Mittwoch, 14. Januar 2026, 08:38
Meine Finger wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen
Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Seminars âHandschrift: Aktivismus fĂŒr Introvertierteâ an der UdK Berlin.
Es klingelt. Der schrille Ton schreit mich wach. Erst einmal kurz, dann ein mittellanges Klingeln mit viel Nachdruck.
Weil ich meinen Mitbewohner, der viel zu hĂ€uïŹg HomeoïŹce in der KĂŒche direkt an der WohnungstĂŒr betreibt, nicht zur Fernsprechanlage laufen höre, weiĂ ich: ich bin allein. Ausgerechnet heute. Eigentlich ist das wunderbar, heute ist mein freier Tag, meine freie Wohnung. Was eine Traumkombination.
Es klingelt nochmal. Dieses Mal scheint es gar nicht mehr aufzuhören. Ich ĂŒberlege es zu ignorieren, weiter zu schlafen.
Hat mein Mitbewohner etwas bestellt, das er dringend braucht? Habe ich etwas bestellt? Hat sich ein Nachbar ausgesperrt und braucht den ErsatzschlĂŒssel? Wie lange wĂŒrde ich jetzt wohl noch schlafen, wenn ich mich wieder umdrehe? Was mache ich heute eigentlich? Sitze ich das jetzt aus?
Wieder schreit mich die Klingel an. Sie klingt fast wehleidig und ich stehe auf. Jetzt habe ich eh so viel im Kopf, dass ich nicht mehr schlafen kann.
Ich drĂŒcke auf den TĂŒröïŹner und höre durch die Anlage, dass die HaustĂŒr aufgeht. Bis hier im 4. OG jemand ankommt, habe ich meist ziemlich genau 87 Sekunden Zeit. Schnell Hose anziehen und Brille suchen.
Noch 10 Sekunden, die schleppenden Schritte aus dem Treppenhaus werden lauter. Brille nicht gefunden. Vor der TĂŒr steht ein Paketbote der mich schnaufend ansieht. Er ist auĂer Atem. Brillenlos muss ich die Augen zusammenkneifen, um den Namen, der auf dem Paket steht, das er mir ins Gesicht hĂ€lt, zu entziffern. Es ist der meines Nachbarn. WĂ€re ich mal liegen geblieben. Der nimmt nĂ€mlich nie Pakete fĂŒr uns an, der Penner.
Paket angenommen. Ca. 40 Centimeter breit, einen halben Meter lang und relativ schwer. Kein Absender. Kein Markensymbol auf dem Karton.
Paket abgestellt. Jetzt drĂŒckt der Paketbote mir schon wieder was ins Gesicht. Er muss erkannt haben, dass ich BrillentrĂ€ger bin, so nah wie er mir mit dem UnterschriftgerĂ€t kommt. Ich weiĂ nicht, ob ich das besonders aufmerksam oder unverschĂ€mt ĂŒbergriffig ïŹnden soll.
»Eine Unterschrift bitte«
»Womit denn?« â Ich sehe keinen Stift am GerĂ€t oder in seiner Hand.
»Einfach hier« sagt er und zeigt auf den lĂ€nglichen Display am Kopf von dem GerĂ€t, das ich fast im Mund habe und fuchtelt mit seinen Fingern ĂŒber dem Bildschirm, als wĂŒrde er eine Unterschrift nachahmen.
Die Anzeige sieht aus wie ein GeigerzÀhler oder wie eine Digitaluhr an einem mittelalten Backofen.
Ich hasse diese Dinger. Das macht doch keinen Sinn. Ich wĂŒrde meine eigene Unterschrift auf diesen Dingern nicht wieder erkennen. Alles nur fĂŒr die Versicherung. Nun steht das Paket aber schon auf meiner TĂŒrschwelle und aufgestanden bin ich auch schon. Und eine Hose habe ich auch an. Hilft ja nichts.
Ich setze zum »Unterschreiben« an und drĂŒcke dabei meinen Daumen ganz merkwĂŒrdig gegen meinen ZeigeïŹnger, als sei es ein Stift. Meine Finger wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Meine Muskeln können sich an keine auch nur im Hauch vergleichbare Situation erinnern.
