Gemeinsam Frei [Heinrichschwestern]
Triggerwarnung: psychische Gewalt, Mental Health Issues
Pia saß am Fuß der Treppe und war sich nicht sicher, was überwog. Das Gefühl von brennender Wut oder die lähmende Taubheit, die ihre Brust ausfüllte.
Absurd, dass man beides gleichzeitig fühlen konnte. Absurd, dass das ihr Leben war.
Sie bog ihre nackten Zehen. Kalte Füße. Gerade eben hatte sie noch im Bett gelegen.
“Geh wieder ins Bett Pia!”, drang zischend die Stimme ihrer Mutter aus dem dunklen Wohnzimmer. “Ich hab dir gesagt, wir brauchen keine Hilfe. Verschwinde!”
Das würde Pia nicht. Nicht, solange Mara weinte. Nicht, solange ihre Mutter sich nicht beruhigt hatte.
Sie wusste, sie konnte nichts tun. Ihre Mutter ließ sie nicht an Mara heran. Gab nicht das Kind aus den Armen, von dem sie so bedingungslos geliebt wurde. Ganz im Gegensatz zu ihrer ersten Tochter.
Pia konnte nichts tun, doch sie konnte auch nicht einfach zurück in ihr Zimmer. Auch, wenn sie nur machtlos hier sitzen konnte, während Mara in den Armen ihrer Mutter weinte und weinte, konnte sie nicht weg.
Sie wusste nicht, was dieses Mal der Auslöser gewesen war. Ob ihre Mutter zu viel Stress auf der Arbeit gehabt hatte oder ob Mara ihr vielleicht ein Mal zu oft widersprochen hatte.
Sie hatte nur das hysterische Brüllen auf dem Flur gehört und gewusst, dass es wieder so weit war. Ihre Mutter hatte wieder einen ihrer Ausbrüche.
Pia war nicht sofort aus dem Bett gekrochen. Die Leere, die mittlerweile ihr stetiger Begleiter war, machte sie träge. Das Geschrei ihrer Mutter war etwas zu alltägliches, als dass es noch große Reaktion in ihr hätte auslösen können. Auch als Mara zu weinen begann, hatte Pia nicht sofort reagiert. Sie war taub. Schwer. Leer.
“Warum bist du so!?” Die Stimme ihrer Mutter war ein schrilles Kreischen gewesen. “Ich ertrage das nicht! Ich hab dich lieb, Mara. Du weißt gar nicht, wie lieb ich dich habe, aber ich ertrage dich einfach nicht!”
Das war keine Liebe, dachte Pia jetzt mit kalten Füßen und vor Wut zitternden Händen.
Von der Treppe aus konnte sie nur ein Stück weit ins finstere Wohnzimmer blicken. Sie sah eine Ecke der Couch. Sie sah Maras kleine Füße. Sie trug die Prinzessin-Lillifee-Socken, die Pia erst neulich auf ihr vehementes Flehen hin im Supermarkt für sie gekauft hatte.
Sie sah ein Bein ihrer Mutter. Sie wusste, sie hielt Mara im Arm. Ließ sich von ihr trösten.
Ihre Mutter war wutentbrannt die Treppen hinunter gerannt, als sie das Gesicht ihrer älteren Tochter erblickt hatte.
“Schau mich nicht so an, Pia!”, hatte sie gekreischt. “Deine Vorwürfe kannst du dir sonst wo hinstecken!”
Pia hatte kein Wort gesagt. Nicht als ihre Mutter an ihr vorbei gestürzt- und auch nicht als Mara ihr weinend hinterher gerannt war.
“Mama!”, hatte ihre kleine Schwester verzweifelt gerufen. “Mama, ich hab dich lieb. Ich hör jetzt. Ich hör, versprochen!”
Und da war die Wut in Pia aufgestiegen. Weil es unfair war.
Es war unfair, dass Mara ihrer hysterischen Mutter nachjagen musste. Es war unfair, dass es immer und immer wieder an ihren Töchtern hängen blieb, sie zu trösten, sie wieder aufzubauen. Es war nicht fair, dass dieses zu groß geratene Kleinkind sich ihre Mutter nennen durfte.
Pia war sich sicher, dass das, was sie jetzt und hier mit kalten Füßen und rasendem Herzen verspürte, Hass war. Sie hasste diese Frau.
Sie hasste es, ihrer Tyrannei ausgesetzt zu sein. Sie hasste es ertragen und ertragen zu müssen. Sie hasste, dass sie, wie es schien, der einzige Mensch auf dem gesamten Planeten war, der das wahre Gesicht ihrer Mutter erkannte.
