Fokus - Show don't tell! Wie schreibt man einen Pageturner?
âDas Buch war total toll! Ein richtiger Pageturner und absolut sĂŒchtig machend!â
 âLangweilig ohne Ende! Wo war die Spannung?!â
 So oder so Ă€hnlich lesen sich tausende Rezensionen auf Buchblogs, Onlineshops und Ă€hnlicher InternetprĂ€senzen. Welcher Autor wĂŒnscht sich nicht, dass seine eigenen Romane und Geschichten als absolute Weltklasse identifiziert werden? Welcher Autor wĂŒnscht sich nicht, dass seine Leser voller Begeisterung und mit ein wenig Traurigkeit im Herzen die letzte Seite umblĂ€ttern?
Dabei gibt es heutzutage Ratgeber fĂŒr angehende Schriftsteller wie Sand am Meer, möchte man meinen. Ich persönlich habe bislang zwei Romane (âGefangene der Weltenâ, âMagie der Weltenâ) als Teile einer Trilogie veröffentlicht. Ich möchte mir nicht anmaĂen, das Patentrezept zum Schreiben eines Bestsellers in HĂ€nden zu halten. Nein, um Gottes Willen! Vielmehr möchte ich in diesem Beitrag anhand drei sehr bekannter Romane beispielhaft meine Beobachtungen darlegen. Wie haben diese Autoren es gemacht? Worauf haben sie ihren Fokus gelegt, um einen absoluten Pageturner oder Bestseller zu schreiben?
 Show donât tell
 Den Rat âShow, donât tell!â findet man heutzutage in jedem Schreibratgeber. Doch was bedeutet er? Befragt man Google dazu, so erhĂ€lt man als allererstes Ergebnis einen Eintrag bei Wikipedia. Nun gilt Wikipedia gemeinhin nur bedingt nutzbar als Quelle fĂŒr Zitationen. Dennoch scheint mir in diesem Fall die Verwendung angemessen. Dort heiĂt es nĂ€mlich:
âShow, donât tell (dt.: âZeigen, nicht erzĂ€hlenâ) ist ein hĂ€ufig gebrauchter Terminus aus Schreibratgebern. Er fordert Autoren dazu auf, einen bestimmten Gegenstand nicht vom Standpunkt des ErzĂ€hlers aus zu beschreiben, sondern Handlung und Dialog zu verwenden. Damit soll das Interesse des Lesers, der an filmische ErzĂ€hlstrukturen gewohnt ist, wachgehalten werden. Auch wird die Rolle des ErzĂ€hlers in den Hintergrund gedrĂ€ngt â eine typische Forderung an die erzĂ€hlende Literatur der Moderne. Dem Leser soll auf diese Weise die Identifikation mit den Charakteren erleichtert werden.â (Quelle: wikipedia)
 Betrachten wir anhand dieser Basis einmal die Werke berĂŒhmter Autoren. Ich habe dies folgenden drei Romane und deren Autoren ganz bewusst gewĂ€hlt, da ich sie selbst sehr schĂ€tze und ihre BĂŒcher als absolut gelungen, wenn nicht gar als groĂartig, ansehe.
 Stephen King â âEsâ
 Kennzeichnend fĂŒr die Romane des âMeister des Horrorsâ ist vor allem die Nutzung vieler, sehr komplexer und plastisch wirkenden Charaktere. S. King schreibt hĂ€ufig aus der Perspektive wechselnder Charaktere. In dem Falle von âEsâ beginnt er seinen Roman damit, die ersten beiden Figuren, Bill und George, dem Leser vorzustellen. Die ersten SĂ€tze sind dabei durchaus eher erzĂ€hlend, denn zeigend. Der Leser wird zunĂ€chst mit der Situation, die in der Kleinstadt Derry nach einer Ăberschwemmung 1957 herrscht, vertraut gemacht. Es ist hier notwendig, dem Leser verstĂ€ndlich zu machen, was die Ausgangslage fĂŒr die weitere Handlung ist. Der Wechsel zum âZeigenâ vollzieht sich beinahe unmerklich, auf der dritten Seite des Romans. Dort schreibt S. King:
 âGeorge blieb hinter den SĂ€geblöcken am Rande eines tiefen Risses stehen, der sich diagonal durch den Teer der Witcham Street zog, und er lachte laut auf â der Klang der kindlichen ausgelassenen Fröhlichkeit erhellte einen Augenblick lang diesen grauen Nachmittag -, als das Wasser sein Papierboot nach rechts in die Miniatur-Stromschnellen der schmalen Vertiefung riĂ. [âŠ] Unter seinen Ăberschuhen spritzte Wasser hervor, und ihre Schnallen klapperten fröhlich, wĂ€hrend George Denbrough in seinen merkwĂŒrdigen Tod rannte. [âŠ]â (S. 3, JubilĂ€umsausgabe Taschenbuch, erschienen bei Ullstein, Januar 2003)
 Diese Stelle zeigt eindeutig den Unterschied, meiner Ansicht nach. Der Leser sieht den kleinen George lebhaft vor seinem inneren Auge, wie er lacht, wie er rennt. Man hört das PlÀtschern des Wassers und hat einen lebhaften Eindruck davon, wie das Wasser spritzt. Stephen King spricht nicht nur zu seinen Lesern, nein, er nistet sich in deren Köpfe und Vorstellungen ein!
