Und ein weiterer Abend bei Festival Theaterformen klingt zauberhaft aus; heute mit: SOPHIA KENNEDY

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Und ein weiterer Abend bei Festival Theaterformen klingt zauberhaft aus; heute mit: SOPHIA KENNEDY

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Was geht mich das an? (zur Diskussion âWas geht das Braunschweig an?â am 9.6.2018) | Ein SelbstgesprĂ€ch
â see English version below â
Feststellung: Unsere Gegenwart ist geprĂ€gt von kolonialen KontinuitĂ€ten, also den Nachwirkungen der kolonialen Ideologie, des kolonialen Systems und der kolonialen Praxis, die sich historisch entwickelt haben, zusammenwirken â und zwar bis in die Gegenwart hinein.
Und was geht das Braunschweig an? Was geht mich das an? Â Â Â
Der Kolonialismus, so zeigt Joshua Kwesi Aikins an vielen Beispielen, beeinflusst noch immer unseren unmittelbaren Alltag. Er nennt es die »Echos des Kolonialismus«. Ein schöne, eine zu schöne Formulierung fĂŒr das, was dahintersteht. Oftmals versuchen wir, diese verblassenden und verzerrten Echos zu ignorieren. Doch ihr Nachhall ist real. Und wir mĂŒssen ĂŒber ihn sprechen.
Ich werde nie wieder unbedarft in den Edeka um die Ecke gehen. »Edeka« (E. d. K.), das heiĂt Einkaufsgenossenschaft der KolonialwarenhĂ€ndler. Ich werde noch mehr als eh schon auf die Massen- und Ăberproduktion von Nahrungsmitteln aufmerksam machen. Denn das damit verbundene Wegwerfen (tĂ€glich tonnenweise Brot beispielsweise) zieht marktwirtschaftlich noch viel weitere Kreise: Als in GroĂbritannien die BSE-Krise ausbrach, gab es plötzlich eine Dosen-Cornbief-Schwemme in Ghana. Es war jenes Fleisch, das infolge gesundheitlicher Bedenken in GroĂbritannien und Europa vom Markt genommen wurde. Es sind nur zwei von unzĂ€hligen Beispielen, die belegen: Der Kolonialismus ist nach wie vor Teil von Deutschland, Braunschweig und unser aller Leben.
Feststellung: Rassismus ist eine strukturelle Diskriminierungspraktik, bei der ein beliebiges Merkmal, wie beispielsweise Rasse, Genetik, Religion, etc., benutzt wird, um Menschen zu vergruppen. Subjektive IdentitÀten werden ignoriert, um eine kollektive Minderheit zu erzeugen.
Und was geht das Braunschweig an? Was geht mich das an? Â Â Â
Ich habe Möglichkeiten die ZustĂ€nde zu Ă€ndern. Ich bin kein passives Wesen. Ich kann Widerspruch einlegen und eingefahrene Haltungen, Meinungen und Positionen dekonstruieren, indem ich in Diskussion und auf Konfrontation gehe. Beispielsweise ist die Einteilung der Menschen in Rassen ĂŒberholt. EuropĂ€er, Afrikaner, Asiaten, Latinos â alles eigene Rassen? Veraltet! Neueste GenomentschlĂŒsselungen zeigen, dass es keine menschlichen Rassen auĂer der Rasse Mensch gibt. Zwei Menschen zweier vermeintlich unterschiedlichen »Rassen« können genetisch mehr gemeinsam haben als zwei Menschen derselben »Rasse«. Ich kann an meiner eigenen Position zur deutschen Geschichte arbeiten: Erinnern ja, denn vergessen ist keine Option.
Die ĂŒbliche Erinnerungspraxis aber zementiert Sichtweisen, vermeintliche Fakten und allgemein Geschichte. Umso mehr ist es daher notwendig, aus einer sinnvollen, reflektierten Perspektive heraus neu zu erinnern, die Erinnerungspraxis selbst zu Ă€ndern und damit neue Betrachtungsweisen zu eröffnen. Der Blick auf Geschichte und Gegenwart, der sich daraus ergibt, wird ein gĂ€nzlich neuer sein. Ich habe die Möglichkeit meine Sprache zu Ă€ndern: »Versklavte« statt »Sklaverei«, »Menschenhandel« statt »Sklavenhandel« zu sagen und damit Begriffe zu verwenden, die zeigen, dass es aktive VorgĂ€nge waren, die von Menschen (EuropĂ€ern) durchgefĂŒhrt wurden; die zeigen, dass es Menschen, Personen, Individuen wie du und ich waren, die wie Objekte behandelt, bewertet und verkauft wurden, ĂŒber die verfĂŒgt wurde als hĂ€tten sie kein Recht auf Selbstbestimmung.
Noch eine sprachliche Falle, die ich vermeiden kann: Ich spreche kĂŒnftig von »Neokolonialismus« statt von Postkolonialismus. Das lateinische PrĂ€fix »post« in Postkolonialismus verleitet zu der falschen Annahme, der Kolonialismus sei ĂŒberwunden. »Neokolonialismus« hingegen zeigt sprachlich viel mehr die Echos, Nachwirkungen und Transformationen kolonialer Ideologien und Praktiken, die bis ins Hier und Jetzt reichen. Denn die Spuren des Kolonialismus im Jetzt sind der Neue Kolonialismus.
Feststellung: Unsere Erinnerungskultur erhĂ€lt und konserviert, worauf unsere Vorfahren stolz waren; wir erinnern, worauf wir stolz sind. Doch die Erinnerungskultur ist regelmĂ€Ăig einer Revision zu unterziehen. Sie steht nicht auĂerhalb der Geschichte und wahrt sie aus einer neutralen Position, sondern sie macht Geschichte. Warum haben wir nach wie vor DenkmĂ€ler, materialisierte Erinnerung, fĂŒr die Nazi-Zeit, den 30-jĂ€hrigen Krieg, die Kolonialzeit?
Und was geht das Braunschweig an? Was geht mich das an?
