Auf der Suche nach der verlorenen Zeiterfassung
Wir sind in der Firma umstrukturiert worden und bilden jetzt eine eigene kleinere Einheit hier am Standort. Vorher war es so, dass wir uns an der Stechuhr morgens eingeloggt und abends ausgeloggt haben, mit einer RFID-Karte, die man davorhält und dann piept es. Dann gibt es so eine firmeninterne Website, da kann man sich einloggen und nachschauen, was das Stundenkonto so sagt. Wenn man vergessen hat, sich morgens an der Stechuhr einzuloggen, dann kann man da korrigieren.
Nach der Umstrukturierung hieß es erst mal: “Ja, diese Möglichkeit, das da online einzugeben, die gibt es im Moment noch nicht, das wird nachgerüstet, und das mit der Stechuhr funktioniert auch gerade nicht, also schreibt euch das einfach mal auf, wann ihr gekommen und gegangen seid.” Das war Anfang August. Jetzt haben wir Anfang November.
Ich habe inzwischen erfahren, dass wir wahrscheinlich gar keine Zeitabrechnung mehr bekommen, und zwar aus folgendem Grund: Jeder Standort hat sein eigenes Zeitabrechnungssystem. Das ist zwar alles eine einzige große SAP-Anwendung, aber da gibt es keine Templates für neue Standorte, die man einfach verwenden und in der man dann Einzelheiten spezifisch anpassen könnte, sondern es muss von Grund auf neu programmiert werden für jeden einzelnen Standort, wenn der nicht in ein absolut festgefügtes Raster passt. Dadurch, dass wir abgespalten wurden aus einer anderen Firma, die nur indirekt zur Mutterfirma gehörte, gibt es eben ein paar Betriebsvereinbarungen, die weiterhin gelten und ein paar, die vom neuen Tarifvertrag abgelöst worden sind, Das heißt, es gibt jetzt ein Regelwerk, das nicht hundertprozentig das der großen Firma ist, aber auch nicht mehr dem der kleinen Firma entspricht, und sie können nichts Neues daraus erzeugen, ohne dass sie – und das ist jetzt wortwörtlich – “einige zigtausend Euro dafür bezahlen, das neu programmieren zu lassen”, für unsere zwanzig Leute. Und deshalb wird es wahrscheinlich auch nicht passieren.
Das Überwachungssystem, das darauf schaut, dass man seine Zeiten einträgt, sich an der Stechuhr einloggt und ausloggt und so was, ist inzwischen richtig böse geworden. Das schreibt jetzt einmal im Monat Mails, die waren erst noch recht höflich: “Sehr geehrter Herr Dings, bitte tragen Sie innerhalb von … Ihre Gleitzeitprüfungen ein.” So nach zwei Monaten hat es angefangen, den Ton ein bisschen zu verschärfen: “Wir weisen Sie darauf hin, dass mit gleicher Mail Ihr Vorgesetzter informiert wurde, dass die Prüfungen noch nicht vorgenommen wurden.” Leider – oder zum Glück – hat es keine weiteren Eskalationsstufen, es schreibt also hilflos jeden Monat diese Mails. Wir haben uns schon an die HR-Abteilung gewendet. Die hat gesagt, da passiert nichts weiter. Wir sollen halt weiter aufschreiben. Ich bin gespannt, ob sich das irgendwann noch mal löst.
(Alan Smithee, aufgezeichnet von Kathrin Passig)