Ohne bin ich selten, weil meine Nase immer mal gern aus der Reihe tanzt. Schiefe Nasenscheidewand, sagte einst der Herr Doktor nach einem Besuch in der CT-Röhre und nachdem er mir mit einer kleinen Kamera im Kopf herumgefahren ist. Erbstück meines Herrn Vaters, sage ich.
Angesichts der vermutlich inzwischen an Mittelgebirgshöhe reichenden Berge an verbrauchten Papiertaschentüchern in meinem bisherigen Leben als Problemnaseninhaberin kam mir kürzlich die Idee, meine Frau Mutter um die Stofftaschentücher meines Herrn Vater zu bitten. Zumal die Papiertaschentücher inzwischen nicht mal mehr selbstauflösend sind. Was für vergessene Taschentücher in Hosentaschen-Waschmaschinen-Kombination super ist, ist für die Umwelt eher schwierig.
Stofftaschentücher, also. Ich finde es schön, dass die sechzig Erbstücke sich nun zur passenden Nase gesellen und ich immer eine weitere handfeste Erinnerung an meinen Herrn Vater dabei habe. Natürlich wusch und bügelte meine Frau Mutter sie vorher noch. Ein Vergnügen, das ich künftig haben werde. Wohlan.
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Ostfriesland. Nur echt mit Schaf. Und Tee. Und Wasser. Und ...
Ostfriesland. Allein beim Gedanken daran geht mir das Herz auf. Ostfriesenherz, nannte ich es einst. Es sind gar nicht mal die Inseln, auch wenn ich lange Jahre recht regelmäßig nach Langeoog fuhr, später auch mal nach Juist. Aber wenn ich das immer leicht zerzaust wirkende Binnenland mit seiner grünen Weite, den Sielen und den im Wind kauernden Bäumen sehe, fühle ich mich gleich zuhause. Die Orte ducken sich unter dem Himmel, allein die Kirchtürme und hier und da ein Getreidesilo ragen empor.
Ähnlich wie mit Ostfriesland geht es mir mit der Eifel oder auch mit dem einsamen Hinterland von Vaucluse und Drôme. Es sind ehemals arme und unzugängliche Gegenden, in denen Menschen über Jahrhunderte den kargen Böden und der Witterung ein bescheidenes Leben abgetrotzt haben. Dieses Leben brachte eigensinnige Menschen hervor, sie es gewöhnt waren, dass man sich nicht groß um sie kümmerte.
Aber es sind auch geschichtsträchtige Regionen, denn schon immer zogen Menschen mit unterschiedlichen und selten friedlichen Absichten hindurch. Heute nennt man diese Regionen “strukturschwach”. Der mittlerweile erreichte Wohlstand hängt oft von wenigen Arbeitsgebern oder wenigen Branchen ab.
Ostfriesland. Eine Einladung vom Musikland Niedersachsen, ich erzählte davon drüben bei den Herbergsmüttern. Ich reiste mit dem Auto an, weil ich noch einen Schlenker übers Münsterland fahren wollte und gleich im Anschluss die Reise nach Frankreich anstand. Vielleicht erzähle ich auch davon noch.
Erst wenn man ein Schaf gesehen hat, ist man in Ostfriesland angekommen. Ich residierte in Weener an der Ems und erspähte gleich eines am Deich. Glück gehabt.
Tee in Leer
Meine erster Weg führte mich jedoch nach Leer. Bisher bin ich auf dem Weg nach Ostfriesland dort immer vorbeigebraust, ob mit der Bahn oder mit dem Auto. Diesmal stand aber endlich ein Besuch bei den lustigen Menschen von Ostfriesland Tourismus an. Natürlich inklusive Zeit anhalten mit der Tee-Zeremonie, selbst wenn es an dem Tag ordentlich warm war. Tee geht immer. Nach allem Schwatzen haben wir den Besuch auf der Dachterrasse am Ende völlig vergessen. Da muss ich wohl nochmal wiederkommen!
Aus dem Fenster des Besprechungszimmers war der Blick aber auch schon ganz gut.
Moin, Prinz Heinrich!
Mein Weg führte mich dann am Wasser entlang in die Stadt. Das Gewässer auf dem Bild ist die Leda. Und wenn ich die griechische Mythologie mal eben nach Ostfriesland verpflanze, wundert es mich nicht, dass sich Zeus als Schwan verliebt auf der Leda verlustierte. Nun behaupte ich schon lange, dass Ostfriesland überraschende Sensationen birgt. Die Orgelexkursion brachte nun auch wieder entsprechende Beispiele an den Tag.
Und so wunderte ich mich nicht, auf der Leda das älteste Seebäder-Schiff Deutschlands anzutreffen: Prinz Heinrich. 1909 vom Stapel gelaufen, zwischenzeitlich beinahe vergessen und Mitte der 200er Jahren begann eine aufwändige Restaurierung. Mich erinnerte das Boot an die African Queen, was vielleicht auch an den nahezu tropischen Temperaturen lag.
Leer. Was für ein hübsches Städtchen. Einige Touristenpaare verglühten in der Sonne, andere hangelten sich von Schatten zu Schatten in den ruhigen Straßen von Leer. Vielleicht hätte ich auch eine Bootstour gemacht, aber die Aussicht, eine Stunde lang an Deck unter dem Klang lustig gemeinter Sätze des Bootsführers gegrillt zu werden, schreckte mich ab. Dann doch lieber in den mutmaßlich kühlen Innenraum der Kirche. Die Große Kirche birgt auch eine der Orgeln von Arp Schnitger.
Ein glücklicher Zufall
Genau, wegen seines Jubiläums war ich ja überhaupt diesmal da. Und ein glücklicher Zufall wollte es, dass ein kundiger Herr dort in der Kirche Besuchern auflauerte, um ihnen von Kirche und Orgel zu erzählen. Also, Auflauern in netter Weise. Ein Pastor und Kirchenmusiker und leider finde ich die Notiz mit seinem Namen nicht mehr. Er erzählte mir und einem anderen Paar allerlei und das war wirklich klasse.
Umwerfende Details.
Derart bereichert spazierte ich durch die Gassen um die Kirche herum.
Leer kann auch Hinterhöfe.
Und dann fuhr ich zurück nach Weener. In der Hoffnung, dort irgendwo etwas zum Einkehren zu Finden. Ein kaltes Pils nach Art Ostfrieslands. Und Weener enttäuschte mich nicht. Die Gegend, in der mein Gästehaus lag, war eher praktisch geprägt. Nicht gerade Gewerbegebiet, aber nah dran.
Doch wenige Minuten weiter gab es schon die Ems und eine Schleuse und hinter der Schleuse ein hübscher Hafen mit Schiffen und Einkehrmöglichkeiten. Das Bier war zwar recht lasch gezapft, aber als eine aus der Diaspora ist man ja mit wenig zufrieden.
Mit dem Bötchen führe ich auch gern mal.
Statt Bootstour machte ich noch eine Spaziergang durch den Ort, streifte das Heimatmuseum (leider schon geschlossen) und Häuser und Straßen in unterschiedlichen Aggregatszuständen, von zerfallenen Nebengebäuden bis zu geleckten Feriendomizilen.
Für diese Eisenbahnbrücke ist Weener übrigens, nun, berühmt. Die Friesenbrücke ist seit einem Unfall mit einem Frachtschiff im Jahr 2015 nicht mehr befahrbar und wird seitdem wieder instandgesetzt. Gut Ding will Weile haben: 2024 soll der Neubau fertig sein.