Die Erinnerungspraktiken und Aufarbeitungsversuche, mit denen wir die NS-Zeit zu bewĂ€ltigen gedenken, haben die Kolonialschuld Deutschlands in Geschichtsunterricht und kollektivem GedĂ€chtnis verdrĂ€ngt. Man muss die Augen schon sehr bewusst öffnen, um die Spuren, die noch auf die Deutschen in Afrika hinweisen, in unserem alltĂ€glichen Umfeld zu finden und (aus-)lesen zu können. Doch sie sind noch da, diese Spuren, die auch im 21. Jahrhundert noch â beispielsweise in StraĂennamen â sogenannte âErobererâ, âEntdeckerâ, also Kolonialherren ehren. Derartige StraĂennamen, beispielsweise, umzubenennen, wĂŒrde nicht bedeuten Erinnerung oder gar Geschichte dem Vergessen preiszugeben. Es wĂŒrde vielmehr die Huldigung tilgen und die Geschehnisse wĂŒrden dort konserviert, wo sie adĂ€quat diskutiert und reflektiert werden: in GeschichtsbĂŒchern. Aber wer könnte das veranlassen? Ich? Du? Wir BĂŒrgerinnen und BĂŒrger, von unten? Oder muss es eine Entscheidung von oben, aus der Politik sein? Macht es einen Unterschied, ob dieser neue Weg von WeiĂen oder von Schwarzen, TĂ€tern oder Opfern geebnet wird?
Feststellung: Hochkultur und Leitkultur sind ĂŒber die Jahrhunderte unreflektiert mitgeschleppte Begriffe. Zwar wurden sie aus theoretischer Perspektive in Frage gestellt,Â ĂŒbersehen wurde dabei allerdings eine ganz andere Dimension: Auf welchen materiellen Grundlagen ruht eigentlich die sogenannte europĂ€ische Hochkultur?
Und was geht das Braunschweig an? Was geht mich das an?
Das Geld, das auf den Erhalt einer weiĂen (und wie ich denke, fragwĂŒrdigen, ĂŒberholten) Hochkultur verwendet wurde und wird, wurde zu Lasten Schwarzer Menschen erwirtschaftet. Heutzutage wĂŒrde man sagen: Dieses Geld ist nicht sauber. Johann Wolfgang von Goethe beispielsweise bezahlte seine berĂŒhmte, wie auch kostspielige Italienreise â eine separate Kutsche nur fĂŒr den Koch lieĂ er sich nicht nehmen â nicht aus eigener Tasche. Sein Ruf als einflussreicher, berĂŒhmter und geehrter Schriftsteller bescherte ihm ein groĂzĂŒgiges Sponsoring des Bankhauses Bethmann (Frankfurt/Main). Woher kam deren Geld? Das Bankhaus war erfolgreich im Menschenhandel tĂ€tig. Und das, was dank Goethe daraus hervorging, halten wir bis heute hoch â als weiĂe, deutsche Leitkultur.
Bis heute finden sich Ă€hnliche FĂ€lle, bei denen Unternehmen durch ihr rĂŒcksichtloses Agieren â gerade im Finanzsektor â ihr Geld mit Blut erwirtschaften. Sie privatisieren Gewinne und sozialisieren Verluste. Sind vor diesem Hintergrund Stiftungen und MĂ€zenatentum groĂer Konzerne nichts anderes als heuchlerische Versuche, das eigene Gewissen im Namen kultureller und humanistischer Werte reinzuwaschen? Zu lange her? Zu viele Ecken? Schuld lĂ€sst sich nicht abwaschen, nur weil sie durch mehrere HĂ€nde gegangen ist.
Feststellung: Kulturelle Herkunft und biologische wie auch sozial-historische Abstammung werden benutzt, um Gemeinschaft zu generieren: einen gemeinsamen Staat, eine kollektive IdentitÀt und damit verbunden die StÀrke einer Gruppe.
Und was geht das Braunschweig an? Was geht mich das an?
Wenn ich so darĂŒber nachdenke, stelle ich fest: Ja, IdentitĂ€t ist GegenĂŒberstellung â wir, die Gruppe, die Einheimischen, die VerbĂŒndeten vs. ihr, die Anderen, die Fremden. Dabei fĂ€llt mir dieser durchaus abgegriffene und doch wahre Spruch ein: »Fremd ist der Fremde nur in der Fremde«. Dann beginnen Schlagwörter in meinem Kopf aufzuploppen: Kolonialherren, Versklavte, Abgrenzung, Ausgrenzung, IdentitĂ€t, IndividualitĂ€t ⊠ich gerate ins Stocken. Warum wird IndividualitĂ€t als Abgrenzung benutzt? Warum steht IdentitĂ€t im Zusammenhang mit Ausgrenzung? Warum funktionieren Puzzle-Spiele, wo sich einzelne, individuelle Teile klar voneinander abgrenzen und dabei doch in einer Gruppe sich perfekt ergĂ€nzen und gemeinsam etwas GröĂeres sind? Wie könnte man dieses Prinzip erfolgreich auf Menschen und Menschengruppen ĂŒbertragen?
âWhat does this have to do with Braunschweig?â (discussion on 9th June) | A conversation with myself
Statement: Our present is marked by colonial continuities, so the after-effects of colonial ideologies, the colonial system and colonial practices, which developed historically, working together â lasting until the present day.
And what does that have to do with Braunschweig? What does that have to do with me?â
Colonialism, as Joshua Kwesi Aikins demonstrates with many examples, still influences our immediate, everyday life. He calls it the âechoes of colonialismâ. A lovely, much too lovely phrase for what it stands for. We often try to ignore these fading and distorted echoes. Yet their reverberation is real. And we have to talk about it.
I will never again be able to obliviously go shopping in the Edeka around the corner. âEdekaâ (E.D.K.) stands for Einkaufsgenossenschaft der KolonialwarenhĂ€ndler in German, or Colonial Goods Merchants Shopping Cooperative. I will draw attention to the mass and surplus production of food more than ever. Because the amount of waste associated with that (tonnes of bread every day for example) is economically linked to much wider circles: when the BSE crisis broke out in the UK, there was suddenly a glut of tinned corned beef in Ghana. It was the same meat that had been taken off the market in the UK and Europe because of health concerns. These are just two of countless examples that prove: colonialism is still a part of Germany, Braunschweig and all of our lives.
