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@tilmansteffen
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Wenn es eines Beweises bedurft hätte für die These meines Kommentars, dann war es die Abschlussrede von Sahra Wagenknecht zum Parteitag der Linken in Hannover.
Journalismus eben. Via @checkpoint.
Hetzjagd
Kampfvokabeln sind immer schwierig, weil sie eine seriöse Diskussion unmöglich machen. „Aufmarsch“ (von Pegida, von Neonazis) ist so eine, oder „Hetzjagd“. Wer über Ausländerfeinde schreibt, sollte sich gut überlegen, ob er sie verwendet. Denn als Schreiber oder Medium macht man sich ohne Not angreifbar. Wie sich polarisierende Wortwahl auswirken kann, zeigte sich bei einer Meldung über einen Abend im November in Bautzen. Im Text ist davon die Rede, dass Rechtsextreme auf Flüchtlinge „losgegangen" waren. 40 bis 50 davon hatten zwei Flüchtlinge "vor sich her gejagt“. Also bildlich: Die Rechtsextremen stellten den Flüchtlingen nach, um sie zu vertreiben, möglicherweise (höchstwahrscheinlich) ihnen Angst einzujagen oder sie festzuhalten, einzukesseln, zu schlagen etc. Sicher ist, dass Steine flogen und einer der Flüchtlinge vom Fahrrad gerissen wurde.
Die Polizei lieĂź auf Nachfrage wissen, es sei im Stadtzentrum von Bautzen alles normal, Polizeipräsenz, aber keine Ausschreitungen, keine Personalienfeststellungen, keine Ingewahrsamnahmen etc.. Die Einschätzung, dass die Lage „keine Besonderheiten“ aufweise, rĂĽhrte offenbar daher, dass die Informationen ĂĽber die Auseinandersetzungen am Abend das Lagezentrum noch nicht erreicht hatten. Â
Die Überschrift des Berichtes lautete zunächst: „Wieder Eskalation in Bautzen“ (im September hatte es bereits Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen und rechten Jugendlichen gegeben, nach wechselseitigen Provokationen). Später konkretisierte sich die Headline: “Rechtsextreme machen wieder Hetzjagd auf Flüchtlinge“. Hetzjagd. Das lasen die Morgen-Redakteure vieler anderer Medien und auch die Polizei.
Als das Lagezentrum schließlich im Bilde war, ließ die Polizei wissen, Gruppen von Asylbewerbern seien durch Gruppen teils polizeibekannter Männer bedroht worden. Und: "Eine Hetzjagd, wie Medien bereits berichteten, hat nach bisherigen polizeilichen Erkenntnissen nicht stattgefunden“, ergänzte die Pressestelle, was sie zuvor schon gewittert hatte, um den zahlreichen Nachfragen zu entsprechen. Auch der Bautzner Bürgermeister schreibt das später so. Die Hetzjagd-Vokabel, eine Vorlage für die Verharmloser.
Zahlreiche Medien griffen die Polizeimitteilung auf, "die Polizei dementiert“ hieß es in Online-Meldungen und Radionachrichten unter Bezug auf die „Hetzjagd“-Meldung. Beim Leser bleibt dann hängen: Da hat wohl jemand beim Schreiben überzogen. Die Medien, sie übertreiben wieder – im Ringen um Aufmerksamkeit wird zugespitzt, wo immer es geht. Wohl alles nicht so schlimm.
Dabei war es schlimm. Nur nahm das in diesem Moment keiner mehr so wahr. Denn in Bautzen wurden die Flüchtlinge durch eine oder mehrere Straßen getrieben, also gehetzt, die Rechten jagten sie, wohl um ihrer habhaft zu werden. Alles illegal, menschenfeindlich, anstandslos. Ohne Frage. Das ganze unter der Kampfvokabel „Hetzjagd“ zusammenzufassen, macht es den Verantwortliche und sogar auch den Menschenfeinden aber leichter, das Geschehen als harmlos abzutun. Mehr Sachlichkeit bitte. Es nützt der Sache.
