Durch Mark und Bein
- "Doktors!", ruft jemand auf dem Gang aufgeregt. "Brainzz, Paulzz!" Der Tonfall gefällt mir nicht. Wenn Schwester Alte-Weise laut nach Arzt ruft, ist das selten gut. Schwester Alte-Weise macht diesen Job hier seit hundert Jahren und sie hat so viel klinische Erfahrung, dass man als junger Assistent gut beraten ist, ihrer Einschätzung großes Gewicht zu verleihen. Mein Telefon klingelt. - "Die Mitpatientin von Frau Neumann hat gerade gesagt, dass die nicht atmet!", ruft eine Schwester aufgeregt in den Hörer. "Wo seid ihr?" Wir machen uns auf den Weg und eilen über den Flur. Witziger Nebeneffekt ist immer der schockierte Blick von anderen Patienten, wenn im Krankenhaus jemand zu rennen beginnt.
<ungutes BauchgefĂĽhl hier einfĂĽgen>
- "Frau Neumann!", ruft der Kollege nervös beim Betreten des Zimmers und ruppelt an der Frau. "Frau Neumann!!!" Er guckt mich erleichtert an, als er sieht, dass er nicht mehr alleine ist. Dazu muss man sagen, dass Paulzz gerade seinen dritten Monat als Arzt hat und noch ein kleines Stück grüner hinter den Ohren ist als ich. - "FRAU NEUMANN!!!", rufe ich und kneife ihr kräftig in die Nase. Als keine Reaktion kommt, die Patientin eine Schnappatmung loslässt und der Puls nur ein paar unregelmäßige Salven zu spüren lässt, drehe ich mich zur Mitpatientin um. - "Gehen Sie bitte nach draußen", sage ich. "Hier wird es jetzt wuselig."
Ich belle ein paar Anordnungen und Materialanfragen in den Raum, dann herrscht Grabesstille unter meinen Fingerkuppen. - "Okay, wir drücken", entscheide ich, steige ins Bett und verschränke meine Hände über dem Brustbein von Frau Neumann.
Was als nächstes passiert, wird mich bis ans Ende meiner Tage verfolgen. Ohne Witz. Man härtet ja echt ab als Arzt, aber das hier hat mich kalt erwischt. Ich drücke beherzt den Brustkorb zusammen und es macht KNACKEDIKNACKEDIKRACKKRACKRACK. Das Geräusch fährt mir durch Mark und Bein. Die Rippen von Frau Neumann bersten der Reihe nach durch und geben nach. Das zweite Drücken ist schon viel leichter. Erneut knackt es unter mir, der Widerstand wird geringer und der rechte Rippenbogen geht Fratze. Die nächsten paar Male drücken knistert es nur, dann fühlt sich Frau Neumann an wie eine Reanimationspuppe.
Ich fasse zusammen: Der erste, der reanimiert, hat die Arschkarte. Der muss die Rippen brechen. Das war mir so bewusst irgendwie nicht, denn ich war noch nie der Erste beim Reanimieren. Klar, wenn man drüber nachdenkt, ist es logisch. Aber die Realität ist dann doch irgendwie fieser als das Trainingszentrum der Uniklinik.