Hoch empor: Eine Orgelexkursion zum Jubiläum von Arp Schnitger
Am nächsten Tag dann ging es mit einem Bus von Uschi-Reisen auf Orgelexkursion. Doch vorher ein Lob auf das nette Gästehaus am Deich in Weener. Einquartiert hatte mich dort das Musikland Niedersachsen. Eine schlichte Pension und angenehm unprätentiös und familiär. Beim Frühstück entstanden dann auch schon erste Gespräche mit Mitreisenden an diesem Tag, wie sich herausstellte.
Ja, und dann ging es los, zu den Orgeln aus der Zeit Arp Schnitgers. Ach, Ostfriesland. Wird Zeit, dir wieder mal mehr Zeit zu widmen.
Herzlichen Dank für Eure Einladung, liebe Luise Knoll vom Musikland Niedersachsen!
Die Kampagne Hoch empor. Orgeln in Niedersachsen übernahm meine Reisekosten, quartierte mich im sehr netten Gästehaus am Deich ein und zahlt ein Honorar für meine Beiträge im Blog und in Social Media. Auf dass die Orgellandschaft Ostfrieslands auch im Digitalen sichtbar werde!
Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass man ungefähr solange benötigt, um im Alltag wieder anzukommen, wie man in den Ferien war. Die Arbeit klopft von allen Seiten an, während ich innerlich noch auf dem Zeltplatz sitze.
Rituale und Routinen helfen. Der Weg zur Arbeit im Heimbüro möglicherweise auch. Es ist Zeit. Ich trete vor die Tür.
Das Viertel trägt Spuren der Gamescom: Messemenschen glaube ich immer ganz gut zu erkennen. Für jede Branche gibt es eine Art Uniform, und Messemenschen tauchen oft im Rudel auf, insbesondere seitdem statt Hotelzimmer von den Firmen und Startups Airbnb-Wohnungen gemietet werden. Vor den Häusern mit diesen Wohnungen sammeln sich neuerdings entsprechende Herden von Leihrollern und -rädern.
Mit kurzer Sommerbuxe und Sandalen fühle ich mich kurz ein wenig luftig bekleidet. Der Morgen ist beinahe herbstlich frisch. Die Morgenkühle und ein vorhergesagter Sommertag spiegeln sich in der Kleidung der Passant*innen: Von Daunenjacke und Rolli bis zu Flipflops und Spaghettiträger ist alles am Start.
Eine Straßen weiter eine ungewohnte temporäre Häufung von Gelb.
Am Anleger ein gewohntes Bild. Es ist die Hochphase der Flußkreuzfahrten, so mein Eindruck. Immerhin schweigen die Busse. Offenbar bedarf der empfindliche Busfahrerkörper heute weder der Klimaanlage noch der Heizung. Man sitzt auf seinem Fahrersitz und sitzt vor sich hin.
Ich schreite währenddessen an den Zierapfelbäumchen vorüber, die prallvoll mit Früchten hängen. Wie kann man dies am besten den Amseln im Viertel übermitteln? Es wird sich hoffentlich herumsprechen ...
Zwei überreizte Damen am Rheinufer. Eine marschiert aggressiv vorweg und brüllt lauthals etwas von Magenverkleinerung und einem gewissen Stefan. Sie scheint ihre Begleiterin verhöhnen zu wollen, die ihr kleinlaut und mit gesenktem Kopf folgt. Erst später sickert diese Szene tiefer ein und hinterlässt ein ungutes Gefühl, ein Gefühl, vielleicht allzu tatenlos geblieben zu sein.
Die Berichte über die Gamescom legen wie in jedem Jahr nahe, dass die Jugend von heute nur noch blass und transpirierend in der Bude hängt. Auf den Bürgersteigen und Plätzen indes lauter Hüpfspiele und Kreidegeschichten.
Gespielt wird auch auf der Hundewiese. Endlich wieder was los! Freund Bobtail in wilder Jagd mit lauter großen und kleinen Kumpels, mittendrin die Inhaberschaft beim Morgenschwatz.
Zwei Vierbeiner setzen sich ab und sausen zwei anderen hinterher, die offenbar wieder Büro oder Wohnung zugeführt werden. Einer der Verfolger lässt sein Bällchen fallen. Seine Komplizin galoppiert langsamer, stoppt, wendet sich dem Bällchen zu - und trabt sichtlich beglückt damit zu ihrer Inhaberin. Der nunmehr Balllose umzingelt mittlerweile die Abtrünnigen, wird zurückgepfiffen und sucht in Kreisen umhereilend seinen Ball. Tja. WIR wissen, wo er ist. Sein Gesichtsausdruck ist besorgt. Mutmaßlich denkt er intensiv über Prioritäten und Verluste nach. Ob er sein Bällchen von der Entführerin zurückerhalten wird?
Krähenpatrouille im Park. Ich fühle mich beobachtet. Wage ich selbst einen schärferen Blick, fliegen die Herrschaften eilends davon.
Im Rosengarten verabschiede ich dessen Hüter in den Urlaub. Die Rosen planen dieser Tage eine zweite Blüte. Ich werde sie im Auge behalten, versprochen!
Vor der Agneskirche ist Ökomarkt. Ich treffe Nachbarschaft, ein freundlicher Schwatz, eine Pudeldurchkuschelung. Beim Biohof Bursch erstehe ich die fehlenden Zwiebeln und begebe mich erfrischt an den heimischen Schreibtisch.
Wohlan! Ich lege Fredda auf und Wörter zu Sätzen ...
Meine erste Reise nach Frankreich war eher schrecklich. Mit einer Abordnung meines Reitvereins fuhren wir in vollgestopften Autos über Paris (mehrspuriger Kreisverkehr, Chaos, Hilfe!) an die Loire in ein kleines Örtchen unweit von Tours. Der Reitverein der Partnerstadt hatte eingeladen.
Ich war 16 Jahre alt, insbesondere sozial ungelenk und natürlich größer als alle anderen, die mitreisten. Und ohnehin größer als alle anderen dort in diesem Frankreich. Nie fühlte ich mich Gulliver näher. Und während meine mitreisenden Vereinskolleginnen ganz selbstverständlich ihre vielfältigen Flirtkünste auspackten, verlor ich die Kontrolle über meine Gelenke und stakste steif umher.
Ich hatte nur an die Pferde und ans Reiten gedacht. Dass ein solcher Besuch aber vor allem Menschenbegegnungen beinhaltete, jau. Ich sprach kein Wort Französisch. Meine offenkundig sehr begüterte Gastfamilie bewohnte eine schmucke Villa am Ufer der Loire. Mein Gastbruder hatte gleich drei eigene Pferde am Haus stehen. Glücklicherweise durfte ich sofort reiten. Es gab einen kleinen Reitplatz unter Bäumen, die Loire in Sichtweite. Ein Traum.
Zuhause auf einem eifrigen Schimmel für eine Stunde, dann bat man zu Tisch. Man bat an eine lange Tafel aus dunklem Holz, wunderschön. Für mich die Hölle auf Erden. Die Eltern sprachen nur Französisch und waren einschüchternd naturelegant. Mehrgängige Menüs kannte ich von Zuhause nur zu Festtagen. Ansonsten gab’s Essen auf den Teller und vielleicht mal Nachtisch. Ich saß am Tisch und war die Barbarin aus Deutschland.
Erwähnte ich schon, dass ich als Kind und Jugendliche kaum was mochte? Und nun saß ich vor Tellern mit … äh, ja, was eigentlich? Indes: Die Höflichkeit siegte über die Mäkeligkeit.
Es traf sich immerhin gut, dass mein Gastbruder auch Russisch in der Schule lernte. Wo wir mit Schulenglisch, Händen und Füßen an unsere Grenzen kamen, half schon mal ein Wort oder Satz auf Russisch.
Aber ich fühlte mich schrecklich fehl am Platz.