“Gauland beleidigt Boateng”
– eine Headline, die die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung durch ihren Text gedeckt sah. Gauland nicht – und ich, der ich mit Gauland selten einer Meinung bin, auch nicht. Einer der hauptsächlich beteiligten FAS-Redakteure verteidigte die Headline öffentlich, unter anderem im Deutschlandfunk. Doch in der Diskussion über den Fall gingen zwei Dinge durcheinander: Der Umgang der Zeitungsredakteure mit Gaulands Äußerungen in dem geführten Gespräch und die daraus interpretierte Seite-1-Headline, dass Gauland Boateng beleidigt habe.
Zentral ist ein Satz aus dem Teil des Gesprächs mit Gauland, das laut FAS kein Hintergrund- sondern ein Gespräch war, aus dem also zitiert werden durfte. Der Satz, aus dem die Zeitung kurz vor dem Andruck die Headline generierte, lautete:
„Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“
Einen Boateng.
Das ist erstens keine Beleidigung. Denn eine Beleidigung erfordert eine Ansprache in direkter Linie. “Klaus ist ein Arschloch” oder “Klaus, du bist ein Arschloch” erfüllt den Sachverhalt der Beleidigung unzweifelhaft. “Alle sagen, Klaus sei ein Arschloch” dagegen nicht. Die FAS verkannte den unschwer erkennbaren Unterschied.
Und zweitens liegt die FAS auch falsch darin, dass sie das beleidigt sein dĂĽrfen Boateng zubilligt. Denn Gauland hätte, wenn es denn zuträfe und man die FAS-Kriterien an eine Beleidigung anlegt, mindestens ebenso die Deutschen beleidigt. Denn er unterstellte ihnen, einen wie Boateng (also einen Deutschen ausländischer Herkunft) nicht als Nachbar haben zu wollen. Das stellte sich in Umfragen als Unsinn heraus.Â
In meinem Blendle-Account ist der FAS-Titel im Faksimile übrigens nicht mehr zu sehen. Nur oben sichtbarer Screenshot war mir möglich, ohne den sonst sichtbaren grafischen Hintergrund. Der Artikel selbst ist noch abrufbar. Gauland hatte angekündigt, ein Unterlassungbegehren zu prüfen. Möglicherwelse läuft da schon was im Hintergrund.

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Das #AfD-Team im Moment der Krise beim Scheitern des Gesprächs mit dem Zentralrat der Muslime und Aiman Mazyek in Berlin. Mit Frauke Petry, Armin Paul Hampel und Albrecht Glaser im Regents Hotel Berlin.
Jubel in Bautzen?
In Bautzen zünden Täter ein Hotel an, in dem in wenigen Wochen 300 Asylbewerber einziehen sollen — die Brandstifter sind auf den Maximalschaden aus. Im westsächsischen Clausnitz pöbeln etwa 100 Ausländerfeinde und behindern die Ankunft eines Busses, der Flüchtlinge zur Unterkunft bringen soll. die Polizei ist überfordert. Beamte zerren drei Insassen mit Gewalt ins Haus, die anderen gehen dann freiwillig.
Während in Bautzen die Feuerwehr löscht, zeigen Schaulustige “unverhohlene Freude” über das Lodern der Flammen - so steht es im Polizeibericht. Der Polizeisprecher erläutert auf Nachfrage, diese abfälligen Bemerkungen seien von herausgekommenen Anwohnern des Kollwitz-Platzes gekommen, der dicht bewohnt ist. Und von Pkw-Besatzungen, aus denen teils betrunkene Ausländerfeinde (die Polizei maß 1,2 Promille) sich abfällig äußerten. Doch Applaus oder gar Jubel?
Das Verhalten der Pöbler und der Schaulustigen, auch der Polizisten in Clausnitz ist ein Skandal. Doch um das überzeugend konstatieren zu können, müssen sich Journalisten auch mühen, der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen.
Da kommt es nicht gut, wenn in Überschriften, Teasern und Berichten über die Vorfälle von "Jubel" in Bautzen angesichts des brennenden Hauses die Rede ist, wenn ein “Mob” “applaudiert”. Das sind die Vokabeln und Kampfbegriffe, mit denen sich leicht eine Debatte zünden lässt. Die aber selten hilfreich sind, wenn es um Korrektheit bei Tatsachen geht.
