Andreas Maier - Das Zimmer. #suhrkampverlag #autofiktion #ortsumgehung #deutschland #review #roman #lesejahr2025
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Wenn ich über jemand anderen schriebe, und wäre es noch so kunstvoll, dann würde ich immer noch über mich selbst schreiben.
William Saroyan: "Ein anderer Tag, ein anderer Traum", S.106
Téa Obreht - Im Morgenlicht.
Téa Obreht - Im Morgenlicht. #roman #dystopie #comingofage #lesejahr2024 #rowohltverlag #literatur #buch #bücher
Der neue Roman “Im Morgenlicht” der amerikanischen Autorin Téa Obreht ist eine spannend zu lesende Mischung aus Coming of Age – Roman, Dystopie und wohl auch autofiktionale Aufarbeitung der Jugoslawienkriege… Continue reading Téa Obreht – Im Morgenlicht.
Lukas Hartmann - Martha und die Ihren.
Lukas Hartmann - Martha und die Ihren. #diogenesverlag #verdingkinder #roman #literatur #schweiz #buch #lesejahr2024 #autofiktion
Mit seinem neuen Roman “Martha und die Ihren” beweist Lukas Hartmann einmal mehr, dass er zu den ganz grossen Schweizer Autoren gehört. Sensibel und einfühlsam und doch mit einer sehr klaren, umemotionalen Kraft greift er in diesem Roman das dunkle Kapitel der Verdingkinder auf und erzählt die Geschichte seiner Grossmutter, seiner Familie bis zu seiner eigenen Generation… Continue reading Lukas…
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(erschienen: Januar 2021; gelesen Februar 2023)
Wie kann ein Autor zugleich so lustig und so schmerzhaft schreiben? Kapitelman ist ein Meister des melancholischen Humors!
Nach fünfundzwanzig Jahren in Deutschland möchte sich Dmitrij einbürgern lassen. Die bürokratischen Hürden, die es dabei zu überwinden gilt, stellen sich ihm sowohl in Deutschland als auch in der Ukraine in den Weg, denn um ein dringend benötigtes amtliches Dokument zu bekommen, führt kein Weg an einer Reise in seine Geburtsstadt Kiew vorbei.
Paradoxerweise führt die Reise, die zum Ziel hat, sich möglichst schnell von den Eltern zu distanzieren, zu einer vorsichtigen Annäherung der zerstrittenen Familie. Die Kindheitserinnerungen, denen sich Dmitrij in Kiew stellen muss, sind schöne Erinnerungen - an eine fröhliche, starke, hoffnungsvolle Damals-Mama und einen geschäftstüchtigen, gefühlvollen Damals-Papa. Heute-Mutter ist kalt und unnahbar, Heute-Vater schwach und verwirrt...
"Und dann, nach vierunddreissig Jahren, suchen Vera und Leonid wieder zusammen WĂĽrzspeck in Kiew aus. GerĂĽhrt stehe ich wieder zwischen Schlachtinnereien und blutigen Kacheln. So fremd, wie ein Mensch hier nur sein kann, so verwurzelt, wie ein Mensch hier nur sein kann." (S. 165)
Um zu den gewĂĽnschten Papieren zu kommen, muss Dmitrij lernen, dass BĂĽrokratie auch flirten kann und wie man virtuos "entdankt". Denn ohne Bestechung geht fast nichts, oder jedenfalls nicht schnell genug.
"Das Entdanken geht mir mittlerweile flüssig von der Hand. Sogar einen Standardspruch habe ich mir angeeignet. Er ist nicht sonderlich komplex: 'Ich lasse das mal für alle Fälle hier.'" (S. 127)
Der Versuch, sich auch "amtlich" von seiner Vergangenheit zu lösen, bindet Dmitrij nur stärker an diese. Die Einbürgerung in Deutschland wird zwar bewilligt, die Ausbürgerung aus der Ukraine vielleicht auch irgendwann mal vollzogen, am Ende des autobiografischen Romans steht aber eine ganz andere Erkenntnis:
"Nichts ist so gleichgültig wie Nationalitäten. Wollen wir wirklich an etwas so Gleichgültigem zu Grunde gehen, liebe Landsleute?" (S. 176)

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Kim de l'Horizon: Blutbuch
(2022)
Queer, feucht, weird und das wars? Und dafür erhält jemensch den deutschen und den Schweizer Literaturpreis? Das kann nicht sein. Da muss mehr dahinter stecken. Finden wirs heraus...
Das Buch ist enorm vielschichtig. Wer es auf Queerness reduziert, tut ihm Unrecht. VordergrĂĽndig geht es um die Suche nach sich selbst, nach einem Platz in der Gesellschaft. Aber es ist auch eine wunderbare Hommage an die Grossmutter - "Grossmeer" - und all die "Meers" und "Grossmeers" und "Urgrossmeers" vor ihr, die nicht sein konnten und durften, wer sie waren.
"You are a carrier. You know that, and not only you. But you alone cannot heal everybody, you need to decide what to carry and how. And you need to find better ways to get rid of the rest." (S. 288)
Auf der Suche nach der passenden Form tastet sich der Text durch verschiedene Textsorten vor. Märchen, die die Welt des Kindes Kim beschreiben: Das Märchen von der Eishexe Mutter, für die das Kind seine ganze Kraft und Liebe gibt, um sie aufzutauen. Das Märchen, in dem die Blutbuche sprechen kann und dem Kind erklärt, wie es so stark und beständig werden kann. Dann auch Selbstreflexionen (m.E. die am wenigsten gelungenen Passagen), Nachdenken übers Schreiben, Bericht über den Alltag, Telefongespräche und schliesslich die Briefe an "Grandma" auf Englisch, "the language that you don't really understand".
Die Sprache ist mindestens so wichtig wie der Inhalt. Die "Meersprache" (mothertongue), die "Grossmeersprache", die sich anfĂĽhlt wie ein Meer, dass mensch umgibt, aber auch das Hochdeutsche, das beinahe schon ein Verrat ist: Johannisbeere statt MeertrĂĽbeli...
Es ist die Suche nach einer Sprache, in der mensch Mensch sein kann. Ich sein kann. Eine Sprache, die nicht unterscheidet zwischen Mann und Frau, die die Freiheit lässt, das Ich ausserhalb von Geschlechterrollen zu finden.
Es ist ein beeindruckendes, sprachgewaltiges, fantasievolles Buch. Es braucht aber auch Mut, sich darauf einzulassen, seine eigenen Rollenbilder zu hinterfragen und zu überlesen, was mensch vielleicht nicht ganz so detailliert wissen möchte.
Ein glĂĽckliches Ende ist nur eine Verschnaufspause.
Jeanette Winterson: “Warum glücklich statt einfach nur normal?”, S.245
Niemand kann zu viel fĂĽhlen, auch wenn viele sehr hart daran arbeiten, zu wenig zu fĂĽhlen.
Jeanette Winterson: “Warum glücklich statt einfach nur normal?”, S.205