Ăber die Wiederkehr des Antiimperalismus im Postkolonialismus
Agitprop mit akademischem Antlitz
Wie der Antiimperialismus im Gewand des Postkolonialismus wiederkehrt.
Von
Marcel Matthies
Auf das Erschrecken ĂŒber die BruÂtalitĂ€t des antisemitischen Massenmords folgt das Erschrecken ĂŒber den weltweiten Umgang damit. Der ĂŒberwiegende Anteil der antiisraeÂlischen Mobs auf den StraĂen europĂ€ischer und nordamerikanischer GroĂstĂ€dte scheint sich lĂ€ngst von der politischen Wirklichkeit emanzipiert zu haben und fĂŒr Erfahrungen nicht mehr empfĂ€nglich zu sein. Erkennbar ist das daran, dass der kollektive Mordrausch der Hamas bei den UnterstĂŒtzern der palĂ€stinensischen Sache paradoxerweise keine Distanzierung von den Jihadisten bewirkt hat; vielmehr scheint es so, dass die Zusammenrottungen auf den StraĂen den Kampf der Hamas gegen Israel legitimieren, wenn nicht gar feiern.
Der notorische Hinweis darauf, dass nicht jede Kritik an Israel antisemitisch sei, vernebelt dabei nur die Tatsache, dass sich der Antisemitismus global betrachtet heute vor allem in Form von Israelkritik zeigt. Kennzeichnend fĂŒr eine ĂŒbersteigerte Feindseligkeit gegenĂŒber Israel sind die Entkoppelung der BodenÂoffensive der IDF vom kriegsauslösenden Ereignis am 7. Oktober, die Androhung genozidaler Gewalt (»Tod, Tod Israel«) und die reflexionsfreie Projektion alles Bösen auf den Judenstaat (»Völkermörder«, »Kindermörder«). In der Phantasmagorie, Israel verĂŒbe einen Genozid an den PalĂ€stinensern, verschafft sich eine gegen Juden gerichtete genozidale Gewaltphantasie Geltung. Israel als BrĂŒckenkopf eines vom »Westen« gesteuerten kolonial-rassistischen Imperialismus darzustellen, ist das Anliegen derjenigen, die nicht darĂŒber reden wollen, dass die Hamas die Schuld an der Eskalation trĂ€gt. Denn den meisten Feinden des Judenstaats ist nicht an einer Kritik der israelischen Politik gelegen, sondern daran, Israel als jenen Staat, der jĂŒdische SouverĂ€ÂnitĂ€t garantiert, fĂŒr illegitim zu erklĂ€ren. Ziel ist die Auslöschung des Staates Israel.
Von alarmierender AktualitĂ€t ist daher Jean AmĂ©rys Bestandsaufnahme aus dem Jahr 1976, weil er darin die VariabilitĂ€t der Erscheinungsformen ewig gleicher Ressentiments kenntlich macht: »Der Antisemit will (âŠ) im Juden das radikal Böse sehen: und da ist ihm ein im fĂŒrstlichen Dienste stehender Zinswucherer als HaĂobjekt ebenso recht wie ein Âisraelischer General. Dem Antisemiten ist der Jude ein Wegwurf, wie immer er es anstelle: Ist er, gezwungenermaĂen, Handelsmann, wird er zum Blutsauger. Ist er Intellektueller, dann steht er als diabolischer ZerÂsetzer der bestehenden Weltordnung da. Als Bauer ist er Kolonialist, als Soldat grausamer Oppressor. Zeigt er sich zur Assimilation (âŠ) bereit, ist er dem Antisemiten ein ehrvergessener Eindringling; verlangt es ihn nach Âjener (âŠ) âșnationalen IdentitĂ€tâč, nennt man ihn einen Rassisten.«
Die Islamisten machen keinen Hehl daraus, dass die Auslöschung des jĂŒdischen Staates, an dessen Stelle das Kalifat entstehen soll, nur der Anfang ist und andere westliche Demokratien folgen mĂŒssten. Als gar nicht mal heimlicher VerbĂŒndeter des islamistischen Mobs muss Putin gelten.
Dabei machen die Islamisten keinen Hehl daraus, dass die Auslöschung des jĂŒdischen Staates, an dessen Stelle das Kalifat entstehen soll, nur der Anfang ist und andere westliche Demokratien folgen mĂŒssten. Als gar nicht mal heimlicher VerbĂŒndeter des islamistischen Mobs muss Putin gelten. Nicht zuletzt zeichnet sich vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine das DrĂ€ngen einer antiwestlichen Strömung auf eine weltpolitische Neuordnung ab. Was die Semantik postkolonialer Theorie und russlĂ€ndischer Doktrin eint, ist ihre obsesÂsive Feindschaft gegen »den Westen« und alles, was mit diesem assoziiert wird. Es ist durchaus folgerichtig, dass der Putinismus ĂŒber eine erstaunlich Ă€hnliche Weltanschauung verfĂŒgt wie diejenigen, die im Namen des sogenannten Globalen SĂŒdens gegen alles »Westliche« kĂ€mpfen. Was beide Sichtweisen verbindet, ist eine nahezu identische Deutung des Zweiten Weltkriegs und deren Ăbertragung auf das historisch-politische VerstĂ€ndnis der Gegenwart.
