In Havanna steigen wir wieder bei Cari und Lazaro ab. Es fühlt sich schon ein bisschen nach Heimat an. Eigentlich hatten wir uns vorgenommen, noch am Abend, nachdem Stefan angekommen ist, nach Trinidad zu fahren. Aber diese Idee entpuppt sich als schwieriger als gedacht. Es gibt um diese Zeit keinen Bus und auch die Taxis fahren nur morgens oder nachmittags zu annehmbaren Preisen. Nachts, da wird es richtig teuer. Also entschließen wir uns, eine weitere Nacht in Havanna zu bleiben und doch erst am Silvestermorgen loszufahren. Wir können natürlich auch noch keine Bustickets für diese morgendliche Reise buchen, weil man dafür alle Reisepässe, also auch den von Stefan, bräuchte. Also schauen wir drei uns schon mal ein bisschen in der Stadt um und fahren dann am Abend zum Flughafen. Unglücklicherweise hat Stefans Flieger eine Stunde Verspätung, sodass wir am Flughafen herumlungern müssen.
Trotz der Massen an Touristen, die durch diesen Flughafen geschleust werden, sind die Einrichtungen wirklich sehr spartanisch. Kaum zu glauben, aber es wäre wahrscheinlich sogar angenehmer am Flughafen in Lübeck warten zu müssen. Bis jetzt war das immer die untere Messlatte für ein bescheidenes Flughafenerlebnis, denn dort könnte man wahrscheinlich mehr als nur Chips, Wasser und Kaffee kaufen und es gäbe Sitzgelegenheiten.
Bei unserer ersten Ankunft in Kuba vor einigen Tagen hatten wir bei der Flughafeninformation nach dem Schalter des Busunternehmens Viazul, der sich am Flughafen befinden sollte, gefragt. „Die haben jetzt nicht mehr geöffnet“ war die Antwort der freundlichen Dame, die uns dann auch gleich einen Taxischieber vermittelt hatte. Wir haben das als Hinweis auf die täglichen Öffnungszeiten verstanden. Jetzt müssen wir aber feststellen, dass der Schalter nie wieder aufmachen wird. Er ist jetzt und bleibt auch für alle Zeiten geschlossen.
Also bleibt uns nur, auf Stefan zu warten und als dieser endlich ankommt, mit ihm und seinem Reisepass in ein Taxi zu steigen und direkt zum Busbahnhof zu fahren. Natürlich bekommen wir keine Tickets, weder für die Hinfahrt morgen noch für die Rückfahrt in drei Tagen - ausverkauft.
Dann müssen wir eben mit dem Taxi-Colectivo fahren, das einem am Busterminal von einem halben Dutzend Schiebern sehr nachdrücklich aufgedrängt wird. Etwas frustriert fahren wir nach Hause, bekommen dort zur Entschädigung ein sehr leckeres Essen und nehmen dann noch im Hotel Inglaterra einen Begrüßungscocktail zu uns. Es könnte tatsächlich schlimmer sein.
Am nächsten Morgen machen wir uns wieder auf zum Busterminal, denn von dort sollen die Colectivos abfahren. Die Busfahrt würde pro Person 25 Pesos kosten und Cari hat gesagt, dass man eigentlich fast zum selben Preis fahren können soll, vielleicht 30 pro Person, weil heute Silvester ist. Wir werden noch bevor wir ausgestiegen sind von einem Schieber in Beschlag genommen, der uns gleich für 30 Pesos die Fahrt anbietet. Wir zögern, also werden wir zusammen mit einem Argentinier in den Topf nach Trinidad geworfen und mit unserem Gepäck am Rande des Parkplatzes abgestellt. Später werden noch zwei Norweger hinzugefügt. Dann gibt es plötzlich das Angebot 5 für 50 im Classico. Das heißt also fünf Personen zu jeweils 50 Pesos pro Person in einem Oldtimer. Machen wir nicht - zu teuer. Der Schieber mit dem ersten Angebot hat sich schon längst verzogen und beachtet uns nicht mehr. Wir fragen nochmal nach der Fahrt für 30 pro Person, es sieht nicht gut aus. Die Fahrer sagen, wenn wir nicht zugreifen, wird es nur noch teurer. Es ist Silvester und jeder wolle natürlich lieber bei seiner Familie sein als auf der Straße. Wir bekommen schließlich das Angebot 4 für 40. Das nehmen wir zähneknirschend an und lösen den aus 7 Leuten bestehenden Trinidadtopf auf.
Die Fahrt dauert lange und ist nicht besonders bequem, aber wir kommen in Trinidad bei unserer Casa an. Die Zimmer sind sehr hübsch, wir haben sogar zum ersten mal Fensterscheiben und es gibt eine Dachterrasse, von der man die ganze Stadt überblicken und das Meer und die Berge sehen kann.
Die Casa wird von zwei Zwillingsschwestern geführt und gelegentlich tauchen auch andere Familienmitglieder auf. Da ist zum einen der sehr gesprächige und kugelrunde Mann der einen Schwester und zum anderen die 71jährige immer noch tanzwütige Mutter der beiden. Auch das eine oder andere Kind lässt sich hin und wieder blicken.
Für den heutigen Abend bekommen wir das Angebot, nicht direkt mit der Familie aber doch gleichzeitig mit ihr in der Casa essen zu können. Das nehmen wir dankbar an. Bis zum Essen haben wir aber noch einige Stunden Zeit, die wir nutzen, um uns die Stadt ein bisschen anzugucken.
Und Trinidad ist wirklich hübsch. Die Häuser hier im Zentrum sind in sehr gutem Zustand und bunt angemalt. Selbst die Autos, die hier herumfahren, sind neuer als sonst.
