Was das kapitalkonstituierte Subjekt in Deutschland und in den USA unterscheidet, ist scheinbar marginal und deswegen grundlegend: seine Stellung zur ObjektivitĂ€t. Das Subjekt erlebt die Ă€uĂere Welt als Schicksal, als seine WĂŒnsche und seinen Willen willkĂŒrlich durchkreuzendes VerhĂ€ngnis. Die Hochzeit bĂŒrgerlicher Emphase, als die Welt noch als zu erobernde âDomĂ€ne des Willensâ vor seinen Augen lag, ist zwar hier wie dort vorbei; in den USA hallt sie aber deutlich vernehmbar nach. WĂ€hrend man dort dem Schicksal trotzt, sich herausgefordert fĂŒhlt und gegen die erdrĂŒckende Ăbermacht der VerhĂ€ltnisse auch noch dann anrennt, wenn es als völlig aussichtlos erscheint, ist hier das gesellschaftliche Schicksal etwas, in das man sich murrend und widerstrebend fĂŒgt, in das man sich ergibt und dessen Vollstrecker man schlieĂlich spielt, indem man die vermeintlichen Verursacher des eigenen Elends eigenhĂ€ndig vernichtet. Eigenverantwortung, wie sie in Deutschland gefordert wird, ist die unerbittliche Verneinung jenes unglĂŒcklichen Restes von SubjektivitĂ€t, der sich noch störend in einem regen könnte, um gegen andere umso ungehemmter vorgehen zu können: Dann greift der Deutsche nach seinem Nachbarn aus, dem er seine Disziplinlosigkeiten vorrechnet oder durch die Staatsgewalt sanktionieren lĂ€Ăt oder â wenn er revolutionĂ€r gestimmt ist â durch entsprechende Kiezmilizen in die Schranken weist. EigenstĂ€ndig handelt man hier nur im Auftrag einer höheren Macht, Initiative entwickelt man hier nur als Vollstreckungsbeamter: Dieser Idealismus kennzeichnet das deutsche Subjekt als subalternen Aktivisten, als Charaktermaske des SouverĂ€ns, die sich die Gebote des Apparats als eines staatvermittelten Ganzen völlig zu eigen gemacht hat.In den USA hingegen werden, jeder Evidenz zum Trotz, seltsame Maximen aus lĂ€ngst vergangenen Zeiten glĂ€ubig hochgehalten. Wer sich nicht unterkriegen lasse, der werde es schaffen, wer wirklich fĂŒr sich selbst verantwortlich sei, habe auch das Zeug, seines GlĂŒckes Schmied zu sein und könne es schon von daher vom TellerwĂ€scher zum MillionĂ€r bringen. In solchen GlaubenssĂ€tzen Ă€uĂert sich scheinbar ungebrochen die Basisideologie kapitalistischer Vergesellschaftung, die das Individuum als autonom und die Gesellschaft als die Summe der Einzelnen, als ihr fĂŒr sie auch einsichtiges Produkt vorstellt. NatĂŒrlich ist dies eine blanke LĂŒge, und die Deutschen scheinen demgegenĂŒber der Wahrheit nĂ€her zu sein, wenn sie die Welt als unbegreifliches Schicksal und sich selbst als AbhĂ€ngige begreifen. Dieser RealitĂ€tstĂŒchtigkeit verdankt sich ihr spontaner Alltagsantikapitalismus, der zugleich Ausdruck ihres Sozialcharakters ist und damit genau das, woran die Linken immer so gerne 'anknĂŒpfenâ wollen, wenn sie Politik machen. Doch dieser scheinbar so illusionslose Antikapitalismus ist durch und durch regressiv und ressentimentgeladen. Deutsche setzten eine Unperson an Stelle des untergegangenen Individuums, an das sie nie geglaubt haben und wissen sich schon deshalb gerade als bekennende Antikapitalisten mĂŒhelos einzuordnen in den grauen Schicksalszug ihrer Volksgenossen.