Bisher hat keiner der im Einsatz befindlichen Polizisten vom Kollwitz-Platz auch auf Nachfrage aus der Brandnacht irgendwelchen Jubel oder Applaus geschildert - also Bekundungen, die über eine gewisse Entfernung hin wahrzunehmen wären und die seitens der Akteure dazu gedacht sind, von weiter weg befindlichen Menschen wahrgenommen zu werden. Auch sonst hat sich kein derartiger Augen- oder Ohrenzeuge gefunden.
Worin besteht die Notwendigkeit, aus den Redaktionen heraus in Wahrheit solcher Weise zuzuspitzen? Mit Kampfbegriffen (Mob, Pöbel oder in diesem Fall auch Jubel/Applaus) die Überschriften oder Teaser anzudicken? Die Vorfälle sind doch auch so skandalös genug. Sie bedürfen keiner Zuspitzung.
Um diesem Einwand gleich vorzubeugende: Das Argument, die Begriffe Applaus oder Jubel seien sinnbildlich verwendet, zieht nicht. Dazu sind die Begriffe viel zu konkret inhaltlich belegt.
Und noch etwas war zu beobachten an diesem Wochenende: Nach Bautzen zogen viele Parallelen zu den Ereignissen von Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen aus den 90er Jahren. Auch das ist an der Realität vorbei. Denn in HY und HRO wurden bewohnte Gebäude in schrecklicher Weise von Ausländerfeinden belagert, die Bewohner tagelang in Angst und Schrecken versetzt. Das lässt sich in gewissem Maß auf Clausnitz übertragen. Dort war die Polizei gegen die Pöbler machtlos, wie damals. Dennoch relativieren solche leichtfertig gezogenen Vergleiche das gewaltige Leid der Betroffenen von Hoyerswerda und Rostock. Und das sollten wir nicht relativieren. Auch das gehört zu einem gesunden Urteilsvermögen.
Unsere Aufgabe ist Informieren, Berichten, auch Anprangern und Bewerten. Aber bitte entlang der Wahrheit und differenziert, ohne pauschal zu werden.
Wenn "Herr Sommer" im Auftrag von "Herrn Richter" dreimal klingelt
Spam-Mails ist man ja gewohnt, und bei Telefonumfragen von Forsa hat der eine oder andere aus der Familie ja auch schon mitgemacht. Und Telefon-Spam, also Anrufe von Maschinen, gibt es mittlerweile auch.
Heute aber habe ich etwas neues erlebt: Ein Mensch sonderte Telefon-Spam bei uns ab. Ein (eigentlich beklagenswerter) “Herr Sommer” rief von einer 0152-Nummer an und sagte, er sei vom “Stimmungsbarometer” und wolle zwei Minuten Fragen stellen zu Politik, Haushalt und so. Auf meine Frage, wer denn sein Auftraggeber sei, sagte er, das “Stimmungsbarometer”. Aha. Wo denn das Unternehmen sitze? In Cottbus. Dann schloss er eine erste Frage an, wohl, um dem weiteren Verhör zu entgehen. Parallel googelte ich. Es gab kein solches Unternehmen, zumindest nicht mit Webpräsenz. Ich sagte ihm das. “Sie können nicht mit dem Internet umgehen”, beschied er mir, ohne zu zögern, schon leicht genervt. Ihn durch Erwähnen meines Berufs vom Gegenteil zu überzeugen, erschien mir jetzt unangebracht. Wo er meine Nummer denn eigentlich her habe? “Aus Das Örtliche.” OK, zumindest das war nicht gelogen, wir stehen da tatsächlich drin. Wer denn sein Chef sei, versuche ich es weiter. Ein Herr Richter in Cottbus, höre ich. Sommer…, Richter… — in Sachen Glaubwürdigkeit hatte sich mein Gesprächspartner sichtlich alle Mühe gegeben. Ob sein Chef eine Telefonnummer habe, damit ich verifizieren könne, von wem ich hier angerufen werde? Ja sicher, kommt es noch aus dem Hörer, bevor dem Herrn Sommer der Kragen platzt: “Sie können mich mal am Arsch lecken.” Irgendwie hat er Recht, ich glaube, er wird nach Anzahl der erfassten Antworten bezahlt. Und an mir war kein Geld zu verdienen.
P.S. Wenn jemand einen sinnvollen Job hat für Herrn Sommer – ich gebe seine Handynummer gern weiter.
