Als Kind des Kalten Krieges kann ich mich noch gut an den regelmĂ€Ăigen Probealarm erinnern: Zwei Mal im Jahr heulten bei uns (in Westdeutschland) ĂŒberall die Sirenen, es gab Luftalarm und anschlieĂend Entwarnung, und wir haben das als akustische Unterbrechung des Schulunterrichts wahrgenommen. Was wir im Ernstfall hĂ€tten tun sollen, wussten wir ohnehin nicht. In der DDR gab es diese regelmĂ€Ăigen Probealarme ebenso, nur wohl weit öfter als in der Bundesrepublik.
Als nach dem Ende des Kalten Krieges, dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, der Auflösung des Warschauer Vertrags als Gegengewicht zur NATO und der Auflösung der Sowjetunion der ewige Friede ausbrach, endeten nicht nur diese Probealarme: Der Zivilschutz, im Unterschied zum Katastrophenschutz die zivile Seite einer kriegerischen Auseinandersetzung, wurde als weitgehend ĂŒberflĂŒssig betrachtet. Und mit den Bunkern wurde auch das bundesweite Sirenen-Warnsystem auĂer Betrieb genommen: Wenn eine Kommune das wollte, konnte sie die vorhandenen Sirenen zu den - nicht niedrigen - Betriebskosten weiter betreiben, zum Beispiel fĂŒr die Feuerwehr oder als Hochwasserwarnung.
Rund 30 Jahre spĂ€ter ist das Bewusstsein wieder da, dass bisweilen eine flĂ€chendeckende Warnmöglichkeit fĂŒr die Bevölkerung ganz sinnvoll wĂ€re. Nicht zur Warnung vor anfliegenden Bombern, sondern vor allem bei Katastrophen wie groĂen BrĂ€nden (zum Beispiel in einem Chemiewerk), Hochwasser und anderen Gefahren. Abgeschaltete Sirenen wurden dafĂŒr nur an wenigen Orten reaktiviert: Statt dessen soll ein Technik-Mix, von einem Modularen Warnsystem (MoWaS) fĂŒr Behörden, Institutionen und Medien wie Rundfunksender bis zu Apps auf dem Smartphone die flĂ€chendeckende Warnung sicherstellen. Und zur Not sollen auch Lautsprecherwagen auf die StraĂen geschickt werden.
So weit die Theorie. Um mal zu testen, ob und wie das auch praktisch bundesweit funktioniert, gabâs am (heutigen) 10. September einen bundesweiten Warntag â als ersten einer regelmĂ€Ăigen Probealarm-Serie, die kĂŒnftig an jedem zweiten Donnerstag im September stattfinden soll.
Um es vorweg zu nehmen: So recht funktioniert hat es nicht â vor allem nicht in den Orten, die keine Sirenen mehr haben. Denn da sollte die Warnung ausschlieĂlich ĂŒber die Smartphone-Apps KatWarn und NINA laufen. Und die meldeten, je nach Ort, entweder gleich richtig oder gaben gar keine Warnung. Oder erst mit einer halben Stunde VerspĂ€tung. Nach der planmĂ€Ăigen Entwarnung.
Das galt vor allem fĂŒr Deutschlands gröĂte Stadt Berlin: In der Hauptstadt fand die Warnung praktisch nicht statt, Sirenen gibt es in Berlin ohnehin nicht mehr, und auf Lautsprecherwagen hatte die Senatsverwaltung fĂŒr Inneres bewusst verzichtet. Beide vorhandenen Warnapps meldeten sich nicht. Es blieb also ein stiller Alarm â und erreichte nur diejenigen, die zufĂ€llig einen der Rundfunksender eingeschaltet hatten, die zum vorgesehenen Zeitpunkt um 11:00 Uhr auch diese Warnung brachten.
Und das war offensichtlich kein Einzelfall. Auf Twitter meldeten sich viele, viele, viele Nutzer aus ganz Deutschland, die verblĂŒfft fragten, was denn mit dem Warntag nun wĂ€re.
Entgegen den ersten Annahmen war die Nicht-Alarmierung allerdings offensichtlich nicht das Problem der Apps. Denn das Bundesamt fĂŒr Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), das den bundesweiten Warntag organisiert hatte und steuerte, machte dafĂŒr Probleme schon eine Stufe höher verantwortlich: Bei dem MoWaS, das die Warnmeldung ja erst an Behörden weitergeben sollte, ehe die Bevölkerung selbst informiert wĂŒrde.