Außer auf den Pferden. Denen war egal, welche Sprache ich sprach und welche nicht. Ein freundliches Wort erkennen sie in jeder Sprache. Ich erinnere mich, dass wir mit großen Pferdetransportern in ein weitläufiges Naturschutzgebiet fuhren. Einen Tag lang ritten wir darin herum. Dort gab es wenige Jahre zuvor massive Waldbrände. Es war bemerkenswert, wie gut und wie schnell sich die Natur davon erholte. Alles grün und wild wachsend.
Zum Abschluss haben wir uns mit unseren Gastgebern in einem Springturnier gemessen. Ich ritt einen herrlichen dunklen Fuchshengst, der um ein Haar aus lauter Vergnügen den ganzen Parcours gleich zweimal mit mir gesprungen wäre. Wir schlugen uns alle auf den fremden Pferden gut, am Ende siegten wir als Mannschaft und ich war in der Einzelwertung Dritte.
Und so fuhr ich dann doch irgendwie glücklich nach Hause. Aber wieder nach Frankreich? Bloß nicht. Als dann Jahre später die Entscheidung anstand, ob mich die Oberstufenfahrt nach London oder nach Südfrankreich führen soll - ja nun, es folgte eine jahrelange Liebe zu London.
Bis ich eines Tages … Aber das ein andermal.
(Das Bild entstand nicht in Frankreich, aber ungefähr zur selben Zeit. Darauf springe ich mit meinem damaligen Liebling Direx über Geländehindernisse im Ruhrgebiet. Hui!)
+++
Nächste Woche reise ich wieder nach Frankreich. Wie seit Jahren schon. Ich kann mir kaum mehr etwas anderes vorstellen. Und weil die Vorfreude so groß ist, sondere ich hier etwas Frankreichliebe ab. Selbst wenn sich das heute nicht ganz nach Liebe anhören mag.
Ich trete vor die Tür. Prompt ist mir zu warm. Menschen in kurzen Hosen und mit Flip-Flops blicken stumm auf meine langen Hosen, meinen Pulli, die Cowboystiefel. Da hat sich jemand verschätzt, würde ich sagen. Und die Sonne unterschätzt. Brutal fräst sie sich in meine kleinen Morgenaugen. Es kommt selten vor, aber vergangene Nacht schlief ich schlecht.
Die Mauersegler sausen zirpend zwischen den Häusern umher. Alle so wach, so entsetzlich wach. Angestrengt in die Sonne zwinkernd husche ich als schwarzer Schatten in den Schutz der Platanen.
Kurz vorm Rhein wird’s religiös.
Am Anleger herrscht Ruhe. Nun ja: Links und rechts parken Busse. Und natürlich müssen die Motoren laufen. Klimaanlage Damit ein Mensch nicht schwitzt. Klar. Ein Laubbläser fönt dazu. Orrr!
Noch ein Blick zurück auf Dom und Vater Rhein. Habe einen DSGVO-konformen Moment erwischt. Denn eigentlich sind außergewöhnlich viele Menschen unterwegs, joggend und mit dem Rad.
Wann wird es denn wohl mal wieder regnen? Die Farben der Stadt erinnern eher an späten Hochsommer. Am Fuße eines Verkehrsschildes wohnt ein Wesen. Blickt es hungrig oder eher entsetzt? Ich bin unentschlossen.
Die Hundewiese könnte auch Regen gebrauchen. Zunächst ist niemand zu sehen, aber unversehens fliegt ein Bällchen über den Rasen und ein sturbbeliges Irgendwas hinterher.
Die Zwei scheinen auf andere zu warten, aber es taucht keiner auf.
Ich gehe vor mich hin und, plötzlich, ein zartes Stimmchen, das lauthals ein Karnevalslied singt. Ein stoisch blickender Vater auf seinem Rad, hinten auf dem Kindersitz ein kleinen Mädchen in bunten Ringeln und mit knallrotem Helm, die in reinstem Kölsch frohgemut folgendes Stück zum Besten gibt:
Kölle am Rhing, jo dat is ming Stadt, dat is ming Kölle am Rhing,
un hei will ich blieve, hei jehüre ich hin, hei bin ich daheim!
Irgendwer in Köln singt immer. Und irgendjemand rollt gerade bestimmt mit den Augen und wird anmerken, dass das doch nun wirklich nicht nur ein Karnevalslied ist. Vielleicht sitzt dieser Irgendjemand auch gerade in meinem Kopf. Achtzehn Jahre Köln gehen nicht spurlos an einem vorüber ...
Zur selben Zeit kreuzt eine muntere Karawane offenkundig gen Freibad. Man beachte das Bündel Schwimmnudeln.
Eine Radfahrerin ruft mir einen Guten-Morgen-Gruß zu und erst zwei Augenblicke später ahne ich, wer unter dem lustigen grünen Fahrradhelm steckte. Den Gruß habe ich dann später bei Twitter erwidert. Das ist Crossmedia.
Heiter gestimmt kaufe ich noch einen Schwung Gemüse bei den netten Leuten vom Biohof Bursch auf dem Ökomarkt ein. Die Haustür öffnet sich im selben Moment, als ich gerade den Schlüssel, hallo, Frau Nachbarin, hab’ einen schönen Tag.
Ihr auch!
Mit dem Sommergedicht von Mascha Kaléko geht es vielleicht besser:
Ich bin der Sommer
In erbsengrünen Hosen
und kirschrotem Wams
ziehe ich lustig einher.
Heb ich den Finger,
blüh’n Rosen.
Heb ich die Hand,
rauscht die Welle im Meer.
Spiel ich die Flöte,
tanzt der Delfin,
duftet’s nach Wiesengrün
und Jasmin.
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Ich trete vor die Tür und blicke auf meine Sandalenfüße. Sie wirken auf mich doch recht verletzlich. Innerlich immer halb im Stall, erwarte ich jederzeit einen Huf mit angeschlossenem Körper, der es sich auf meinen Zehen gemütlich macht. Aber für Cowboystiefel ist nun wirklich zuviel Sommer.
Übrigens fällt mir in jedem Jahr auf, wie lässig manche Menschen dieses Sommertum annehmen. Während ich selbst Wochen benötige, um meine Körperteile temperaturgerecht freizulegen, schlüpfen andere beim ersten Sonnenstrahl unbekümmert in luftige Kleider und Spaghettiträger und sehen gut dabei aus. Well.
In der Nachbarschaft recken sich die Parasols dem Tag entgegen. Die Mauersegler sausen und zirpen. Sie liefern den Soundtrack zur Jahreszeit.
Auf der Hundewiese führt sich ein lustiger Hund vergnügt mit seiner eigenen Leine im Maul spazieren. Zwei pelzige Kollegen liegen hechelnd im Gras und gucken sich das an. Während ich Buchstaben ins Mobilgerät drücke, kreuzt ein Pudelflausch mit rundgelocktem grauen Kopf und guckt fragend aus überraschend goldbraunen Augen.
In der Allee merke ich auf: Campen die Menschen nun schon in der Stadt?
Aber natürlich sind es Leute vom Film. Einige Meter weiter prüft man offenbar gerade die Lichtverhältnisse. Oder macht irgendwelche anderen Filmdinge. Mir fehlt manchmal eine Erzählstimme aus dem Off, die Erklärendes spricht.
Jedesmal, wenn ich hier vorüberlaufe. Jedesman frage ich mich. Das ist doch Absicht, oder? Am meisten rührt mich das keck hingeklebte Sternchen. Oder vielleicht doch die sich das leichtfüßig in die Luft erhebende Wort Garage? Hui!
