Er trat vor den Spiegel, schaute sich tief in die widerspiegelnden, widerborstigen Augen und fragte sich, was er da eigentlich tat. In den Spiegel schauen, schon klar, kommentierte er im Geiste die erste Reaktion des Außen. Nein, er fragte sich, was er da eigentlich tat.
Er hatte dieses Projekt angefangen, um nicht nur selbstzensierte Banalitäten seines Alltags niederzuschreiben, sondern sich selbst in seiner ganzen Gewalt zu entfesseln. Geistig, menschlich, sprachlich. Emotionen in den Sand zu malen, die weggewischt werden würden, aber da waren. Stattdessen erzählte er über ein verkopftes Alter Ego, das keines war. Die Niederschrift des eigenen Erlebten unter dem Deckmantel eines Dritten, statt der Inszenierung eines neuen Selbsts. Natürlich würde sich das Außen nie sicher sein können, was, wie der Wirklichkeit entsprach und ob die gerade geäußersten Zweifel nicht nur Facetten einer Kunstfigur waren. Aber er wusste es. Auch wenn sich niemand sich sein konnte (Nicht einmal er selbst.), dass es weniger Schauspiel war.
Er nippte an seiner Tasse. Dafür, dass es ein anonymes Projekt war, wussten zu viele aus seinem realen Umfeld davon. Sei es, weil er es ihnen offenbart hatte oder sie unablässig nach ihm gesucht hatten. Hinzu kam der unterschwellige Druck der langsam steigenden Followerzahlen, von denen er sich Erwartungen herantragen ließ, die sie womöglich gar nicht hatten. "Eine dieser Paradoxien", dachte er sich. "Man ist interessant, so wie man ist, aber glaubt um das Interesse zu halten müsse man sich ändern, was dazu führt, dass man sich selbst uninteressant macht." Ein Leuchten zog sich durch seine Augen, hatte vermutlich... er schüttelte den Kopf, war sie nicht das Thema.
Erwartungen waren das Grundübel und doch verständlich. Wünschte er sich, man könne Herzen und Followerzahlen ausblenden, und dass er sich selbst die Freiheit nähme freier zu schreiben, ohne, dass man alles in Bezug zu seiner Person setzte.
"Aber vielleicht", und ein großes Schmunzeln zog sich über sein Gesicht, "tut das ohnehin niemand." Und vielleicht waren seine Texte auch nur das Hirngespinst einer Idee und Phantasie. Hatte die Frau, die er liebte, niemals existiert, und war er selbst nur eine Schöpfung eines Menschen, der weder ist, war noch sein wollte.
Er nippte an seiner Tasse. "Ich sollte anfangen in Ich-Form zu schreiben."