Manchmal, wenn ich ein wirklich gutes Buch lese, denke ich Das kann ich auch. So einen Rhythmus kreieren. Die passenden Worte aneinanderreihen. Alles genau so dynamisch klingen lassen und mitreiĂend erzĂ€hlen. Ganz selten, wie bei diesem Buch, durch das ich in den vergangenen Tagen gejagt bin, denke ich nicht nur Das kann ich auch. usw. sondern zusĂ€tzlich Das kann ich genau so, weil ich Ă€hnliches erlebt habe. Wenn ich wirklich will, könnte ich konkrete Erlebnisse meiner Vergangenheit in einer Geschichte wie dieser verarbeiten.Â
Ich war zwölf oder dreizehn und bin allein mit dem Bus in eines der Nachbardörfer gefahren, weil es dort ein kleines Kino gab. GröĂere Blockbuster-Kinos waren damals natĂŒrlich unerreichbar und wurden nur angesteuert, wenn es mir oder meinen Freunden gelang, irgendjemanden von unseren Eltern davon zu ĂŒberzeugen, uns in das GroĂstadt-Kino zu fahren und zwei Stunden spĂ€ter wieder abzuholen. Dieses kleine Kino aber, in dem es nur einen Saal gab, in dem eben immer nur ein oder zwei Filme ĂŒber mehrere Wochen verteilt liefen, genau dieses Kino war nur eine kurze Busfahrt entfernt. Und so fuhr ich manchmal hin, immer mit Freunden, eigentlich. Nur ein einziges Mal war ich allein dort. Ich kann nicht sagen, welchen Film ich damals unbedingt sehen wollte, aber ich bilde mir heute ein, dass es âDie Maskeâ mit Jim Carrey gewesen ist. Jedenfalls saĂ ich irgendwann allein in dem nicht sehr groĂen Kino-Saal dieser ostdeutschen Kleinstadt, die vermutlich nur doppelt so groĂ war wie ein Dorf. Ich saĂ also dort und sollte nicht viel vom Film mitbekommen an diesem Tag. Also irgendwie schon, aber nicht so, dass ich danach etwas ĂŒber die QualitĂ€t des Films hĂ€tte sagen können. Vermutlich war es gar nicht âDie Maskeâ, der da vor mir auf die Leinwand projiziert wurde, aber ich saĂ eben allein im Saal und irgendwann saĂ jemand neben mir. Und dann spĂŒrte ich eine Hand zwischen meinen Beinen, die nicht meine war und die Hand bewegte sich, formte, knete, tat jedenfalls irgendetwas, von dem ich damals nicht wusste, was es war. Ich spĂŒrte natĂŒrlich auch, dass mein Genital unter der Hose auf die intensiven BerĂŒhrungen der fremden Hand reagierte. Ich wagte nicht, meinen Kopf nach links zu drehen, wo der zur Hand gehörende Körper sich befand. Irgendwann wurde mein Atmung schneller und mein Glied, das angeschwollen war, erschlaffte plötzlich, nachdem ich von einem GefĂŒhl ĂŒberrollt wurde, das ich zuvor noch nie gefĂŒhlt hatte. Daraufhin lies die Hand los, der Körper drĂŒckte sich aus dem Sitz neben mir und verlieĂ den Saal. Ich ging, noch wĂ€hrend der Film lief, auf Toilette, weil ich dachte, ich hĂ€tte in die Hose gemacht. Auf der Toilette putzte ich mich im Schritt, wo ich auch etwas Blut wegwischen musste, das zu sehen mich kurz schwindelig machte. Jedenfalls ging ich zurĂŒck in den Saal und schaute den Film zu Ende.