Ich mache einen Schlenker über den Rosengarten und halte einen kleinen Schwatz mit dem Stadtflaneur und dem Hüter des Rosengartens. Zwei Vögel unterhalten sich lautstark. Singdrosseln. Wir stellen fest, dass es in diesem Jahr zwar weniger Amseln gibt, aber dafür mehr Singdrosseln. Eigentlich sollten sie eher am Abend singen. Aber diese hier ... hm.
Noch ein Bild von Sonntag. Welche Pracht. Und weil vorm Rosengarten der Park ist, der nach ihr benannt wurde, ihr, die in Köln als Hilde Löwenstein geboren wurde, reiche ich eine Rose als Stütze. Von Hilde Domin:
Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
unter den Akrobaten und Vögeln:
mein Bett auf dem Trapez des Gefühls
wie ein Nest im Wind
auf der äußersten Spitze des Zweigs.
Ich kaufe mir eine Decke aus der zartesten Wolle
der sanftgescheitelten Schafe die
im Mondlicht
wie schimmernde Wolken
über die feste Erde ziehen.
Ich schließe die Augen und hülle mich ein
in das Vlies der verläßlichen Tiere.
Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren
und das Klicken des Riegels hören,
der die Stalltür am Abend schließt.
Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt.
Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.
Meine Hand
greift nach einem Halt und findet
nur eine Rose als Stütze.
Da klemmt doch was. Ich klemme. Ich trete vor die Tür und komme kaum voran, weil sich meine Rückenmuskulatur anfühlt, als sei sie aus Stahl. Frau Ladwig fiebert Lampen. Am Nachmittag geht es in Studio des WDR: Die nächste Aufnahme einer Folge für einen Podcast steht an. Vorfreude, aufgeregt, angespannt. Prost Mahlzeit.
Komm’, Rücken, wir gehen jetzt Atmen.
Mein Weg führt mich an den Rhein. Er glitzert grau. Viel Wasser eilt den Strom hinab gen Nordsee. Ein, zwei Sonnenstrahlen lassen Vater Rhein für Momente aufleuchten.
Am Ufer des Rheins blüht die Ackerwinde. Ihre zarten Trichter rühren mich immer seltsam an. Sie gilt als eher lästiges Unkraut, lese ich in diesem Internet. Es gibt kein Unkraut, finde ich.
Die Kreidezeit läuft wieder auf Hochtouren. Ich treffe auf ein besonders engagiertes Werk, mutmaßlich von einem noch recht jungen Menschlein. Ich nenne es: Der dünnste Bauer erntet die dicksten Kartoffeln.
Auf der Hundewiese treffe ich auf alte Bekannte: Wer ganz nah ans Bild geht, erkennt in der Ferne einen gewissen Dackel wieder. Er sitzt einem braunköpfigen Terrierstrickmix gegenüber. Sie scheinen sich zu beraten. Als ich die Wiese schon hinter mir lasse, begegne ich dem Bobtail und seinen Kumpels im Kupferfell.
Im Rosengarten blühen die Rosen kunterbunt um die Wette. Ein geruhsames Käffchen in guter Gesellschaft mit dem Hüter des Rosengartens und dem Stadtflaneur und mein Lampenfieber ist futsch.
Ich erfahre noch, dass die Zeder im Innenhof des Fort X im Jahr 1978 gepflanzt wurde. Das Wort Zeder macht meine Schritte federnd. Schon stehe ich vor der Haustür. Angekommen im Heimbüro suche ich mir das Gedicht von Yvan Goll heraus:
Ich will nichts weiter sein
Als die Zeder vor deinem Haus
Als ein Ast dieser Zeder
Als ein Zweig dieses Astes
Als ein Blatt dieses Zweiges
Als ein Schatten dieses Blattes
Als ein Wehen dieses Schattens
Der eine Sekunde die Schläfe dir kühlt
Ich trete vor die Tür und - PLATSCH! - ein fetter Regentropfen landet auf einem meiner Brillengläser. Dir auch einen guten Morgen, Welt! Ein saftiger Landregen erwartet mich. Es ist nicht kalt. Wachswetter. Ich gehe zu meiner Arbeit im Heimbüro.
Mein Weg führt mich durch saftiges Grün. Eine schöne Zeit ist das. Die Stadt riecht ungewöhnlich gut. Alles mögliche blüht.
Eigentlich also viele Gründe für gute Laune. Nicht so am Anleger. Dort blicke ich in finstere und gespannte Gesichter. Die Herrschaften vom Flusskreuzfahrtschiff wechseln in den Reisebus. Mit Unmut und Ungeduld sortiert man sich, denn für besonders Fußlahme sind Plätze vorn im Bus reserviert, was nicht jedem passt. Gerangel im Eingang. Man hat keine Zeit. Man ist schließlich im Urlaub!
Vielleicht haben sie auch alle einen Kater von den Ausschweifungen bei Musik und Tanz in der vergangenen Nacht, wer weiß das schon?
Ich setze meinen Weg fort und meine Nase führt mich zu einem gelb leuchtenden Rosenbusch jenseits der Rheinuferstraße. Vorüberhastende Passanten mustern mich misstrauisch, während ich meine Nase in die Blüten versenke.
Auf dem Weg zum Rosengarten passiere ich die leere und frisch gemähte Hundewiese. Im Hintergrund macht jemand Klimmzüge am Fahrradständer. Ich mag es, bei Regen durch die Stadt zu gehen - zumindest mit der Aussicht auf ein trockenes Heimbüro. Einzig umbrandet vom Rauschen der Einfallstraßen ist der Park eine grüne Insel der Ruhe.
Im Rosengarten stehen die Rosenblüten kurz vorm Platzen. Noch ein Sonnenstrahl und es geht rund. Niemand da, selbst meine beiden Morgenbekanntschaften, der Rosengartenhüter und der Stadtflaneur, sind nicht zu sehen. Ein Eichhörnchen hopst vorüber. Die Amseln machen Kontrollgänge auf den Wiesen und lauern unaufmerksamen Würmern auf.
Beim Hinausgehen mache ich ein Bild vom Festungsstaub. Hier stehen noch die Reste eines preussischen Forts, Teil des ehemaligen Festungsrings der Stadt Köln. Mit dem Staubbild grüße ich das Museum Burg Posterstein und Wolfgang Stöcker, Staubarchivar und Künstler aus Köln.
Auch die Stockrosen warten nur noch auf ein Zeichen der Sonne, um loszulegen. Am Büdchen ein Bild der Ruhe. Städte ohne Büdchen müssen traurige Orte sein. Denn an diesen Orten trifft sich die Nachbarschaft auf neutralem Boden und man hält ein gepflegtes Schwätzchen. Das tut allen gut.
„In der Provinz ist schon Regen eine Zerstreuung.“ (Edmond Huot de Goncourt)
Meine innere Provinz und ich platschen noch einmal frohgemut durch eine der Pfützen. Gut gelüftet, mit roten Wangen und erfüllt vom Grün öffne ich die Haustür. Ich vermisse ihr “Huch?!”. Ob der Nachbar, der hier mit WD40 am Werke war, es nun auch vermisst?
Garbage sah das mit dem Regen schon immer anders. Aber das Lied mag ich trotzdem immer noch: I’m only happy when it rains.
Ich trete vor die Tür und atme tief die kühle und ungewöhnlich klare Morgenluft ein. Gestern noch hat es geregnet. Das Laub der Bäume hat ein sattes Grün angenommen. Ich gehe erst gar nicht zum Rhein, sondern gleich in den Park nebenan.
„Ich setzte den Fuß in die Luft, / und sie trug.“ Hilde Domins Satz ist mir über die Jahre zu einem Leitsatz geworden. Etwas wagen. Im Vertrauen auf sich selbst und das Leben. Hilde Domin verstand ihre Gedichte als Lieder zur Ermutigung und Lyrik als ein Mittel gegen Mitläufertum und Konformität. Ich mag es sehr, dass mein liebster Park mit dem verwunschenen Rosengarten darin nach ihr benannt ist.
„Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.“
Übrigens zwitschert es um mich herum auf Teufel komm raus. Insbesondere die Buchfinken schallern lauthals durchs Grün. Finkenschlag. Mein Herz macht jeden Schnörkel mit. Wer den Gesang des Buchfinken nicht gleich im Ohr hat: NABU hilft.
Freundlich blicken mich die Narzissengesichter an. Die „Kölner Grün Stiftung“ hat wieder zum Erblühen der Parkwiesen beigetragen. Danke dafür.
Ein dunkelgoldener Retriever schlenkert an mir vorbei. Sein Fell hängt wie ein etwas zu großer Schlafanzug an ihm herunter. Sein lustiges Knautschgesicht versenkt er konzentriert im hohen Gras.
Ich steuere den Rosengarten an. Seit dem 1. Mai ist er wieder geöffnet. Ein Lieblingsort. Und vermutlich einer der am liebevollsten gehegten Gärten der Stadt. Am Tor treffe ich den Mann, der hierfür die Verantwortung trägt. Ein Schwatz übers Wetter und ein „Auf bald!“
Die Rosen bereiten sich aufs gemeinsame Blühen vor und recken ihre Knospen gen Himmel.
Eine frühe Goldmarie leuchtet mir entgegen. Auch zwischen den anderen Rosensorten sieht man hier und da schon eine Wiesnase.
Der Flaneur des Viertels betritt den Garten. Noch ein Schwätzchen, dann geht es für mich weiter Richtung Heimbüro.
Das Gehen rüttelt mich zuverlässig zurecht. Wenn auch die Sonne behauptet, ich stünde leicht neben mir ...
Ich erreiche die Haustür. Seitdem sie jemand ölte, erklingt kein „Huch!?“ mehr. Sie öffnet sich stumm, um auf dem letzten Stück jäh in lautes Wehklagen auszubrechen. Ich lache. So, Tag. Machen wir was!
Ich lasse Euch noch ein Gedicht von Hilde Domin hier:
Wie wenig nütze ich bin,
ich hebe den Finger und hinterlasse
nicht den kleinsten Strich
in der Luft.
Die Zeit verwischt mein Gesicht,
sie hat schon begonnen.
Hinter meinen Schritten im Staub
wäscht der Regen die Straße blank
wie eine Hausfrau.
Ich war hier.
Ich gehe vorüber
ohne Spur.
Die Ulmen am Weg
winken mir zu wie ich komme,
grün blau goldener Gruß,
und vergessen mich,
eh ich vorbei bin.
Ich gehe vorüber –
aber ich lasse vielleicht
den kleinen Ton meiner Stimme,
mein Lachen und meine Tränen
und auch den Gruß der Bäume im Abend
auf einem Stückchen Papier.
Und im Vorbeigehn,
ganz absichtslos,
zünde ich die ein oder andere
Laterne an
in den Herzen am Wegrand.
Ich trete vor die Tür und blinzele in das milchige Licht eines sommerlich anmutenden Morgens. Ist der Saharastaub schon da? Laut Wetterdiensten zieht gerade eine Wolke davon heran und trübt die Luft. Ein paar Regenwolken wären mir gerade lieber. Die österlichen Vorsommertage waren in Sachen Ausflügen praktisch, aber nun wäre dringend die große Gießkanne dran.
Dass Schulferien sind, macht sich vor allem im Verkehr bemerkbar: Weniger Autos auf den Straßen, mehr joggende und Rad fahrende Menschen am Rhein. Baustellen wachsen in diesen Zeiten gut. Wer in Köln wohnt, weiß: Die bleiben uns eine Weile.
Aber wer will gleich übellaunig werden: Am Anleger herrscht Ruhe. Für diesen Moment.
Und die Stadt ist binnen weniger Tage üppig ergrünt. Wie wohl das tut. Ein Eichhörnchen kreuzt geschäftig meinen Weg. Auf der Hundewiese turnt steuermarkenklimpernd ein schwarzweißer Jagdhundmischling durchs Gras.
Vielleicht ferienbedingt begegne ich auf den Wegen rundum vielen bislang unbekannten Hunden. Hi, na!? Gut, man hat zu tun. Gehen Sie bitte weiter, es gibt nichts zu sehen.
Zu sehen gibt es hingegen was auf den Bänken im Viertel. Auf der einen stehen Osterkörbe, in denen Christbaumkugeln liegen. Auf einer anderen liegt Frida Shrek-Kahlo neben einer Glasschüssel, die vielleicht eine Geschichte von unerwünschten Mitbringseln erzählt.
Ich stoße auf Jagdszenen in der Hood. Es ist wieder Kreidezeit im Viertel.
Innerlich bin ich noch bei den Ausflügen der vergangenen Tage. Im Gehen entspannt sich der Kopf, entspannen sich die vom vielen Radfahren etwas steifen Muskeln. Ein Fuß vor den anderen ins Heute.
Heute. Es ist Welttag des Buches. Grüßt Eure Bücher von mir! Schön, dass es sie gibt. Zur Feier des Tages ein Lieblingszitat.
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Als ich heute vor die Tür trat, war mein Schritt eilig. Denn statt ins Heimbüro ging es zu einer Verabredung. Auf dem Weg dorthin blätterte ich durch meine Notizen und fand Sätze von früheren Gängen am Morgen. Sie erzählen von Beobachtetem, Ersonnenem und Erlebten. Wenn ich ins Heimbüro gehe, bin ich meist etwa eine Dreiviertelstunde bis Stunde unterwegs. In der Regel immer derselbe Weg. Und doch ist es immer anders. Ich schaue, atme, knipse, notiere für mich oder gleich drüben bei Instagram, ordne, unordne. Und schreibe hier ins Blog, wenn ich wieder am Schreibtisch sitze. Ungefähr eine halbe Stunde, in der ich entlasse, was mich bei meinem Gang bewegte, was und wer mir begegnete.
Zurück blieben Notizen, die ich nicht mehr zuordnen kann. Zeit, die Taschen von Gestern zu leeren. Zeit, die Sätze freizulassen.
Eine ältere Dame rangelt ungeduldig ihren Rollator übers Trottoir. Es rappelt, scheppert, knirscht. Keine Freunde, die Beiden.
Die Morgensonne steht tief. Auf dem Pflaster sehen alle Schatten aus wie von Giacometti geschaffen.
Die Ampel zeigt Rot. Abwechselnd balanciere ich auf einem Bein. Menschen aus vorbeifahrenden Autos blicken stumm.
Auf der taunassen Wiese kugelt ein schwarzer Hund. Sein rosiger Bauch blitzt auf.
Ist das noch Liebe oder schon Krieg? Zwei Tauben machen im Gezweig flatternd ordentlich Krawall.
Nasse Bank, nasses Hinterteil.
Etwas Flauschiges pudelt durchs Nichtmehrgestrüpp. Wo bislang Sträucher wuchsen, stehen nur mehr Stümpfe. Das Hundetier schaut mich prüfend an. Ich war’s nicht!
Ein Mann im Anzug aromatisiert das Viertel und zieht eine straßenlange Rasierwasserfahne hinter sich her. Die Luft klebt.
Vorm Schwimmbad spuckt ein Bus eine Ladung Schulkinder aus. Gekreisch und Gekicher. Dann werden sie vom Eingang des Hallenbads verschluckt.
Ein kalter Morgen. Innerlich. Rauhreif auf der Seele.
Müllmann grüßt, Büromann nicht. Frauen hasten.
Hundewiese leer.