Dieses Geschichtsbild ist dadurch gekennzeichnet, dass die Sicht auf den Nationalsozialismus sowohl im Putinismus als auch im PostkoloÂnialismus bis heute primĂ€r durch ein kolonial-imperiales Paradigma bestimmt wird, das dem »Westen« genuin entsprungen sei und â als habe es nie eine Dekolonisierung gegeben â bis in die Gegenwart fortwirke. Dies geht mit der Ăberzeugung einher, der Westen sei sui generis kolonialistisch, rassistisch und imperialistisch. Hinzu kommt, dass der Putinismus und der Postkolonialismus insofern programmatische Ăberschneidungen aufweisen, als sie sich beide in einem Zustand quĂ€lender AmbiguitĂ€t im VerhĂ€ltnis zum Westen beÂfinden: Die AmbiguitĂ€t leitet sich aus einem starken KrĂ€nkungsgefĂŒhl her, das dadurch ausgelöst wird, dem Westen (insbesondere den USA) ökonomisch unterlegen zu sein, gleichzeitig aber moralische Ăberlegenheit ĂŒber den Westen zu beanspruchen.
Mit als Theorie bemĂ€nteltem Agitprop wird indessen das verstaubte Weltbild des Antiimperialismus durch Ideologeme des Postkolonialismus restauriert. Der Zwergstaat Israel ist dabei zu der vielleicht wirkmĂ€chtigsten ProjektionsflĂ€che fĂŒr AnhĂ€nger dieses bipolaren Weltbilds geworden, ermöglicht es doch, Gewalt zu legitimieren und Israel einen ÂKolonialcharakter anzudichten. Dieser mache den Zionismus wiederum wesensgleich mit dem Nationalsozialismus. So wird Israel zum »Kristallisationspunkt eines neuen Antisemitismus, der sich gleichwohl teils als antirassistisch und antiÂkolonialistisch versteht«, so der österreichische Schriftsteller Doron RaÂbinovici.
Was die Semantik postkolonialer Theorie und russlÀndischer Doktrin eint, ist ihre obsessive Feindschaft gegen »den Westen« und alles, was mit diesem assoziiert wird.
Gewiss gab es seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine ÂKolonisierung auf einem bestimmten Gebiet im Osmanischen Reich, das damals dĂŒnn besiedelt war und ĂŒberwiegend von Zionisten PalĂ€stina genannt wurde. Jedoch hat deren Kolonisierung nichts mit dem heutigen VerstĂ€ndnis von Kolonialismus gemeinsam: Die ersten Zionisten besetzten nicht etwa das Land, sondern erwarben es kĂ€uflich auf legale Weise. Sie knechteten nicht die einheimische Bevölkerung dieser Region. Sie wanderten nicht ein, weil sie von einem Mutterland dazu aufgefordert wurden, sondern beabsichtigten lange vor der Shoah die NeugrĂŒndung einer nationalen Schutz- und HeimstĂ€tte. Sie handelten nicht aus wirtschaftlichen Interessen, sondern reagierten auf die Pogrome im Zarenreich und das Scheitern der Emanzipationsversprechen in Mittel- und Westeuropa. Das Hauptmerkmal des Kolonialismus, das der Historikerin Franziska Krah zufolge im Ziel der Ausbeutung an Ort und Stelle besteht, fehlt dem Zionismus.
Solcher Unterscheidungen unterschlagen die AnhĂ€nger des Postkolonialismus. Edward Saids an ManiÂfeste erinnernde Schriften deuten den Zionismus zum Kolonialismus um: »Was auch immer der Zionismus fĂŒr die Juden getan haben mag, er betrachtete PalĂ€stina im Wesentlichen wie die europĂ€ischen Imperialisten, als ein leeres Gebiet, das paradoxerweise mit unedlen oder vielleicht Âsogar entbehrlichen Einheimischen âșgefĂŒlltâč war; (âŠ) darĂŒber hinaus Âakzeptierte der Zionismus bei der Formulierung des Konzepts einer ÂjĂŒdischen Nation, die ihr eigenes Territorium âșzurĂŒckerobertâč, nicht nur die allgemeinen Rassenkonzepte der europĂ€ischen Kultur, sondern stĂŒtzte sich auch auf die Tatsache, dass PalĂ€stina tatsĂ€chlich nicht von einem fortgeschrittenen, sondern von einem rĂŒckstĂ€ndigen Volk bevölkert war, ĂŒber das es herrschen sollte«, schreibt Said in »The Question of Palestine« 1979.
Eine Ă€hnliche Schablone bemĂŒht Putin, wenn er, wie am 13. Oktober geschehen, die israelische MilitĂ€raktion in Gaza mit der von der Wehrmacht verĂŒbten Leningrader Blockade vergleicht. Putins ĂŒbergeordnetes Ziel, die Zerschlagung der Ukraine, will er bekanntlich als »Entnazifizierung« verstanden wissen, weil »der kollektive Westen«, so Putin am 7. Juli 2022, »einen Genozid an den Menschen im Donbass befeuert und gerechtfertigt hat«. Dazu passt die Aussage seines AuĂenministers Sergej Lawrow, der auf die Frage, wie es eine Nazifizierung der Ukraine geben könne, wenn deren PrĂ€sident doch Jude sei, am 1. Mai 2022 erklĂ€rt hatte: »Ich kann mich irren. Aber Adolf Hitler hatte auch jĂŒdisches Blut. Das heiĂt ĂŒberhaupt nichts. Das weise jĂŒdische Volk sagt, dass die eifrigsten AntiÂsemiten in der Regel Juden sind.« Die Aussage Lawrows ist nicht nur wegen der Anspielung auf die »Protokolle der Weisen von Zion« gravierend, sondern auch, weil er Selenskyj mit ÂHitler vergleicht, weil er Hitler judaisiert und der Meinung ist, dass hinter dem Antisemitismus ĂŒberwiegend Juden stecken. Keine AbsurditĂ€t kann groĂ genug sein, solange sie sich nur gegen Juden richtet.
Marcel Matthies: Ăber die Wiederkehr des Antiimperalismus im Postkolonialismus
