Statement: Racism is a structural practice of discrimination, in which a random trait, such as race, genetics, religion, etc. is used to categorise people into groups. Subjective identities are ignored to create collective minorities.
And what does that have to do with Braunschweig? What does that have to do with me?
I have the opportunity to change conditions. I am not a passive being. I can object to things and deconstruct fixed attitudes, opinions and positions, by entering into discussions and confrontations. For example, the division of people into races is out of date. Europeans, Africans, Asians, Latinos â all their own races? Out of date! The latest genome decoding tests show that there are no human races apart from the human race. Two people from two apparently different âracesâ can have more in common than two people of the same âraceâ. I can work on my own position regarding German history: remembering yes, because forgetting is not an option.
The standard practice of remembering cements views, alleged facts and general history. Thatâs why itâs even more necessary to re-remember from a logical, critically reflective perspective, to change the practice of remembering itself and thereby open up new ways of looking at things. The view of history and the present that is produced from that will be a completely new one. I have the possibility to change my language: to say âthe enslavedâ instead of âslaveryâ, âhuman tradeâ instead of âslave tradeâ, thereby using terms that show these were active processes that were carried out by people (Europeans); which show that it was humans, people, individuals like you and me who were treated like objects, calculated and sold, who were ruled as if they had no right to self-determination. One more linguistic trap I can avoid: from now on I will talk about âneo-colonialismâ not âpostcolonialismâ. The Latin prefix âpostâ in postcolonialism gives the false impression that colonialism is over. In contrast, âneo-colonialismâ far better linguistically reveals the echoes, after-effects and transformations of colonial ideologies and practices that still influence us in the here and now. Because the traces of colonialism today are the new colonialism.
Statement: Our remembrance culture maintains and conserves that which our forefathers were proud of. But remembrance culture must be regularly revised. It doesnât exist outside of history and doesnât preserve history from a neutral position, rather it makes history. Why do we still have memorials, materialised memory, for the Nazi time, the Thirty Years War, the colonial period?
And what does that have to do with Braunschweig? What does that have to do with me?â
Practices of remembrance and attempts to work through the past, with which we think we deal with the Nazi period, have resulted in Germanyâs colonial guilt being supressed in history class and in our collective memory. You really have to very consciously open your eyes to be able to find and read the traces that point to the Germans in Africa in our everyday environment. But theyâre still there, these traces, which still honour the so-called âconquerorsâ and âexplorersâ, in other words colonial masters, in the twenty-first century â for example in street names. Renaming street names like that, for example, would not mean allowing memory or even history to be forgotten. Much rather, it would take away this homage and the events could be conserved in places where they can be adequately discussed and critically reflected upon: in history books. But who could initiate this? Me? You? We simple citizens, at a grassroots level? Or would it have to be a decision from the top, from politics? Does it make a difference whether the new way is paved by white people or black people, by the perpetrators or the victims?
Statement: High culture and dominant culture are terms weâve dragged along without thinking about them for centuries. Although they have been questioned from a theoretical perspective, a whole other dimension was overlooked: what material foundation does so-called European dominant culture actually rest upon?
And what does that have to do with Braunschweig? What does that have to do with me?
The money that went into and goes into to maintaining a white (and in my opinion questionable, out of date) high culture was obtained at the expense of black people. Today we would say: this is dirty money. Johann Wolfgang von Goethe for example, did not pay for his famous and rather expensive Italian journey â he would not compromise on a separate coach just for the cook â out of his own pocket. His reputation as an influential, famous and respected writer won him generous sponsorship from the Bethmann Bank (Frankfurt am Main). Where did the money come from? The bank was doing very well in the slave trade. And what came out of that, thanks to Goethe, we still revere today â as white, German dominant culture.
You can still find similar cases today, in which companies make their money from blood through their ruthless actions â especially in the financial sector. They privatise profits and socialise losses. Against this background, arenât the big corporationsâ foundations and patronage nothing but the hypocritical attempt to wash clean their own consciences in the name of cultural and humanist values? Too long ago? To complicated? Guilt cannot be washed off just because it has gone through many hands.
Statement: Cultural background as well as biological and social-historical ancestry are used to create communities: a shared state, a collective identity and consequently the strength of a group.
And what does that have to do with Braunschweig? What does that have to do with me?
When I think about it, I realise: yes, identity is generated from opposition â we, the group, the locals, the allied, versus you, the others the foreigners. And then this pretty worn-out yet true saying springs to mind: âA foreigner is only foreign in a foreign placeâ. Then buzzwords start to pop into my head: colonial masters, the enslaved, boundaries, exclusion, identity, individuality⊠I falter. Why is individuality used to create boundaries? Why is identity connected to exclusion? Why do puzzles work, where single individual pieces are clearly defined from each other and yet all work together perfectly in a group and in sum are something larger? How could we transfer this principle successfully to people and groups of people?
Text: Jacqueline Moschkau
Translation: Anna Galt (Bochert Translations)
Heute Abend! live on stage! bei Festival Theaterformen! We proudly presentânicht am Akkordeon, aber am FlĂŒgelâfĂŒr Sie und nur heute: BABY DEE! 21.30 Uhr, Festivalzentrum
Tonight! live on stage! at festival Theaterformen! We proudly presentânot with the accordion but playing the pianoâfor you and only tonight: BABY DEE! 9.30 p.m., festival center/courtyard -- Fotos: Charlotte Behr
Martine Dennewald (Jahrgang 1980) ist seit 2015 kĂŒnstlerische Leiterin von Festival Theaterformen. Sie ist als gebĂŒrtige Luxemburgerin dreisprachig aufgewachsen und spricht neben Luxemburgisch, Deutsch, Französisch auch Englisch, Spanisch, Schwedisch und Japanisch. Sie hat Dramaturgie in Leipzig, Germanistik und Anglistik in Luxemburg und Kunstmanagement in London studiert. Wir treffen uns in der HollĂ€ndischen Kakaostube in der Innenstadt von Hannover. Martine trinkt Kakao, denn hier wird er mit echter Sahne gemacht.
