Der Schornsteinfeger und die fĂźnf COâ-Professoren: HeizungsprĂźfung im Paralleluniversum
Der neue Schornsteinfeger kommt mit der Aura eines Mannes, der schon hunderte Heizungen gesehen hat und zweihundertfßnfzig Thermostatventile verachtet. Er trägt diese Mischung aus Arbeitskleidung, Werkzeuggeräuschen und fachlicher Endgßltigkeit mit sich herum, die Menschen besitzen, die jederzeit einen Mängelschein mit Folgen ausstellen kÜnnen. Es gibt in Deutschland vermutlich nur wenige Personen, denen man als Hausbesitzer gleichzeitig so hÜflich und so ausgeliefert begegnet wie dem Schornsteinfeger.
Er steht also im Keller, betrachtet unsere etwas in die Jahre gekommene Heizungsanlage mit dem professionellem Interesse, mit dem Ărzte RĂśntgenbilder oder Archäologen feuchte Wände ansehen, und beginnt plĂśtzlich, während irgendwo ein Messgerät piepst, Ăźber COâ zu sprechen.
Nicht mehr nur technisch. Nicht im Sinne von Abgaswerten. Sondern weltanschaulich.
âDie ganze Geschichte mit dem COââ, sagt er, als wĂźrde er nun einen seltenen Spezialfehler erklären, âdas haben sich ja nur fĂźnf Professoren in Deutschland ausgedacht.â
Allein diese Zahl steht plĂśtzlich im Raum wie ein vergessenes MĂśbelstĂźck. FĂźnf. Nicht vier. Nicht siebenundzwanzigtausend Wissenschaftler weltweit. Nicht der wissenschaftliche Grundstein der heutigen Klimaforschung durch Fourier in den 1820er Jahren. Sondern: FĂźnf Professoren. Es klingt wie ein geheimer Rat aus einem Fantasyroman. Die FĂźnf vom COâ. Vermutlich treffen sie sich nachts in einem schlecht beleuchteten Seminarraum und beschlieĂen, die Menschheit mit Wärmepumpen zu verwirren.
âVon denenâ, fährt er fort, âsind heute ja drei gar nicht mehr der Meinung. Die haben das alles widerrufen. Die reisen jetzt rum und halten Vorträge, dass das alles gar nicht stimmt mit diesem COâ- und Klimawandel-Wahnsinn.â
Ich zÜgere und versuche herauszufinden, ob ich gerade ein Gespräch fßhre oder in eine Telegram-Gruppe hineingestolpert bin.
âEiner hält noch dran festâ, sagt er. âUnd einer ist verschwunden.â
Nicht emeritiert. Nicht verstorben. Nicht in Rente. Verschwunden. Als hätte ihn das COâ selbst geholt.
Ich stehe daneben und sage nichts. Nicht, weil ich keine Einwände hätte. Sondern weil der Mann in diesem Moment ein Messgerät in der Hand hält und beruflich befugt ist, mein Heizsystem in eine bßrokratische Midlife-Crisis zu schicken.
Man diskutiert erstaunlich ungern energiepolitische Grundsatzfragen mit jemandem, der theoretisch die Macht besitzt, einen Satz zu sagen wie:
âDas muss alles neu, da muss jetzt erstmal ein Fachbetrieb ran.â
Das ist ein Satz, der klingt wie ein kleiner Verwaltungsakt, sich aber fĂźr mein Bankkonto anfĂźhlt wie eine mittelgroĂe Naturkatastrophe.
Der Schornsteinfeger ist inzwischen warmgelaufen.
âDer ganze AtommĂźll Deutschlandsâ, erklärt er mir Unwissendem, âpasst ja unter das Brandenburger Tor.â
Ich weiĂ spontan nicht, ob das stimmen kĂśnnte. Wahrscheinlich ja, volumetrisch irgendwie vielleicht. Man kann mit genĂźgend mathematischer Bosheit fast alles unter das Brandenburger Tor rechnen. Auch mittelgroĂe Elefantenpopulationen oder den Inhalt deutscher Kellerregale.
Aber die Aussage hat diesen typischen Stammtisch-Turbo: ein konkretes Bild, das sofort Wahrheit simuliert.
Noch bevor ich gedanklich beim Brandenburger Tor angekommen bin und einen nicht zu konfrontativen Satz Ăźber die Probleme im AtommĂźlllager Asse formulieren kann, stehen wir bereits in Schleswig-Holstein.
âHabeck hat mit Northvolt 600 Millionen verbrannt. 600 Mio! Die kĂśnnten wir wirklich anders gebrauchen. Aber Habeck hat die verbrannt!â
Dann Rotorblätter. Zersägt auf Feldern. Bauern dßrfen deshalb nichts mehr anbauen. Die Chinesen bauen jetzt Fusionsreaktoren. Wärmepumpen vernichten Existenzen. Solaranlagen seien praktisch Sondermßll mit Sonnenbrand. Sein Bekannter habe eine Wärmepumpe und habe im letzten Jahr eine Stromrechnung von 12 000 Euro gehabt!
