Ich will gar nicht lang rumpalavern: Ich war bis vor 20 Minuten laufen, sitze nun hier, bin frisch geduscht, neben mir steht ein naturrübes Radler von Oettinger und gleich nachdem ich das hier online gestellt habe, werde ich zum Mond aufbrechen. Und weil es dafür gute Musik braucht, wie eigentlich immer im Leben, will ich euch wieder drei äußerst hörenswerte Alben vorstellen.
Dieser Typ ist ein echtes Arbeitstier. Dass sein Erfolg in den vergangenen Jahren stetig gewachsen ist, hängt vor allem damit zu tun, dass sich Jack Savoretti scheinbar keine Pause gönnt. Vor vier Jahren erschien Written in Scars, das nicht sein erstes Album war, womit er aber in Europa und letztlich auch in Deutschland gehörig Buzz erzeugte. Schon ein Jahr später veröffentlichte der Brite mit unverkennbaren italienischen Wurzeln das Album Sleep No More, das ein Jahr später, also 2017 noch einmal aufgelegt wurde – diesmal mit einem neuen zusätzlichen Song sowie ausgewählten Live- und Acoustic-Versionen einiger anderer Lieder. Und weil das ja schnell als Schmuh abgetan werden kann, so ein zweiter Aufguss, brachte er noch im selben Jahr Songs From Different Times raus, ein echtes neues Album. Etwa eineinhalb Jahre hat er seitdem pausiert, wobei das vermutlich nicht korrekt ist, wenn man berücksichtigt, dass er 2018 auch auf Tour war. Jetzt, im ersten Quartal 2019, ist schon wieder ein neues Album erschienen. Singing to Strangers heißt es und Savoretti röhrt sich darauf durch 15 Songs, die tadellos zu ihm passen und seiner warmen Stimme schmeicheln. Mittlerweile verfügt die „Man Machine“ über eine hervorragend funktionierende und eingespielte Band, mit der er im vergangenen heißen Sommer in Enrico Morricones Studio, einem Keller unter einer Kirche, das neue Album eingespielt hat. Über die Atmosphäre kann man nur mutmaßen. Aber offenbar floß jede Menge Energie (hoffentlich auch etwas Wein, ich mein ja nur...). Zwei besondere Songs sind auf dem neuen Album enthalten: Der Text von Touchy Situations stammt von Bob Dylan, die Musik dazu hat Savoretti nachträglich komponiert. An Music's too sad without you hat Kylie Minogue mitschreiben und letztlich auch mitsingen dürfen. Es ist das einzige Duett auf dem Album. Singing to Strangers lebt von seinen großartig eingespielten Instrumenten. Die Streicher, die Bassgitarre, die entspannten Drums, dazu die dezent angekratzte Stimme ihres Anführers, der sich souverän durch jeden einzelnen Song croont und dabei kein bisschen müde wird, uns mitfiebern, mitleiden und mitjubeln zu lassen. Ein außerordentlich gutes Album eines außergewöhnlichen Musikers, dem man nur jeden vorstellbaren Erfolg gönnt.
Jack Savoretti // Singing to Strangers // VÖ: 15. März 2019
Ist das nicht eines der besten Trennungslieder, das ihr je gehört habt? Also ich schon. Es ist positiv, sehr charmant getextet, macht Spaß und ist doch bitter, weil man das Gefühl nicht los wird, dass hier eine ziemlich tolle Zeit verabschiedet wird. Ferddich ist einer von 12 neuen Song des dazugehörigen niegelnagelneuen Albums BÄMS! von Flo Mega, den ich schon immer für seine durch und durch gute Musik mochte. Seit seinem 2011er Debüt weiß ich, dass deutscher Soul und R'n'B fernab vom peinlichen naidooschen Gottes-Singsang möglich ist. Aber auch ein Flo Mega macht nicht Halt vor zeitgemäßen Sounds und Stimmenverzerrern. Irgendwie gelingt es ihm aber, das so glaubwürdig zu nutzen, dass aus seinem Soul hier und da astreine Discosongs werden, die eben nicht für die Muttis ab 50 sind, sondern geradezu zeitlos zu sein scheinen. Es macht unfassbar viel Spaß, dieses Album zu hören. Immer wieder entdeckt man neue Überraschungen – ganz gleich, ob sie textlicher oder instrumentaler Art sind. Da wird sogar die Kollaboration mit den Fantastischen Vier zum echten Highlight (F.U.N.K.) und es dürfte einen nicht wundern, wenn Megas Unterstützer sich hier eingestehen müssen, dass sie lange nicht so gut waren. Atomraketen, Leute. Hört Atomraketen. Es macht so derbe Laune, diesen durch und durch auf 80er getrimmten, aber unfassbar gelungenen Song zu hören. Dieser Beat, dieses flirrende Saxophon, dazu dieser Text über den Start einer großen Liebe. Himmel, kauf dieses Album. Kauft es gleich 3x, verschenkt es und diesem Kerl endlich den Erfolg, den er schon seit Ewigkeiten verdient.
Flo Mega // BÄMS! // VÖ: 05. April 2019
Und wo wir gerade bei deutscher Musik sind, machen wir mit Puder weiter. Hinter Puder verbirgt sich die Hamburger Musikerin Catharina Boutari, die ich schon seit ihrem Debütalbum Puder sehr schätze. Dann war es lange still um das Projekt. Der Grund: Boutari wagte ein Experiment. Sie schloss sich eine Zeit lang mit im Grunde fremden Musikern ein, bastelte mit ihnen innerhalb weniger Tage an neuen Songs, nutze dabei zum Teil ziemlich besondere Instrumente, nahm diese Songs am Ende der Session mitunter vor Publikum auf und bastelte eben einfach mal nicht zwei bis drei Jahren an diesem Material. Die ersten beiden Sessions sind 2017 in einem Schwung als Session Tapes 1+2 erschienen, nun folgte unlängst der lang erwartete Abschluss dieser Trilogie: Session Tapes 3 – Geschichte vom Ende der Welt. Boutari lotet hier im Grunde aus, was möglich ist. Dass es nicht viel braucht, außer echte Begeisterung für Musik und Herz und Mut, um innerhalb kürzester Zeit Neues zu kreieren. Zehn Tage hat sich die Musikerin diesmal weggesperrt. Erst mit Sparringspartner Tom Gatza, bis dann nach und nach einige weitere Musiker hinzukamen und die Songs runder machten, bevor das fertige Material vor Publikum präsentiert und aufgenommen wurde. Das Ergebnis kann man jetzt genießen und sich fast nur wünschen, dass es ihr viele Musiker nachtun. Überhaupt sollte Musikmachen vielleicht immer so ablaufen. Selbst wenn am Ende nur fünf Songs herauskommen (Session Tapes 1+2 besteht aus 12 Songs, also sechs pro Session.), wirken sie aufrichtiger als vieles von dem, was uns der deutsche Mainstream-Pop als ach so heiligen Gral verkaufen will.
Puder // Die Session Tapes 3 // VÖ: 15. März 2019