Er spricht in diesem Absatz vor allem zwei Sinne an: Sehen (wir sehen George wie er erst stehen bleibt, ehe er losrennt, um sein Papierboot nicht zu verlieren) und Hören (George lacht laut, kindlich, ausgelassen; die Schnallen seiner Schuhe klappern fröhlich). Eventuell kann man den Tastsinn noch miteinbeziehen, wenn man das Spritzen des Wassers in seiner Vorstellung spĂŒren kann. Â
 Michael Crichton â âJurassic Parkâ
Wechseln wir einmal von Stephen King zu Michael Crichton. Vermutlich kennt so ziemlich jeder die Geschichte von dem âDinoparkâ, in der es darum geht, dass Dinosaurier geklont werden mithilfe der DNA, die man in Moskitos, die von Harz eingeschlossen wurden, gefunden hat. Ich denke, ein besonderes Kennzeichen von Michael Crichton ist es, dass er hĂ€ufig Romane schreibt, die sich mit der Thematik des Klonens (z.B. âDer Dritte Zwillingâ) und allgemein die der Gentechnologie nutzt.
Wie beginnt er also seinen Roman unter dem Gesichtspunkt âShow, donât tellâ?
ZunĂ€chst setzt er eine EinfĂŒhrung vor den Prolog, wo er die Thematik der Gentechnologie anreiĂt und umschreibt, um dem Leser die Chance zu geben, die spĂ€teren VorgĂ€nge nachvollziehen zu können. Im Prolog aber, also dem eigentlichen Einstieg in die Handlung, beginnt er direkt mit dem âZeigenâ:
 âDer tropische Regen war eine undurchdringliche Wand aus Wasser, er prasselte auf das Wellblechdach der Krankenstation, rauschte dröhnend durch die metallenen AbfluĂrinnen und platschte wie ein Sturzbach auf die Erde. Roberta Carter starrte seufzend aus dem Fenster. [âŠ]â (S. 17, Verlagsgruppe Weltbild GmbH, 2005)
 Und etwas spÀter dann:
âSie beugte sich tiefer und betastete die Wunde mit den Fingerspitzen. Falls ihn ein Bagger ĂŒberrollt hatte, muĂte Erde tief in der Wunde stecken. Aber da war keine Erde, nur ein schmieriger, schleimiger Schaum. AuĂerdem roch die Wunde eigenartig, ein verfaulter Gestank, ein Geruch nach Tod und Verwesung.â (S. 19/20, Weltbild GmbH, 2005)
 Auch hier wird bereits sehr frĂŒh gezeigt. Der Leser hört das Prasseln des Regens, sieht die Krankenstation vor sich, hört Roberta seufzen und riecht spĂ€ter den Gestank der Wunde. Michael Crichton spricht ebenso wie Stephen King möglichst viele Sinne an. Das Lesen wird zum Erleben, nicht zum passiven Lauschen einer Geschichte.
Wenden wir uns mit diesem Wissen einmal einer eher klassisch zu verortenden Literatur zu:
 Margaret Mitchell â âVom Winde verwehtâ
 Die Geschichte der eigensinnigen SĂŒdstaatenschönheit Scarlett OâHara, die viel zu spĂ€t ihre GefĂŒhle fĂŒr den rebellischen Blockadebrecher Rhett Butler erkennt, hat schon viele Herzen bewegt. Der Film erhielt zu seiner Zeit etliche Oscars und auch heute noch werden Film und Buch mit unheimlichem Erfolg vermarktet. Doch woran liegt das?
