Liebes Flitzpiepen-Tagebuch - Immer wieder Sonntags kommt die Erinnerung (Teil 1)
Liebes Flitzpiepen-Tagebuch,
Heute möchte ich eine kleine Geschichte aus meinem Leben zu Papier bringen. Alles was ich hier niederschreibe, ist genau so passiert. Wer’s nicht glaubt, kriegt ein Bachstein in die Fresse.
Immer wieder Montags kommt die Erinnerung:
Wir schreiben Tag 37 nach dem Flitzpiepen-Snitchskandal.
Es ist wiedermal einer dieser Sonntagabende, an dem ich nicht genau weiss, ob überhaupt Sonntag ist. Kalt fliesst das Bier den Rachen runter. Ich bin hackedicht und sitze alleine in meiner Stammkneipe. Vroni tischt mir noch einen Luz kombiniert mit einem Toast Hawai auf. Schnell signalisiere ich ihr, dass sie sich von meinem Tisch verpissen soll. Heute will ich einfach nur alleine sein. Der Snitchskandal hat eine tiefe Wunde hinterlassen. Ich muss nachdenken. Wie geht es nach dem Armageddon weiter?
Ich finde keine Antwort. Getrübt kippe ich mir den Luz hinter die Binde und falte den labrigen Toast zu einer dürümartigen Form, ehe ich mir die ganze Pampe in die Fresse drücke. Schmecken tut’s nach nassem Hund. Irgendwie passt das ja auch. Ein nasser Hund hat etwas Verräterisches an sich. So wie Hacke und Pepp, diese Snitches. Wie konnten sie es wagen unsere Crew einfach so im Stich zu lassen? War es Hochmut?
Nein, das ist es nicht. Menschen sagen Hochmut kommt vor dem Fall. Diese Reihenfolge trifft bei Hacke und Pepp nicht zu. Die Grundlage für das Problem muss wo anders liegen.
Ich grüble also weiter, bestelle bei Vroni noch zwei Grosse. Doch mir fehlt der Durchblick. Zu viel Zigarettenqualm im Stammlokal. Nicht, dass dieser stören würde, aber er benebelt eben die Sinne.
Ich exe also innerhalb einer Minute einen Liter Bier weg, kotze die Hälfte davon wieder über den Tisch, schwinge lässig meinen Cowboy-Hut über meinen Eierkopf, schnipse in ziemlich cooler Manier einen 100er über die Tresen und verlasse den Schuppen mit den Worten: “Ich bin dann mal raus, wie ein Milchzahn”.
Zurück auf den Streets. In meinem Revier. Hier nennen mich die Leute “den Säufer vom Downtown”. Jetzt knöpfe ich mir erst einmal ein paar kiffende Jugendliche vor. Vielleicht haben sie die Antworten, die ich so dringend brauche. Zum Glück weiss ein Strassenköter wie ich genau, wo sich die zugedröhnten Strolche befinden.
Ich torkle der Hauptstrasse entlang. Wie der einsame Wolf auf der Jagd nach Frischfleisch. Ich komme meinem Ziel immer näher. Auf der Strasse läuft Benzin aus. Irgendein Fiat ist mit einer dicken Katze kollidiert und hat sich dabei auf das Dach gedreht. Totalschaden! Wie in meinem Hirn. Doch ich habe keine Zeit um zu helfen. Hier geht es schliesslich um Wichtigeres. Unsere Crew löst sich gerade auf, da bleibt keine Zeit für andere Mätzchen. Ausserdem sehe ich sowieso alles doppelt. Hätte also gar keinen Sinn gemacht, denke ich mir beim vorbeilaufen.
Endlich bin ich an meinem Ziel angekommen, ohne Google Maps. Der Cannabis-Kraut-Duft liegt in der Luft. Ich pirsche mich hinter dem Dorfladen an. Bei den Mülltonnen hinter dem charmanten Tante-Emma-Laden rauschen sich nämlich jeden Abend dutzende Teenies mit gestrecktem Skunk zu. Ich werde bereits beim Gedanken daran aggressiv. Früher haben wir noch richtiges Zeugs vom Südhang verheizt, heute ballern sich die Kids mit irgendwelchem chemiegestreckten Grünkraut zu und behaupten erst noch es sei “premium Qualität”. Das einzige was hier premium ist, ist mein Vollsuff, Freunde!
Bums! Zack! Schnell noch auf einer Bananenschale ausgerutscht. Voll auf die Fresse. Das Blut fliesst mir aus der Nase. Die ist wohl gebrochen. Kollateralschaden, denke ich mir. Leider haben mich auch die Kiddies entdeckt. Jetzt bin ich aufgeflogen. Ihr Anführer kommt zu mir rüber und meint: “Eh du alter Penner, verzieh dich du Hurensohn!”
Jetzt muss schnell ein guter Konter her. Doch mir fällt nichts innovatives ein. “ Komm ma ran, du Homo!”, erwidere ich. Fuck ... habe ich mich jetzt wirklich gerade auf einen Faustkampf mit 10 bekifften Jugendlichen eingelassen? Ich bin geliefert! Die hören doch alle Farid Bang und Kollegah und verbringen ihr halbes Leben in der Muckibude, so wie Gustav Salami. Da kann ein alter Alkoholiker wie ich ja gleich einpacken.
Schnell wechsle ich in Kampfposition, wie man sie noch aus den guten alten Jackie-Chan-Filmen kennt. Da kommt auch schon der erste angeflogen. Flink wie ein Lastkrafwagen weiche ich seinem rechten Hacken aus und zentrier ihm meine Bierflasche über die Visage. Knockout in der ersten Runde. Ich fühle mich wie Tyson. Die zweite Pickelfresse erwische ich mit einem Roundhouse-Kick. Langsam bekomme ich einen Lauf.
KLATSCH! Eine Brechstange von hinten! Mit ihr habe ich nicht gerechnet. Das war’s. Ende Gelände, Lichter löschen, adios Muchachos ... ich pralle mit dem Schädel auf den Asphalt. Meine letzten Worte: Penis.