Ich trete vor die Tür und lande in einem herrlichen Frühlingsmorgen. Klare, kühle Luft. Die Sonne verspricht, dass es ein warmer Tag werden wird. Auch wenn ich wegen der Trockenheit auf mehr Regentage in den nächsten Wochen hoffe, bin ich für einige sonnige Tage dankbar.
Das Licht des Tages fällt auf vergangenes Leben: Es ist Sperrmülltag im Viertel. An den Ecken sammelt sich Wunderliches und Abgelegtes.
Während ich auf einer verkehrsumtosten Insel in der Mitte einer der Einfallstraßen Kölns strande und dem Schwenken des Krans zusehe, denke ich an Notre-Dame de Paris. Mich hatte das gewaltige Feuer wie so viele bestürzt.
Bestürzend fand ich auch Reaktionen darauf, die relativierten, skandalisierten, sich über jede Regung erhoben, anderen ihre Gefühle, ihr Mitgefühl absprachen. Als seien Gefühle endlich und man müsse sie sich einteilen. Als gäbe es nur zwei, drei Schattierungen von Gefühlen und als sei Mitgefühl gegeneinander aufwiegbar. Was nur möglich ist, wenn man es sorgfältig misst. Wozu sich so mancher offenbar berufen fühlt. Nun ja. Hin und wieder ist es ganz heilsam, sich anderen fremd zu fühlen und die eigene Gefühlslage zu klären. Mir tut es leid um dieses alte und schöne Gebäude, mit dem sich viele historische Ereignisse verbinden und das seit Jahrhunderten die Silhouette von Paris prägt. Und mir teilte sich die Trauer und der Schock der Menschen in Paris mit, die sich um ihre Kathedrale versammelten und sangen.
1980 brannte die Agneskirche. Damals lebte ich noch nicht in Köln. Der Brand entstand übrigens auch bei Renovierungsarbeiten. Seit langen Jahren lebe ich nun unweit der schönen Frau Agnes, die gütig über das nach ihr benannte Agnesviertel zu wachen scheint. Mir bräche es das Herz, sie in Flammen zu sehen.
Am Anleger strömt in aller Ruhe Vater Rhein auf seinem Weg in die Nordsee vorüber. Heute hätte ich große Lust, ihn auf diesem Weg mit dem Rad zu begleiten.
Der Osterhase versucht sich derweil in neuen Marketingstrategien.
Ich entdecke wieder einmal ein Kleinstmuseum, ein Schaufenster des Privaten, wie die Künstlerin und Fotografin Ina Tziperman sie nennt. Manchmal denke ich mir, dass es eine schöne Podcastreihe wäre, in der man die Menschen dahinter aus ihrem Leben erzählen ließe.
Eine Straße weiter wird statt enthüllt verhüllt. Beinahe christoesk flattern die Plastikbahnen wie Vorhänge an der Fassade und harren ihrer Befestigung.
Die Sätze von Rumi fand ich schon gestern. Aber damit sie nicht verloren gehen, erhalten sie heute und hier einen Platz. Mein Dank gilt der freundlichen Seele, die in unserem Viertel an unwirtlichen Orten Worte Rumis ausgesetzt hat.
Währenddessen hatte ein anderer Spaßvogel Ohrwürmer im Viertel hinterlassen. Orrr!
Tatü-tata! Kaum trete ich vor die Tür, fallen mir die Ohren ab. Ein Rettungswagen fährt just in diesem Moment vorüber und hält schräg gegenüber vor der Apotheke. Das Leben auf der Straße geht unbeeindruckt weiter. Neugier ist verpönt.
Wie anders war das doch damals in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Wenn dort das Martinshorn ertönte, merkten alle auf. Hälse reckten sich, alle Tätigkeiten wurden unterbrochen. Die Fenster und Türen gingen auf und man versuchte herauszufinden, wohin der Rettungswagen fuhr. Das hatte einleuchtende Gründe: Die Wahrscheinlichkeit, dass es jemanden betraf, den man kannte, war hoch. Und wenn Hilfe benötigt wurde, war man gleich zur Stelle. Aber natürlich war es auch Neugier. Viel passierte ja sonst nicht.
Wenn ich davon erzähle, klingt es ein wenig skurril. Und vielleicht kommt mir manches in diesem Internet auch deshalb nicht so seltsam vor, weil ich in einem kleinen Dorf voller Nenntanten und -onkel großgeworden bin. Wo kein Schritt unbemerkt blieb. Wo man unbekümmert draußen herumturnte. Und man nahm an, niemand wisse, wo man gerade war. Dabei wusste es immer irgendjemand. Und damit alle.
Ich trage das Dorf in mir, stelle ich immer öfter fest. Egal, wo ich bin, errichte ich mir Dörfer mit naher und ferner Nachbarschaft, Stammkneipen, Tauschgeschäften und brachliegenden Flächen, auf denen man was Tolles machen könnte, es aber nie tut.
Über Dörfer nachdenkend sehe ich am Büdchen die stehen, die immer da stehen. Oben aus einem Haus winkt ein Nachbar, mit dem ich schon manches Schwätzchen hielt. Hinterm Fenster lächelt und nickt die freundliche Schneiderin. Auch eine Stadt kann Dorf sein.
Vorm Büdchen ist wieder die Kreidezeit angebrochen.
„Eine Insel ist auch keine Insel.“ Schrieb Annalena McAfee in ihrem erstaunlichen Buch „Zurück nach Fascaray“, das ich für mich ungewohnt langsam, aber gern lese. Ein Buch voller erfundener Geschichten und historischen Begebenheiten, ein Buch mit Listen, Gedichten und Notizen. Im Grunde passiert wenig, aber das sind mir oft die liebsten Bücher.
An diese Stelle blättere ich oft zurück. Oft treibt mich der Wunsch nach einem Irgendwohin, aufs Land, in die Stille, ins Dorf. Aber es gibt kein unbehelligtes Leben. In gewisser Weise ist das auch gut so.
Während das Licht am Rheinanleger noch fahl und kalt ist, nimmt es an der Hundewiese schon eine warme Färbung an. Es wird ein freundlicher Tag. Manche Bäume stehen schon im barocken Frühlingsplüsch, andere zögern noch.
Ich finde ein Wort in freier Wildbahn: #unsäglich. Ich schlage es bei Instagram nach: Ein lustiger Account plöppt auf. So ganz komme ich zwar nicht dahinter, was da los ist. Aber ich hüpfe mal hinterher.
Über die Baustelle gegenüber der Agneskirche wacht seit Wochen ein Typ mit Bart und Anglerhütchen. Was genau wollen uns die Bauherren damit sagen?
Das Dorf in mir schüttelt ratlos Köpfe und wendet sich der Haustür zu. „Huuuch?!“ fragt sie klagend.
Draußenschach und das kleinste Kopfsteinpflaster der Welt
Ich trete vor die Tür. Ich wähle einen anderen Weg als sonst. Es ist auch später als gewöhnlich. Es gab noch Dies und Das zu erledigen, bevor ich mich auf den Gang ins Heimbüro begeben konnte. Wo ich im Grunde also bereits war. Es klingt durch: Es ist ein knubbeliger Tagesbeginn. Zwei Tage war ich in Sachen Bibliotheken unterwegs und nicht immer gelingt es mir, in einem Stück wieder nach Hause zu kommen. Ein Teil von mir ist noch unterwegs. Ich warte auf mich. Hilft ja nichts.
Es ist Markttag. Es gibt Spargel. Daher geht es heute nicht zum Vater Rhein und zur Hundewiese, sondern in die andere Richtung. Geschäftige Menschen und ungeduldige Autofahrer kratzen an meinen Nerven. Wie im letzten Jahr schon sind die Menschen vom Spargelhof gar nicht mal so freundlich. Nun ja. Kurzerhand drehe ich noch eine Runde über den Ebertplatz. Dort blüht alles, nachdem die Bürgerinitiative emsig gesät und Zwiebeln gesetzt hatte.
