Was geht mich das an? (zur Diskussion âWas geht das Braunschweig an?â am 9.6.2018) | Ein SelbstgesprĂ€ch
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Feststellung: Unsere Gegenwart ist geprĂ€gt von kolonialen KontinuitĂ€ten, also den Nachwirkungen der kolonialen Ideologie, des kolonialen Systems und der kolonialen Praxis, die sich historisch entwickelt haben, zusammenwirken â und zwar bis in die Gegenwart hinein.
Und was geht das Braunschweig an? Was geht mich das an? Â Â Â
Der Kolonialismus, so zeigt Joshua Kwesi Aikins an vielen Beispielen, beeinflusst noch immer unseren unmittelbaren Alltag. Er nennt es die »Echos des Kolonialismus«. Ein schöne, eine zu schöne Formulierung fĂŒr das, was dahintersteht. Oftmals versuchen wir, diese verblassenden und verzerrten Echos zu ignorieren. Doch ihr Nachhall ist real. Und wir mĂŒssen ĂŒber ihn sprechen.
Ich werde nie wieder unbedarft in den Edeka um die Ecke gehen. »Edeka« (E. d. K.), das heiĂt Einkaufsgenossenschaft der KolonialwarenhĂ€ndler. Ich werde noch mehr als eh schon auf die Massen- und Ăberproduktion von Nahrungsmitteln aufmerksam machen. Denn das damit verbundene Wegwerfen (tĂ€glich tonnenweise Brot beispielsweise) zieht marktwirtschaftlich noch viel weitere Kreise: Als in GroĂbritannien die BSE-Krise ausbrach, gab es plötzlich eine Dosen-Cornbief-Schwemme in Ghana. Es war jenes Fleisch, das infolge gesundheitlicher Bedenken in GroĂbritannien und Europa vom Markt genommen wurde. Es sind nur zwei von unzĂ€hligen Beispielen, die belegen: Der Kolonialismus ist nach wie vor Teil von Deutschland, Braunschweig und unser aller Leben.
Feststellung: Rassismus ist eine strukturelle Diskriminierungspraktik, bei der ein beliebiges Merkmal, wie beispielsweise Rasse, Genetik, Religion, etc., benutzt wird, um Menschen zu vergruppen. Subjektive IdentitÀten werden ignoriert, um eine kollektive Minderheit zu erzeugen.
Und was geht das Braunschweig an? Was geht mich das an? Â Â Â
Ich habe Möglichkeiten die ZustĂ€nde zu Ă€ndern. Ich bin kein passives Wesen. Ich kann Widerspruch einlegen und eingefahrene Haltungen, Meinungen und Positionen dekonstruieren, indem ich in Diskussion und auf Konfrontation gehe. Beispielsweise ist die Einteilung der Menschen in Rassen ĂŒberholt. EuropĂ€er, Afrikaner, Asiaten, Latinos â alles eigene Rassen? Veraltet! Neueste GenomentschlĂŒsselungen zeigen, dass es keine menschlichen Rassen auĂer der Rasse Mensch gibt. Zwei Menschen zweier vermeintlich unterschiedlichen »Rassen« können genetisch mehr gemeinsam haben als zwei Menschen derselben »Rasse«. Ich kann an meiner eigenen Position zur deutschen Geschichte arbeiten: Erinnern ja, denn vergessen ist keine Option.
Die ĂŒbliche Erinnerungspraxis aber zementiert Sichtweisen, vermeintliche Fakten und allgemein Geschichte. Umso mehr ist es daher notwendig, aus einer sinnvollen, reflektierten Perspektive heraus neu zu erinnern, die Erinnerungspraxis selbst zu Ă€ndern und damit neue Betrachtungsweisen zu eröffnen. Der Blick auf Geschichte und Gegenwart, der sich daraus ergibt, wird ein gĂ€nzlich neuer sein. Ich habe die Möglichkeit meine Sprache zu Ă€ndern: »Versklavte« statt »Sklaverei«, »Menschenhandel« statt »Sklavenhandel« zu sagen und damit Begriffe zu verwenden, die zeigen, dass es aktive VorgĂ€nge waren, die von Menschen (EuropĂ€ern) durchgefĂŒhrt wurden; die zeigen, dass es Menschen, Personen, Individuen wie du und ich waren, die wie Objekte behandelt, bewertet und verkauft wurden, ĂŒber die verfĂŒgt wurde als hĂ€tten sie kein Recht auf Selbstbestimmung.