3. Oktober, Einheitstag – Zeit, mal klarzustellen: Persönliche Freiheit endet bei der Ansteckung des Anderen.
Das Missverständnis, dass es in der DDR keine Meinungsfreiheit gab, hält sich eisern. Vielleicht war den SED-gelenkten Ossis vieles egal, in der Planwirtschaft war ja alles geplant – aber Meinungen hatten sie meistens zwei, wie viele sogar selbstkritisch zugeben: Eine für den sozialistischen Betrieb und eine für zuhause. Richtige Janusköpfe.
Eigentlich ist das natürlich Unsinn. Dabei hat an dieser Stelle der Westen endlich mal vom Osten gelernt. Ein Blick in die Twitter-Accounts vieler fest angestellter Wortführer beweist das: “Twittert privat”, sichert man sich ab. “Äußert hier seine private Meinung.” Ach so? Wie lautet denn die andere, ihr Hasenfüße? Und würdet ihr privat meinen, dass euer Chef ein Depp ist, wenn es so wäre? Nein, denn wenn ihr das twittert, würdet ihr gefeuert. Und ihr könntet dem Chef nicht mal mit der Meinungsfreiheit kommen, weil er euch aus Illojalität kündigt. So heißt das nämlich heute.
Genauso wie die Budgets in den Unternehmen heute das sind, was in den Betrieben des Arbeiterstaats die Planziele waren.
So nützt die eigene Meinung im gesamtdeutschen Rechtsstaat ebensoviel wie das Recht oder die Reisefreiheit: Man muss sie sich leisten können: Eine gute Freundin hat mit ihrer Familie kürzlich ihr neu saniertes Haus bezogen – eine bescheidene Altbauvilla, aber jetzt mit nassem Keller, weil der Architekt lieber einträglichere Baustellen betreute, als den Arbeitern dort ab und zu auf die Finger zu schauen. Die Schuldfrage ist klar, doch der Architekt ist gut versichert und meine Freundin zahlt den Schaden deshalb lieber selbst: Denn wer schon mal gegen eine Versicherung prozessiert hat, weiß: Das zieht sich Jahre hin und am Ende deckt der Erlös höchstens die Anwaltskosten.
Wer nicht schleimt, fliegt
Der Advokat macht es im Übrigen ja nicht unter ja 250 Euro pro Stunde plus Mehrwertssteuer - das zehnfache eines Akademiker-Stundenlohns. Sozialneid? Ach was. Dabei lässt sich das eigentlich alles gar nicht miteinander vergleichen.
So ärgern wir uns im Stillen, dass wir den falschen Beruf haben, wir halten lieber die Klappe, zahlen selbst und verbiegen uns — wie die Verkäuferinnen in meinem Backshop, Schreibwarengeschäft und Supermarkt, die sich von ihren Chefs zu Freundlichkeit zwingen lassen. Denn wer an Kasse oder Bäckertheke den Kunden nicht verlässlich ein “Schön’Tagnoch” hinterherschleimt, fliegt.
Mit schlechter Laune und Miesmacherei Geld zu verdienen, ist ja schlieĂźlich ein Privileg der Meinungsjournalisten. Wir sollten das positiv sehen.
Der Irrtum mit dem angeblich guten Zusammenhalt im Osten ist ja nun auch aufgeklärt. Wir haben dazugelernt, schon lange. Geglaubt hat der Westen uns das erst, als eine Bertelsmann-Studie im Mauerfall-Jubiläumsjahr den Ossis drastisch geschwundenes Solidaritätsverständnis attestierte. Doch wir waren ja schon auf uns selbst gestellt, als die D-Mark kam, und als die Belegschaft von Sachsenring Zwickau (für Unkundige: die den Trabant herstellten) das erste Arbeitslosengeld vom Konto abhob.
StraĂźenzĂĽge wie in Homs
Gleiche Chancen für alle, man muss sie nur nutzen — das hatten wir durchaus kapiert: Die Ex-Stasi-Leute nannten ihr beiseitegeschafftes Geld Startkapital und gründeten Immobilienfirmen. Meinem Schwiegervater blieben nur die Aktionärsversammlungen seines Gemüseanbaubetriebs, den ein Wessi in eine AG umgewandelt hatte. Zwischen den Terminen auf dem Arbeitsamt besuchte er die Sitzungen, um seinen Gesellschafteranteilen wenigstens mental nahe sein, bevor sie sich in Nichts auflösten. Hätte die Bertelsmann-Stiftung dort mal nachgefragt, sie wäre unter den Gesellschaftern auf einen ungeahnt großen Zusammenhalt gestoßen.