Vor kurzem wurden von der Künstlerin Pia Litzenberger Brettspieltische am Ebertplatz installiert, genauer: Spieltische für Schach. Dort ist man eingeladen, miteinander zu spielen oder auch zu picknicken. Der Brunnen im Hintergrund ist die Wasserkinetische Plastik von Wolfgang Göddertz. Ab 10 Uhr wird das Wasser wieder rauschen. Dass der Brunnen im letzten Jahr nach jahrzehntelanger Vernachlässigung wieder in Betrieb genommen wurde, hat diesen Ort schlagartig zum Guten hin verändert. Hier ein ganz schöner Radiobeitrag über die Veränderungen.
In den Katakomben des Ebertplatzes sind mehrere Kunsträume, die seit Jahren diesen Ort zumindest zeitweise beleben. Am Freitag wird es im Labor wieder die legendäre Favela Bar geben, diesmal wird ein UTOPIA ausgerufen. Es gibt Kunst, Party und eine expressionistische Bar für einen Abend.
Ich stoße auf das kleinste Kopfsteinpflaster der Welt.
Und hier hat ein ziemlich verranzter Mülleimer noch Träume.
Die Platzhalter im Leerstand indes schweigen.
Ich freue mich über dieses Rad, dass von dringend nötiger Kreativität in der Mobilität zeugt. Dazu sah ich gestern noch zufällig eine ermutigende Dokumentation.
Als ich zur Haustür komme, steht sie bereits offen und einer meiner Nachbarn lacht mich an. Guten Morgen, moin, mach’s gut, du auch. Die Haustür fliegt ins Schloss - tonlos. Innerlich mache ich “Huch?!” und gehe in mein Heimbüro. Mal sehen, ob mein fehlender Teil dort vielleicht am Schreibtisch sitzt.
Ich trete vor die Tür und blicke griesgrämig auf einen kühlen, grauen Tag. Ich hätte gestern Abend nicht mehr in diesen Horrorstreifen mit Haien reinsehen sollen. Immer nur kurz, denn eigentlich finde ich solche Filme einfach furchtbar. Nicht nur, weil bekanntermaßen mehr Haie durch Menschen sterben als umgekehrt und diese Filme nicht unbedingt hilfreich für den Schutz von Haien sind. Nein, mit 12 Jahren sah ich Der weiße Hai - und schlief zwei Nächte lang nicht. Ich gehe vor mich hin und denke über die Erstaunlichkeit nach, dass “Der weiße Hai” irgendwann zu einem meiner Lieblingsfilme wurde. Meine Strategie im Umgang mit Ängsten ist wohl, diese zu umarmen oder in die Distanz zu starren. So gruselt mich schon lange nicht mehr vor Schlangen oder Spinnen, seitdem ich mehr über sie weiß. Als Haustiere möchte ich sie dennoch nicht haben. Genausowenig wie einen Hai. Das Meer sehe ich übrigens nach wie vor lieber von außen.
Der Film bescherte mir jedoch zuverlässig einen Nachtmahr. Verstimmt blicke ich auf den Stau der Morgenpendler, in neun von zehn immer größeren und breiteren Autos ein krakelendes oder telefonierendes Menschlein. Am Rheinanleger lassen die Busfahrer wieder die Motoren laufen. Binnenschiffe reihen sich aneinander. Es stinkt.
Doch, nein, weniger schimpfen. Es ist so einfach, sich über alles mögliche zu erregen. Es macht das Leben bitter und fad. Auf der dringenden Suche nach Freundlichkeit und Erfreulichem gehe ich zur Hundewiese. Nichts. Kein einziger Hund. Dä.
Dafür sammle ich Straßenkunst. Jemand schmückt seit Jahren mit einem ganz eigenen Krikelkrakelstil Stromkästen und andere trostlose Orte. Meine Laune hebt sich.
Es ist immer irgendwas mit Monster oder Monsta. Monstermäßig gut, finde ich.
Ach, und Mutter Natur wirft Konfetti. Über mir gibt ein Amselmann alles und flötet mir ein Lächeln herbei.
Die Gänseblümchen haben noch geschlossen. Über die Wiese stolzieren zwei Elstern und ziehen Würmer aus der regenfeuchten Erde. Sie wirken ein wenig wichtigtuerisch, wie sie da in ihrem schicken Anzug herumstaksen. Hinter mir zieht lauthals meckernd eine Maus in die Wiese. Das klingt so lustig, dass ich auflache. Ein Passant mit Aktentasche blickt zunächst irritiert, grinst dann aber einfach mit. Ich zucke entschuldigend mit den Schultern.
Ich komme an einer Bank vorbei, auf der Ordner ausgesetzt wurden. Was mag jemand im Ordner SPURHALTEN gesammelt haben? Mein Hirn tanzt Gummitwist.
Vor der Agneskirche ist heute wieder Ökomarkt. Der Mann links steuert einen Kran fern. Die Illustration hinter ihm macht ihn für einen Moment zum Baustellenhäuptling.
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Ich trete vor die Tür in fahles Licht. Ein Wetterwechsel steht bevor. Der Himmel hüllt sich in eine Wolkendecke. Mein Gang ins Heimbüro führt mich über vertraute Wege, die aber doch jeden Tag etwas anders sind: Andere Farben, andere Gerüche, ein anderer Wind oder auch keiner, hier und da stellt jemand etwas ab oder nimmt etwas fort, Menschen wuseln herum oder plötzlich (und nur kurz) scheint die Stadt beinahe menschenleer.
Links vom Anleger sitzt eine junge Frau auf einer Bank. Sie beißt in ein Butterbrot und blickt auf ihr Mobilgerät. Eine Krähe sitzt neben ihr und starrt sie an. Unbemerkt. Kein Krümel für die Krähe.
Ein demolierter Spielautomat steht vorm Altkleidercontainer. Man fragt sich. Immerhin stürzt er niemanden mehr ins Unglück. Rien ne va plus.
Ich begrüße freudig das erste Hirtentäschelkraut. Die kleinen Herzblätter wedeln munter im Wind. Für das Foto musste ich gar mogeln und das Kraut für einen Moment lang festhalten.
Auf der Hundewiese toben Tiere, während die Menschen schwatzen. Ich begegne einer ulkigen Mischung aus Terrier und Pudel: Die Statur ein mittelgroßer Terrier, das bernsteinfarbene Fell eindeutig Pudel. Ein Tudel, ein Perrier? Er grüßt kurz, widmet sich dann aber wieder einer ausgiebigen Analyse der Wiese: Wer hat wann wo warum und mit wem?
In wenigen Wochen eröffnet wieder der Rosengarten. Während der Spaziergänge in den letzten beiden Jahren hat sich eine feine Komplizenschaft mit einem Flaneur und dem Gärtner dort entwickelt. Ich freue mich schon auf den ein oder anderen gemeinsamen Morgenschwatz beim Kaffee mit den Beiden.
Ums Eck findet sich eine ausgediente Litfaßsäule. Sie ist inzwischen eine der 25 Kunstsäulen der Stadt Köln. Seit dem 26. März zeigt Philipp Hamann hier Opa 1 und Opa 2: “miteinander in Beziehung gesetzte Fundstücke aus dem Nachlass von Hamanns Großvaters, den er nicht mehr kennengelernt hat”. Ich mag das.
Zuletzt stehe ich vor einem ausgesetzten Barhocker. Man reiche mir einen Drink mit Schirmchen, bitte!