Noch eine sprachliche Falle, die ich vermeiden kann: Ich spreche kĂŒnftig von »Neokolonialismus« statt von Postkolonialismus. Das lateinische PrĂ€fix »post« in Postkolonialismus verleitet zu der falschen Annahme, der Kolonialismus sei ĂŒberwunden. »Neokolonialismus« hingegen zeigt sprachlich viel mehr die Echos, Nachwirkungen und Transformationen kolonialer Ideologien und Praktiken, die bis ins Hier und Jetzt reichen. Denn die Spuren des Kolonialismus im Jetzt sind der Neue Kolonialismus.
Feststellung: Unsere Erinnerungskultur erhĂ€lt und konserviert, worauf unsere Vorfahren stolz waren; wir erinnern, worauf wir stolz sind. Doch die Erinnerungskultur ist regelmĂ€Ăig einer Revision zu unterziehen. Sie steht nicht auĂerhalb der Geschichte und wahrt sie aus einer neutralen Position, sondern sie macht Geschichte. Warum haben wir nach wie vor DenkmĂ€ler, materialisierte Erinnerung, fĂŒr die Nazi-Zeit, den 30-jĂ€hrigen Krieg, die Kolonialzeit?
Und was geht das Braunschweig an? Was geht mich das an?
Die Erinnerungspraktiken und Aufarbeitungsversuche, mit denen wir die NS-Zeit zu bewĂ€ltigen gedenken, haben die Kolonialschuld Deutschlands in Geschichtsunterricht und kollektivem GedĂ€chtnis verdrĂ€ngt. Man muss die Augen schon sehr bewusst öffnen, um die Spuren, die noch auf die Deutschen in Afrika hinweisen, in unserem alltĂ€glichen Umfeld zu finden und (aus-)lesen zu können. Doch sie sind noch da, diese Spuren, die auch im 21. Jahrhundert noch â beispielsweise in StraĂennamen â sogenannte âErobererâ, âEntdeckerâ, also Kolonialherren ehren. Derartige StraĂennamen, beispielsweise, umzubenennen, wĂŒrde nicht bedeuten Erinnerung oder gar Geschichte dem Vergessen preiszugeben. Es wĂŒrde vielmehr die Huldigung tilgen und die Geschehnisse wĂŒrden dort konserviert, wo sie adĂ€quat diskutiert und reflektiert werden: in GeschichtsbĂŒchern. Aber wer könnte das veranlassen? Ich? Du? Wir BĂŒrgerinnen und BĂŒrger, von unten? Oder muss es eine Entscheidung von oben, aus der Politik sein? Macht es einen Unterschied, ob dieser neue Weg von WeiĂen oder von Schwarzen, TĂ€tern oder Opfern geebnet wird?
Feststellung: Hochkultur und Leitkultur sind ĂŒber die Jahrhunderte unreflektiert mitgeschleppte Begriffe. Zwar wurden sie aus theoretischer Perspektive in Frage gestellt,Â ĂŒbersehen wurde dabei allerdings eine ganz andere Dimension: Auf welchen materiellen Grundlagen ruht eigentlich die sogenannte europĂ€ische Hochkultur?
Und was geht das Braunschweig an? Was geht mich das an?
Das Geld, das auf den Erhalt einer weiĂen (und wie ich denke, fragwĂŒrdigen, ĂŒberholten) Hochkultur verwendet wurde und wird, wurde zu Lasten Schwarzer Menschen erwirtschaftet. Heutzutage wĂŒrde man sagen: Dieses Geld ist nicht sauber. Johann Wolfgang von Goethe beispielsweise bezahlte seine berĂŒhmte, wie auch kostspielige Italienreise â eine separate Kutsche nur fĂŒr den Koch lieĂ er sich nicht nehmen â nicht aus eigener Tasche. Sein Ruf als einflussreicher, berĂŒhmter und geehrter Schriftsteller bescherte ihm ein groĂzĂŒgiges Sponsoring des Bankhauses Bethmann (Frankfurt/Main). Woher kam deren Geld? Das Bankhaus war erfolgreich im Menschenhandel tĂ€tig. Und das, was dank Goethe daraus hervorging, halten wir bis heute hoch â als weiĂe, deutsche Leitkultur.