1)  Deine Lieblingsfarbe? Rot. Theaterformen rot. Sie lacht, sie weiĂ, dass es hier um mehr geht als um Selbstvermarktung. Sie will die Leidenschaft zeigen, zeigen, wie sehr sie hinter einem, dem eigenen Projekt stehen kann und muss.
2)  Dein Lieblingstier? Eichhörnchen.
3)Â Â Wer trifft Deine Entscheidungen: Herz oder Kopf, GefĂŒhl oder Verstand? Kopf.
4)Â Â Dein Teeny-Schwarm? Andreas Pietschmann (Link), Schauspieler in Bochum damals unter Leander HauĂmann (Link). Sie kichert, heller als ihr Lachen zuvor, verzĂŒckt von der Erinnerung.
5)  Dein MĂ€nnergeschmack: George Clooney oder Brad Pitt? George Clooney. Das ist jetzt ĂŒberraschend, Frau Dennewald. Pietschmann ist ja doch eher vom Kaliber Pitt. Aber GeschmĂ€cker Ă€ndern sich ja bekanntlich.
6)  Wann sieht Dein Terminkalender das nĂ€chste Treffen mit Deinem Mann vor? Sie lacht. Wird sie verlegen? Nein, Contenance, ProfessionalitĂ€t, gefasst und ganz business-woman-like durchgeplant fĂ€hrt sie fort: Donnerstagabend, wennâs geht.
7)Â Â Mit Deiner Familie? Beim Festival.
8)  Lassen sich Kinder mit Deinem Beruf vereinbaren? Schwerlich, aber es gibt Kolleginnen, die es schaffen. Projekte können ja auch wie Kinder sein, zumindest brauchen sie genauso viel oder gar mehr Aufmerksamkeit und Engagement. Jetzt ist erst mal die VertragsverlĂ€ngerung mit Festival Theaterformen im GesprĂ€ch. Zwei Jahre sind Martine noch sicher. Danach ⊠wer weiĂ.
9)Â Â Wer putzt: Du oder Dein Mann? Ich. Das kam schnell, resignierend, aber mit einem liebevollen LĂ€cheln.
10)  Martine kocht: Was gibt's? Meistens Pasta. Und da war es wieder, dieses fröhliche Lachen mit dem leicht rauen Timbre.
11)Â Â Ăber was kannst Du lachen? Situationskomik.
12) Â Ăber was nicht? Rassistische Witze.
13)Â Â Dein wichtigstes Vorbild? Die GrĂŒnderinnen vom LIFT: Rose Fenton und Lucy Neal. Bei LIFT, dem London International Festival of Theatre, hat Martine ein Praktikum gemacht, als sie in London studierte.
14) Â Dein letzter Jetlag war wann? Vor zwei Monaten.
15) Â Was ist Heimat? Gibt es nicht.
16)  Frankfurt, Hannover, Braunschweig â wo fĂŒhlst Du Dich zuhause? Martines Augen werden gröĂer. Ist die Frage ein Schock? âSeit wann muss ich mich da entscheiden?â scheint sie zu denken. Ein langes, schweigendes Nachdenken gefolgt von einem langen Mhmmm. In Deutschland. Wieder so ein fast hĂ€misches Lachen, das sagt: âJetzt hab ich Dich aber ausgetrickst mit meiner Antwort, oder?â
17)  Riesenfrage: Was ist Kunst? Kunst ist etwas, das seine Regeln selber aufsetzen, sie dekonstruieren und neu zusammensetzen kann. Na, das haben wir doch irgendwo schon mal gehört?! Ach ja, hier: Martine im GesprÀch mit H.E. Rybol, 2016 (Link). Scheint also ein Lebenscredo zu sein.
18)  Braucht Theater Politik? abgeklÀrt und bestimmt: Unbedingt.
19) Â Braucht Politik Theater? Auch.
20) Â Was ist gutes Theater? Ăberlegen. Murmeln. Die Bitte um Bedenkzeit. Die Antwort scheint nicht ganz so einfach wie gerade eben. Man kann es nicht sagen. Gutes Theater ist je nach Kontext sehr unterschiedlich.
21) Â William Shakespeare oder Heiner MĂŒller? Shakespeare. Die Antwort wird wieder gerahmt von ihrem dunklen Lachen.
22)  Aus welchem Land kommen die besten TheaterstĂŒcke? Wieder eine schwierige Frage. Martine sucht nach âetwas Sinnvollemâ als Antwort. Sie schindet Zeit fĂŒrs Nachdenken. Sie kennt so viele LĂ€nder und TheaterstĂŒcke. Vor ihrer und fĂŒr ihre Karriere bei Festival Theaterformen hat sie unzĂ€hlige gesehen. Ihr Weg fĂŒhrte sie von LIFT, dem London International Festival of Theatre, fĂŒr ein halbes Jahr zum Zeitgenössischen Dramenfestival nach Budapest. Dann arbeitete sie in ZĂŒrich am Schauspielhaus, spĂ€ter fĂŒnf Jahre bei den Salzburger Festspielen und anschlieĂend zwei Jahre im KĂŒnstlerhaus Mousonturm in Frankfurt. Die Suche nach Neuem fĂŒr die BĂŒhnen in Hannover und Braunschweig ist derzeit ihr Job. Mehr zu ihrem Lebenslauf im GesprĂ€ch mit Barbara Petsch, 2011 (Link). Die besten TheaterstĂŒcke kommen aus den LĂ€ndern, wo Theater eine gesellschaftliche Relevanz hat.
23)  Was muss sich im deutschen Theater Ă€ndern? Ein skeptischer, fast verzweifelter Blick. Welches Fass machen wir jetzt auf, fragen ihre Augen. Sprechen wir ĂŒber das Stadttheater- oder das Staatstheatersystem oder sprechen wir ĂŒber Theater allgemein? Allgemein ist ein bisschen schwer. Gleicher Lohn fĂŒr MĂ€nner und Frauen, mehr ReprĂ€sentanz unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen bis in die Leitungspositionen. Vielleicht fangen wir mal damit an â das ist ja schon einiges.
