“Die Spinnerei ist für mich eine Art Stadt in der Stadt. Ein magischer Ort, der sehr inspirierend ist.”
Eigentlich fragt man ASK HELMUT, wenn man die schönsten Events der Stadt entdecken möchte. In dieser Kolumne stellt ASK HELMUT die Fragen:
Titus Schade ist einer der spannendsten Künstler der jüngeren Generation der sogenannten „Neuen Leipziger Schule“. HELMUT hat den gebürtigen Leipziger vor seiner Ausstellungseröffnung in der Berliner Galerie Eigen+Art getroffen um mit ihm über Kunst und sein persönliches Leipzig zu reden.
Titus Schade TETRIS, Ausstellungsansicht 2017, Galerie Eigen+Art Berlin. Foto: Uwe Walter, Berlin.
ASK HELMUT: Könntest du für die Leser, die dich vielleicht noch nicht kennen, kurz sagen, wer du bist, was du machst und wie du dazu gekommen bist?
TITUS: Ich bin Titus Schade und Maler. Ich habe in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) Malerei bei Neo Rauch studiert und bei ihm auch meinen Meisterschülerabschluss gemacht. Ich bin bedingt durch mein Elternhaus gewissermaßen mit der Hochschule aufgewachsen, so dass die Art von Malerei, wie sie in meiner Kindheit und Jugend dort am Haus gelehrt wurde, meine Arbeitsweise auch heute noch beeinflusst. Figürliche gegenständliche Ansätze haben mich schon immer am meisten interessiert.
ASK HELMUT: Deine Motive sind hauptsächlich Fachwerkhäuser, Mühlen, Sechziger-Jahre-Bauten, aber auch Wolkenlandschaften, wie du sie auf der Art Cologne gezeigt hast. Woher kommen diese Motive? Hast du eine persönliche Verbindung zu gewissen Bauten, die vielleicht auch tatsächlich in Leipzig stehen?
TITUS: Die Landschaften, die ich male sind teilweise von Leipzig und seiner Umgebung inspiriert. Sie sind z.B. angelehnt an den Lindenauer Hafen im Leipziger Westen. Meine Malerei soll ja eine möglichst in sich geschlossene Welt schaffen, die nicht genau verortbar ist, deswegen handelt es sich nicht um eine eins zu eins Übertragung der Bildgegenstände. Ein altes Foto oder ein vorangegangenes Bild kann schon mal ein Auslöser für ein neues Bild sein, aber ich höre dann lieber noch einmal in mich hinein und rufe Sachen von meiner Erinnerung ab, weil die Dinge dann vielleicht sogar noch viel prägnanter sind.
Titus Schade Der Stadthafen, 2017, Öl und Acryl auf Leinwand. courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin. Foto: Uwe Walter, Berlin. VG Bild-Kunst, Bonn 2017
ASK HELMUT: Dein Atelier - genauso akkurat wie deine Bilder oder totales Chaos?
TITUS: Ich denke, dass ich ein eher kontrollierter Typ bin, kann man möglicherweise an meinen Arbeiten ablesen. Gut, aber der Arbeitsraum sieht dann im Hochbetrieb vor einer Ausstellung natürlich konträr dazu aus. Da ist z.B. dieser immer mächtiger werdende große Klebebandhaufen... Aber zumindest weiß ich stets wo jeder Pinsel liegt, das ist natürlich sehr wichtig (lacht)!
Foto: Sandra Ludewig.
ASK HELMUT: Du bist ja gebürtiger Leipziger – hast du Leipzig überhaupt mal für längere Zeit verlassen? Was hält dich in der Stadt? Was macht sie einzigartig?
TITUS: Ich habe nie länger den Wohnsitz verschoben. Mir gefällt es natürlich auch gut woanders – New York, Chicago, London. Aber richtig wohl fühle ich mich erst, wenn ich dann wieder zurück bin und meinen Arbeitsalltag habe und dabei selbst etwas erschaffen kann. Berlin finde ich auch sehr inspirierend. Es gibt hier auch noch diese maroden Stellen, diese Durchgänge in die Hinterhöfe und es ist hier auch viel Geschichte spürbar. Was aber in Leipzig noch dazu kommt, ist eine gewisse Entschleunigtheit.
ASK HELMUT: Was sind deine Lieblingskunstorte in Leipzig?
TITUS: Es gibt erst einmal das Museum der bildenden Künste mit einer sehr guten Sammlung, das sich jeder, der nach Leipzig kommt, anschauen sollte. Hinzugekommen ist das innenstadtnahe G2, wo der Fokus vor allem auf zeitgenössischer Leipziger Malerei liegt. Der Kunstraum Ortloff ist auch als ein wichtiger Ort zu nennen. Dann gibt es natürlich auf der Spinnerei sehr gute Galerien, die in sich ein sehr wechselseitiges und vielseitiges Programm haben. Dort befindet sich auch die Leipziger Dependance der Galerie Eigen+Art, mit ihren sehr umfangreichen Räumen.