Bis heute finden sich Ă€hnliche FĂ€lle, bei denen Unternehmen durch ihr rĂŒcksichtloses Agieren â gerade im Finanzsektor â ihr Geld mit Blut erwirtschaften. Sie privatisieren Gewinne und sozialisieren Verluste. Sind vor diesem Hintergrund Stiftungen und MĂ€zenatentum groĂer Konzerne nichts anderes als heuchlerische Versuche, das eigene Gewissen im Namen kultureller und humanistischer Werte reinzuwaschen? Zu lange her? Zu viele Ecken? Schuld lĂ€sst sich nicht abwaschen, nur weil sie durch mehrere HĂ€nde gegangen ist.
Feststellung: Kulturelle Herkunft und biologische wie auch sozial-historische Abstammung werden benutzt, um Gemeinschaft zu generieren: einen gemeinsamen Staat, eine kollektive IdentitÀt und damit verbunden die StÀrke einer Gruppe.
Und was geht das Braunschweig an? Was geht mich das an?
Wenn ich so darĂŒber nachdenke, stelle ich fest: Ja, IdentitĂ€t ist GegenĂŒberstellung â wir, die Gruppe, die Einheimischen, die VerbĂŒndeten vs. ihr, die Anderen, die Fremden. Dabei fĂ€llt mir dieser durchaus abgegriffene und doch wahre Spruch ein: »Fremd ist der Fremde nur in der Fremde«. Dann beginnen Schlagwörter in meinem Kopf aufzuploppen: Kolonialherren, Versklavte, Abgrenzung, Ausgrenzung, IdentitĂ€t, IndividualitĂ€t ⊠ich gerate ins Stocken. Warum wird IndividualitĂ€t als Abgrenzung benutzt? Warum steht IdentitĂ€t im Zusammenhang mit Ausgrenzung? Warum funktionieren Puzzle-Spiele, wo sich einzelne, individuelle Teile klar voneinander abgrenzen und dabei doch in einer Gruppe sich perfekt ergĂ€nzen und gemeinsam etwas GröĂeres sind? Wie könnte man dieses Prinzip erfolgreich auf Menschen und Menschengruppen ĂŒbertragen?
âWhat does this have to do with Braunschweig?â (discussion on 9th June) | A conversation with myself
Statement: Our present is marked by colonial continuities, so the after-effects of colonial ideologies, the colonial system and colonial practices, which developed historically, working together â lasting until the present day.
And what does that have to do with Braunschweig? What does that have to do with me?â
Colonialism, as Joshua Kwesi Aikins demonstrates with many examples, still influences our immediate, everyday life. He calls it the âechoes of colonialismâ. A lovely, much too lovely phrase for what it stands for. We often try to ignore these fading and distorted echoes. Yet their reverberation is real. And we have to talk about it.
I will never again be able to obliviously go shopping in the Edeka around the corner. âEdekaâ (E.D.K.) stands for Einkaufsgenossenschaft der KolonialwarenhĂ€ndler in German, or Colonial Goods Merchants Shopping Cooperative. I will draw attention to the mass and surplus production of food more than ever. Because the amount of waste associated with that (tonnes of bread every day for example) is economically linked to much wider circles: when the BSE crisis broke out in the UK, there was suddenly a glut of tinned corned beef in Ghana. It was the same meat that had been taken off the market in the UK and Europe because of health concerns. These are just two of countless examples that prove: colonialism is still a part of Germany, Braunschweig and all of our lives.
Statement: Racism is a structural practice of discrimination, in which a random trait, such as race, genetics, religion, etc. is used to categorise people into groups. Subjective identities are ignored to create collective minorities.
And what does that have to do with Braunschweig? What does that have to do with me?
I have the opportunity to change conditions. I am not a passive being. I can object to things and deconstruct fixed attitudes, opinions and positions, by entering into discussions and confrontations. For example, the division of people into races is out of date. Europeans, Africans, Asians, Latinos â all their own races? Out of date! The latest genome decoding tests show that there are no human races apart from the human race. Two people from two apparently different âracesâ can have more in common than two people of the same âraceâ. I can work on my own position regarding German history: remembering yes, because forgetting is not an option.