Hier muss man festhalten, dass es typisch fĂŒr die ErzĂ€hlkunst der Zeit (1936) ist, detailliert zu beschreiben. So beschreibt Margaret Mitchell im ersten Absatz das aristokratische Aussehen Scarletts. Der Wechsel zum Zeigen vollzieht sich auch hier beinahe beilĂ€ufig. Margaret Mitchell beschreibt das Ă€uĂere Erscheinungsbild, das Kleid, die Frisur⊠und kommt dann zum Kern von Scarletts Wesen:
 âIn den grĂŒnen Augen blitzte und trotzte es und hungerte nach Leben, sowenig der mit Bedacht gehĂŒtete, sanfte Gesichtsausdruck und die ehrbare Haltung es auch zugeben wollten. [âŠ] Zu ihrer Rechten und Linken saĂen lĂ€ssig in ihren Sessel zurĂŒckgelehnt die beiden Tarletons. Durch die hohen GlĂ€ser voll Pfefferminz-Whisky blinzelten sie in die Sonne, lachten und schwatzten vergnĂŒgt, [âŠ]â (S.10, Ullstein Taschenbuch, 6. Auflage 2012)
 Und wenige Seiten spÀter dann:
 âDen drei jungen Leuten vor der HaustĂŒr schlug Hufgetrappel, das Klirren von Geschirrketten und schrilles Kinderlachen von Negerstimmen ans Ohr, als die Knechte mit den Maultieren vom Felde kamen. Aus dem Hause schwoll die sanfte Stimme von Scarletts Mutter Ellen OâHara heraus, wie sie nach dem kleinen schwarzen MĂ€dchen rief, das ihren SchlĂŒsselkorb trug.â (S. 15, Ullstein Taschenbuch, 6. Auflage 2012)
 Was tut die Autorin an diesen beiden Stellen also? Eindeutig wird hier mehr beschrieben, als in den beiden (modernen) Beispielen, die ich zuvor nannte. Doch auch Margaret Mitchell verzichtet nicht auf die gedankliche Interaktion mit dem Leser. Der Leser spĂŒrt beinahe die Sonnenstrahlen auf dem Gesicht, hört, wie sie schwatzen und lachen, hört die Ankunft der Feldarbeiter und die Stimme von Scarletts Mutter.Â
Quintessenz
 Wie schreibt man nun also einen Pageturner, der das Potential hat, den Leser sĂŒchtig zu machen? Die moderne Literatur lebt von der filmischen ErzĂ€hlkunst. Der Leser soll vollkommen eintauchen in die Welt der Romanhandlung. Der Leser soll sich identifizieren können mit den Figuren, die dort auftauchen. Das Ziel eines Autors ist es dabei, es dem Leser so einfach wie möglich zu machen. Ohne groĂe Anstrengung soll die Vorstellungskraft, die Imagination des Lesers, zu Höchstform auflaufen. Es wird eine neue RealitĂ€t in den Köpfen der Leser geschaffen, fernab der Wirklichkeit. âShow, donât tellâ ist dabei der Grundstein, der dieses Abtauchen erst richtig möglich macht. In den Köpfen soll ein Film ablaufen. Dabei zeigt sich, dass es sich bewĂ€hrt möglichst viele Sinne anzusprechen. Der Leser muss ein GefĂŒhl fĂŒr die geschriebene Welt bekommen. Das Beispiel von Margaret Mitchell zeigt zudem, dass es hilfreich sein kann, das Erscheinungsbild darzustellen, zu beschreiben, um ein klares, eindeutiges Bild in der Vorstellung des Lesers hervorzurufen. Solche beschreibenden Momente fĂŒhren aber auch unweigerlich dazu, dass die Geschichte an Tempo und Spannung verliert.
Allein das Beispiel von Michael Crichton zeigt, wie es optimal geht: Der Leser ist sofort drin in dieser tropischen Welt. Man kann die Regentropfen fast schon selbst wahrnehmen und die Verletzung des Mannes spricht auĂerdem sĂ€mtliche Sinne an und wirft dadurch zugleich Fragen auf, die der Leser nur zu gerne beantwortet haben will.
Ebenso sieht die Vorgehensweise von Stephen King aus, wie es scheint. Er beschreibt nur das Grundlegenste, das Drumherum, doch sobald es an die Figuren seiner Romane geht, wirft er den Leser praktisch hinein in seine Welt und lÀsst ihn oder sie das ganze Ausmaà des Horrors erleben.
Dieses Wissen sollte nun jeder Autor im Hinterkopf behalten, wenn es darum geht, einen guten Roman zu schreiben, der zumindest das Potential zum Bestseller hat. Dazu möchte ich auch ausdrĂŒcklich darauf hinweisen, dass ich hier nur RatschlĂ€ge erteile, die einen Faktor ausmachen, nicht jedoch Erfolg garantieren! Zu einem echten Pageturner, den man nicht mehr weglegen möchte, gehören auch ausgefeilte Charaktere, spannende Handlungsbögen und nicht zuletzt einige handwerkliche Dinge mehr â aber das ist ein anderes ThemaâŠ












