Dezember 2018
Langsame Schritte Richtung autonomes Fahren
Ein neuer Lastwagen, ein neuer Artikel über Assistenzsysteme. (Zum Vorgänger gehts hier.) Denn auch wenn Mercedes so ziemlich kein Teil unberührt gelassen hat beim auch schon wieder sieben Jahre alt gewordenen „neuen“ Actros, den sie alle MP4 nennen, obwohl er gar nicht die vierte Modell-Phase des alten Actros ist, sondern wie in diesem Satz schon mal gesagt ein völlig neues Auto, ist doch die „driver experience“, also das Fahrerlebnis, bemerkenswert ähnlich. Das vorherrschende Gefühl ist: Gelassenheit.
Was für ein Arbeitsgerät im Wahnsinn des deutschen Straßenverkehrs ja nicht das Schlechteste ist.
Leiser ist er geworden, und er hat ein paar interessante Arbeitserleichterungen bekommen. Eine davon, „EcoRoll“, hatte auch „mein“ alter Actros MP3 von 2011 schon, allerdings in einer eher vorsintflutlichen Variante: Wenn das Auto merkt, daß es von selber schneller wird (also bergab), und wenn es dabei auch schon mindestens so schnell ist wie vom Tempomat verlangt oder meint, das auch allein durch die Hangabtriebskraft zeitnah erreichen zu können, dann nimmt es den Gang raus und rollt im Leerlauf zu Tal. Und wenn es ohne Tempomat und ohne Gas rollen darf, zum Beispiel in ein Tempolimit rein oder auf eine rote Ampel zu, ebenso.
Anscheinend spart das beim Lastwagen Sprit, obwohl ich für den PKW gelernt habe, daß Schubabschaltung (also mit eingelegtem Gang und ergo Nullverbrauch rollen lassen) effektiver sei. Na, Mercedes wird sich was dabei gedacht haben.
Der neue Actros hat aber nun neben einem Wust weiterer Assistenzsysteme, hier ein kleiner Ausschnitt …
… auch PPC, was nicht wie seinerzeit zu meiner Zeit für PowerPC steht, sondern für „predictive powertrain control“. Das Prädiktive muß man sich da aber weniger als künstlich intelligenten Blick in die Zukunft vorstellen, sondern eher als einen Abgleich mit dem GPS und einer hinterlegten Straßenkarte mit Höhenangaben.
Der Effekt ist zunächst etwas verwirrend: in hügeligem Gelände nimmt das Auto nicht mehr wie früher den Gang raus, wenn es die Kuppe überwunden hat und wieder schneller wird, sondern schon vor dem Brechpunkt. Dadurch verliert es natürlich an Tempo (wieviel maximal, kann man einstellen, aber weniger als 3 km/h kann man da nicht einstellen, allenfalls die Funktion komplett deaktivieren), überquert die höchste Stelle also im Leerlauf rollend und legt dann bergab wieder an Tempo zu, bis die ebenfalls einstellbare Höchstüberschreitung der Tempomat-Sollgeschwindigkeit erreicht ist, woraufhin es einen Gang einlegt und die Fuhre mittels Retarder (verschleißfreie Getriebebremse) einbremst.
Die ersten paar Male dachte ich beim Einlegen des Leerlaufs, da wär was kaputt.
Aber man gewöhnt sich schnell dran. Und wenn jemand an die Hintermänner und -frauen denkt: wer so dicht auffährt, daß die paar km/h Handlungsbedarf bedeuten, der hat es nicht besser verdient. :-P
Wirklich erstaunlich wird PPC aber erst im vermeintlichen Flachland, wo es oft kilometerweit im Leerlauf rollt an Stellen, die man mit einem PKW oder einem „normalen“ Lastwagen als völlig topfeben empfindet. Und das bringt anscheinend auch tatsächlich was: nicht nur ist der Actros in sämtlichen Vergleichstests, die ich gelesen habe, der Sparsamste gewesen – auch mein Verbrauch hat nach meinen Schätzungen um mindestens einen, eher mehrere l/100 km abgenommen gegenüber dem alten Actros.
Die bemerkenswerte Zahl sind die 19,7 l/100 km, für einen ausgewachsenen Sattelzug ist das auch mit nur 4,1 Tonnen Ladung ein hervorragender Wert. Zumal der recht schlechte Tempodurchschnitt auf mehrere Staus hinweist. Mit dem alten Actros hatte ich einmal 19,9 l/100 km geschafft, aber nur durch bewußt sparsame Fahrweise und ganz ohne Ladung. Der Durchschnittsverbrauch des neuen liegt bei knapp 26 l/100 km, immer noch beachtlich wenig.
Ansonsten noch bemerkenswerte Neuerungen: Kriechmodus im Automatikgetriebe (das ja eigentlich nur ein vollautomatisiertes Schaltgetriebe mit Kupplung ist, sich mit Kriechmodus aber noch ein bißchen mehr nach Wandlerautomatik anfühlt und auch das Rangieren sehr viel komfortabler macht) und vor allem der Stauassistent. Das ist ein aufgebohrter Abstandsregeltempomat, der nicht wie im alten Actros bei Unterschreitung von IIRC 20 km/h abschaltet, sondern tatsächlich bis 0 km/h funktioniert, also hinter dem Vordermann auch anhält – und durch leichtes Antippen des Gaspedals auch wieder losfährt. Das tut er zwar ruppiger und beim Anhalten auch weniger vorausschauend, als ich es täte, aber sei’s drum – meistens helfe ich ihm beim Vorausschauen mit dem Hebel des Retarders, mit dem man ihn prima von absehbar sinnlosen Beschleunigungsvorgängen abhalten kann. Trotzdem ist der Stauassistent ein schöner Komfort- und Sicherheitsgewinn, den ich nicht mehr missen möchte.
Alles in allem ist der Fortschritt in allen Belangen (außer beim Federungskomfort) deutlich spürbar. Bis zum autonomen Fahren ist es aber trotzdem noch ein weiter Weg – schon leichter Schneefall führt immer noch zu verdreckten Sensoren und damit Ausfall der Abstandsregelung, die Spur halten kann das Auto noch gar nicht alleine, und auch wenn es inzwischen von 0 bis 90 km/h selbsttätig Abstand halten kann, fehlt m.E. unbedingt die Fähigkeit, auch Warnblinker und Bremslichter der Vorausfahrenden zu erkennen – der Vorausfahrenden, Plural, denn stumpf hinter dem letzten herzufahren wird nicht reichen, um Unfälle zu vermeiden. Und damit ist das Problem der Merkbefreiten, die wenige Meter vor Lastzügen die Spur wechseln und dann direkt bremsen, ja auch noch nicht gelöst.
Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich noch so manchen Techniktagebuch-Eintrag zu neuen Features in neuen Lastwagen schreiben werde, bis ich das irgendwann mal während der Fahrt tun kann.
(Ermel)