Und erst das Eigentum, das ja angeblich so verpflichtet. Das Prinzip Rückgabe vor Entschädigung, das Alteigentümer quasi legitimierte, ihre Häuser systematisch verfallen zu lassen. In meiner ostsächsischen Heimatstadt gleichen manche Straßenzüge bis heute den Kriegsruinen von Homs, weil die Bauverwaltung der Besitzer nicht habhaft werden konnte.
Überhaupt muss beim Aushandeln des Einigungsvertrags viel Lobby am Tisch gesessen haben – jene, so lernten wir, geheime dritte Kraft, die im Hinterzimmer nachbessert, wenn Regierung und Parlament Gesetze machen. Vor allem die Papierlobby, denn die Amtsbriefe wurden immer dicker und zahlreicher – die Krankenkasse schickte manchmal drei Briefe am selben Tag. Ist der weit verbreitete Hinweis in den Briefkuverts nicht zynisch, dass das Zusammenfassen der Sendungen teurer ist als das zusätzliche Porto? Und die monatliche Lohnabrechnung, die 1989 im Osten auf einen Streifen Papier passte, umfasst heute fünf A4-Seiten, selbstverständlich einseitig bedruckt.
Zwangsimmunisierte Ossis
Das neudeutsche Paragrafennetz reichte nach dem Einheitstag sogar bis an unsere Mundschleimhaut heran: Plötzlich durften die Stadtwerke unser Trinkwasser nicht mehr mit dem Zähne schützenden Fluor versetzen – solcherart übergriffige Gesundheitsprävention galt ja fortan als Verletzung der Selbstbestimmung und Menschenwürde. Dabei gilt doch: In einer freien Gesellschaft soll jeder so frei sein, seine Zähne auch verfaulen zu lassen.
Als jüngst in Teilen Gesamtdeutschlands die Masern ausbrachen, da erinnerten wir zwangsimmunisierten Ossis uns daran, dass es vielleicht schlau gewesen wäre, hätte der Staat so etwas wie eine Impfung der Kinder nicht allein dem freien Willen der Eltern überlassen. Denn die Freiheit endet doch – frei nach Rosa Luxemburg – immer bei der Ansteckung des Anderen, oder?
Ungarn
Historische Vergleiche sind immer problematisch. Aber die Perspektive dieses Fotos erinnert – das Gleis im Zusammenhang mit dem Begriff "Lager" – an eine grauenvolle Epoche der deutschen Geschichte. Tatsächlich bestiegen auch heute Flüchtlinge in Budapest gutgläubig und zuversichtlich einen Zug (ZEIT ONLINE-Bericht) – und landeten in einem Auffanglager.
Was zudem verstört, ist, dass sich das angstvolle Leid im Keleti-Bahnhof vor den Jubelplakaten ereignet, die an das "Paneuropäische Picknick" erinnern, bei dem sich 1989 nahe Sopron Flüchtlinge aus dem DDR-Regime nach Österreich retten konnten. Und in ungarischer Sprache heißt es auf der Lokomotive eines der Züge (der österreichischen Raaberbahn): "1989 – Europa ohne Grenzen". Dabei baut Ungarn gerade einen Sperrzaun zu Serbien.
Von Viktor Orbán will ich gar nicht erst anfangen. Es ist auch so schon Grund genug zum Verzweifeln.

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Panik in Pankow
Die Benutzer der Berliner U-Bahn mögen Udo Lindenberg nicht. Und Menschen, die mit ihm zusammenarbeiteten, beschreiben ihn als Show-Junkie, den Durchgeknallten, der beim Bühnenaufbau immer zuerst die Bar vom Laster laden ließ. Ersteres bestätigt die BVG-Kundenbetreuung via Twitter, das zweite – nun ja, gehört nun mal zu einem solchen Menschen. Über den Rocker, den Typen, den Gaukler ist so vieles geschrieben – kläglich scheitert da die Suche nach neuen, unverbrauchten Worten.
