So eine wirkliche Therapie wenn man autistischer ADHSler ist gibt es nicht.
Zwar gibt es immer noch ewig gestrige, die der Ansicht sind, dass man ein Kind nur genügend züchtigen oder konditionieren muss, damit es funktioniert und man ihm seine "Krankheit" ausgetrieben hat.
Natürlich kann ich einige Eltern verstehen, ein autistisches Kind oder mit ADHS zu haben kann wirklich nicht leicht sein. Da ist es vermutlich leichter einen Sack voll Flöhe zu hüten.
Wobei ich natürlich auch sagen muss, dass es eben nicht mit allen betroffenen Kindern so ist.
Und ja: es gibt Therapieansätze, die Kindern helfen können in unserem gesellschaftlichen System zu funktionieren. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf "funktionieren". Damit meine ich aber eher noch die gediegenen Ansätze, die Kindern helfen, sich und ihre Umgebung zu verstehen. Es wird also mehr die Selbstreflexion gefördert.
Anders sieht es bei ABA-Methoden aus (diese beziehen sich meist auf Autismus). Hier wird das Kind aktiv konditioniert, damit es funktioniert. Das ist so, als würde man jemanden in eine Form pressen, egal ob die Form für einen gemacht, also bequem, oder völlig unpassend, also unbequem für einen ist.
An erster Stelle steht nur die Konditionierung. Oftmals greifen Eltern zu diesem Mittel, weil sie sich nicht anders zu helfen wissen und einfach gerne ein "normales Kind" haben wollen.
Das Problem dabei ist, dass uns über die letzten paar Jahrhunderte die Gesellschaft vorgegeben hat, was normal ist. Nur sind eben Gesellschaft und Genetik zwei unterschiedliche Paar Schuhe.
Es ist schon länger klar, dass Autismus und ADHS eine über 80% genetische Komponente beinhalten. Das bedeutet, dass diese Form der heute "neurologischen Störung" eigentlich genetisch beabsichtigt ist. Sie gehört somit auch zum "Normal" dazu - eben hat unsere Gesellschaft entschieden, dass dieser Teil eben nicht normal wäre.
Somit kann man auch bestimmte Therapieformen, besonders die für Kinder, in Frage stellen.
Dennoch ist es meiner Ansicht nach elementar für spätdiagnostizierte Erwachsene sich einer Therapie zu "unterziehen", so denn Komorbiditäten auftreten.
In meinem Fall sind es depressive Phasen, bei den bis heute unklar ist, ob es Vorstufen vom autistischen Burnout, Depressionen oder autistische Depressionen sind. Meine Therapeutin meinte, dass es manchmal kaum möglich ist, da genau zu differenzieren, weil die Übergänge einfach zu fließend sind.
Ich empfehle in dem Fall, dass man sich als spätdiagnostizierter Autist oder ADHSler unbedingt an jemanden wenden sollte, der sich mit dem speziellen Thema auskennt. Es hilft kaum etwas, wenn da ein Therapeut oder eine Therapeutin zwar auf Depressionen oder andere Komorbiditäten spezialisiert ist, aber nur wenig Ahnung hat von Autismus oder ADHS (gerade Autismus ist hier wichtig!).
Bein einem meiner Gespräche ist mir bspw. aufgefallen, dass ich mich als Kind selbst über ABA-Methoden selbst konditioniert habe.
Das ist eigentlich noch trauriger, als mein extrem gutes Masking.
Hier wird der Existenzialismus eigentlich ins Extrem geführt, wenn man so möchte: Als Mensch wird man in diese Welt gebracht, ohne jegliche Anleitung, wie man als Mensch zu sein hat.
Zum Verständnis: Ein Löwe wird in die Welt geboren, lernt ein Löwe zu sein, weiß was ein Löwe macht. Er ist Löwe.
Beim Menschen sieht das durch unseren kulturellen und sozialen Unterschiede völlig anders aus. Da kommt der Mensch in die Welt und soll Mensch sein - aber was für ein Mensch? Wie ist man richtig Mensch?
Nun stelle man sich vor, da kommt ein Kind in die Welt und merkt von sich aus, dass es anders als die anderen Menschen ist, schon immer. Eckt mit seinem Verhalten an, fühlt sich, als hätte das Universum einen Fehler gemacht und als würde hoffentlich ein UFO ankommen und es abholen.
Doch das UFO kommt nie...
Das Kind erhält keine Hilfe für seine Andersartigkeit, von niemandem.
Da ist keine Anleitung, keine Unterstützung. Nur ständiger Schmerz der Ablehnung und des Andersseins.
Gleichzeitig nimmt dieses Kind zwar nicht die eigentliche Armut, vielmehr aber den Reichtum um es herum wahr. Andere Kinder und Familien und Kinder haben so viel, man selbst trägt aber Kleidung, die schon von 3 anderen Kindern vorher getragen und an uns weitergegeben wurden.
In den Laden gehen und Kleidung kaufen? Das kam so selten vor, dass ich mich nicht wirklich daran erinnere.