Das GerĂ€t ist veraltet und reagiert nicht, wie es soll. Meine Unterschrift beginnt ungefĂ€hr einen halben Zentimeter rechts von meinem Finger, sodass ich ĂŒberhaupt nicht sehen kann, was ich da mache. Auch der Display ist viel zu klein fĂŒr meine Unterschrift, sodass mein ZeigeïŹnger zweimal an die obere und einmal an die untere Kante stöĂt, bevor ich frĂŒhzeitig aufhören muss, weil das Display zu kurz fĂŒr meinen langen Nachnamen ist.
Als ich meinen Finger wieder zurĂŒcknehme und ich meine Finger, die sich auch ĂŒberrumpelt fĂŒhlen, endlich aus dieser unnatĂŒrlichen Position befreie, sehe ich mein Werk. Ein verpixeltes Gekritzel, das die Imitation von jeder Unterschrift der Welt sein kann. Darauf nageln die mich im Zweifelsfall fest.
»Danke schön!«
Der Paketbote ist weg, bevor ich etwas sagen kann.
Immerhin. Freier Tag, freie Bude. Kaffee, Zigarette, Tagesschau. Alles auf einmal. Nach meinem FrĂŒhstĂŒck wieder: Was mache ich heute? Zwei Stunden Homeoffice â Gewissen beruhigen.
Langeweile. NĂ€chster Kaffee. WĂ€hrend ich die Bodum befĂŒlle und auf den Wasserkocher warte, fĂ€llt mir das Paket ins Gesicht. Was da wohl drin ist? Ich weiĂ nicht viel ĂŒber den Nachbarn. Er ist selten zuhause. Wenn, dann ist er ruhig, raucht nicht, hat ab und an Damenbesuch, den er vormittags meist noch bis zum Hauseingang begleitet. Er ist ein gepïŹegter, schlanker Mann, ein wenig Ă€lter als ich, sieht sehr attraktiv aus, Dreitagebart, markantes Gesicht und lockiges, dunkles Haar, immer ein freundliches LĂ€cheln drauf. So ein LĂ€cheln, das einen bei so schönen Menschen nerven kann. Die sehen dann noch besser aus, wenn sie lĂ€cheln, und das wissen sie auch und deswegen machen sie es immer und ĂŒberall und das ist dann nicht mehr freundlich gemeint.
Er war seit Wochen nicht zuhause. Bestimmt ein exotischer Urlaub oder ein vakanter Businesstrip. Mehr weiĂ ich nicht. Das Paket spricht bestimmt BĂ€nde. Aber das kann ich nicht machen, Postgeheimnis. Und die haben meine Unterschrift. Auch wenn ich das, was ich da als meine Signatur verkauft habe, im Zweifelsfall auf jeden Fall anfechten kann.
Da reicht ein billiger Anwalt. Dieser Pixelhaufen kann gar nicht als belastbarer Beweis durchgehen â die Justiz ist doch sonst so genau.
Das hatte nichts mit mir zu tun. Darauf erkennt man nicht einmal, wie sonst bei meiner Unterschrift, wenigstens meine Initialen. Und mir fĂ€llt ein: mein Mitbewohner hat genau dasselbe Paketband zuhause und der Nachbar bestellt so viel, da fĂ€llt es ihm vielleicht sogar gar nicht auf, dass ihm ein Paket fehlt. Es kommt vor, dass wir ihm seine Pakete nach Wochen, in denen sie unseren Flur zustellen, bringen, weil er sie nicht auf dem Schirm hat. Und ĂŒberhaupt kann ich es ja einfach wieder verpacken, nachdem ich es geöffnet habe. Und wenn das so ist, dachte ich, kann ich es auch öffnen. Mit dem Cuttermesser aus der KĂŒchenschublade laufe ich Richtung Flur.
Dann klingelt es wieder, dieses Mal nur kurz. Dunkle Flecken im Spalt zwischen TĂŒr und Boden. Da steht jemand vor der TĂŒr. TĂŒrspionrecherche: Es ist der Nachbar. LĂ€chelnd wedelt er mit einem gelb-weiĂ-roten Wisch. Ein Abholschein. Darauf gedruckt: Meine digitale Unterschrift.
(Tim Kemmerling)