An dieser Stelle hĂ€tte auch diese kleine unschöne Episode zu Ende sein können, war sie aber nicht. Einige Wochen spĂ€ter hatte meine Schulklasse einen Erste-Hilfe-Kurs. Wir hatten im Klassenraum alle Tische an den Rand gerĂ€umt und die StĂŒhle im Kreis aufgestellt, in deren Mitte uns ein RettungssanitĂ€ter an einer Ăbungspuppe u.a. die Mund-zu-Mund-Beatmung zeigte. Irgendwann wurde ich in den Kreis gerufen, um zu zeigen, ob ich verstanden hatte, was wir alle gerade gelernt hatten. Also beugte ich mich ĂŒber die Puppe und der RettungssanitĂ€ter kniete neben mir. Es muss sein Duft gewesen sein â und an dieser Stelle könnte ich schummeln und irgendeine Duftnote erfinden, aber die Wahrheit ist, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann, was ich gerochen hatte â jedenfalls riss mich dieser Duft zurĂŒck in den Kinosaal, zurĂŒck in den Sitz und ich wusste augenblicklich, dass der RettungssanitĂ€ter im Kino neben mir gesessen hatte. Ich hatte damals keine Einordnung des Vorfalls vorgenommen, kein Urteil darĂŒber gefĂ€llt. Ich kannte noch keine Begriffe wie Ăbergriff oder Vergewaltigung. Auf meinem inneren Radar hatte ich kein Werte, die mir halfen, das Geschehene einzuordnen. Was aber wohl instinktiv geschehen sein musste, war ein Wegsperren des Erlebten. Erst dort auf dem Boden, mit der Ăbungspuppe unter mir und dem Mann neben mir erkannte ich, dass der RettungssanitĂ€ter der Mann war, der auch im winzigen TickethĂ€uschen am Kino gesessen hatte. Irgendwie verstand ich auch, dass der Mann so sicher wusste, dass ich allein im Saal sein wĂŒrde und er deshalb ohne Gefahr zu mir kommen konnte. TatsĂ€chlich kann ich nicht sagen, wie mein kindlich-jugendlicher Verstand es schaffte, all diese ZusammenhĂ€nge damals so prĂ€zise zu erkennen und die Situation so stimmig zu analysieren. Aber beide Situationen und die damit verbundenen Emotionen mussten, vermutlich aus Selbstschutz, tief in mir weggesperrt worden sein. Erst viele Jahre spĂ€ter, im Studium, lag ich neben einer Frau, die mir von Erfahrungen mit ĂŒbergriffigen MĂ€nnern erzĂ€hlte und dabei weinte. Ich weinte mit ihr, erst aus MitgefĂŒhl und dann, weil sich â und ich kann es nicht anders beschreiben als mit diesem ĂŒberstrapazierten Bild â in mir eine TĂŒr zu einem Erinnerungsraum öffnete. Einem Raum, in dem nur ein einziger Kinosessel im Boden verschraubt war, in dem ich augenblicklich Platz nahm und starr vor UnglĂ€ubigkeit, auf einer Leinwand beide Erinnerungen wie Videosequenzen im Schnelldurchlauf anschaute. Erst da konnte ich emotional, physisch und psychisch einordnen, was mir damals passiert war.Â
In Mein kleines Prachttier wird â das dĂŒrfte nun vermutlich niemanden mehr ĂŒberraschen â die Geschichte eines pĂ€dophilen Mannes und dem MĂ€dchen erzĂ€hlt, in das er sich verliebt und von dem er glaubt, genau so auch zurĂŒckgeliebt zu werden. Rijneveld erzĂ€hlt diese unfassbar erschĂŒtternde Geschichte aus der TĂ€tersicht. Zart und poetisch, wie man das sonst nur von Liebesromanen kennt â ein stilistischer Kniff, der das Ungehörige noch erschreckender macht. Immer wieder gibt es Momente, die sich anfĂŒhlen, als wĂŒrde man in den Arm gezwickt werden. Denn es ist nicht richtig, was in dieser romantisch erzĂ€hlten Geschichte passiert. Aber weil es erzĂ€hlt wird, wie es erzĂ€hlt wird, und Rijneveld absolut groĂartig beschreibt, Szenen und Momente aufbaut und Figuren in ihren Beziehungen zueinander so plausibel definiert, gelingt ihr der Trick, es einen ĂŒber lange Zeit alles als gar nicht so schlimm anfĂŒhlen zu lassen. In der Heftigkeit, mit der im letzten Drittel das ganze AusmaĂ und die Grausamkeit ĂŒber uns Lesende hereinbricht, ist diese Geschichte dann doch konsequent wie ein sehr langsam abgespieltes Video, das eine geöffnete Cola-Flasche zeigt, in die ein Mentos hineingeworfen wurde.Â


















