Die Mode der Institutionen und ihre parabolischen Betrachter
Aus dem Forschungsprojekt Warburgs Staatstafeln zweigen sich Forschungsprojekte ab. Letter, oder: Objekte die lassen ist eines davon. Mir ist das eine Abzweigung. Der Kardinal und das Scharnier: The Cardinal and the Hinge befasst sich mit einem Buchstaben auf Tafel 79, nämlich einem, der seiner Form nach der kleinste Buchstabe eines Alphabetes sein soll. Homo rhetoricus/ in its brazilian versions ist eine andere Abzweigung, die dem Brasilianischen und dem Rhetorischen an Aby Warburg nachgeht.
Was wissen wir vom Mord? ist ebenfalls ein Projekt, das sich von dem Projekt Warburgs Staatstafeln abzweigt. Dort befasse ich mit dem dem Mord an Giacomo Matteotti sowie mit dem, was Aby Warburg davon weiß und zu wissen gibt. Die Beschäftigung mit Yan Thomas ist noch nicht so weit, zu einem Projekt kondensiert zu sein, aber wenn das der Fall sein sollte, würde ich das auch so konzipieren, dass es in einem Verhältnis zu dem Projekt Warburgs Staatstafeln steht und ich das als Abzweigung begreifen kann.
Warum? Hoffentlich banal gesagt: Die Projekte sollen unterschiedliche Größe besitzen. Warburgs Staatstafeln sollen das große Projekt bleiben, weil es am besten dafür steht, was ich mir unter Bild- und Rechtswissenschaft einerseits sowie einer Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken andererseits vorstelle. Mich lockt, Yan Thomas zu übersetzen und einen Kommentarband zu machen. Was mich lockt, das spaltet meine Haare, muss wohl so sein. Auf jeden Fall könnte die verlockende Spalterei zu einem kleineren Projekt kondensieren. Die Mode der Institutionen: unter diesem Wander- oder Fixstern könnte die Übersetzung ihre Lektüre und ihr Schreiben anwerfen.
Was ist an Yan Thomas en vogue? Was ist in den Texten von Thomas en vogue? Ich wäre an solchen Wogen interessiert, von denen auch die Baseler Archäologie spricht und von solchen Wogen, deren parabolischer Betrachter Aby Warburg war. Mit dem Sinn und den Sinnen für das Unbeständige ausgestattet war er wohl. Das Teilchen Melancholie: findet man es bei Yan Thomas? Was ist das Verhältnis zwischen den Formeln, von denen Yan Thomas schreibt und jenen Formeln, von denen Aby Warburg schreibt und die er mit stummen Routinen an den Tafeln 'tafeln' lässt?
Geschichte der juridischen Kulturtechniken: Dieser Titel ist von dem Forschungsprojekt Mediale Historiographien gestreift worden. Der Titel wurde berührt und durchzogen von dem Projekt. Mediale Historiographie war ein Projekt zu Graphien, das lief, während erst Cornelia Vismann und dann ich den Lehrstuhl für die Geschichte und Theorie der Kulturtechniken vertreten haben. Das Projekt ging Effekten nach, deren Elemente Geschichte und Medien sind. Was ist die Geschichte der Bilder? ist eine Frage nach solchen Effekten, wenn man den Genitiv doppelt liest und dann doppelt sieht, was man tun sollte. Wozu hat der Mensch schließlich zwei Augen? Das ist also die Frage danach, welche Geschichte Bilder haben und wie Bilder Geschichte schreiben, also auch, wie sie historiographisch 'figurieren'. Ein eindrückliches Beispiel dafür, wie man mediale Historiographie angehen kann ist Georges Didi-Hubermans Buch Bilder trotz allem (dt. 2007). In das Projekt informell involviert: von ihm bloß gestreift worden, so war es wohl (et in weimar ego), bloß gestreift und doch wird eine Tracht daraus. Anzug oder Schlafanzug? Hauptsache Kulturtechnik und kein Tag und Nacht ohne Linien.
Thomas befasst sich mit Sprache und Schreiben, das heißt nicht, dass er sich nicht mit Bildern befasst. Wie er sich mit Bildern befasst, das ist eine konkrete Frage, die ich habe - und so lese ich die Texte von ihm. Womit er sich in den Texten, die ich von ihn kenne, nicht befasst, das ist ein Material, das ich als Material einer unteren Schicht römischen Rechts begreife und deren 'wichtigste Quellen' im Kontext von Warburgs Staatstafeln die Notitia Dignitatum und der Kalender des Filocalus oder Kalender von 354 sind. Die Formulierung, dass es sich dabei um das Material einer unteren Schicht des römischen Rechts handelt, geht mit dem doppelten Genitiv nicht so leicht runter wie die Formel Geschichte des römischen Recht oder die Formel Geschichte der Bilder. Kann sein, dass diese Formulierung nicht so leicht runter geht, weil sie nicht so ölig ist. Es gibt eine Reihe von Positionen, die die den Genitiv nicht akzeptieren würden. Die sagen, das sei kein römisches Recht. Das gehöre im eigentlichen Sinne nicht zum römischen Recht. Die Zugehörigkeit sei ein Wechsel und eine Verwechslung, beliebig austauschbar und damit nichtssagend. Und als wäre das nicht schon genug Beschäftigungsprogramm ist es auch noch so, dass die Positionen zu schwanken scheinen. Sie schwanken nicht nur, wenn man sie als Position monumentaler Subjekte begreift, also sagt, es sei die Position der Juristen, der Römer, des Westens oder der herrschenden Juristen. Diese Positionen schwanken auch, wenn man einen einzelnen Juristen aus der Gruppe heraustrennt und isoliert betrachtet so weit es geht. Es kann sein, dass der einzelne Jurist einmal römisches Recht definiert und der Kalender oder die Akte sich nicht subsumieren lässt. Aber an anderer Stelle schreibt er etwas zum römischen Recht, wo es ginge. Mit solchen Dingen schlage ich mich rum und die Zeit tot. Schritt für Schritt.
