Ich musste beim Eintrag von gestern so schaudern, dass ich vergessen habe, zu Ende zu schreiben. Ich war auch ganz schön alle, wir haben nämlich richtig lange reanimiert und dann am Ende doch den Tanz mit dem Tod verloren.
Nach erfolgloser Reanimation herrscht immer eine ganz komische Stimmung im Raum. So eine Mischung aus verschiedensten Emotionen.
Frust, weil es trotz aller Mühe nichts gebracht hat.
Ärger, weil man jetzt ganz viel Zeit verloren hat für die Arbeit, die sich im Hintergrund aufgestaut hat.
Trauer, weil gerade ein Mensch gestorben ist.
Angst und Schuldgefühle, wenn man der behandelnde Stationsarzt gewesen ist.
Letzteres traf zum Glück nicht auf mich zu, aber auf Paulzz. Paulzz ist so wie ich frisch gebackener, idealistischer Assistenzarzt und kümmert sich mit viel Herzblut und ausgezeichnetem Wissen und Fähigkeiten um seine Patienten. Nach der Reanimation verkrümeln sich nach und nach alle und wir ziehen schließlich ins Arztzimmer weiter. Paulzz ist schneller als ich, weil ich schon wieder was liegengelassen habe. Ich sehe ihn von weitem mit etwas leerem Blick an die Wand starren.
- "War das seine erste Rea?", fragt Schwester Alte-Weise.
- "Jo", sage ich und nicke. "Und dann auch noch die eigene Patientin…"
- "Und dann auch noch erfolglos", seufzt sie. "Ich hab euch nen Kaffee aufgesetzt und inner Küche sind noch Brötchen vom Geburtstag heute Mittag. Hunger?"
Ich nicke. Reanimieren ist richtig, richtig anstrengend und jetzt, wo ich drüber nachdenke, verhungere ich. Ich gehe in die Küche, schenke uns Kaffee ein und packe ein paar belegte Brötchen auf nen Teller. Danke gehe ich ins Arztzimmer zu Paulzz.
Es ist gespenstisch ruhig hier, wenn die Tür zu ist. Nur das Rattern der Computer und ab und zu das nervige Fiepen der Klingel, sonst nichts.
- "Danke", sagt Paulzz irgendwann und greift nach der Tasse. "Ich glaub, ich… Boah. Ich krieg irgendwie nichts runter. Ich glaub ich wärme mich erstmal an dem Kaffee."
Ich klopf ihm auf die Schulter.
- "Die erste Rea vergisst man nie", sage ich und trinke selber einen Schluck Kaffee. "Brennt sich ein wie kaum was Anderes. Aber mach dir bitte keine Vorwürfe. Mit neunundachtzig darf ein schwerkranker Mensch sterben. Du hast sie nicht umgebracht, soviel ist sicher."
- "Sicher?", fragt Paulzz. "Die letzten Tage war das mit dem Kalium so…"
- "Sicher", unterbreche ich ihn. "Du und dein Oberarzt ihr habt gemeinsam ihre schwere Lungenentzündung behandelt. Ein kranker, alter Mensch mit Herzkrankheit ist ein Kartenhaus. Ein zufälliger Luftstoß und das System bricht zusammen."
Blick auf die Uhr. Zwanzig vor acht. Seit über drei Stunden Feierabend. Handy blinkt. Achtzehn ungelesene Nachrichten.
- "Das Datum werde ich wohl wirklich nicht vergessen", sagt Paulzz.
- "Welcome to Inner Medicine", sage ich und stoße mit ihm und seiner Kaffeetasse an. "Auf Frau Neumann. Ihr Gott habe sie selig, welcher auch immer es sein mag."
- “Mhm”, macht Paulzz wenig überzeugt.
Ich gehe wieder auf den Flur und arbeite mich durch die restlichen Kurven, um die liegengebliebene Arbeit aufzuholen. Schließlich kommt Paulzz in meine Richtung und steht erst eine Weile zögernd hinter mir, bis er sich neben mich stellt.
- "Ähm", sagt er. "Du, Brainzz…."
- "Hm?", entgegne ich.
Ich stehe am Visitenwagen. Es ist halb neun und die letzten Anordnungen müssen noch gemacht werden. Paulzz steht mit dem flatterigen und verwirrenden Papierwust eines Totenscheins vor mir. Seine Augen sind ein bisschen glasig, seine Schultern hängen.
- "Brainzz… Ich verstehe den Totenschein nicht. Und ich habe noch nie eine Leichenschau gemacht."
Ich lächle ihn an und nicke.
- "Kein Problem. Ich komme mit."
Wir gehen ins Arztzimmer und füllen das Ding aus. Einen Totenschein muss man an verschiedenen Stellen umklappen und wieder zurückklappen und dann hier und da schreiben aber da nicht schreiben, weil das im Durchschlagverfahren im Wesentlichen vier Formulare gleichzeitig ausfüllt. Eigentlich gar nicht dumm. Aber sehr deutsch und sehr kompliziert. Ich erkläre ihm das Ganze und wie man das richtig so ausfüllt, dass die Kausalkette von der Krankheit bis zum Tod lückenlos nachvollzogen werden kann. Sonst kommt der Totenschein zurück und es gibt Nachfragen - viel Lärm um nichts und unnötige Arbeit.
- "Und die sicheren Todeszeichen?", fragt Paulzz.
- "Die müssen wir jetzt in der Leichenschau feststellen", sage ich mit vollem Mund und kaue den Rest eines Käsebrötchens weg. "Kommst du?"
Mit vollem Mund gehen wir zum Untersuchungszimmer, wo der Körper von Frau Neumann geparkt wurde.
- "Warte", sage ich und ziehe mir Handschuhe an. "Ich will vorher aufkauen."
Schwester Jung-Schlau bleibt stehen und guckt mich völlig entgeistert an.
- "Isst du gerade?", fragt sie.
- "Mhm", mache ich.
- "Und die Leichenschau?"
- "Die machen wir jetzt", antwortet Paulzz für mich. "Ich gehe schonmal vor."
Jung-Schlau guckt mich schräg an mit einer Mischung aus Schock, Amüsement, Abscheu und Bewunderung.
- "Du, Brainzz", fragt sie, als Paulzz im Raum ist. "Wie lange bist du schon Arzt?"
- "Halbes Jahr", antworte ich. "Wieso?"
- "Nur so", sagt sie und geht kopfschüttelnd weiter, um mit der Arbeit fortzufahren.