Nun hat man dieses von Armut, Schmerz und Wut geprägte Kind in der Welt.
Da kommt plötzlich eine Lehrerin die mit einem einen Deal macht: "Hab bis zum Ende des Schuljahres keine Wutausbrüche mehr in der Schule und du bekommst von mir ein Geschenk."
War das ein Deal mit dem Teufel?
Ich konditionierte mich, unterdrückte meine Wut, meinen Zorn gegen diese feindliche Welt, gegen die Menschheit, gegen diese übermannenden Emotionen.
Wenn man arm ist und kurz davor steht auf die Sonderschule "verbannt" zu werden, weil man unter den Lehrern als Verhaltensgestört gilt, dann greift man nach jedem Grashalm, den man finden kann, bevor einen der Abgrund verschluckt ...
Hinweis: Zu meiner Zeit galt die Sonderschule als etwas, wo wirklich nur psychisch gestörte Kinder hinkamen. Es war nicht so, aber es hatte diesen Status unter den Kindern und der Gesellschaft. Überspitzt gesagt, war es damals wie Knast oder Nervenheilanstalt für Kinder. (Mir ist bewusst, dass dieses Bild nicht der Realität entsprach).
Am Ende erhielt ich das Geschenk. Es war ein Buch, der Inhalt (so meine Einschätzung nachträglich) nicht einmal wirklich herausragend.
Trotzdem habe ich das Buch immer noch. Ich wollte es schon einige Male in einen Bücherschrank stellen, habe mich aber bis heute nicht überwinden können.
Das geschah alles in der Grundschule.
Danach änderten sich meine Zeugniseinträge und man merkte, dass ich relativ ruhig wurde, teilweise sogar angeblich "sehr sozial".
Doch auch das war alles Teil meiner anfänglichen Konditionierung.
Ich habe bezogen auf meine Emotionen eine unglaubliche Selbstbeherrschung und Geduld aufgebaut.
Gleichzeitig wäre es vielleicht besser gewesen, wenn ich schon als Kind die Hilfe bekommen hätte, die ich brauchte.
Hier will ich nicht unbedingt die Schuld meinen Eltern zuschustern, wobei mein Vater sich eh nie wirklich für mich interessiert hat. Meine Mutter hingegen hatte als alleinerziehende Angst davor, dass das Jugendamt mich ihr wegnimmt. Sie hat alsoeigentlich aus Schutz mir gegenüber so gehandelt, was natürlich sehr ambivalent war.
Damals war das Jugendamt sehr schnell dabei Eltern die Kinder wegzunehmen und in Pflegefamilien zu geben, wenn sie das Gefühl hatten, dass die Eltern nicht mit dem Kind klar kamen.
Heute scheint es in einigen Jugendämtern wieder so zu sein, was für mich eine völlige Schande und Versagen dieser Ämter darstellt!
Genau dadurch werden Kinder, in diese Situation gedrängt: Passe dich an oder dieses System wird dich auffressen!
Hat die eigene ABA-Konditionierung funktioniert?
Hat sie bleibende Schäden hinterlassen?
Mit meinen über 40 Jahren stehe ich plötzlich wieder in der Welt, wie damals als Kind. Mir ist zwar heute klar, dass es keine Anleitung gibt und ich mir in "absurdistischer Manier (Stichwort Absurdismus)" meinen Lebenssinn und meine Anleitung selber bauen muss.
Gleichzeitig ist es jedoch auch so, dass man sein eigenes Ich hinterfragt.
Was steckt da unter der Konditionierung?
Ist das eigene Leben und Ich eine Lüge?
Mit der Diagnose wurde die Welt auf Neustart gestellt und eine existenzielle Krise ausgelöst.
Wenn ich mir vorstelle, dass in 20 - 30 Jahren Kinder sich ihrer Konditionierung über ABA bewusst werden, dann wird auch das zu vielen Krisen führen.
Natürlich wird eine Therapie als Erwachsener das nicht heilen oder auflösen, aber es lässt einen zumindest etwas besser verstehen, was abgelaufen ist und wie man damit heute umgehen kann.
In der Jetztzeit: Durch Medikamente wird mein ADHS stark eingeschränkt, was mir im Alltag sehr hilft. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass mir 100% Homeoffice und der stark verringerte Kontakt zu den Kollegen sehr gut tut.
Autistisch gesehen kann ich ich besser regulieren und entspannen. Auch meine Spezialinteressen kommen so wieder stärker zum Vorschein und ich kann sie besser ausleben.
Eine meiner Spezialinteressen ist sogar fast 24 Stunden am Tag präsent, was mich in anderen Projekten sehr weiterbringt.
Und ganz ehrlich: In diesem Fall mag ich es Autist zu sein, weil derzeit alles passt und mir leicht von der Hand geht. Ich verstehe die Priorisierungen, habe keine Startschwierigkeiten und bin mit meinem Herz dabei.
Man könnte sagen, dass ich mich langsam wiederfinde (oder neu-erfinde).
Aber es wird mich dennoch auch weiterhin viel Kraft kosten, nur, dass ich sie jetzt bewusst einsetzen kann.