Ich schließe die Haustür auf und - da, sie tut es wieder! Seit einer Weile öffnet sich die Haustür mit einem altjüngferlichen “Huch!” Ein Spritzer WD40 würde dem mutmaßlich ein Ende bereiten. Ich hoffe, dass dies so bald nicht geschieht. Huch!
Im Gehen lässt sich gut denken. Das ist keine neue Erkenntnis. Seit Jahrhunderten sind Menschen in der Gegend umhergewandert und brachten gescheite und auch weniger gescheite Gedanken, Gedichte und Gefühle mit. Im Arbeitsalltag scheint Gehen beinahe verpönt, wenn man vom Gang an die Kaffeemaschine oder den Kühlschrank mal absieht. So sitzen also viele Menschen tagaus, tagein vor Bildschirmen. Das ist nicht immer sinnlos, sondern oft sogar notwendig. Und natürlich gibt es auch Berufe, in denen man selten bis gar nicht sitzt und sich hin und wieder vielleicht sogar wünscht, mal gepflegt eine Woche vorm Bildschirm zu verbringen.
Ich kenne jemanden, der von Berufswegen seine Tage auf dem Pferd oder um Pferde herum verbringt und in Freizeit und Urlaub nichts Besseres kennt als im Sessel Fußball zu gucken oder gepflegt am Pool zu liegen. Als ich als Buchhändlerin arbeitete und den ganzen Tag im Laden stand, war mein Bedürfnis nach Gassi auch eher übersichtlich. In der Zeit ging ich häufig ins Kino und ließ andere Dinge tun.
Doch es ist kaum abzustreiten, dass die Menschen immer mehr Zeit vor Bildschirmen sitzen. Sitzen ist das neue Rauchen, las ich vor einer Weile irgendwo. Mir tut es gar nicht gut, allzuviel Zeit drinnen herumzusitzen. Ich werde übellaunig und unwirsch. Und vor allem müde. Einleuchtend fand ich das Licht-Experiment kürzlich bei Quarks. Da unsere Wohnung relativ dunkel ist und mein Arbeitsplatz erst recht, hilft vor allem eins: Raus, raus, raus!
Nach wochenlangem Herumhusten und diversen Virusinfekten (Pechsträhne, sagt der Arzt) nehme ich nun meine Gänge ins Heimbüro wieder auf. Und ich beginne ein anderes Projekt, in dem ich mir die Eifel mehr erschreiten und erschreiben werde. Ich hangele mich insbesondere am Römerkanal-Wanderweg entlang, dessen Etappen mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Köln aus gut erreichbar sind.
Ich finde diese Eifelwasserleitung schlicht faszinierend. Sie ist oder vielmehr war eins der größten antiken Römerbauten nördlich der Alpen und beförderte vom 1. bis zum 3. Jahrhundert täglich etwa 20.000 Kubikmeter Wasser über 95,4 Kilometer aus der Eifel nach Köln. Ich bin beeindruckt. Teile des Römerkanals sind erhalten, wieder ausgebuddelt oder wiederaufgebaut worden. Meist geht man einfach die alte Strecke entlang und bekommt viel Eifel und Voreifel zu sehen.
Heute war ein sonniger Tag vorhergesagt und angesichts einiger Projekte, die ohnehin vor allem Denkarbeit erforderten, schnappte ich mir die Wanderschuhe, packte ein Käsebrot und die Wanderkarte in den Rucksack und los. Natürlich fange ich hinten an, mit der letzten Etappe. Eine Stadtbahn fuhr mich nach Brühl-Süd, wo ich am Wasserturm den Einstieg in den Römerkanal-Wanderweg fand.
Es ist ein wenig seltsam, an einem Montag loszuwandern. In Brühl treffen mich einige irritierte und auch missgünstige Blicke. Gesellschaftlich akzeptiertes Wandern findet am Wochenende oder an Feiertagen statt. Einzig davon ausgenommen sind Menschen mit Hund oder Kinderwagen. Oder ältere Herren, die strengen Blickes einer sportlichen Betätigung nachgehen. Das ist kein Spaß!
Ich sammele zwei Wörter auf: Bierstube und Freizeitanlage. Über beide denke ich eine geraume Weile nach, während mein zunächst hurtiger Schritt allmählich zum gelassenen Wandertrott wird, in dem es sich über Stunden gut gehen lässt.
Manche Wege sind nicht unbedingt Traum einer Wanderin. Aber auch die kann man gehen.
An einem See, der ein Restsee des Braunkohletagebaus im Rheinischen Braunkohlerevier ist, nehme ich erstmal auf einer Bank Platz. Unweit des Ufers brütet ein Blässhuhn, etwas weiter weg gründelt ein Schwan. Ein friedlicher Moment, der von einem Vater mit seinen beiden Kindern durchbrochen wird. Warum Menschen mit kleinen Kindern wie mit schwerhörigen 90-jährigen sprechen müssen, ist mir ein Rätsel.
Ich gehe weiter, es wird still. Im Laub neben dem Pfad raschelt es. Blanke Äuglein mustern mich bang. Schnurrhaare zucken. Feurig schimmert das samtige Fell im Sonnenschein. Eine Rötelmaus geht ihren Geschäften nach. Ich sehe noch einige Mäuse, die das warme Wetter hervorlockt. Oben in den Wipfeln der Bäume ramentern Eichhörnchen. Ein Specht klopft.
Derweil klären sich im Kopf Dinge. Manches Projekt hat sich durch den Husten verzögert. Da muss nun Dampf rein. Hast du es eilig, gehe langsam. Wird das Zitat nicht Konfuzius zugeschrieben? Wer auch immer es in die Welt brachte: Ich pflichte bei.
Spuren der letzten Stürme säumen meinen Weg: umgestürzte Bäume und Zweige, herabgewehte Mispeln. Dort ein Feld, in dem Familie Wildschwein sich ausgetobt hat. Hier und da einige Schmetterlinge, ein Zitronenfalter und Kleine und Große Füchse. Doch insgesamt recht wenig, was brummt, summt oder fliegt. Trotzdem so viele Sträucher, Blumen und Obstbäume bereits ihre Blüten darbieten. Umso mehr zwitschert es um mich herum. Zwei Kohlmeisen scheinen mich eine Weile zu begleiten.
Menschen sind wenige zu sehen. Hier und da eine Eigenheimbewohnerin. Wir grüßen uns. Ein Schwatz mit einer Frau mit zwei Berner Sennenhunden, die sich wollüstig schnaufend in den See werfen. Eine flauschige Dorfbewohnerin umschmeichelt meine Beine, erzählt mir einige Geschichten und hinterlässt am Bein eine Handvoll Winterpelz.
An Seen vorbei, durch Felder und Straßen in tiefer Mittagsruhe, über viel befahrene Straßen und Kreuzungen und zuletzt dann noch ein Blick aufs nicht mehr weit entfernte Köln. Was muss das damals für ein Anblick gewesen sein, wenn jemand mit seinem Karren auf einem der alten Wege aus dem Wald kam und auf die mächtige Kathedrale in der Ferne blickte. Nun, die Römer hatten diesen Anblick noch nicht. Zwar war Colonia Claudia Ara Agrippinensium Provinzhauptstadt von Niedergermanien, aber der Blick ins Rheintal wurde nicht derart von Gebäuden, Straßen und Industrieanlagen beherrscht wie heute.
Am Ende setze ich mich nach etwa 16 Kilometern in Bus und Bahn und lasse mich nach Hause bringen. Das Ende des Römerkanal-Wanderwegs habe ich heute zwar nicht erreicht, aber dafür habe ich viele Gedanken sortieren und etliche Notizen mitbringen können. Im Gehen geht manches leichter.