„Zug nach Pankow, einsteigen bitte“: Mehrere Tage lang erklang bei der Bahnsteigsansage in der Berliner U-Bahn-Linie 2 Udos Stimme. Leider verstanden den Gag zu wenige – Lindenbergs DDR-Honni-Sonderzug-nach-Pankow-Coup ist einfach zu lange her, als dass Touristen und die einheimischen Mittelschichts-Pendler im Angestelltenverhältnis die Anspielung mitkriegen.
Was an den Bahnsteigen der Hauptstadtmitte nicht funktioniert, kommt im Nordosten schon besser an. Im stuckgoldenen Braun des Rathauses Pankow warten hundert Medienleute (Umhängetaschen, Kameras), Dutzende Rathausmitarbeiterinnen (Hosen in Karottenschnitt, auffällige Farbe im gefönten Haar) und mehrere Fans (Lederweste,  schwarze T-Sirts, Schweiß). Versprochen ist ein Eintrag Udos ins Goldene Buch des Stadtbezirkes Pankow und damit einige Minuten Kurzweil, auf jeden Fall etwa Nähe zu jenem Mann, der vor Jahrzehnten tolllkühn mit seinem Sonderzug der DDR-Regimeführung in die Parade fuhr. Die meisten hier haben Mädchen aus Ostberlin und Wozu sind Kriege da zuerst im Westberliner Radiosender Rias gehört. Die meisten hier kennen Lindenbergs Katz- und Maus-Spiel mit den Aufpassern im Ostberliner Palast der Republik nur aus dem Westfernsehen – oder aus den jüngst veröffentlichten Stasi-Akten.
Ein Saxophonquartett jazzt den Sonderzug nach Pankow, der ja eigentlich Chattanooga choo choo heißt und von Glenn Miller ist. Dann schleicht der Stargast aufs Podium, bedächtigen Blickes, nimmt die Brille ab und zieht an einer Zigarre - die Smartphones filmen, Kameras klicken. Zuerst lobt der Bezirksbürgermeister den Udo als „Botschafter von Pankow“, dann lobt der Udo den Bürgermeister zurück („ein guter Mann“). Von der Seite lächelt die Josi ein Bühnenlächeln - Josephin Busch, das blonde Mädchen aus Ostberlin, vor reichlich 20 Jahren geboren in Pankow, das sich heute auf den Plakaten zu Lindenbergs Musical Hinterm Horizont im FDJ-Hemd in die unbestimmte Ferne träumt.
Doch die Mauer ist ja jetzt offen und das Business muss laufen. Dafür hat der Udo neben der Josi noch ein paar Musiker mitgebracht, “den Wolfi und so”. Dann klampft die Gitarre und das Saxophon stöhnt zu Josis Musical-Sopran: “…gegen die Strömung, gegen den Wind”. Der Udo gibt tänzelnd den Blick hinter seine Brille frei, bis er im Refrain einstimmt. Ein Duo Infernale, singen sie. Panik-Festspiele in Pankow, sagt der Udo. Doch es klingt ein bisschen wie Schlagerparade.
Nach dem Applaus macht Udo Schluss und verabschiedet sich mit ein paar DDR-Anspielungen als “VEB Sänger”, ganz “der Zukunft zugewandt” - er weiß, was Pankow hören will. “Wir geh’n jetzt proben”, lautet seine Exit-Strategie. Selbst die Musiker schauen ungläubig. Dann posiert Udo für Selfies, signiert die Platten und CDs vorausschauender Fans, zum Schluss noch Handyhüllen, das Rednerpult und zuallerletzt die Noten vom Saxophonquartett. Panic forever.
http://www.zeit.de/feature/stasi-akten-akteneinsicht-biografien
Ein halbes Jahr Recherche, vier Menschen, ein Geheimdienst — unter Dutzenden Zeitzeugen stelle ich vier Menschen vor, deren Blick in ihre Stasi-Akte ihr Leben verändert hat. Ich habe eine IM aufgetrieben und frühere Freunde wieder einander näher gebracht. Inclusive einer großartigen Leserdiskussion, an der sich auch die Protagonisten beteiligt haben.