24)Â Â NĂ€chste Riesenfrage: Was ist Feminismus? Feminismus ist, wenn man sich wehrt, wenn MĂ€nner und Frauen aufgrund ihres Geschlechts unterschiedlich behandelt werden.
25) Â Judith Butler oder Alice Schwarzer? Judith Butler. Das war zu einfach. Geht es hier um richtig oder falsch?
26) Â Frauenquote in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur â ja oder nein? Ja.
27)  Noch eine Amtszeit fĂŒr Merkel â ja oder nein? Nein. Diese Antwort kommt zu schnell. Als hĂ€tte sie drauf gewartet. Aber Martine spickt auch ab und zu auf den Zettel mit den Fragen. Afraid of what may come?
28) Â MĂŒssen islamische Frauen befreit werden? Nein.
29)  Highheels oder Sneakers? Sneakers. Sie lacht. Highheels trĂ€gt sie zu gesellschaftlichen AnlĂ€ssen: Beim Tanzen sehr wahrscheinlich. Und vor der Pressekonferenz zum diesjĂ€hrigen Festival hat sie noch schnell gewechselt. Beim Interview, an einem ganz normalen BĂŒrotag, trĂ€gt sie Sneakers.
Ihre groĂe Leidenschaft ist der Tango. Sie beschreibt ihn, den Tango, als eine Jahre andauernde Verliebtheit, als die Parallelwelt, die ihr eine Fluchtmöglichkeit, den Ausgleich zur Arbeit in Salzburg geboten hat. Sie strahlt und wirkt verzaubert, wenn sie ĂŒbers Tangotanzen spricht.
30)  Tango oder Theater? Sie ĂŒberlegt wieder. SpĂ€testens jetzt manifestiert sich in ihren feinen GesichtszĂŒgen die ZwickmĂŒhle, in der sie sich nun wĂ€hnt. Sie ĂŒberlegt lange, schaut nach rechts, nach links â als sĂ€he sie auf der einen Seite den Tango, ihre Leidenschaft, und auf der anderen Seite das Theater, ebenfalls ihre Leidenschaft. Schokolade. Wir hinterfragen diese Antwort besser nicht.
31)  Findest Du, persönliche Erfahrungen wie in Play Rape gehören auf die BĂŒhne? Ja. Locker und mit einer Intonation, die sagt: âSelbstverstĂ€ndlich.â
32) Â Wann hast Du das letzte Mal "Ich liebe Dich." gesagt? Gestern. Sie bleibt ernst.
33)  Thriller oder Komödie? Thriller.
34)  Dein VerhÀltnis zu Deinem Vater? Ihr Vater ist Unternehmer in der Baustoffindustrie, ihre Mutter Französischlehrerin im Ruhestand. Belastet. Sie lacht.
35)  Dein Lieblingsreiseziel? Japan, wenn ich das so grob sagen darf. Wo genau in Japan â da mĂŒsste ich lĂ€nger ĂŒberlegen.
36)  Spitzentanz im Ballett: Qual oder Kunst? Eine Form von Kunst. Als Kind hat sie selbst Ballett getanzt und klassische Musik gemacht. Es gehörte dazu. Ihre Eltern fanden es wichtig, dass jedes Kind ein Instrument lernt, die MĂ€dchen Ballett tanzten. Der Junge hat FuĂball gespielt.
37)  Dein VerhĂ€ltnis zu Deinen Geschwistern? Sehr, sehr gut. Was soll man sagen? Sehr gut einfach. Martine hat drei jĂŒngere Geschwister: zwei Schwestern und einen Bruder.
38)  Wem wĂŒrdest Du blind vertrauen? Meiner Schwester ⊠meinen Schwestern ⊠meinen Geschwistern, oh Gott, ich will hier keinen ⊠Ihr fehlen die Worte. Sie kommt ins Trudeln.
39) Â Was ist Dein teuerstes Eigentum? Ein FlĂŒgel.
40)  Die Rolle der Kunst innerhalb der AufklĂ€rung ĂŒber kulturelle Klischees? Enorm wichtig.
41)  Dein absoluter Sehnsuchtsort? Japan â wiedermal. Sie lĂ€chelt. An was genau sie wohl denkt?
42)  Ist Theater fĂŒr alle? Ja?! Sie denkt sich wahrscheinlich gerade: âWas soll diese Frage?â Aber wir sprechen hier immer noch ĂŒber eine Utopie. Das weiĂ auch Martine. In den letzten fĂŒnf Wochen vor dem Festival wird sie vornehmlich damit beschĂ€ftigt sein, jene BĂŒrgerinnen und BĂŒrger mit dem Festivalprogramm zu erreichen, fĂŒr die es nicht selbstverstĂ€ndlich ist, ins Theater zu gehen. Publikumsakquise. Marketing. Werbung. Zielgruppe erweitern.
43) Â Ist das Medium Film auf der TheaterbĂŒhne okay? Klar. Ein Achselzucken.
44) Â Dein Traumberuf? Festivalleiterin. Sie lacht den Hauch der Selbstvermarktung wieder weg und wirkt ehrlich, erfĂŒllt.
45)  Eine Grundsatzfrage: Lieber die kleinen, neuen, innovativen und unbekannten Theaterkollektive fördern oder die etablierten Publikumsmagneten zu Theaterformen einladen? Sie nickt schon, da ist die Frage noch nicht zu Ende ausgesprochen. Die Kleinen, die Kleinen!
46)  Was macht Dich glĂŒcklich? Tanzen, meistens. Ein sehnsĂŒchtiger Unterton und ein vertrĂ€umter Blick.
47)  Welche Sprache sprichst und hörst Du am liebsten? Schwedisch. Nicht Japanisch? Nein, das könne sie noch nicht gut genug selbst sprechen.
48)  Wie viele Mitglieder umfasst Dein Team beim Festival Theaterformen? Das Kernteam besteht aus fĂŒnf, ab Februar sind es jedes Jahr zwölf und ab Festivalbeginn mehrere Hundert inklusive KĂŒnstler_innen. Es scheint, als hĂ€tte sie alle Zahlen im Kopf, als könnte sie noch mehr aufzĂ€hlen, wenn man danach fragen wĂŒrde. Den Ăberblick zu behalten ist eine ihrer StĂ€rken, sonst wĂ€re sie wohl auch nicht so gut in ihrem Job.