The standard practice of remembering cements views, alleged facts and general history. Thatâs why itâs even more necessary to re-remember from a logical, critically reflective perspective, to change the practice of remembering itself and thereby open up new ways of looking at things. The view of history and the present that is produced from that will be a completely new one. I have the possibility to change my language: to say âthe enslavedâ instead of âslaveryâ, âhuman tradeâ instead of âslave tradeâ, thereby using terms that show these were active processes that were carried out by people (Europeans); which show that it was humans, people, individuals like you and me who were treated like objects, calculated and sold, who were ruled as if they had no right to self-determination. One more linguistic trap I can avoid: from now on I will talk about âneo-colonialismâ not âpostcolonialismâ. The Latin prefix âpostâ in postcolonialism gives the false impression that colonialism is over. In contrast, âneo-colonialismâ far better linguistically reveals the echoes, after-effects and transformations of colonial ideologies and practices that still influence us in the here and now. Because the traces of colonialism today are the new colonialism.
Statement: Our remembrance culture maintains and conserves that which our forefathers were proud of. But remembrance culture must be regularly revised. It doesnât exist outside of history and doesnât preserve history from a neutral position, rather it makes history. Why do we still have memorials, materialised memory, for the Nazi time, the Thirty Years War, the colonial period?
And what does that have to do with Braunschweig? What does that have to do with me?â
Practices of remembrance and attempts to work through the past, with which we think we deal with the Nazi period, have resulted in Germanyâs colonial guilt being supressed in history class and in our collective memory. You really have to very consciously open your eyes to be able to find and read the traces that point to the Germans in Africa in our everyday environment. But theyâre still there, these traces, which still honour the so-called âconquerorsâ and âexplorersâ, in other words colonial masters, in the twenty-first century â for example in street names. Renaming street names like that, for example, would not mean allowing memory or even history to be forgotten. Much rather, it would take away this homage and the events could be conserved in places where they can be adequately discussed and critically reflected upon: in history books. But who could initiate this? Me? You? We simple citizens, at a grassroots level? Or would it have to be a decision from the top, from politics? Does it make a difference whether the new way is paved by white people or black people, by the perpetrators or the victims?
Statement: High culture and dominant culture are terms weâve dragged along without thinking about them for centuries. Although they have been questioned from a theoretical perspective, a whole other dimension was overlooked: what material foundation does so-called European dominant culture actually rest upon?
And what does that have to do with Braunschweig? What does that have to do with me?
The money that went into and goes into to maintaining a white (and in my opinion questionable, out of date) high culture was obtained at the expense of black people. Today we would say: this is dirty money. Johann Wolfgang von Goethe for example, did not pay for his famous and rather expensive Italian journey â he would not compromise on a separate coach just for the cook â out of his own pocket. His reputation as an influential, famous and respected writer won him generous sponsorship from the Bethmann Bank (Frankfurt am Main). Where did the money come from? The bank was doing very well in the slave trade. And what came out of that, thanks to Goethe, we still revere today â as white, German dominant culture.
You can still find similar cases today, in which companies make their money from blood through their ruthless actions â especially in the financial sector. They privatise profits and socialise losses. Against this background, arenât the big corporationsâ foundations and patronage nothing but the hypocritical attempt to wash clean their own consciences in the name of cultural and humanist values? Too long ago? To complicated? Guilt cannot be washed off just because it has gone through many hands.
Statement: Cultural background as well as biological and social-historical ancestry are used to create communities: a shared state, a collective identity and consequently the strength of a group.
And what does that have to do with Braunschweig? What does that have to do with me?
When I think about it, I realise: yes, identity is generated from opposition â we, the group, the locals, the allied, versus you, the others the foreigners. And then this pretty worn-out yet true saying springs to mind: âA foreigner is only foreign in a foreign placeâ. Then buzzwords start to pop into my head: colonial masters, the enslaved, boundaries, exclusion, identity, individuality⊠I falter. Why is individuality used to create boundaries? Why is identity connected to exclusion? Why do puzzles work, where single individual pieces are clearly defined from each other and yet all work together perfectly in a group and in sum are something larger? How could we transfer this principle successfully to people and groups of people?
Text: Jacqueline Moschkau
Translation: Anna Galt (Bochert Translations)