ASK HELMUT: Welche Bedeutung hat die Spinnerei für dich?
TITUS: Die Spinnerei ist für mich wie eine Art Stadt in der Stadt. Ein magischer Ort, der sehr inspirierend ist. Man kann dort sehr konzentriert arbeiten. Und die Nähe zur Galerie ist natürlich auch sehr von Vorteil. Wenn ich abends das Atelier verlasse und nicht selten auf dem Weg durch die Spinnerei der Einzige bin, hat die ganze Szenerie auch etwas kulissenhaft theatralisches mit all den Lichtern und Spots, die dort sind.
ASK HELMUT: Thema Gentrifizierung: Demnächst macht die Blaue Perle im Leipziger Westen ihre Pforte dicht. Ist der Leipziger Westen tot?
TITUS: Die Blaue Perle liegt mir sehr am Herzen. Es ist traurig, weil sich dahinter der schöne Biergarten befindet, der ein bisschen an Nimmerland erinnert. Das war so eine Mischung aus Schrottplatz und Hinterhofromantik. Das ist gerade im Sommer ein Ort, wo man eine gewisse Freiheit hat, wo man gemütlich sein Bier trinkt und ein fließender Übergang in den dortigen Partyabend stattfinden kann, ohne dass man es vorher darauf angelegt hätte. Man hat in der Perle letztendlich oft eine angenehmere Clubatmosphäre, als in irgendeinem Großraum-Club. Ich selbst habe dort auch einige Parties veranstaltet. Es ist sehr traurig, wenn solche Läden schließen. Aber ich kenne auch die beiden Jungs, die Blaue Perle betreiben und es ist natürlich anstrengend, so etwas dauerhaft aufrechtzuerhalten. Aber der Leipziger Westen ist definitiv nicht tot, es wird immer wieder neue Orte geben!
ASK HELMUT: Den Leipzigern ist Musik sehr wichtig - wo gehst du am liebsten hin um Live-Musik zu hören?
TITUS: Ich bin kein Konzertgänger par exellence… Meine ersten Konzerte habe ich Ende der 90er im Conne Island besucht, das waren meist Rap-Konzerte. Das UT Connewitz und Horns Erben sind sehr gute Orte und im Schauspielhaus spielen auch oft sehr gute Acts. Konzerte finden aber auch in kleineren Bars statt.
ASK HELMUT: Freunde kommen zu Besuch – wo gehst du mit Ihnen hin, welches Leipzig zeigst du ihnen?
TITUS: Die meisten kennen das Völkerschlachtdenkmal nicht. Als Mensch fühlt man sich an diesem ungewöhnlichen Ort vor dem Monument wie eine Ameise. Dann sind da noch die klassischen Dinge – am Kanal spazieren gehen oder sich das Museum anschauen und in die Nikolai- und Thomaskirche gehen. Einfach mal Richtung Westen durch den Park laufen. Bezüglich Bars – im Gegensatz zu Berlin, wo man wahrscheinlich 50 sehr gute Bars hat, hat man in Leipzig deutlich weniger. Mir reichen aber auch die vier, wo ich meine Leute kenne. Und wenn ich dienstagnachts mal um halb 2 aus dem Atelier komme meinen Lieblings-Barkeeper im Rudi sehe und noch schnell ein kleines Feierabendbier mit dem trinken kann, ist das auch nicht schlecht. Solche Läden mag ich sehr gern, also zum Beispiel das Rudi, die Blaue Perle und die Liqwe Bar. Sehr gute Küche gibt es auf der Karl-Heine-Straße im Ping Ping. Mittagessen gehe ich auf der Spinnerei in die Versorgung, die sich in Ateliernähe befindet und einen sehr schönen Freisitz hat.
ASK HELMUT: Abschließend ein Helmut-Zitat – Helmut Newton sagte mal, “I hate good taste. It's the worst thing that can happen to a creative person.” Die GQ meint, du hättest einen guten Geschmack, zumindest was Fashion angeht. Was würdest du erwidern, beeinflussen dich oder vertraust du Leuten mit gutem Geschmack?
TITUS: Das ist Quatsch. Also ich finde, sich gut zu kleiden hat auch etwas mit Respekt dem Gegenüber erweisen zu tun. Zudem fühlt man sich eben nach stundenlanger Atelierarbeit in farbgetränkter Kleidung in Hemd und Sakko auch mal ganz wohl…

