Jegliche Kritik des Kapitals, die von Linken formuliert wird, muĂ und wird sich daran messen lassen, ob sie diesen deutschen Antikapitalismus bekĂ€mpft statt ihn zu bedienen und ihn gar zur Tat zu ermuntern. Das Schicksal, das VerhĂ€ngnis, von dem die Deutschen raunen, ist die zum metaphysischen Prinzip erhobene Subjektlosigkeit, der die Subjekte sich gleichzumachen haben. WĂ€hrend die Deutschen dem Gegebenen metaphysischen Charakter zusprechen, verleihen die Amerikaner dem individuellen Pragmatismus die Weihen eines dem Calvinismus nachempfundenen metaphysischen Prinzips. Diese schlechte und durch und durch lĂŒgenhafte Ideologie ist aber unter den gegebenen UmstĂ€nden trotzdem der Platzhalter des Besseren und ein Vorschein von Emanzipation. In den USA liegt offen zutage, was den Kapitalismus konstitutiv ausmacht, Illusionen braucht sich da keiner zu machen. Da alle ihr GeschĂ€ft offen betreiben, ist wenig Raum fĂŒr deutsche Projektionen. Es besteht in den USA einfach kein Grund, den Krisen- und Katastrophencharakter des Kapitals zu exterritorialisieren und entsprechend personalisiert nach auĂen zu projizieren â und wenn dies trotzdem geschieht, nimmt es sich so albern und lachhaft aus, wie Nazis in amerikanischen Spielfilmen regelmĂ€Ăig geschildert werden. Die Unversöhntheit, der reale Zynismus des Kapitals liegt hier offen zutage â diese Schroffheit und eben nicht ihre sozialstaatliche und kulturelle Einebnung ist aber nach Marx eine Voraussetzung der Revolution.
Dem Schicksal trotzen, auch wenn es unsinnig ist, ist einerseits ein Nachhall bĂŒrgerlicher AufklĂ€rung â man lĂ€Ăt sich von Gott, Kirche und anderen MĂ€chten nicht beeindrucken und besteht auf seinem GlĂŒck â es ist andererseits pure Verstiegenheit. Verstiegen ist aber auch das Ansinnen jedes RevolutionĂ€rs heute, dem es um das GlĂŒck, zuvörderst das eigene, das das GlĂŒck aller anderen mitmeint, zu tun ist. Sein Vorhaben, schon als Kritik, ist so aussichtslos wie das BemĂŒhen um GlĂŒck jedes Subjekts heute. Sein Ansinnen ist verstiegen und aussichtlos, nach dem MaĂ jeder 'realistischenâ instrumentellen Vernunft irrsinnig â und deshalb muĂ es trotzdem unternommen werden: 'Je unmöglicher der Sozialismus ist, desto verzweifelter gilt es fĂŒr ihn einzutretenâ (Horkheimer). Der Trotz, den solche Verzweiflung mobilisiert, die Sturheit, sich ungeschmĂ€lerte Erfahrung und Einsicht nicht abmarkten zu lassen, der Wille, es immer wieder neu zu versuchen â all diese Eigenschaften, die den Rebellen ausmachen, unterscheiden sich vorderhand nicht von der Selbstbehauptung bĂŒrgerlicher Subjekte; und von ihrem Vorhandensein zehrt revolutionĂ€re Kritik, die sich schlieĂlich gegen das Subjekt selbst wendet, all diese Momente aufbewahrt. Die letzten Feinde der BĂŒrger sind selber die letzten BĂŒrger â aber garantiert nicht die Kollektivmonaden deutscher Provenienz.
So bleibt, wenn auch schĂ€big, im Zweifel rĂŒcksichtslos und von keiner kalkulierbaren Vernunft gesteuert, bei den Amerikanern und ihrem Staat noch ein Rest des Interesses an seinen Vorteilen, am Fortbestehen und GlĂŒck zurĂŒck â verrĂŒckt bis zum Verbrechen und zur Selbstzerstörung, aber nur dadurch noch nach menschlichem MaĂ.