(erschienen: Januar 2021; gelesen Februar 2023)
Wie kann ein Autor zugleich so lustig und so schmerzhaft schreiben? Kapitelman ist ein Meister des melancholischen Humors!
Nach fünfundzwanzig Jahren in Deutschland möchte sich Dmitrij einbürgern lassen. Die bürokratischen Hürden, die es dabei zu überwinden gilt, stellen sich ihm sowohl in Deutschland als auch in der Ukraine in den Weg, denn um ein dringend benötigtes amtliches Dokument zu bekommen, führt kein Weg an einer Reise in seine Geburtsstadt Kiew vorbei.
Paradoxerweise führt die Reise, die zum Ziel hat, sich möglichst schnell von den Eltern zu distanzieren, zu einer vorsichtigen Annäherung der zerstrittenen Familie. Die Kindheitserinnerungen, denen sich Dmitrij in Kiew stellen muss, sind schöne Erinnerungen - an eine fröhliche, starke, hoffnungsvolle Damals-Mama und einen geschäftstüchtigen, gefühlvollen Damals-Papa. Heute-Mutter ist kalt und unnahbar, Heute-Vater schwach und verwirrt...
"Und dann, nach vierunddreissig Jahren, suchen Vera und Leonid wieder zusammen Würzspeck in Kiew aus. Gerührt stehe ich wieder zwischen Schlachtinnereien und blutigen Kacheln. So fremd, wie ein Mensch hier nur sein kann, so verwurzelt, wie ein Mensch hier nur sein kann." (S. 165)
Um zu den gewünschten Papieren zu kommen, muss Dmitrij lernen, dass Bürokratie auch flirten kann und wie man virtuos "entdankt". Denn ohne Bestechung geht fast nichts, oder jedenfalls nicht schnell genug.
"Das Entdanken geht mir mittlerweile flüssig von der Hand. Sogar einen Standardspruch habe ich mir angeeignet. Er ist nicht sonderlich komplex: 'Ich lasse das mal für alle Fälle hier.'" (S. 127)
Der Versuch, sich auch "amtlich" von seiner Vergangenheit zu lösen, bindet Dmitrij nur stärker an diese. Die Einbürgerung in Deutschland wird zwar bewilligt, die Ausbürgerung aus der Ukraine vielleicht auch irgendwann mal vollzogen, am Ende des autobiografischen Romans steht aber eine ganz andere Erkenntnis:
"Nichts ist so gleichgültig wie Nationalitäten. Wollen wir wirklich an etwas so Gleichgültigem zu Grunde gehen, liebe Landsleute?" (S. 176)












