28. Mai 2026
Der Schornsteinfeger und die fĂŒnf COâ-Professoren: HeizungsprĂŒfung im Paralleluniversum
Der neue Schornsteinfeger kommt mit der Aura eines Mannes, der schon hunderte Heizungen gesehen hat und zweihundertfĂŒnfzig Thermostatventile verachtet. Er trĂ€gt diese Mischung aus Arbeitskleidung, WerkzeuggerĂ€uschen und fachlicher EndgĂŒltigkeit mit sich herum, die Menschen besitzen, die jederzeit einen MĂ€ngelschein mit Folgen ausstellen können. Es gibt in Deutschland vermutlich nur wenige Personen, denen man als Hausbesitzer gleichzeitig so höflich und so ausgeliefert begegnet wie dem Schornsteinfeger.
Er steht also im Keller, betrachtet unsere etwas in die Jahre gekommene Heizungsanlage mit dem professionellem Interesse, mit dem Ărzte Röntgenbilder oder ArchĂ€ologen feuchte WĂ€nde ansehen, und beginnt plötzlich, wĂ€hrend irgendwo ein MessgerĂ€t piepst, ĂŒber COâ zu sprechen.
Nicht mehr nur technisch. Nicht im Sinne von Abgaswerten. Sondern weltanschaulich.
âDie ganze Geschichte mit dem COââ, sagt er, als wĂŒrde er nun einen seltenen Spezialfehler erklĂ€ren, âdas haben sich ja nur fĂŒnf Professoren in Deutschland ausgedacht.â
FĂŒnf Professoren.
Allein diese Zahl steht plötzlich im Raum wie ein vergessenes MöbelstĂŒck. FĂŒnf. Nicht vier. Nicht siebenundzwanzigtausend Wissenschaftler weltweit. Nicht der wissenschaftliche Grundstein der heutigen Klimaforschung durch Fourier in den 1820er Jahren. Sondern: FĂŒnf Professoren. Es klingt wie ein geheimer Rat aus einem Fantasyroman. Die FĂŒnf vom COâ. Vermutlich treffen sie sich nachts in einem schlecht beleuchteten Seminarraum und beschlieĂen, die Menschheit mit WĂ€rmepumpen zu verwirren.
âVon denenâ, fĂ€hrt er fort, âsind heute ja drei gar nicht mehr der Meinung. Die haben das alles widerrufen. Die reisen jetzt rum und halten VortrĂ€ge, dass das alles gar nicht stimmt mit diesem COâ- und Klimawandel-Wahnsinn.â
Ich zögere und versuche herauszufinden, ob ich gerade ein GesprĂ€ch fĂŒhre oder in eine Telegram-Gruppe hineingestolpert bin.
âEiner hĂ€lt noch dran festâ, sagt er. âUnd einer ist verschwunden.â
Verschwunden.
Nicht emeritiert. Nicht verstorben. Nicht in Rente. Verschwunden. Als hĂ€tte ihn das COâ selbst geholt.
Ich stehe daneben und sage nichts. Nicht, weil ich keine EinwĂ€nde hĂ€tte. Sondern weil der Mann in diesem Moment ein MessgerĂ€t in der Hand hĂ€lt und beruflich befugt ist, mein Heizsystem in eine bĂŒrokratische Midlife-Crisis zu schicken.
Man diskutiert erstaunlich ungern energiepolitische Grundsatzfragen mit jemandem, der theoretisch die Macht besitzt, einen Satz zu sagen wie: âDas muss alles neu, da muss jetzt erstmal ein Fachbetrieb ran.â
Das ist ein Satz, der klingt wie ein kleiner Verwaltungsakt, sich aber fĂŒr mein Bankkonto anfĂŒhlt wie eine mittelgroĂe Naturkatastrophe.
Der Schornsteinfeger ist inzwischen warmgelaufen.
âDer ganze AtommĂŒll Deutschlandsâ, erklĂ€rt er mir Unwissendem, âpasst ja unter das Brandenburger Tor.â
Ich weiĂ spontan nicht, ob das stimmen könnte. Wahrscheinlich ja, volumetrisch irgendwie vielleicht. Man kann mit genĂŒgend mathematischer Bosheit fast alles unter das Brandenburger Tor rechnen. Auch mittelgroĂe Elefantenpopulationen oder den Inhalt deutscher Kellerregale.
Aber die Aussage hat diesen typischen Stammtisch-Turbo: ein konkretes Bild, das sofort Wahrheit simuliert.
Noch bevor ich gedanklich beim Brandenburger Tor angekommen bin und einen nicht zu konfrontativen Satz ĂŒber die Probleme im AtommĂŒlllager Asse formulieren kann, stehen wir bereits in Schleswig-Holstein.
âHabeck hat mit Northvolt 600 Millionen verbrannt. 600 Mio! Die könnten wir wirklich anders gebrauchen. Aber Habeck hat die verbrannt!â
Dann RotorblĂ€tter. ZersĂ€gt auf Feldern. Bauern dĂŒrfen deshalb nichts mehr anbauen. Die Chinesen bauen jetzt Fusionsreaktoren. WĂ€rmepumpen vernichten Existenzen. Solaranlagen seien praktisch SondermĂŒll mit Sonnenbrand. Sein Bekannter habe eine WĂ€rmepumpe und habe im letzten Jahr eine Stromrechnung von 12 000 Euro gehabt!
Es ist, als wĂŒrde jemand gleichzeitig sĂ€mtliche Kommentarspalten des deutschsprachigen Facebooks laut vorlesen.
