oder anderes outet, sagt der Person bitte nicht, dass sie es nicht wissen kann. Denn das wĂŒrdet ihr auch niemals zu einer Heterosexuellen Person sagen.
Als letztes noch: Ja es wirkt vielleicht als hĂ€tte eine asexuelle Person deutlich weniger Stress, weil sie nicht dauernd irgendein Beziehungsdrama hat. Aber bevor man sich sicher ist asexuell zu sein und vor allem wenn man den Begriff noch nie gehört hat, kann es Stress pur sein.Â
Es heiĂt es in erster Linie sich dauerhaft zu fragen, was mit einem selbst nicht stimmt: âWarum bin ich die einzige, die sich in niemanden verknallt? Warum denken alle nur an Sex? Und wie können die sich sicher sein, dass sie es wollen? Haben sie es sogar schon getan? Was ist bei mir schief gelaufen? Wenn ich mich oute und doch jemanden finde, denken sie es wĂ€re ne LĂŒge, wenn nicht, halten sie mich fĂŒr verklemmt, altmodisch oder was auch immer... â
AsexualitÀt ist keine Entscheidung sondern eine sexuelle Orientierung. Bitte respektiert das und setzt es nicht mit Zölibat/ Enthaltung oder sonstigem gleich.