Mit anderen Worten: zu viele Alarme gleichzeitig â wer hĂ€tte das bei einer bundesweiten AlarmĂŒbung auch ahnen können. Oder gar die Software darauf ausgerichtet. Der Berliner Senat jedenfalls wollte vorsorglich keinen Vorwurf auf sich sitzen lassen und reagierte umgehend:
Das Behördenpingpong ist programmiert, aber das Problem liegt tiefer: Bei örtlichen Gefahrenmeldungen wie GroĂbrĂ€nden oder Hochwasser funktionieren die WarnApps NINA und KatWarn meistens â das Gesamtsystem ging offensichtlich in die Knie, als eine gleichzeitige bundesweite Warnung ausgestrahlt werden sollte. Die Infrastruktur ist dafĂŒr offensichtlich von vornherein nicht ausgelegt gewesen.
Das Scheitern rÀumte selbst das Bundesinnenministerium, vorgesetzte Behörde des BBK, per Pressemitteilung ein:
Probealarm zum âWarntag 2020â fehlgeschlagen
Umfassende AufklĂ€rung lĂ€uft, Erkenntnisse werden bei der weiteren Entwicklung berĂŒcksichtigt
Die Auslösung des Probelalarms am heutigen âWarntag 2020â ist aufgrund eines technischen Problems fehlgeschlagen. Die VorgĂ€nge werden jetzt umfassend aufgearbeitet. Die gewonnenen Erkenntnisse werden bei der weiteren Entwicklung des Warnsystems berĂŒcksichtigt.
NatĂŒrlich stellte sich auch sofort die Frage, ob nicht andere Warnmöglichkeiten als die nur begrenzt noch vorhandenen Sirenen und die Apps, die von der Nutzung eines Smartphones abhĂ€ngig sind, fĂŒr solche Alarme sinnvoll wĂ€ren. Zum Beispiel der Cell Broadcast, bei dem eine Nachricht an alle MobilfunkempfĂ€nge gesendet wird, gegebenenfalls auch regional begrenzt. In vielen LĂ€ndern wird das System genutzt, das auch Ă€ltere Mobiltelefone (und nicht-Smartphones) einbezieht, in Deutschland bislang nicht.
Warum nicht, erlĂ€uterte BBK-Chef Christoph Unger zwar in einem Interview des Spiegels â aber seine erste ErklĂ€rung, die den Datenschutz vorschob, musste Deutschlands oberster KatastrophenschĂŒtzer dann doch revidieren:
Unger*: Ja, die Niederlande zum Beispiel setzen auf dieses Cell-Broadcast-System. Cell-Broadcasting wird derzeit aber von keinem deutschen Mobilfunkanbieter angeboten und steht daher zu Zwecken der Bevölkerungswarnung hierzulande aktuell nicht zur VerfĂŒgung. Die zustĂ€ndigen Stellen prĂŒfen, ob und unter welchen UmstĂ€nden es möglich und sinnvoll ist, Cell-Broadcast als zusĂ€tzlichen Warnkanal einzufĂŒhren. Derzeit setzen wir auf die App...
*Anmerkung der [Spiegel]Redaktion: In einer frĂŒheren Fassung hieĂ es, der Bund habe wegen vermeintlicher KapazitĂ€tsprobleme der Mobilfunknetze und aus DatenschutzgrĂŒnden Abstand von einem Cell-Broadcast-System genommen. Das Bundesamt fĂŒr Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat diese Antwort nachtrĂ€glich korrigiert.
Mit anderen Worten: Vielleicht kommt ja doch noch Cell Broadcast in Deutschland, es könnte ja funktionieren. Andere Warnmöglichkeiten wie speziell ausgestattete DAB+-RadioempfĂ€nger werden derzeit getestet â aber eines wird wohl nicht wiederkommen: Bundesweit empfangbare Radiosender, wie einst den Deutschlandfunk auf Lang- und Mittelwelle. Denn die Sender dafĂŒr wurden zugunsten (technisch) nur regional verfĂŒgbarer UKW- und DAB+-Sender abgeschaltet.
Die einzige Alarmmeldung zum heutigen Warntag erhielt ich ĂŒbrigens von einem Rundfunksender: als Push-Nachricht des Deutschlandfunks auf dem Smartphone. Wobei mir ja nicht klar ist, ob der DLF da die Benachrichtigung ĂŒber MoWaS bekommen hatte â oder einfach mal den angekĂŒndigten Probealarm auch pĂŒnktlich rausgehauen hat, auch ohne offizielle Information. Die DLF-Nachrichtenredaktion antwortete auf diese Frage erstmal nicht.
(Grafik: Ăbersicht von warnung.bund.de)
(Die Ăberschrift habe ich, mit freundlicher Genehmigung, beim Twitter-Nutzer @bubble_goat entliehen)