Ein historischer Tag – und die Frage nach der Rolle des Westens
Der vergangene Montag, der 13. Oktober 2025, wird zweifellos als historisch in die Geschichte Israels eingehen. Die Rückgabe der verbliebenen 20 Geiseln markiert einen tief bewegenden Moment in einem Konflikt, der seit Jahrzehnten das Weltgeschehen prägt. Nach Monaten der Ungewissheit, des Schmerzes und der diplomatischen Zermürbung ist dieser Schritt nicht nur eine humanitäre Tat, sondern ein Symbol der Hoffnung. Dass es überhaupt dazu kommen konnte, ist in erheblichem Maße der Rolle der Vereinigten Staaten und insbesondere des amtierenden Präsidenten Donald Trump zuzuschreiben – eine Tatsache, die man unabhängig von innenpolitischen Kontroversen oder persönlicher Ablehnung seiner Politik anerkennen muss.
Doch so bewegend dieser Tag auch sein mag – er ist kein Tag der ungetrübten Freude. Denn während die 20 noch lebenden Geiseln endlich in die Arme ihrer Familien zurückkehren konnten, bleibt das Schicksal vieler anderer weiter ein offener, schmerzlicher Wunde. Die Freilassung erfolgte um einen hohen Preis: Rund 2000 Gefangene, darunter verurteilte Terroristen und Mörder, wurden im Gegenzug aus israelischen Gefängnissen entlassen. Und doch – was ist mit den sterblichen Überresten der 28 Geiseln, die in der Gefangenschaft der Hamas ihr Leben verloren?
Bislang wurden lediglich vier Leichname im Rahmen der Vereinbarung übergeben. Von den übrigen fehlt jede Spur. Die Terrororganisation spricht von „Schwierigkeiten bei der Lokalisierung“ – eine zynische, kaum zu ertragende Begründung. Einmal mehr spielt die Hamas ihr perfides Spiel mit menschlichem Leid. Einmal mehr werden die Angehörigen hingehalten, um in zynischer Berechnung Druck aufzubauen, Emotionen zu instrumentalisieren und Israel moralisch wie politisch zu demütigen. Für die Familien der Opfer ist dies ein Schlag ins Gesicht – sie warten nicht auf politische Gesten, sondern auf die Möglichkeit, ihre Toten zu beerdigen und einen letzten Abschied zu finden.
Und während die Welt noch die Rückkehr der Freigelassenen feiert, erklärte die Hamas nahezu zeitgleich, man werde die Waffen niemals niederlegen. Man werde sich „neu organisieren, aufrüsten und am Tag X Israel vernichten“. Diese Worte sind keine hohlen Parolen – sie sind das Bekenntnis einer Ideologie, die nur ein Ziel kennt: die Auslöschung des jüdischen Staates. Wer solche Aussagen ignoriert oder relativiert, wer sie als bloßes „Säbelrasseln“ abtut, hat nichts aus der Geschichte gelernt.
Während Washington erneut als entscheidender Akteur auf der Bühne des Nahen Ostens agierte, offenbart sich zugleich das ernüchternde Bild der europäischen Außenpolitik. Die europäischen Staaten – allen voran Deutschland – wirken in diesen Tagen eher wie Zaungäste der Weltpolitik. Die von Kanzler Friedrich Merz einberufene internationale Geberkonferenz mag gut gemeint sein, doch sie offenbart das Dilemma westlicher Symbolpolitik: Geld zu versprechen ist einfach, Verantwortung zu übernehmen hingegen schwer. Wenn nun von einem dreistelligen Millionenbetrag deutscher Beteiligung die Rede ist, stellt sich die Frage, wofür diese Gelder tatsächlich eingesetzt werden sollen – und ob sie am Ende wieder in undurchsichtigen Kanälen verschwinden, die letztlich dem Terror nützen, den man angeblich bekämpfen will.
Schon die Vergangenheit hat gezeigt, dass Hilfsgelder allzu oft in den Strukturen verschwanden, die von der Hamas kontrolliert oder beeinflusst wurden. Statt nachhaltige Perspektiven für die Bevölkerung zu schaffen, finanzierte man indirekt jene, die das Leid überhaupt erst verursachten. Der Gedanke, Deutschland könne nun erneut mit Steuergeldern den Wiederaufbau jener Regionen unterstützen, in denen die Hamas ihre Machtstrukturen ungehindert weiter festigt, ist kaum erträglich. In Zeiten, in denen das eigene Land unter der Last seiner sozialen Verpflichtungen ächzt, Renten- und Gesundheitssysteme nur noch mit Krediten gestützt werden können, wirkt solches außenpolitisches Gebaren wie ein Hohn.
Zudem offenbart sich in der deutschen Haltung gegenüber Israel eine besorgniserregende moralische Schieflage. Anstatt das Existenzrecht Israels bedingungslos zu verteidigen und die Bedrohung durch islamistischen Terror klar zu benennen, versucht man sich in diplomatischer Äquidistanz. Besonders irritierend ist die Entscheidung, Waffenlieferungen an Israel mit der Begründung einzuschränken, man wolle nicht zum „Leid in der Region“ beitragen. Diese Argumentation verkennt, wer in diesem Konflikt Angreifer und wer Verteidiger ist.
Gleichzeitig duldet man in deutschen Städten Demonstrationen, auf denen die Massaker vom 7. Oktober 2023 unverhohlen gefeiert werden. Es ist ein moralisches Versagen, dass solche Aufmärsche nicht mit aller Entschiedenheit unterbunden werden. Wer die Gräueltaten der Hamas verherrlicht, stellt sich außerhalb der demokratischen und humanistischen Grundordnung, die dieses Land zu verteidigen vorgibt.
Dabei wäre gerade Deutschland gut beraten, seine Beziehung zu Israel nicht nur in Sonntagsreden zu pflegen, sondern in klaren politischen Taten zu bekräftigen. Denn die sicherheitspolitische Realität ist eindeutig: Während Israel kaum auf deutsche Waffen angewiesen ist, profitieren die deutschen Nachrichtendienste in hohem Maße von der Zusammenarbeit mit dem israelischen Geheimdienst Mossad. Wer diesen Partner durch moralische Belehrungen und politische Halbherzigkeit vor den Kopf stößt, gefährdet letztlich auch die eigene Sicherheit.
Der heutige Tag ist somit mehr als ein Moment der Freude über die Rückkehr der Geiseln. Er ist ein Spiegel für den Zustand westlicher Politik – zwischen moralischer Selbstvergewisserung und außenpolitischer Bedeutungslosigkeit. Israel hat gezeigt, dass Entschlossenheit und klare Prinzipien Hand in Hand gehen können. Europa, und insbesondere Deutschland, täte gut daran, sich daran zu erinnern.