Was ist eine Formel im Schreiben von Yan Thomas? Ich frage nicht nach seiner Meinung, denn meine Methode ist keine juristische Methode. Das heißt, daß ich ihn nicht als das stabile Subjekt behandele das beständig für eine Meinung einsteht und insoweit Stellvertreter eines Dogmas ist. Kulturtechnik im Sinne von Cornelia Vismann meint, das man nicht Sätze produziert, die so lauten, wie der erste Halbsatz dieses Satzes. Hä? Ich lese Cornelia Vismann nicht als eine Autorin mit einer stabilen Meinung, und meine These lautet, dass sie andere auch nicht so gelesen hat. Dekonstruktion zu verstehen, indem man sagt, was Derrida gesagt hat, das geht sicher. Aber der Witz bei allen Witzigen ist, dass sie einen Sinn für etwas haben - und bei Derrida war das der Sinn für den Alltag des Schreibens und Sprechens. Man muss das Recht nicht dekonstruieren, das erledigt das Recht schon. Man muss das Recht nicht systematisieren, das erledigt das Recht schon. Man muss nicht Luhmann zitieren, um Systeme zu theoretisieren oder Theorie zu systematisieren. Man kann das alles tun, hat auch Vorteile, aber auch Nachteile. Literatur zur Dekonstruktion kann äußerst konstruktiv sein, Derrida kann eine Autorität sein. Foucault kann ein Panoptikum sein. Es wird Vor- und Nachteile haben. Der Würfel ist geworfen worden, und nicht nur das. Er ist noch im Wurf. Ich habe eine Entscheidung in Bezug auf eine Methode getroffen, ausgerechnet aber mich für eine Methode entschieden, die den Hinweis, das man hinter bestimmte Positionen nicht zürück könne, für eine Floskel oder Formel hält. Man kann nicht hinter Kant zurück? Doch, das geht, die Leute tun es doch. Die Entscheidung ist gefallen, Yan Thomas nicht mit der juristischen Methode zu behandeln, die ihn zum Subjekt mit stabiler Meinung oder aber zu einem Autor macht, dessen Meinung sich in Form einer Biographie entwickelt hat, deren Schreibweise aus Bewerbungsverfahren an juristischen Fakultäten stammt.
Nicht alle, auch nicht alle die mit juristischen Methoden, behandeln Thomas so, als habe er sein Leben lang eine Meinung zum römischen Recht gehabt. Aber dann entfalten sie eventuell Thomas' Wechseln eventuell nach Mustern einer solchen Biographie. Hoffentlich einfach gesagt: ich will es unbeständiger, durchgehend unbeständig, austauschbar und verwechselbar. Ich will Alltag mitten drin. Was eine Formel im Schreiben von Yan Thomas ist, das ist weiterhin die Frage. Sie soll nicht verkompliziert werden, um sie nicht beantworten zu müssen.
Genug geschrieben, die Pointe kann gezückt werden: Was ist an Thomas' Formeln Pathosformel? Warburg entwirft das Wissen der Pathosformel mit einer Technik, die man vague assoziativ nennen kann. Die Formulierung ist geklaut, nämlich aus Luhmanns Zettelkasten und da aus den Zetteln seiner Lektüre stoischer Philosophie. Luhmann verwendet sie für etwas, was er für unbestimmt, leer, indifferent (in sich homogen) hält und von dem er meint, dass es ihm nicht hilft. Was vague assoziativ ist, hilft ihm nicht, also muss er erst Kybernetik studieren und dann Südamerika und das Leben, vor allem Literatur zur Autopoiesis.
Ich klaue seinen Begriff, weil in diesem Begriff kosmopolitische Ironie aufblitzt, so stark, dass man das Politische daran sogar fahren lassen kann und nicht durch Graphien, das Logische oder das Gesetz rinnen lassen muss, also auch nicht statt dessen von kosmographischer oder kosmologischer Ironie sprechen muss. Da blitzt halt was, und das ist alles. Vague Assoziationen sind in der Ansicht, die ich anlege, nicht unbestimmt, sie sind unbeständig. Sie sind präzise lesbar, schreibar, betrachtbar. Das Schreiben, Lesen und Betrachten ist in ihnen nicht nur im Modus des Möglichen präzise. Vague Assoziationen sind präzise Lektüre, präzise Schreiben, präzise Pläne, Risse, Trachten und Betrachtungen. Die Tafeln von Aby Warburg sind vague Assoziationen und sie sind exakt und pedantisch (muss mit Krajewski genauer, nämlich genau so ekakt und pedantisch während der nächsten Geschichte-und-Theorie-WG in Sils-Maria geklärt werden, Anm. FS). Das ist die Präzision der Meteorologie, der Moden und des Risikos, ungestiller Vulkane und des Nieselregens. Nicht immer. Und es kommt doch vor.