Es ist, als wßrde jemand gleichzeitig sämtliche Kommentarspalten des deutschsprachigen Facebooks laut vorlesen.
Und ich stehe dazwischen mit meiner sehr akademischen Gegenwart, in der Dinge meistens komplizierter sind als âalles Unfugâ.
Ich versuche es vorsichtig mit:
âNaja, ich wĂźrde das politisch wohl anders bewerten; und in Schleswig-Holstein war ja nicht nur Habeck, sondern auch die CDU-Regierung an der FĂśrderung der Northvolt-Ansiedlung beteiligt âŚâ
Ein Satz wie ein diplomatischer Wattebausch.
Dann sage ich noch etwas Ăźber fossile Abhängigkeiten und instabile politische Regimes. Also eigentlich einen geopolitisch ziemlich harmlosen Satz. Etwas, worauf sich vermutlich sogar AuĂenpolitiker, Bundeswehrstrategen und ein groĂer Teil der Industrie einigen kĂśnnten.
Aber ich formuliere ihn in jener vorsichtigen Tonlage, mit der Menschen Bomben entschärfen oder wilden Tieren Nahrung hinlegen.
Denn während eine Ansicht im Internet ja frei dargestellt werden kann, steht man im echten Leben plÜtzlich im eigenen Keller und denkt:
Bitte stellen Sie keinen Mängelschein aus. Bitte sagen Sie nicht âdurchgefallenâ.
Es ist ein interessantes GefĂźhl, gleichzeitig zu wissen, dass der Mensch mir gegenĂźber gerade Sachen sagt, die ich fachlich auf gar keinen Fall stehen lassen mĂśchte - aber trotzdem sozial von diesem Mann abhängig zu sein, der gerade erklärt, einer der fĂźnf COâ-Professoren sei verschwunden.
Vielleicht ist das ßberhaupt das Wesen moderner Technikgesellschaften: Man lebt in hochkomplexen Systemen voller Wissenschaft, Infrastruktur und globaler Lieferketten - und am Ende entscheidet die emotionale Stabilität eines einzelnen Menschen mit Leiter, Messgerät und der asymmetrischen Macht ßber das Kehrbuch darßber, ob man entspannt ins Wochenende geht.
Als der Schornsteinfeger später wieder verschwindet, bleibt dieser leichte Nachhall zurßck, den absurde Gespräche manchmal erzeugen. Wie nach einem Traum, in dem jemand sehr ßberzeugend Unsinn erzählt.
Ich werde mir jetzt einen neuen Schornsteinfeger suchen mĂźssen, diesen hier mĂśchte ich auf gar keinen Fall noch einmal in meinem Haus haben, und ich mĂśchte auch nicht, dass er noch einmal Geld von mir bekommt*. Obwohl es ja bequem sein kĂśnnte: Er liebt ganz offenbar Gasheizungen. Wird also vielleicht mit Mängelscheinen etwas nachsichtiger sein. Und in unserem Haus ist aus baulichen GrĂźnden der Einbau einer Wärmepumpe leider sehr kompliziert.Â
Das heiĂt, ich wĂźrde natĂźrlich schon gerne eine Wärmepumpe einbauen lassen, lieber vorgestern als morgen! Aber Abstandsregeln und eingeschränkte Altbaudämmung und Rohrquerschnitte und Kosten und ausgebuchte Handwerksbetriebe und ach, also, mit anderen Worten: Ich bin froh, wenn die alte Gasheizung noch vielleicht wenige Jahre läuft und ich noch etwas Zeit habe, bevor es ernst wird mit der Umstellung auf eine Wärmepumpe.
Im Keller riecht es noch ein wenig nach Heizung, Metall und dieser eigentßmlichen Mischung aus Realität und Parallelwirklichkeit, die seit einigen Jahren offenbar vermehrt durch viele deutsche Räume zieht.
Offenlegung: Dieser Text wurde mit Hilfe von ChatGPT sprachlich etwas Ăźberarbeitet.
Nachtrag / Korrektur*:
Ich dachte, ich kĂśnne mir seit der Liberalisierung des Schornsteinfegerwesens von 2013 selbst einen neuen Schornsteinfeger suchen. Das ist aber leider nur ungefähr zur Hälfte richtig, und an der entscheidenden Stelle ist es sogar falsch:Â
Zwar kann ich bestimmte Arbeiten von einem anderen Schornsteinfeger erledigen lassen. Auf den regelmäĂigen Besuch dieses speziellen bevollmächtigten Bezirksschornsteinfegers, die âFeuerstättenschauâ, bin ich dennoch angewiesen. Er fĂźhrt das Kehrbuch und nimmt staatlich Ăźbertragene Aufgaben wahr.
Dass mein Schornsteinfeger an eine Geschichte mit fĂźnf COâ-Professoren glaubt, von denen drei âwiderrufenâ hätten und einer âverschwundenâ sei, wäre an sich vielleicht nur eine kuriose Begegnung des Alltags. Wirklich interessant wird diese dadurch, dass genau dieser Mann staatlich mit der Hoheit Ăźber mein Kehrbuch ausgestattet ist.
Mit anderen Worten: Der Markt ist frei. Die Macht bleibt konzentriert.