Und ich stehe dazwischen mit meiner sehr akademischen Gegenwart, in der Dinge meistens komplizierter sind als âalles Unfugâ.
Ich versuche es vorsichtig mit: âNaja, ich wĂŒrde das politisch wohl anders bewerten; und in Schleswig-Holstein war ja nicht nur Habeck, sondern auch die CDU-Regierung an der Förderung der Northvolt-Ansiedlung beteiligt âŠâ
Ein Satz wie ein diplomatischer Wattebausch.
Dann sage ich noch etwas ĂŒber fossile AbhĂ€ngigkeiten und instabile politische Regimes. Also eigentlich einen geopolitisch ziemlich harmlosen Satz. Etwas, worauf sich vermutlich sogar AuĂenpolitiker, Bundeswehrstrategen und ein groĂer Teil der Industrie einigen könnten.
Aber ich formuliere ihn in jener vorsichtigen Tonlage, mit der Menschen Bomben entschÀrfen oder wilden Tieren Nahrung hinlegen.
Denn wĂ€hrend eine Ansicht im Internet ja frei dargestellt werden kann, steht man im echten Leben plötzlich im eigenen Keller und denkt: Bitte stellen Sie keinen MĂ€ngelschein aus. Bitte sagen Sie nicht âdurchgefallenâ.
Es ist ein interessantes GefĂŒhl, gleichzeitig zu wissen, dass der Mensch mir gegenĂŒber gerade Sachen sagt, die ich fachlich auf gar keinen Fall stehen lassen möchte - aber trotzdem sozial von diesem Mann abhĂ€ngig zu sein, der gerade erklĂ€rt, einer der fĂŒnf COâ-Professoren sei verschwunden.
Vielleicht ist das ĂŒberhaupt das Wesen moderner Technikgesellschaften: Man lebt in hochkomplexen Systemen voller Wissenschaft, Infrastruktur und globaler Lieferketten - und am Ende entscheidet die emotionale StabilitĂ€t eines einzelnen Menschen mit Leiter, MessgerĂ€t und der asymmetrischen Macht ĂŒber das Kehrbuch darĂŒber, ob man entspannt ins Wochenende geht.
Als der Schornsteinfeger spĂ€ter wieder verschwindet, bleibt dieser leichte Nachhall zurĂŒck, den absurde GesprĂ€che manchmal erzeugen. Wie nach einem Traum, in dem jemand sehr ĂŒberzeugend Unsinn erzĂ€hlt.
Ich werde mir jetzt einen neuen Schornsteinfeger suchen mĂŒssen, diesen hier möchte ich auf gar keinen Fall noch einmal in meinem Haus haben, und ich möchte auch nicht, dass er noch einmal Geld von mir bekommt*. Obwohl es ja bequem sein könnte: Er liebt ganz offenbar Gasheizungen. Wird also vielleicht mit MĂ€ngelscheinen etwas nachsichtiger sein. Und in unserem Haus ist aus baulichen GrĂŒnden der Einbau einer WĂ€rmepumpe leider sehr kompliziert.Â
Das heiĂt, ich wĂŒrde natĂŒrlich schon gerne eine WĂ€rmepumpe einbauen lassen, lieber vorgestern als morgen! Aber Abstandsregeln und eingeschrĂ€nkte AltbaudĂ€mmung und Rohrquerschnitte und Kosten und ausgebuchte Handwerksbetriebe und ach, also, mit anderen Worten: Ich bin froh, wenn die alte Gasheizung noch vielleicht wenige Jahre lĂ€uft und ich noch etwas Zeit habe, bevor es ernst wird mit der Umstellung auf eine WĂ€rmepumpe.
Im Keller riecht es noch ein wenig nach Heizung, Metall und dieser eigentĂŒmlichen Mischung aus RealitĂ€t und Parallelwirklichkeit, die seit einigen Jahren offenbar vermehrt durch viele deutsche RĂ€ume zieht.
Offenlegung: Dieser Text wurde mit Hilfe von ChatGPT sprachlich etwas ĂŒberarbeitet.
Nachtrag / Korrektur*: Ich dachte, ich könne mir seit der Liberalisierung des Schornsteinfegerwesens von 2013 selbst einen neuen Schornsteinfeger suchen. Das ist aber leider nur ungefĂ€hr zur HĂ€lfte richtig, und an der entscheidenden Stelle ist es sogar falsch:Â
Zwar kann ich bestimmte Arbeiten von einem anderen Schornsteinfeger erledigen lassen. Auf den regelmĂ€Ăigen Besuch dieses speziellen bevollmĂ€chtigten Bezirksschornsteinfegers, die âFeuerstĂ€ttenschauâ, bin ich dennoch angewiesen. Er fĂŒhrt das Kehrbuch und nimmt staatlich ĂŒbertragene Aufgaben wahr.
Dass mein Schornsteinfeger an eine Geschichte mit fĂŒnf COâ-Professoren glaubt, von denen drei âwiderrufenâ hĂ€tten und einer âverschwundenâ sei, wĂ€re an sich vielleicht nur eine kuriose Begegnung des Alltags. Wirklich interessant wird diese dadurch, dass genau dieser Mann staatlich mit der Hoheit ĂŒber mein Kehrbuch ausgestattet ist.
Mit anderen Worten: Der Markt ist frei. Die Macht bleibt konzentriert.
(Molinarius)
