49)  WofĂŒr hast Du zuletzt um Verzeihung gebeten? Oh. Pause Oh. Pause Ja. Es ist zwar eine Lappalie, aber es war zeitlich das letzte Mal: Ich hatte vergessen einer Gruppe Studierenden die Hausnummer der KĂŒnstler zu geben, wo sie sich einfinden sollten. Und dann riefen sie bei Wolfram an und beschwerten sich, aber Wolfram wusste gar nichts davon. Ich hĂ€tte ihnen die Hausnummer einfach gleich geben sollen. Und dann habe ich Wolfram um Verzeihung gebeten. Wolfram ist der Produktionsleiter bei Festival Theaterformen.
50) Â Kennst Du das GefĂŒhl verzweifelt zu sein â heulen oder machen? Das GefĂŒhl kenne ich durchaus. Aber dennoch: immer machen!
Und jetzt macht sie â wieder â ein Festival. Theaterformen17 beginnt heute. Eröffnung: 18.30 Uhr im Schauspielhaus, Hannover.
--
Interview: Jacqueline Moschkau
Die elektrischen Leitungen zirpen. Licht kĂ€mpft sich durchs Dunkel, wĂ€hrend die Musiker_innen vom Orchester im Treppenhaus kontemplativ die Schwingungen im Raum aufsaugen und in ihre Bögen ĂŒbertragen. Die Improvisation um Mitternacht flammt als letzte von sechs ĂŒber den Abend verteilten Nachtkerzen auf, flackert, leuchtet. Der Tag, die Halbzeit, das Bergfest von Festival THEATERFORMEN zieht noch einmal an den Zuhörer_innen vorbei. Ein Tag mit vielen verschiedenen Impressionen. Das barock anmutende Setting und die modern abstrakten KlĂ€nge bieten die Möglichkeit sich in die vertraute Sozialisation zurĂŒckzuziehen und das zuvor gehörte, intensive Klagelied von MARE NOSTRUM mit ein wenig Abstand und in gefĂŒhlter Sicherheit verarbeiten zu können. Geigen (Moritz Ter-Nedden und Henriette Otto), Viola (Ruth Kemna) und Cello (Thomas Posth) erzĂ€hlen vom Nachtwind, der die Stadt in den Schlaf kĂŒsst und von Fensteraugen, die sich mĂŒde schlieĂen; von der Dunkelheit, die die Ăngste vor TIGERN und anderem verschlingt und von einem neuen Tag, der neue Chancen bringt. Die Improvisation erlischt. Das Licht dimmt runter. Das Zirpen verhallt. Und: Aus.
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Text: Jacqueline Moschkau Fotografie: Charlotte Behr

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Sneak Preview
Mare Nostrum
des Teatro en CĂłdigo
Heute, 13.06.2017 EinfĂŒhrung um 18.30 Uhr Vorstellung um 19 Uhr im Schauspielhaus
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Fotografie: Charlotte Behr
(La Zimbabwéenne) NORA CHIPAUMIRE questionne la condition nÚgre
Dans un titre Ă succĂšs, âTrenchton Rockâ, le reggae brother number one Bob Marley disait un jour : « One thing about music is that when it hits you, you feel no pain. Hit me with music!». CâĂ©tait pour dire combien la musique lui paraissait importante dans la vie ordinaire. Un avis quâaurait pu partager son contemporain Fela, le pape de lâAfro Beat, pour qui la musique nâĂ©tait rien dâautre quâune arme. Hier soir Ă Hanovre, la chorĂ©graphe zimbabwĂ©enne Nora Chipaumire a prolongĂ© lâĂ©cho du NigĂ©rian dans une piĂšce, intitulĂ©e «Portrait Of Myself As My Father», riche en sensations sur une thĂ©matique des plus problĂ©matiques de lâheure actuelle. Câest quoi en effet «ĂȘtre noir aujourdâhui» ? Une question des plus complexes dans un monde globalisĂ© et globalisant, oĂč une identitĂ© unique semble Ă©carter toute vellĂ©itĂ© de variĂ©tĂ© ; oĂč la pensĂ©e et la vision uniques, plus quâhier, refoulent dans lâabĂźme les peuples de la pĂ©riphĂ©rie du monde oĂč il ne leur reste plus quâun souffle de vie, dâailleurs en sursis, et oĂč le rĂ©fĂ©rent imposĂ© est le centre. Cette question, le penseur camerounais Achille Mbembe, basĂ© en Afrique du Sud, que la chorĂ©graphe connaĂźt bien, y est allĂ© de son grain de sel il y a quelques annĂ©es avec son essai «Critique de la raison nĂšgre». OĂč il dĂ©fendait la thĂšse suivant laquelle le nĂšgre est une reprĂ©sentation actuelle de tous les opprimĂ©s de la terre. Nora, elle, continue de circonscrire celui-ci dans une approche de couleur. Ce Blackness Ă qui elle donne une reprĂ©sentation tonitruante mais assez claire : câest un homme noir en proie Ă des convulsions que lui impose un monde dans lequel il nâest quâun pion, une marionnette Ă la solde de grands manitous non identifiĂ©s, tapis dans lâombre et animĂ©s de ce sadisme malsain qui, en plus de dĂ©coiffer, chosifie lâhumain et corrompt lâhumanitude. Dans un ring, accrochĂ©s Ă des cordes qui enrĂ©gimentent les mouvements, deux protagonistes sont ainsi en quĂȘte de libertĂ© ; sous fond de musique tonitruante. Ce chaos, Nora lâa voulu pour en quelque sorte prĂ©senter une situation quâelle dĂ©nie et tente de boxer pour une meilleure affirmation de soi. Non que lâAfricain ne sache pas qui il est (elle dit volontiers que «lâAfricain a toujours su ce quâil Ă©tait, ce quâil valait») mais pour amener les sceptiques Ă rĂ©sipiscence, leur faire comprendre quâil nây a pas de situation stationnaire. Et donc que lâheure de la bataille pour une existence digne est arrivĂ©e. Pour ce faire, en plus des Ă©lĂ©ments de mise en scĂšne sus-Ă©voquĂ©s, elle recourt au physique du nĂšgre. Quâelle met en exergue jusquâĂ Ă©puisement, avec un aplomb dĂ©concertant. Des idĂ©es sâentrechoquent avec des propos sur les figures de la conscience noire. LâatmosphĂšre est pesante et sonne comme un coup de pied dans la fourmiliĂšre bienpensante. Le spectateur est choquĂ©, parfois transi de peur mais toujours imprĂ©gnĂ© de cette rĂ©alitĂ© dâune situation noire qui fait la part belle Ă lâexubĂ©rance et Ă la jouissance sauvages, renforçant ce clichĂ© malsain que traĂźne le nĂšgre comme une deuxiĂšme peau. Câest en cela que le propos esthĂ©tique de Nora est fort. Tant il choque et rassure, dĂ©construit pour mieux construire. Dâaucuns pourraient y voir du nihilisme. Il nâen est rien. Cette esthĂ©tique dĂ©bouche au contraire sur un optimisme, pas une ferveur. Sur cette invitation Ă prendre conscience, aujourdâhui plus quâhier, de ce que câest Ă soi que revient de rechercher le salut en faufilant ou en zigzaguant entre les limbes dâune confusion savamment entretenue sur une condition nĂšgre toujours avilie.
