2003 (von 2019 aus betrachtet)
Die Zukunft gehört den Grußkarten, Kalendern und mehr oder weniger lustigen Verzerrungen von Familienangehörigen
Im Sommer 2019 sortiert meine Mutter Sachen aus, die sie loswerden will, darunter ein “Insiderbuch Digitale Fotografie & Bildbearbeitung: Das Referenzbuch für Fotografen und ambitionierte Amateure” (2. Auflage). Das Buch war, soweit ich mich erinnere, ein Geburtstagsgeschenk für den Vater, der damals seine erste Digitalkamera hatte und sich mit Bildbearbeitung am Computer befasste. “Ich schreib noch schnell was ins Techniktagebuch darüber, und dann kann es weg”, sage ich.
In der Einleitung erzählt der Autor, Ralph Altmann, von seiner eigenen Fotografiervergangenheit: Abzüge in einer provisorischen Dunkelkammer in der Schule, angeleitet vom Physiklehrer. Enttäuschung darüber, dass später vollautomatische Kameras und hocheffektive Laborprozesse zwar akzeptable Ergebnisse garantieren, aber Einflussnahme des Fotografen ausschließen.
“Es war vor allem das Gefühl, dass die fertigen Abzüge gar nicht mehr meine Bilder sind, die mir die Freude am Fotografieren oft vergällte. Das wurde anders, als ich den Computer als neues ‘Farbfotolabor’ entdeckte. (...) Die Enttäuschung kam dann doch noch beim Versuch, sie auf Papier auszugeben. Das war Mitte der 90er-Jahre. Inzwischen gibt es erschwingliche Drucker, die wirklich die beworbene ‘Fotoqualität’ liefern. Und da auch die Preise von Computern und Scannern rapide gefallen sind, bekommt man heute für den Preis einer Profi-Kamera ein komplettes Computer-Farbfotolabor.”
Die neuesten Entwicklungen auf dem Markt seien “bereits eine ernsthafte Konkurrenz zu den analogen Kameras”:
“Faszinierend sind – abgesehen von der Faszination, die jede junge Technik vor allem auf junge Käuferschichten ausübt – die sofortige Verfügbarkeit des Ergebnisses und der praktisch fehlende Materialverbrauch. Darüber übersieht man manchmal die teilweise noch gravierenden Nachteile der Digitalkameras. In einem objektiven Preis-Leistungsvergleich mit den analogen Konkurrenten würden sie immer noch hoffnungslos abgehängt werden, denke ich.”
Zur Zeit der Erstauflage des Buchs im Frühjahr 2001 seien Kameras mit 3 Millionen Pixeln der Stand der Technik gewesen, zur Zeit der zweiten Auflage hätten sich die Pixelzahlen bereits verdoppelt. “Interessant sind auch Kamerakonzepte mit schwenkbaren Objektiven und Displays, Spracheingabe und Skriptsteuerung ...” Ich kann nicht einmal sagen, ob diese Zukunftsvisionen Realität geworden sind oder nicht, so wenig weiß ich über professionelle Digitalkameras. Schwenkbare Displays habe ich schon gesehen, den Rest eher nicht.
Die eigentliche Revolution sei jedoch nicht der Ersatz des analogen Geräts durch das digitale, sondern der Ersatz des aufwändigen und teuren Entwicklungsprozesses durch einen vergleichsweise billigen digitalen.
“Zwar glaube ich, dass 95 Prozent der Anwender diese Möglichkeiten lediglich für individuelle Grußkarten, Kalender oder mehr oder weniger lustige Verzerrungen von Familienangehörigen nutzen werden, doch auch das ist ja schon etwas.
Dass Digitalkameras in Telefone einwandern, soziale Netzwerke und YouTube entstehen und daraus jenseits von Grußkarten und Kalendern noch einmal ganz neue Alltagspraktiken hervorgehen würden, war 2003 zwar schon erahnbar, wäre im Rahmen eines Anleitungsbuchs aber wahrscheinlich viel zu spekulativ gewesen.
Im Abschnitt “Digitale Foto-Veröffentlichung: Datenübertragung und Internetpräsentation” geht es unter anderem um das Versenden von Bildern per Fax, “sicher eins der ungeeignetsten Geräte zum Foto-Versand. Doch es kann vorkommen, dass Sie jemandem, der keinen E-Mail-Anschluss hat, rasch ein Foto zur Vorauswahl oder als Angebot übermitteln müssen.” Außerdem wird das Erzeugen von Bilderkatalogen und das Einbinden dieser Katalogseiten “in eine bestehende Homepage” erklärt. Dafür verwendet man den Netscape Composer, Frontpage Express oder Dreamweaver.
Manche Kapitel sind wahrscheinlich noch aktuell und könnten sogar für meine Tätigkeiten mit dem Diascanner relevant sein. Im Unterschied zu meinem Vater (und auch weiten Teilen der Techniktagebuch-Redaktion) finde ich Histogramme, Gradationskorrekturen und Kontrastkurven aber leider sehr langweilig und werde ganz sicher kein dickes Buch darüber lesen. Deshalb kommt es jetzt zum Altpapier.
(Kathrin Passig)