Tweet und Phantom-Debatte
Irgendwie kam einem das doch bekannt vor. Jüngst erregte die Schülerin Naina K. Aufsehen, als sie twitterte, sie lerne in der Schule nichts fürs Leben. Gedichtinterpretationen in vier Sprachen, kein Problem. Was aber beim Abschluss einer Versicherung zu beachten sei, bringe man den Schülern nicht bei, lautete sinngemäß die Klage der Gymnasiastin.
Nach 25 Jahren antwortete Gysi doch
Der blauweiße Trabant Kombi schnürt die Gebirgsstraße nach Oybin bergauf. Kurz vor dem Ortsschild wird der Novemberschneematsch zu Novemberschnee. Am Gasthof sind Parkplätze frei. Der Abend dämmert, als ich am Nebenhaus klingle, in der Hand zwei Schreibmaschinenseiten Text.
Das war 1989. Ich schrieb an Gregor Gysi, um mich über den Entwurf für ein DDR-Reisegesetz zu beschweren. 25 Jahre und einen Mauerfall später hat er geantwortet. Die ganze Geschichte gibt's hier >>>
25 Jahre Mauerfall: Mein GlĂĽck passt in keinen Ballon
Als die Mauer fiel, wurde ich gerade erwachsen. Plötzlich stand meiner Generation die Welt in doppelter Hinsicht offen – den damals Anfangzwanzigjährigen hat der Mauerfall ungeahnte Möglichkeiten eröffnet.
In meinem Leben ist das Ereignis allgegenwärtig. Und genau deshalb habe ich am 9. November 2014 geschrieben: Eine Erinnerungsshow brauche ich nicht. Nachzulesen hier >>>

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Als die ZĂĽge mit den FlĂĽchtlingen aus Prag durch Dresden rollten, entlud sich die Wut vieler auf den Staat in Gewalt. Ich habe mit einem der Steinewerfer von damals gesprochen.
Erst wollte Thomas nicht darüber reden. Er habe Mist gebaut damals, sagt er. Eine halbe Stunde später ruft er zurück. Er habe noch mal nachgedacht. Die Taten seien ja sicher verjährt. Er würde mir schon erzählen, was er damals vor dem Hauptbahnhof in Dresden gemacht hat. Die Punks, die Steine, die Polizisten... Ich habe ihm zugehört. Und es dann aufgeschrieben.
Einmal Botschaft und zurück – full Story
Prag, the Day after. Ein Sonntag. Meine Mutter hat über Umwege herausgefunden, dass ich mit einem Freund nach Prag unterwegs bin. Prag, so war das in diesen Wochen, Prag heißt Flucht. Und Flucht hieße, die Söhne über Jahre nicht mehr sehen zu können. Auch die Eltern meines Freundes haben Telefon, die Mütter sprechen miteinander. Angst ergreift unsere Eltern.
In Prag ist die Stimmung vor dem Botschaftsportal nach der von Genscher vermittelten Ausreise der ersten 5000 Flüchtlinge angespannt. Neue kommen an und warten auf Einlass, doch im Gebäude räumt das Rote Kreuz erst mal auf. Die Wartenden haben mit ihrem DDR-Leben abgeschlossen. Die Brücke zurück ist gesprengt, doch die Tür zur Zukunft noch verschlossen – für jeden hier muss das eine Extremsituation sein. Kästen mit leer getrunkenen Colaflaschen stehen auf dem Vorplatz verstreut. Müll liegt herum.
Welche Verzweiflung, welche Chancen- und Perspektivlosigkeit muss diese Menschen drücken, dass sie ihr Leben auf ein Stück Handgepäck reduzieren und hier anstehen. Rückblickend war ich von Verständnis weit entfernt. Dazu erzogen, die herrschenden Umstände zu ändern, hofften wir auf eine Wende, auf ein Gesetz für freies Reisen. Ich hatte einen Brief an Gregor Gysi geschrieben und brennende Kerzen vor die Tür der SED-Zentrale meiner Stadt geklebt, anstatt den Rucksack zu packen.
Die Wartenden Flüchtlinge haben uns für Stasi gehalten – einmal Prager Botschaft und zurück? Das konnte sich hier keiner vorstellen. Aus einem zurückgelassenen DDR-Motorrad haben wir meine Maschine nachbetankt und sind wieder zurückgefahren. Unsere Mütter haben wir damit glücklich gemacht. Die ganze Geschichte gibt's auf ZEIT ONLINE hier