Portrait of Myself as my Father de Nora Chipaumire ; avec Nora Chaupaumire, Pape Ibrahima Ndiaye et Shamar Watt ; chorégraphie, 75 mn
â Text: Parfait Tabapsi
âNur weil der Kommunismus tot ist âŠâ â Ein Interview mit Gudrun Gut (GUT UND IRMLER)
âsee English version belowâ
Die 1957 in Celle geborene Musikerin, DJane und KĂŒnstlerin Gudrun Gut gilt als Institution der Berliner Musikszene und ist es leid, nur auf ihrer Zeit bei den EinstĂŒrzende Neubauten angesprochen zu werden. Seit den 80er Jahren erfindet sie sich kontinuierlich neu, sei es mit ihrem Label Monika Enterprise, das dieses Jahr sein 20-jĂ€hriges JubilĂ€um feiert oder mit ihrem Projekt Gut und Irmler, eine Kooperation mit dem Faust-Organisten Hans-Joachim Irmler. Ein GesprĂ€ch ĂŒber Frauen im Musikbusiness, politischer Kunst und die alte Liebe zu Hannover.
Marvin Dreiwes: Hand aufs Herz, hast du von Hannover schon vor der Expo 2000 gehört?
Gudrun Gut: Lacht. Auf der Expo hatte ich damals sogar aufgelegt. UrsprĂŒnglich komme ich aus Celle und hatte frĂŒher einen Freund in Hannover und war öfters hier. Und damals 1980 haben wir mit Mania D. als Vorgruppe von DAF gespielt. Aber das war der einzige Hannover-Gig fĂŒr mich. Also endlich mal wieder Hannover.
MD: Wenn nicht mit Gut und Irmler mit welchem Projekt wÀrst du sonst gern zu den theaterformen gekommen?
GG: Mit der Monika Werkstatt unserem neuesten Projekt. Dort arbeiten wir mir mit vier bis fĂŒnf KĂŒnstlerinnen aus dem Monika/Moabit-Umfeld zusammen. Wir spielen StĂŒcke von unserem Solo-Programm aber erarbeiten auch gemeinsam neue Ideen. Solo wĂŒrde ich natĂŒrlich auch gern in Hannover spielen, aber das hat sich noch nicht ergeben. Meine Gage ist wahrscheinlich zu hoch. Lacht.
MD: Was war das letzte TheaterstĂŒck, das du mit Begeisterung gesehen hast?
GG: Oh, was von RenĂ© Pollesch, das finde ich ganz gut. Obwohl ich nicht so oft ins Theater gehe. Eine Freundin von mir arbeitet bei der VolksbĂŒhne, die mich immer zu StĂŒcken einlĂ€dt. Nur leider habe ich zu selten Zeit dafĂŒr. Dabei finde ich es spannend, wie das Theater eine Kunstform ist, bei der mehrere KĂŒnstlerinnen so intensiv fĂŒr einen begrenzten Zeitraum zusammenarbeiten, wo Musik, Bild und Sprache aufeinandertreffen. Und wenn schlieĂlich die ganzen Parts stehen und die Dekoration aufgebaut wurde ist schon wieder alles vorbei. Theater hat da etwas unheimlich FlĂŒchtiges.
MD: Hast du jemals gefunden, wonach du als KĂŒnstlerin suchst?
GG: Immer mal wieder. Das sind dann StĂŒcke, die ich heute noch gut finde. Zum Beispiel Garten. Da finde ich den Text klasse und ich wusste schon als ich ihn geschrieben habe, dass er genau passt, dass ich den richtigen Twist gefunden habe.
MD: Welche Bedeutung hat fĂŒr dich der Wechsel zwischen Solo-Projekten und Kollaborationen?
GG: Das ist fĂŒr mich ganz wichtig. Ich will nicht sagen, dass Soloprojekte egomanisch sind, aber es ist schon sehr demanding an einen selbst. Bei Kollaborationen gibt es ein Feedback, da passiert mehr. Man wird immer wieder gekickt und bekommt Inspirationen. So war es auch mit Joachim Irmler. Bei meiner Arbeitsweise werkele ich eher lange an StĂŒcken und versuche sie wirklich fertig zu machen. Joachim dagegen ist da ganz der freie Improvisator.
MD: Der Titel eures nĂ€chsten Albums soll â10 Prozentâ oder â90 Prozentâ lauten. Damit spielt ihr auf den Umstand an, dass 10 Prozent der Weltbevölkerung 90 Prozent des Weltvermögens besitzen. Wie kam es zu dem Titel?
GG: Nur weil der Kommunismus tot ist, heiĂt das nicht, dass wir diese Ungleichheit hinnehmen mĂŒssen, da hab ich einen kurzen Text fĂŒr einen Track geschrieben. UrsprĂŒnglich sind auf dem Album viele StĂŒcke rein instrumentell. Aber da habe ich gedacht, âjetzt reichtâsâ.