Doch am allermeisten hasste Pia, dass sie rein gar nichts tun konnte.
Sie war in jeder Hinsicht abhängig von dieser Frau. Pia musste sich fügen, denn ob es ihr gefiel oder nicht, sie brauchte ihre Mutter.
Sie ging noch zur Schule, sie hatte kaum Geld. Pia konnte nicht einfach abhauen und ihr eigenes Leben anfangen, sie hatte schlicht und einfach nicht die Mittel. Und selbst wenn …
Das erschöpfte Weinen ihrer Schwester drang leise auf den Flur hinaus.
Pia beugte sich nach vorn und stützte die Stirn in ihre Hände. Schon so oft hatte sie sich vorgestellt, einfach davonzulaufen. Ihrer Mutter alles ins Gesicht zu schreien, was sie Tag für Tag in sich hinein fraß und dann fest die Haustür hinter sich zu schmeißen. Weg, weit weg zu laufen und endlich frei zu sein.
Doch stattdessen saß sie stumm am Fuß der Treppe und lauschte dem müden Schluchzen ihrer Schwester und schluckte ihre Wut wieder und wieder und wieder hinunter. Mara zuliebe.
Das Haus, in dem sie lebte, war ein Gefängnis und ihre Mutter der Wärter. Sie musste Pia nicht einmal einschließen. Sie wusste ja, dass sie niemals fliehen würde, sich nicht auflehnen würde. Nicht, solange sie Mara unter ihrer Fuchtel hatte.
Pia war eine Gefangene. Und Mara war es auch. Sie war nur zu jung, um es zu verstehen.
Sie hörte das laute Ticken der Küchenuhr, sie hörte, wie Maras Schluchzen sich in Schluckauf verwandelte und sie wusste, nichts würde sich ändern. Sie steckte fest.
Rascheln vom Wohnzimmer her. Ihre Mutter hatte sich wohl beruhigt. Gleich würden sie und Mara Hand in Hand in den Flur treten und sie würden alle so tun, als wäre nichts gewesen. Mara würde ihre Mutter behandeln, als bestünde sie aus Glas, als könnte ein falsches Wort, ein falscher Ton, sie zum Zerbrechen bringen.
Und Pia würde mitspielen. Mara zuliebe.
Nichts würde sich ändern.
Sie wischte sich über ihre brennenden Augen. Mara sollte sie nicht weinen sehen. Sie sollte sich nicht auch noch um ihre große Schwester sorgen müssen.
Keine fünf Minuten später lag Pia wieder in ihrem Bett. Sie hörte leise den Fernseher im Schlafzimmer ihrer Mutter nebenan. Mara brauchte ihn zum Einschlafen. Sie war schon sechs, aber sie schlief noch immer jede Nacht im Bett ihrer Mutter.
Pia schloss die Augen. Sie waren nass, ihre Wangen kratzig von getrockneten Tränen. Sie fühlte sich jetzt wieder taub. Schwer. Die Leere machte alles erträglich und tat gleichzeitig weh.
Hoffentlich konnte sie bald einschlafen.
Und während sie da lag und auf die Dunkelheit wartete, stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn sie und Mara allein wären. Wie es wäre, zusammen mit ihrer Schwester in einer kleinen, aber gemütlichen Wohnung zu leben. Nur sie beide.
Die Vorstellung war schön und schmerzhaft zugleich. Der Schlaf rückte näher.
Pia hoffte, ihre Schwester würde es irgendwann erkennen. Sie hoffte, sie könnten dann gemeinsam entkommen. Eines Tages würden sie hoffentlich frei sein.
Gemeinsam frei.
Pia kann ja nicht ahnen, dass Mara auch ohne sie aus ihrem Gefängnis ausbricht...
Im letzten Part war Pia ja noch recht resigniert, was die Emitionsaussbrüche ihrer Mutter anging. Ich stell mir das hier so zwei, drei Jahre später vor. Ihre Wut wird irgendwann zu Hass.
Joa, hoffe es ist nicht zu ooc. Aber ist ja auch nur ne Fic, also verzeilich denke ich.
(Ist btw nicht betagelesen. Hoffe die Grammatik passt so einigermaßen...)
Hier meine Sammlung zu den Schwestern:
An Archive of Our Own, a project of the Organization for Transformative Works
✨Credit✨
Divider @saradika-graphics
Bilder von Pinterest



















