Primavera Sound - Ein Erlebnisbericht mit viel Musik
Das Primavera Sound Festival in Barcelona gilt bei vielen Experten als schönstes und geschmackssicherstes unter den großen Festivals. Crazewire ist hingefahren und kam mit vielen tollen Erinnerungen und großen Augenringen zurück. Warum das Festival dieses Jahr so großartig war? Gründe dafür gab es einige:
#Vielfalt
Das Primavera hat in diesem Jahr eine Breite an Musik geboten, wie sie auf deutschen Festivals kaum vorstellbar ist. Wenn man dabei noch bedenkt, dass es sich bei den jeweiligen Acts um die Crème de la Crème des jeweiligen Genres handelt, dann wird aus dem Primavera eines der ganz großen Festivals. So brachten Earl Sweatshirt und Kendrick Lamar die Leute zum Bouncen, wobei die Besetzung bei Kendrick mit Live Bass und Schlagzeug weitaus wirkungsvoller war als beim minimalistischen Earl. Kendrick zelebriert seinen Status als Everybodys Darling und hat das Publikum in seinem mit rund 60 Minuten recht kurzen Headlinerset voll im Griff. Danebenv gibt es tanzbares von Stromae, Chromeo und Metronomy zu hören, harte Metalklänge von Kverertak oder schrägen Folk von The War On Drugs. Nicht zu vergessen besondere Momente für Liebhaber, wie wenn Nick Cave Komplize Mick Harvey ein Set als Hommage an Serge Gainsbourg vorträgt oder Television ihr legendäres “Marquee Moon” Album nochmals live spielen.
#Girlpower
Der Donnerstagabend stand ganz im Zeichen der starken Frauen. Beginnend mit Glasser über Warpaint und St. Vincent bis hin zu Arcade Fire und Metromony war die Frauenquote gefühlt selten so hoch wie auf dem diesjährigen Primavera Sound.
#Reunions
Es ist seit Jahren Tradition geworden, dass für den Festivalsommer Bands sich die Ehre geben, die man seit Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen hat. So war auch in diesem Jahr die Freude groß ein paar Bands von der inneren To-Do Liste streichen zu können. Neutral Milk Hotel gehört für viele Liebhaber des schrägen Indie Sounds zu den wichtigsten Pionieren. Ihr Auftritt auf der ATP Bühne wurde daher vom hauptsächlich männlichen bärtigen Publikum lautstark mitgesungen.
#mitsingen
Überhaupt hat der Autor zeitweise mit Stimmproblemen zu kämpfen, was bei einer solchen Bandbreite an Lieblingsbands auch nicht weiter verwunderlich ist. So spielten am Donnerstag mit Neutral Milk Hotel, Future Islands, Arcade Fire, Metronomy an einem Abend gleich mehrere absolute Lieblingsbands! Dazwischen noch Tanzen zu Moderat und Jamie XX, da können einem schon mal neben den Füßen auch die Stimmbänder schmerzen.
#Publikum
Das Publikum des Primaveras war eine weitere positive Überraschung. Selten habe ich eine friedlichere freundlichere Stimmung erlebt. So lernte man Menschen aus Schottland, Israel, Italien, Portugal, Österreich, Estland, Kanada und Brasilien kennen. Dazu zählte auch das gesamte Personal von den Bars bis hin zu den Securitys.
#Stromae
Dem jungen Belgier gebührt die Ehre den ersten Abend des Festivals zu headlinen, bei traditionell freiem Eintritt. Die Vorzeichen sind zunächst mehr als ungünstig, denn kurze Zeit vor dem Auftritt beginnt es heftig zu regnen. Das Konzert wird daraufhin eine halbe Stunde nach hinten verlegt und pünktlich mit dem Regenbogen betritt Stromae die Bühne. Dass dieser junge Mann Hits schreiben kann, hat sich inzwischen in ganz Europa herumgesprochen, dass er jedoch auch einer der ganz großen Performer unserer Zeit ist zeigt sich erst bei diesem Auftritt. Er erinnert in der Konsequenz seiner Ausdrucksweise an den jungen Jaques Brel und spielt zeitweise seinen Tod auf der Bühne nach. Bereits im Interview am frühen Nachmittag zeigt sich, dass Stromae weit mehr vor hat als seichte Sommerhits zu schreiben. Dass er dabei konsequent bewusst auf Französisch singt, um für kulturelle Vielfalt zu kämpfen, ist dabei kein leeres Gerede sondern geschieht aus tiefster Überzeugung.
#Barcelona
Das Primavera Sound ist als Stadtfestival prädestiniert auch einem Publikum zu gefallen, welches vom klassischen Zeltfestival eher abgeschreckt wäre. So ergänzen sich Festival und Stadturlaub perfekt, da man den Tag über durch die Tapasbars streifen kann und auch Zeit für Touristenprogramm hat und gegen Abend entspannt zum Gelände aufbricht. Auch dass die Stadt mit ihren vielen kleinen Bars Schauplatz von Festivalevents ist und viele Bands ein zweites Mal im Apolo Theater oder Sonntagsnachmittags im Park spielen macht den besonderen Reiz des Festivals aus. So werden die Abschlusskonzerte von Ty Seagall und Chromeo nochmals phrenetisch gefeiert.
#Bühnenauswahl
Mit über zehn Bühnen fällt es auf dem Primavera teilweise schwer den Überblick zu behalten. Doch auf den längeren Fußwegen kommt der Parc del Forum erst richtig zur Geltung: So werden die für Skater gebauten Curbs und steilen Wände zum hochlaufen und balancieren genutzt. Nach ein paar Tagen hat man dann auch ein System raus und weiß dass im Amphiteather der Ray Ban Bühne das große Zusammentreffen in den frühen Morgenstunden stattfindet. Der letzte Abend wird dann zur großen Dankesfeier zwischen Team und Publikum: Zu den Klängen von DJ Coco aus dem Nitsa tanzt das gesamte Primavera Team auf der Bühne. Spätestens beim letzten Song Journeys “Don’t Stop Believing” liegen sich alle mit Tränen in den Augen in den Armen. Schöner kann man ein Festival kaum beenden.
#Mutzumkitsch
Überhaupt scheinen viele Indiebands mehr denn je zu ihren musikalischen Jugendsünden zu stehen. Wer hätte gedacht, dass sich so viele Bands auf die 80er Jahre berufen, sei es in Form einer Neuauflage von Prince wie sie Blood Orange eindrucksvoll zur Schau stellt oder der omnipräsente Springsteen Einfluss von The War On Drugs. Nicht ganz unbeteiligt auch Arcade Fire mit ihrer bombastischen Show. Keine Angst vor Gitarrensolos oder vor dem Einsatz von Saxophonen und Synthieflächen. Alle Todsünden früherer Zeiten sind nur wieder salonfähig geworden und eine ganze Reihe alter Recken bekommen ihre späte Anerkennung.
Blood Orange - Time Will Tell von domino
