MD: Dabei wĂŒrdest du dich selber nur ungern als politische KĂŒnstlerin bezeichnen.
GG: Ich finde, dass politische Kunst gerade im Kontext der Musik etwas besetzt ist. Das geht dann schnell in Richtung Singer-Songwriter, wo die Texte gleich weltverbesserisch werden und sagen: âDu musst jetzt auf die StraĂe gehenâ. NatĂŒrlich kann man mit guten Texten eine politische Message bringen, doch Musik hat so viel mehr zu bieten. Sie kann dem Publikum einen Anreiz geben, weiterzudenken oder einfach nur eine Energie geben. Sie hat eine emotionale StĂ€rke, wie kaum eine andere Kunst.
MD: Wie schĂ€tzt du gegenwĂ€rtig die Situation fĂŒr Frauen in der Musikindustrie ein?
GG: Im Augenblick liegt die Frauenquote in der Musikindustrie bei ungefÀhr zehn Prozent. Das ist ein Ungleichgewicht, was ich nicht akzeptieren kann.
MD: Gegen diesen Missstand hast du immer wieder angekĂ€mpft. Hast du das GefĂŒhl, dass deine BemĂŒhungen in dieser Richtung etwas bewirkt haben?
GG: Ich bin ja nicht die Einzige, die sich unwohl fĂŒhlt. Wenn sie jung sind, denken viele KĂŒnstlerinnen in der Musikszene noch, dass alles okay sei. Dann merken sie, dass eben gar nichts okay ist. Wenn du dir die Line-ups von Festivals anschaust, siehst du nur MĂ€nner. Inzwischen ist das etwas besser geworden, weil vielmehr pressure zu spĂŒren ist. Die Transmediale zum Beispiel hat letztes Jahr die 50-Prozent-Quote eingefĂŒhrt. Das hat einen groĂen Unterschied gemacht, es war plötzlich ein anderes Feeling â auch beim Publikum.
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âJust because communism is deadâŠâ Interview with Gudrun Gut (GUT UND IRMLER)
_Gudrun Gut, a musician, DJane and artist born in Celle in 1957, is considered an institution of the Berlin music scene and is fed up of only being asked about her time in the famous German industrial band, EinstĂŒrzende Neubauten. Since the â80s, she has continually reinvented herself, whether that be with her label Monika Enterprise, which celebrates its twentieth anniversary this year, or with her project Gut und Irmler, a cooperation with the organist player from the band Faust, Hans-Joachim Irmler. _
A conversation about women in the music business, political art and her old love for Hannover.
Marvin Dreiwes: Hand on your heart, had you heard of Hannover before the Expo 2000?
Gudrun Gut: Laughs. Actually I DJed at the Expo back then. I originally come from Celle and I used to have a boyfriend who lived in Hannover, so I was here quite a lot. And back in 1980, we played as support to DAF with my band Mania D. But that was the only Hannover gig I played. So Iâm finally back in Hannover.
MD: If you hadnât come with Gut und Irmler, which project would you have liked to come to Theaterformen with?
GG: With the Monika Werkstatt, our latest project. We work with four or five women artists from the Monika/Moabit circle there. We play pieces from our solo repertoire, but work on new ideas together too. Of course, Iâd love to play solo in Hannover, but it hasnât happened yet. Iâm probably too expensive. Laughs.
MD: What was the last play you saw that you really liked?
GG: Oh, something by RenĂ© Pollesch, I think heâs really good. Although I donât go to the theatre that often. A friend of mine works at the VolksbĂŒhne, sheâs always inviting me to shows. Unfortunately, I rarely have time to go. Even though I think itâs so interesting how theatre works as an art form, where so many artists work together so intensely for a certain period of time. And then in the end when all the parts are finished and the set is built, itâs all over. Theatre has something unbelievably fleeting about it.
MD: Have you ever found what you were looking for as an artist?
GG: Now and again. Theyâre the pieces that I still think are good today. Like Garten. I think the lyrics are great and when I wrote it I already knew that it fit perfectly, that Iâd found the right twist.
MD: How important is it for you to switch between solo projects and collaborations?
GG: Itâs very important for me. I donât want to say that solo projects are egomaniacal, but they are very demanding on you. In collaborations, you get feedback, more happens. You keep getting pushed and you get inspiration. Thatâs how it was with Joachim Irmler too. The way I work is that I tend to tinker away quite a long time at pieces and really try to finish them properly. Unlike me, Joachim is very much a free improviser.
MD: The title of your next album is supposed to be â10 Prozentâ (ten percent) or â90 Prozentâ (ninety percent). This is a reference to the fact that ten percent of the worldâs population owns 90 percent of global wealth. How did you come up with the title?
GG: Just because communism is dead, it doesnât mean we just have to accept inequality, so I wrote some lyrics for a track. Originally, many of the songs on the album were purely instrumental. But then I thought, âItâs enough.â
MD: Even though you donât like to describe yourself as a political artist.
GG: I think that political art, especially in the music scene, is a bit overdone. It can quickly go in the direction of singer-songwriters, where the lyrics are all bleeding-heart idealism and say: âYou have to go out onto the streets now.â Of course, with good lyrics you can deliver a political message, but music has so much more to offer. It can inspire the public to think differently or just give them a kind of energy. It has an emotional strength that almost no other art form has.
MD: What do you think of the situation for women in the music industry today?
GG: At the moment, the quota of women in the music industry is around ten percent. Thatâs a level of inequality I canât accept.
MD: Youâve fought against this terrible situation again and again. Do you feel like your efforts have made any difference?
GG: Well, Iâm not the only who feels this is wrong. When theyâre young, lots of women artists in the music scene still think everythingâs fine. Then they realise that nothing is actually fine. If you look at the line-ups of festivals, you only see men. Itâs gotten a bit better by now, because thereâs a lot more pressure. _Transmediale _festival, for example, introduced a 50 percent quota last year. That made a big difference, there was suddenly a different feeling â with the public too.
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Text/Interview: Marvin Dreiwes Foto: Kamaldeep Ăbersetzung: Bochert Translations (Anna Galt)