Man merkt deutlich, dass die Touristen hier eine Menge Geld in die engen Gassen spülen. Die Stadt liegt an einem Hang und wird von Kopfsteinpflasterstraßen durchzogen. Auf diesen kann man sich zum Hauptplatz mit der Kirche, die am höchsten Punkt der Stadt liegt, hinauf arbeiten. Das tun wir auch und genießen unter freiem Himmel ein paar Cocktails. Es sind rumreiche Tage!
Hier in Kuba rückt die Zeit langsam auf 6 vor. Das heißt, in Deutschland ist es bald 12. Wir holen unsere Zigarren, die wir aus Viñales mitgebracht haben, und senden vom Internetplatz rauchend unsere Neujahrsgrüße im warmen Sonnenuntergang zusammen mit vielen anderen Europäern um uns herum nach Deutschland. Es ist als ob man gleich mehrmals Neujahr hätte.
Und dann beginnt unser eigener Silvesterabend. Es gibt kein Dinner for One und auch kein Raclette, keine Luftschlangen und kein Bleigießen. Stattdessen schlemmen wir köstliches traditionelles kubanisches Silvesteressen - ist im Grunde wie jedes andere kubanische Essen. Es gibt Fleisch, Salat und Reis mit Bohnen, frittierte Bananen und Yuca. Und im Stockwerk unter uns feiert die Familie unserer Gastgeberinnen.
Nach dem Essen verlassen wir sie, wie sie gemeinsam in ihren Schaukelstühlen und vereint mit vielen anderen Kubanern in ihren eigenen Häusern mit vom Rum ganz glasigen Augen im staatliche Fernsehen das Silvesterprogramm verfolgen.
Wir hingegen werden am Hauptplatz zusammen mit tausenden anderen Touristen Zeugen einer Art Zirkusshow, bei der zu sehr lauter Musik Tische mit dem Mund hoch gehoben, Schwerter in Hosen gesteckt und Zuschauer zu Affen gemacht werden. Unbestreitbarer Höhepunkt ist der Höschenblitzer einer Frau aus dem Publikum. Normalerweise haben die Kubaner ein großes Talent aus Nichts eine Menge zu machen, in diesem Fall aber bleibt es beim Nichts und viel Schall und Rauch. Zum Glück gibt es günstigen Mojito. Und dann wird es plötzlich 12 und alles tanzt und trinkt und freut sich. Im Getümmel treffen wir auch die beiden Norweger wieder, die wir in Havanna verlassen haben, und stoßen kräftig mit ihnen an. Sie haben es übrigens auch für 40 hierher geschafft.
Irgendwann gehen wir nach Hause und ein unvergesslich anderes, tolles Silvester ist vorbei.
Wir haben noch den ganzen Neujahrstag in Trinidad. Wegen der guten Erfahrung aus Viñales mieten wir uns wieder Fahrräder, um die Umgebung zu entdecken. Wir radeln durch die Außenbezirke, wo Häuser und Straßen sehr anders aussehen, hinein in das Naturschutzgebiet in den Bergen.
Zwar kommen wir ein bisschen herum, trinken in einem kleinen Restaurant frischen Zuckerrohrsaft und genießen die Natur. Jedoch, nachdem wir die Fahrräder einen wirklich sehr steilen Hang erst hinauf und dann, weil wir aufgeben, wieder hinunter schieben, müssen wir zugeben, dass für die Berge das Pferd das angemessenere Verkehrsmittel gewesen wäre.
Das ist aber kein Problem, denn man kann auch auf der Straße ans Meer fahren und dafür sind die Fahrräder fast wie geschaffen, wenn man davon absieht, dass die Kette von Stefans Rad immer abfällt, Didis Gangschaltung bei der kleinsten Belastung rumpelt, knackt und kratzt und Larsis Federung beim jeden Tritt in die Pedale lustig auf und ab hoppelt. Nur Anika hat das Glück, dass sie permanent im ersten Gang fahren darf, womit sie zumindest bei den Anstiegen einen klaren Vorteil hat. Wir kommen trotzdem heil an und auch ohne nennenswerte Probleme wieder zurück.
Zurück in der Casa werden wir von der Oma begrüßt, die uns mit strahlenden Augen und kreisender Hüfte auf den nächsten Punkt der Tagesordnung hinweist: Unseren Salsakurs im Sonnenuntergang auf der Dachterrasse mit dem Mann von unserer Gastgeberin.
Trotz seiner Körperfülle kann er sich wirklich anmutig bewegen. Er schwingt mit den Hüften und der ganze Körper ist Rhythmus. Und mit jedem Schluck Rum, den er zu sich nimmt, wird, wie man es erwarten kann, sein Tanz ausdrucksvoller und besser. Er zeigt uns die Grundschritte und weist uns an, auf die Musik zu hören. Bailar muy forte, wenn die Musik wilder ist, romantico y suave, wenn sie leiser und sanfter ist. Wir lernen auch noch eine kleine Abfolge von Figuren. Es macht viel Spaß. Und dann schnappt er sich abwechselnd die Frauen und zeigt uns, was noch alles möglich ist. Er dreht und wirbelt sie und sich selbst hin und her und haucht ihnen den rumgeschwängerten Atem durch die wehenden Haare.
Zum Abschluss bereitet er uns den besten Mojito zu, den wir in Kuba bekommen haben und setzt sich mit uns zusammen, um ein bisschen über Kuba und das Leben zu klönen.
Mit einem ganz guten Essen im Restaurant, natürlich mit Empfehlung und wahrscheinlich Provision unser Gastgeber, geht unsere Zeit in Trinidad leider auch schon wieder zu Ende.